Kurzfassung
Schweizer Strafverfolgungsbehörden und der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) ordneten 2025 etwa 40 Prozent mehr Überwachungsmassnahmen beim Dienst Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr (ÜPF) an als 2024. Der Anstieg ist primär auf Antennensuchläufe zurückzuführen, die um 69 Prozent stiegen (19.091 Zellen gegenüber 11.290 im Vorjahr). Bei anderen Massnahmen verlangsamte sich das Wachstum: Echtzeitüberwachungen stiegen um 3 Prozent, rückwirkende Überwachungen um 6 Prozent. Auskünfte nahmen um 32 Prozent zu. Der NDB ordnete 334 Überwachungen an (2024: 106) und stellte 39.130 Auskunftsgesuche (2024: 12.789).
Personen
- Nachrichtendienst des Bundes (NDB) (Bundesinstitution)
Themen
- Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr
- Strafverfolgung
- Datenschutz und Sicherheit
- Bundesstatistik
Clarus Lead
Die Zahlen zeigen eine Verschiebung in den Überwachungsprioritäten: Während klassische Echtzeitüberwachungen stagnieren, expandiert die Flächenüberwachung durch Antennensuchläufe massiv. Dies deutet auf eine Strategie hin, verdächtige Personen über Standortdaten flächendeckend aufzuspüren, statt gezielt einzelne Kommunikationen zu überwachen. Parallel dazu verdreifachte der NDB seine Aktivitäten – ein Signal für gestiegene Sicherheitsbedenken auf nationaler Ebene. Die neuen Finanzierungsregeln ab 2024, bei denen sich Kantone pauschal beteiligen, könnten diesen Anstieg ermöglicht haben.
Detaillierte Zusammenfassung
Die Überwachungsstatistik differenziert zwischen mehreren Massnahmetypen mit unterschiedlichen Wachstumsdynamiken. Echtzeitüberwachungen (simultanes Mithören von Telefonaten oder Mitlesen von E-Mails) erreichten 1.878 Fälle (+3 Prozent). Rückwirkende Überwachungen – Datenabfragen zu Kommunikationspartnern und Zeitpunkten für bis zu sechs Monate zurück – stiegen auf 6.531 (+6 Prozent). Notsuchen zur Rettung vermisster Personen nahmen auf 1.287 zu (+5 Prozent), während Fahndungen gegen verurteilte Personen auf 17 sanken (−51 Prozent).
Das Wachstum konzentriert sich auf Antennensuchläufe: Diese erfassen rückwirkend alle Kommunikationen an bestimmten Mobilfunkzellen innerhalb eines Zeitfensters – ein Instrument zur Identifikation von Personen an Tatorten. Mit 54 Fällen (2024: 44) und 19.091 betroffenen Zellen dokumentiert die Statistik eine Verlagerung zu flächenhaften Überwachungsmethoden.
Bei Auskünften (Datenabfragen ohne aktive Überwachung) verzeichnete der ÜPF ein Plus von 32 Prozent. Komplexe Auskünfte – etwa Vertrags- oder Ausweiskopien – stiegen um 39 Prozent auf 44.836 Anfragen. Einfache Auskünfte (Telefonbuch-, IP-Abfragen) erreichten 650.034 Erteilungen (+31 Prozent).
Die Deliktverteilung zeigt: 45 Prozent aller Massnahmen betrafen Vermögensdelikte (+45 Prozent), 24 Prozent Verbrechen gegen Leib und Leben (+75 Prozent), 8 Prozent Betäubungsmitteldelikte (+10 Prozent). Straftaten gegen sexuelle Integrität verdoppelten sich (+124 Prozent), während Massnahmen gegen öffentlichen Frieden sanken (−28 Prozent).
Der NDB ordnete 334 Überwachungen an – eine Steigerung um 215 Prozent gegenüber 106 im Vorjahr. Seine 39.130 Auskunftsgesuche (+206 Prozent) zeigen intensivierte Geheimdienstaktivitäten. Spezialwerkzeuge wie GovWare (Staatstrojaner) wurden nur 4-mal eingesetzt (2024: 12-mal), während IMSI-Catcher (Funkzellensimulatoren) 151-mal genutzt wurden – hauptsächlich bei Notsuchen (62 Fälle) und Betäubungsmitteldelikten (45 Fälle).
Kernaussagen
- 40-Prozent-Anstieg bei Überwachungsmassnahmen, primär durch Antennensuchläufe (+69 %) getrieben
- Klassische Überwachungen stagnieren: Echtzeitüberwachungen nur +3 %, rückwirkende Überwachungen +6 %
- NDB verdreifacht Aktivitäten: 334 Überwachungen (+215 %) und 39.130 Auskunftsgesuche (+206 %)
- Vermögensdelikte dominieren (45 % aller Massnahmen), Gewaltdelikte steigen stark (+75 %)
- Finanzierungsreform 2024 (pauschale Kantonsbeteiligung) ermöglichte möglicherweise Kapazitätsausbau
Kritische Fragen
Datenqualität: Die Statistik erfasst Überwachungsaufträge pro Telekommunikationsanbieter, nicht betroffene Personen. Wie viele Individuen sind tatsächlich überwacht, wenn dieselbe Telefonnummer bei mehreren Anbietern abgefragt wird? Sind Doppelzählungen ausgeschlossen?
Methodische Bruchstelle: Die Zählweise für Antennensuchläufe änderte 2024 (von „pro Zelle pro 2 Stunden" zu „pro Anordnung pro 2 Stunden"). Ist der 69-Prozent-Anstieg teilweise ein statistisches Artefakt dieser Umstellung?
Genehmigungspraxis: Der Text nennt formale Genehmigungsschritte (Richter, Bundesverwaltungsgericht, VBS, EDA, EJPD), dokumentiert aber nicht, wie viele Anträge abgelehnt wurden. Wie streng ist die materielle Kontrolle?
Deliktverteilung: Vermögensdelikte steigen um 45 Prozent, sexuelle Integrität um 124 Prozent. Reflektiert dies echte Kriminalitätstrends oder veränderte Ermittlungspriorisierung? Gibt es Vergleichsdaten zur Häufigkeit dieser Delikte?
NDB-Explosion: Der NDB-Anstieg um 215 Prozent ist dramatisch. Welche konkreten Sicherheitslagen oder Bedrohungsszenarien rechtfertigen diese Steigerung? Sind externe Faktoren dokumentiert?
Finanzierungsanreize: Seit 2024 zahlen Kantone Pauschalbeträge statt Gebühren pro Massnahme. Schafft dieses Modell Anreize, mehr Überwachungen anzuordnen, weil Grenzkosten sinken?
GovWare-Rückgang: Staatstrojaner wurden 2025 nur 4-mal genutzt (vs. 12-mal 2024). Ist dies technisch bedingt, rechtlich restriktiver, oder reflektiert es Wirksamkeitsprobleme?
Transparenzlücke: Der Dienst ÜPF „erhält keine Kenntnis vom Inhalt der Daten". Wie wird Missbrauch durch Strafverfolgungsbehörden kontrolliert, wenn der zentrale Dienst blind ist?
Quellenverzeichnis
Primärquelle: Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr 2025 – Statistik der Strafverfolgungsbehörden und des Nachrichtendienstes des Bundes – https://www.news.admin.ch/de/newnsb/In7wcvFLifhBDFtjfsjMq
Ergänzende Rechtsquellen:
- Strafprozessordnung (StPO; SR 312.0)
- Nachrichtendienstgesetz (NDG; SR 121)
- Verordnung über die Finanzierung der Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr (FV-ÜPF; SR 780.115.1)
Verifizierungsstatus: ✓ 28.04.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 28.04.2026