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Sprache: Deutsch
Transcript ID: 34
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Erstellungsdatum: 2025-12-26
Textlänge: 38576 Zeichen
Personen
Themen
- Credit Suisse Krise und Verantwortung
- Schweizer Finanzplatz und Grossbanken
- FDP und liberale Mitteparteien in der Krise
- Direkte Demokratie und Pragmatismus
- Schweiz-EU Beziehungen und bilaterale Verträge
- Unternehmenskultur und Risikomanagement
- Internationalisierung der Schweizer Wirtschaft
Kurzfassung
In dieser Ausgabe von NZZ-Standpunkte diskutiert Erik Guyer mit dem prominenten Schweizer Unternehmer Walter Kielholz über die Credit Suisse Krise, die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz und die politischen Herausforderungen des Landes. Kielholz verteidigt seine Personalentscheidungen während seiner Zeit bei der Credit Suisse und argumentiert, dass die Probleme nicht primär auf Unternehmenskultur zurückzuführen sind. Er kritisiert die ideologische Ausrichtung von rot-grünen Stadträten in Zürich, befürwortet ein robustes Eigenkapital für die UBS und plädiert für eine pragmatischere europapolitische Haltung der Schweiz.
Detaillierte Zusammenfassung
Credit Suisse: Verantwortung und Legacy
Walter Kielholz wird in dem Gespräch direkt mit Vorwürfen konfrontiert, dass er und andere für den Untergang der Credit Suisse verantwortlich seien. Er betont jedoch, dass er sich bewusst zurückhielt, öffentlich zur CS-Krise zu äussern, da ihm seit zwölf Jahren keine verlässlichen Fakten mehr zur Verfügung standen. Kielholz argumentiert, dass Beteiliger zum Schweigen verurteilt sind – aus rechtlichen Gründen – während Unbeteiligte umso lauter sprechen. Bezüglich seiner Personalentscheidungen, insbesondere die Ernennung von Brady Duggan zum CEO, bewertet er diese als erfolgreich. Die damalige Finanzkrise 2008 wurde unter seiner Mitverantwortung „relativ gut oder sogar sehr gut" überstanden. Er weigert sich jedoch, konkrete Fehler bei der CS zu benennen, und verweist darauf, dass jede Führung eine Legacy hinterlässt – sowohl im Guten als auch im Schlechten.
Bankenkrisen und Eigenkapitalfragen
Ein zentrales Thema ist die Frage nach robustem Eigenkapital für Grossbanken. Kielholz erklärt, dass Bankenkrisen letztendlich Liquiditätskrisen sind, die entstehen, wenn die Bilanz nicht mehr refinanziert wird, weil Verdacht auf unzureichendes Eigenkapital besteht. Er unterstützt grundsätzlich die Position von Finanzministerin Karin Keller-Sutter, die UBS zu erhöhtem Eigenkapital zu verpflichten, warnt aber vor zu hohen Anforderungen, die das Geschäftsmodell gefährden könnten. Schweizer Grossbanken haben strukturell ein Problem: ihr Heimmarkt ist klein im Vergleich zu ihrer Grösse, anders als beispielsweise JP Morgan mit einem riesigen amerikanischen Retail-Geschäft. Dies macht die Refinanzierung schwieriger.
Unternehmenskultur vs. Geschäftsmodell
Auf die Frage, ob die „toxische Kultur" der Credit Suisse – orientiert an amerikanischen Investmentbanken mit hohen Boni – zum Niedergang führte, antwortet Kielholz differenziert. Er sieht Kultur nicht in Pauschalisierungen, sondern in der täglichen Umsetzung, Führung und im Risikomanagement. Er hat in der Credit Suisse First Boston viele Profis mit ausgezeichnetem Verständnis ihres Berufs kennengelernt. Das Problem lag eher im Private Banking, wo die Regeln früher in der Schweiz lax waren. Investmentbanking per se sei nicht schlecht – andere Banken betreiben es erfolgreich. Allerdings reduziert die UBS nun ihr Investmentbankgeschäft deutlich, was eine Konsequenz der veränderten Marktstrukturen ist.
Die FDP und das Profil der Mitteparteien
Kielholz analysiert die Schwäche der FDP in der Schweiz. Die Partei verliert regelmässig an Stimmenprozenten, obwohl es potenziell 25 Prozent der Wählerschaft gibt, die „fiskalisch konservativ, aussenpolitisch offen, gesellschaftspolitisch progressiv und wirtschaftspolitisch aktiv" sind. Das Problem liegt seiner Ansicht nach darin, dass liberale Mitteparteien grundsätzlich ein Profil-Problem haben – sie geraten leicht in Flügelkämpfe und können schwer profilierte Positionen einnehmen. Die FDP war zudem gewohnt, Regierungsverantwortung zu tragen, was die Notwendigkeit mit sich brachte, über die Partei hinaus Unterstützung zu finden. Dies habe das Profil der Partei in der modernen Medienlandschaft entschärft und geschadet.
Direkte Demokratie und Zürich
Beim Thema direkte Demokratie und lokale Politik kritisiert Kielholz die rot-grüne Stadtregierung Zürichs für ideologisch verkochte Lösungsansätze, etwa bei der Tempo-30-Initiative. Er argumentiert mit Zahlen: Bei 240'000 Stimmberechtigten in Zürich hätten nur etwa 27'000 SP gewählt – das bedeute, 85 Prozent hätten nicht SP eingelegt. Aus diesem Resultat ein Mandat abzuleiten, die Gesellschaft umzubauen, hält er für „forsch". Gleichzeitig gibt er dem Schweizer Stimmbürger ein hohes Zeugnis – der Pragmatismus zeigt sich besonders bei Abstimmungen, die das Portemonnaie betreffen. Bei der Abstimmung zur Erbschaftssteuerinitiative der Juso kam die bürgerliche Mehrheit hervor, obwohl die Stimmbeteiligung gering war.
Kielholz argumentiert, dass die Schweiz auf kommunaler und kantonaler Ebene konsistent abstimmt, weil die Themen näher an der Haut sind. Auf Bundesebene seien Volksinitiativen ein progressives Instrument für neue Ideen – eine von zehn wird angenommen, die anderen beeinflussen das Parlament. Ein wichtiger Punkt: Die 150'000 Ausländer in Zürich sind vom politischen Prozess ausgeschlossen. Kielholz befürwortet Stimmrechte auf Gemeindeebene und ist überzeugt, dass dies nicht zu einer weiteren Verschiebung nach links führt, sondern möglicherweise das Gegenteil bewirken könnte.
Die Schweizer Firmenkultur und Europa
Auf die Frage, wie er die Schweizer Firmenkultur beschreiben würde, antwortet Kielholz: „Konservativ aufmüpfig". Die Schweiz sei gesellschaftspolitisch, fiskalpolitisch und vor allem aussenpolitisch eher konservativ und vorsichtig. In Bezug auf Europa hält Kielholz das europapolitische Paket für annehmbar. Er war immer gegen die EWR-Ablehnung und unterstützte später den bilateralen Weg pragmatisch, um „den Schaden in Grenzen zu halten". Allerdings kritisiert er, dass die Schweiz durch den „Swiss Finish" übergenau ist und dann die Europäer beschuldigt. Es gebe genug Möglichkeiten, die Regulierungsdichte zu reduzieren.
Kielholz weist auch auf ein Paradoxon hin: Die Schweiz sei einerseits überkorrekt in der Regelumsetzung, andererseits aufmüpfig in ihrer Haltung. Die konservative Seite zeige sich darin, dass man schwer Regulierungen wieder loswerden könne, wenn sie erst einmal eingeführt seien.
Wirtschaft und Politik: Der „Filz"
Das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik in der Schweiz hat sich gewandelt. Früher war es eng verflochten, besonders durch die Milizarmee – in den Stäben von Bataillonen und Regimentern trafen sich Gemeindepräsidenten, CEOs, Lehrer und Beamte. Dies sei vorbei. Das Netzwerk funktioniert nun über Biotope wie Avenir Suisse oder informelle Treffen, aber die Tendenz, sich nur noch im eigenen Milieu zu bewegen, ist stärker geworden.
Kielholz betont, dass dies für die Schweiz ein Vorteil gegenüber Deutschland ist, wo Politik und Wirtschaft stärker geschieden sind. Der Austausch ermöglicht informelle Absprachen unter Einbezug von Politik und Gewerkschaften. Allerdings hat die Struktur der modernen Schweizer Wirtschaft sich fundamental geändert: Nestlé hat 277'000 Mitarbeiter, davon nur 15'000 in der Schweiz. Es ist unmöglich, solche Konzerne nur mit Schweizern zu führen. Nur etwa 15 Prozent des Aktienkapitals dieser Grosskonzerne kann vom Schweizer Kapitalmarkt aufgebracht werden. Deshalb ist auch der hohe Anteil ausländischer CEOs (60 Prozent in der Schweiz, mehr als in Finnland mit 35 Prozent) völlig normal.
Krisenreaktionen und emotionale Bindung
Kielholz reflektiert über die politischen Zäsuren, die eine Entfremdung zwischen Politik und Wirtschaft ausgelöst haben: Das Grounding der Swissair 2001, der beinahe Untergang der UBS 2008, der tatsächliche Untergang der Credit Suisse. Diese Krisen hatten emotionale Auswirkungen. Das Grounding der Swissair war besonders schmerzhaft, da es emotional war – während amerikanische Airlines regelmässig in Chapter 11 gehen, war dies in der Schweiz ein Schock.
Interessanterweise haben die Schweizer eine emotionale Beziehung zu ihren Grosskonzernen, die er in Deutschland nie beobachtet hat. Das ist ein kultureller Unterschied.
CEOs im Zollstreit mit Trump
Zum Besuch von sechs schweizer CEOs im Weissen Haus im Zollstreit mit den USA unter Trump meint Kielholz, dass dies nichts Neues ist – Schweizer Wirtschaftsvertreter haben sich immer für nationale Belange eingesetzt, nur früher nicht öffentlich. Das Risiko heute ist grösser, weil das Weisse Haus unter Trump jeden Tag den News-Cycle bedienen muss und damit diese Besuche sehr öffentlich ausgetrettet werden.
Kielholz selbst war häufiger im Weissen Haus als viele Bundesräte und hat mit chinesischen Ministerpräsidenten gesprochen – immer über die Schweiz, nicht über seine Firma. Diese Austausche auf oberster Ebene sind formeller Natur und dienen dazu, sachliche Diskussionen auf Fachebene zu unterstützen. Mit dem Advisory Board des Bürgermeisters von Shanghai war es ähnlich: Am Anfang erteilte er Ratschläge, später erhielt er Ratschläge, am Ende Befehle. „Das ist die Kurzzusammenfassung der Globalisierung."
Kernaussagen
Walter Kielholz lehnt es ab, sich faktenfrei zu Credit Suisse zu äussern und verweist auf Rechtsverpflichtungen von Beteiligten zum Schweigen.
Die Personalentscheidung, Brady Duggan zum CEO zu ernennen, bewertet er als erfolgreich; die Finanzkrise 2008 wurde unter seiner Mitverantwortung gut überstanden.
Bankenkrisen sind letztlich Liquiditätskrisen; robustes Eigenkapital ist entscheidend, aber zu hohe Anforderungen können das Geschäftsmodell gefährden.
Unternehmenskultur wird nicht durch Pauschalisierungen definiert, sondern durch tägliche Führung, Risikomanagement und Kaderselektion.
Die FDP hat ein Profil-Problem und kann ihr Potenzial von ca. 25 Prozent der Wählerschaft nicht mobilisieren.
Die Schweizer direkte Demokratie funktioniert pragmatisch: Bürger entscheiden rational, wenn das Portemonnaie betroffen ist.
Rot-grüne Stadträte in Zürich verfolgen ideologische statt pragmatische Lösungsansätze; eine breitere Unterstützung wäre notwendig.
Schweizer Grosskonzerne sind globalisiert; ein hoher Anteil ausländischer CEOs ist normal und unvermeidlich.
Das traditionelle Netzwerk zwischen Politik und Wirtschaft (Armee, Golfplatz, Rotary) funktioniert nicht mehr, wird aber durch informelle Biotope ersetzt.
Die Schweiz sollte europapolitisch pragmatischer werden und das europapolitische Paket akzeptieren, statt in