Kurzfassung

Der emeritierte Rechtsprofessor René Rhinow argumentiert in einem Gastkommentar der NZZ, dass die Schweiz mit ihrer starren «immerwährenden» Neutralität ihre Glaubwürdigkeit bei westlichen Sicherheitspartnern verliert. Die jüngste Ablehnung von Überflugsrechten für die USA und Waffenexporten zeige exemplarisch, wie sich das Land in eine sicherheitspolitische Sackgasse manövriere. Rhinow fordert einen Wechsel zu einer situativen Neutralität, die flexibel an aussen-, wirtschafts- und sicherheitspolitische Ziele ausgerichtet wäre – ohne EU- oder NATO-Beitritt. Die aktuelle rigide Interpretation des Haager Abkommens von 1910 dominiere die aussenpolitische Debatte und überlagere pragmatische Sicherheitsüberlegungen.

Personen

Themen

  • Schweizer Neutralitätspolitik
  • Sicherheitspolitische Kooperation
  • Völkerrecht und Neutralitätsrecht
  • NATO und EU-Beziehungen
  • Waffenexporte

Clarus Lead

Die Debatte über Schweizer Neutralität verschärft sich in einem geopolitischen Umfeld wachsender Unsicherheit und militärischer Konflikte an Europas Grenzen. Rhinows Kritik trifft einen empfindlichen Punkt: Während der Bundesrat Zusammenarbeit mit NATO und EU propagiert, wird diese durch eine eng ausgelegte Neutralitätspflicht faktisch behindert. Die zentrale strategische Frage – was die Schweiz sicherheitspolitisch benötigt – wird überlagert durch die juristische Frage, was das Haager Abkommen zulässt. Dies gefährdet nicht nur die Westbindung, sondern könnte sich bei künftigen Sicherheitskrisen als handlungslähmend erweisen.

Detaillierte Zusammenfassung

Rhinow historisiert das Konzept der «immerwährenden» Neutralität als weltweites Unikum ohne Entsprechung in modernem Völkerrecht und Staatenpraxis. Die meisten Staaten verstünden Neutralität als situative, nicht verbindliche Nichtbeteiligung an zwischenstaatlichen Kriegen. Die Schweizer Variante entstand im 19. Jahrhundert aus konkretem Interesse: Die umgebenden Grossmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und Frankreich wollten Gewähr, dass die Schweiz bei europäischen Kriegen keine strategische Belastung darstellt. Diese historische Funktion habe sich technologisch, militärisch und geopolitisch erledigt, werde aber «unbedacht fortgeschrieben».

Kritisch analysiert Rhinow die rechtliche «Versteinerung» der Neutralität seit dem Beitritt zum 5. Haager Abkommen 1910. Seither dominiere die Völkerrechtsperspektive: Die zentrale Frage laute nicht mehr, was Schweizer Sicherheit erfordert, sondern was das Haager Abkommen zulässt. Der ehemalige Bundeskanzler Thurnherr habe festgestellt, dass der Bundesrat die aussenpolitische Debatte als juristische Disziplin behandele und dabei aussenpolitische Dimensionen ausblende. Die Schweiz gehe mit ihrer extensiven, selbstauferlegten Neutralitätspolitik (Dual-Use-Güter-Verbote, Verweigerung der Aufnahme verwundeter ukrainischer Soldaten) über völkerrechtliche Verpflichtungen hinaus – ein Ansatz, den Rhinow als Unterwerfung unter ein «inhaltlich veraltetes» internationales Abkommen charakterisiert.

Rhinow kontrastiert dies mit den weitsichtigen Verfassungsvätern von 1848, die bewusst keine Neutralitätspflicht in die Bundesverfassung aufnahmen, um künftige Handlungsfreiheit zu bewahren. Die paradoxe Situation: Der Bundesrat um 1900 habe nicht gewollt, dass Neutralitätspflichten völkerrechtlich verankert werden, weil dies Handlungsfreiheit einschränkte – genau was heute geschieht. Historisch zeige die Erfahrung: Kriegführende Staaten (Rhinow nennt Hitlers Überfall auf neutrale Belgien und die Niederlande 1940) berücksichtigten Neutralität primär nach geostrategischem Nutzen, nicht nach historischer Neutralitätstreue.

Kernaussagen

  • Die «immerwährende» Neutralität ist völkerrechtlich und politisch anachronistisch; Rhinow fordert Wechsel zu situativer Neutralität mit strategischer Flexibilität
  • Juridische Überinterpretation des Haager Abkommens von 1910 dominiert Bundesratspolitik und blockiert notwendige sicherheitspolitische Kooperationen mit dem Westen
  • Historisch erfüllte Neutralität eine konkrete Funktion (Schutz vor europäischen Grossmächten); diese Funktion existiert nicht mehr
  • Schweizer Neutralitätspolitik erosioniert Glaubwürdigkeit bei westlichen Partnern, auf deren Kooperation das Land angewiesen ist

Kritische Fragen

  1. Evidenz: Rhinow behauptet, die Schweiz habe «bereits heute ihre militärische Schutzfunktion» verloren – auf welche konkreten Bedrohungsszenarien oder Abschreckungsmodelle stützt sich diese These?

  2. Gegenhypothesen: Der Kommentar von Daniel Stalder widerlegt die These teilweise: Könnte Neutralität nicht gerade als diplomatisches Kapital gegenüber dem Globalen Süden (Russland, China) für Schweizer Autonomie essentiell sein?

  3. Kausalität: Rhinow verknüpft «immerwährende» Neutralität mit Glaubwürdigkeitsverlust bei westlichen Partnern – ist das kausale Verhältnis nachweisbar, oder sind es konfundierende Variablen (z.B. wirtschaftliche Interessen des Westens)?

  4. Interessenkonflikte: Wer profitiert von einer flexibleren Neutralität – Rüstungsindustrie, NATO-Mitgliedschaften, wirtschaftliche Westbindung? Inwiefern prägt dies Rhinows Analyse?

  5. Umsetzbarkeit: Wie wäre eine «situative» Neutralität in der Praxis operationalisierbar, ohne in «Willkür und Unberechenbarkeit» (wie Stalder warnt) zu verfallen?

  6. Historische Validität: Ist Rhinows Referenz auf 1848er-Verfassungsväter und 1940er-Hitlerüberfall auf aktuelle multipolaren Kontext (2026) noch anwendbar?


Quellenverzeichnis

Primärquelle: René Rhinow: Neutralität als Stolperstein in der Sicherheitspolitik – Neue Zürcher Zeitung, 06.04.2026 https://www.nzz.ch/meinung/neutralitaet-als-stolperstein-in-der-sicherheitspolitik-ld.1931619

Ergänzende Kontexte (erwähnt im Artikel):

    1. Haager Abkommen (1910) zur Neutralität
  1. Bundesverfassung 1848
  2. Genfer Konventionen (Henry Dunant)
  3. Diskurs zu Überflugsrechten USA und Waffenexporten (2026)

Verifizierungsstatus: ✓ 06.04.2026


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 06.04.2026