Kurzfassung

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat bei seiner Jahresmedienkonferenz 2026 eine kritische Bilanz gezogen: Trotz guter Gesamtwirtschaftslage stagnierten die Löhne seit sechs Jahren, während Arbeitgeber Sozialabbau forderten. Chefökonom Daniel Lampardt warnt vor dem starken Franken als Exportbremse und kritisiert die Nationalbank-Kommunikation als unzureichend. Die neuen EU-Verträge sind für die Gewerkschaften unverzichtbar – allerdings nur mit vollständigem Lohnschutz. Die 10-Millionen-Initiative der SVP würde die Bilateralen gefährden und damit Arbeitsplätze kosten.

Personen

Themen

  • Lohnstagnation in der Schweiz
  • Frankenbewertung und Exportwirtschaft
  • EU-Verhandlungen und Lohnschutz
  • Arbeitsmarktentwicklung 2025

Clarus Lead

Die Schweizer Gewerkschaften sehen 2026 als Schicksalsjahr für die Exportwirtschaft. Während die Gesamtwirtschaft offiziell „okay" läuft, profitieren Arbeitnehmer nicht davon: 6.000 Franken Lohndefizit pro Familie über sechs Jahre hinweg sind das zentrale Problem. Der starke Franken und eine zu vage Nationalbank-Strategie gefährden zusätzlich die Wettbewerbsfähigkeit – besonders in der Maschinenbau- und Pharmabranche. Gleichzeitig fordern Arbeitgeber Sozialabbau statt Reinvestitionen, obwohl ihre Margen seit Corona gestiegen sind.


Clarus Eigenleistung

  • Clarus-Recherche: Das Lohndefizit von 6.000 CHF/Jahr pro Familie über sechs Jahre ergibt eine Gesamtverlustquote von 36.000 CHF netto Kaufkraft, die nicht in den Medien quantifiziert wurde. Diese Zahl zeigt die materiellen Konsequenzen der Lohnstagnation deutlicher als die abstrakten Prozentpunkte.

  • Einordnung – Strukturelles Vertrauensproblem: Gewerkschaften kritisieren nicht Profit, sondern fehlende Gewinnbeteiligung trotz Rekordergebnissen. Das ist kein Kampf gegen Reichtum, sondern gegen die Mentalität der einseitigen Profitabschöpfung – ein Risiko für Konsumnachfrage und soziale Stabilität.

  • Konsequenz – Politische Handlungsnotwendigkeit: Ohne Lohnschutz in den EU-Verträgen verlieren Gewerkschaften ihre stärkste Verhandlungsmasse. Die noch ausstehende 14. Verhandlungsrunde zum Kündigungsschutz ist ein Indikator für die Verbissenheit der Fronten.


Detaillierte Zusammenfassung

Lohnstagnation trotz Wirtschaftswachstum

Das Jahr 2025 zeigt ein Paradoxon: Die Schweizer Wirtschaft wuchs insgesamt gesund, aber Arbeitnehmer spürten davon nichts. Lampardt nennt konkrete Zahlen: Seit 2020 stagnierten nominale Löhne, obwohl die Wirtschaftsleistung um mindestens 1 Prozent pro Jahr hätte steigen sollen – eine rechnerische Lücke von 6.000 CHF pro Familie und Jahr. Hinzu kommen gestiegene Krankheitsfälle und psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz.

Die Ursache liegt nicht an Auftragsmangel, sondern an einer Machtverschiebung zu Gunsten der Arbeitgeber. Während Fachkräftemangel Post-Corona noch zu Lohnerhöhungen führte, zeigen sich Unternehmen nun härter und versagen langjährigen Mitarbeitern das früher selbstverständliche Lohnplus. Gleichzeitig kündigten Grosskonzerne wie Novartis Stellenabbau an, obwohl sie von Zollschutzmassnahmen profitieren würden.

Der starke Franken als strukturelle Exportbremse

Lampardt nennt den starken Franken das Schlüsselproblem für Arbeitsplätze. Die Schweizer Währung ist von 1,60 EUR/CHF (vor wenigen Jahren) auf unter 0,90 EUR/CHF gestiegen – eine dramatische Aufwertung, die Exporte verteuert. Die Folge: Die Maschinenindustrie exportiert heute weniger als vor 20 Jahren, ein einzigartiges Negativphänomen in entwickelten Industrieländern.

Die Nationalbank wird für ihre ungünstige Kommunikation verantwortlich gemacht. Statt deutlich zu warnen, habe sie Aufwertungstendenzen als natürliche „Marktkräfte" dargestellt und damit Investoren ermutigt, in Franken zu fliehen. Lampardt vergleicht die fehlende Klarheit mit unzureichender Erziehung: „Wenn man Instrumente hat, sollte man nicht sagen, ich strafe nicht." Die neue SNB-Führung habe zudem signalisiert, keine Negativzinsen mehr einzuführen – ein Verzicht auf ein wichtiges Regulierungssignal.

EU-Verträge als „Brücke in eine neue Welt"

Die Gewerkschaften sehen die neuen Bilateralen nicht primär als materielle Verträge, sondern als strategische Notwendigkeit. In einer Welt, in der die USA unter Trump nur ihre eigenen Interessen verfolgen und China subventioniert, bleibt Europa der einzige verlässliche Partner für Stabilität, Demokratie und Rechtsstaat.

Das Knackpunkt-Thema ist der Lohnschutz. Mit 13 Punkten einigten sich Sozialpartner und Staat; der 14. Punkt (Kündigungsschutz für Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter) ist noch offen. Lampardt betont: „Ohne Lohnschutz hat das Ganze keinen Wert." Arbeitgeber wehren sich, doch die Gewerkschaft signalisiert, dass eine Lösung über 50 % wahrscheinlich ist – der Bundesrat entscheidet in zehn Tagen.

Arbeitsmarkt 2025: Erste Risse in der Stabilität

Die Vollzeitbeschäftigung stagnierte 2025 bei +0,2 Prozent nach jahrelangem +8-Prozent-Wachstum. Die Arbeitslosigkeit stieg erstmals seit Corona auf 3,1 Prozent. Besonders betroffen:

  • Pharmabranche: Nach 22 % Wachstum über sieben Jahre nur noch flaches Wachstum
  • Maschinenbau, Hotellerie, Gastronomie, Banken: Rückgang
  • Tertiärsektor: Schwach

Ursachen sind nicht nur Trump-Zölle, sondern auch die schwache deutsche Autoindustrie (Schweiz ist exportabhängig) und die Geldpolitik der Nationalbank.

Investitionen als politisches Theater

Schweizer Unternehmen kündigten 200 Milliarden Dollar Investitionen in den USA an; EFTA-Länder (Schweiz voran) 100 Milliarden in Indien für neue Arbeitsplätze. Doch Lampardt kritisiert scharf: Diese Investitionen seien sowieso geplant gewesen, dienen aber nun als PR-Manöver. Stattdessen forderten Arbeitgeber öffentlich Sozialabbau und höheres Rentenalter – ein Signal, das Gewerkschaften als Vertrauensbruch wahrnehmen.

Die 10-Millionen-Initiative als strukturelle Bedrohung

Die SVP-Initiative will Familiennachzug einschränken, sobald die Schweiz 10 Millionen Einwohner erreicht. Gewerkschaften sehen darin indirekt einen Kündigungsmechanismus für die Bilateralen, da die Personenfreizügigkeit zentral ist. Das ist problematisch, weil die Schweiz demographisch überaltert: Ohne Zuwanderung junger Arbeitskräfte kollabiert die AHV-Finanzierung. Gleichzeitig wird das Wohnungsangebot durch staatlichen Sparmassnahmen (Bund senkte Wohnbauförderung von 400 auf 40 Millionen CHF) künstlich verknappt – das reale Problem, über das die Initiative hinwegtäuscht.


Kernaussagen

  • Lohnstagnation ist das zentrale Arbeitnehmerproblem: Sechs Jahre ohne real steigende Löhne = 36.000 CHF Kaufkraftverlust pro Familie
  • Der starke Franken ist kein Segen, sondern eine Exportbremse: Maschinenindustrie exportiert weniger als vor zwei Jahrzehnten
  • Nationalbank-Kommunikation ist zu vage: Fehlende klare Warnsignale ermutigen spekulative Kapitalzuflüsse
  • Arbeitgeber nutzen Konjunkturgüter für Sozialabbau-Forderungen statt Reinvestitionen: Das zerstört Vertrauen
  • EU-Verträge sind strategisch notwendig, nicht optional: Amerika und China bieten keine Sicherheit mehr
  • Lohnschutz ist nicht verhandelbar: Ohne ihn keine Zustimmung der Gewerkschaften zu neuen Verträgen
  • Demografische Realität macht Einwanderung unvermeidbar: 10-Millionen-Initiative ignoriert AHV-Finanzierungslogik

Stakeholder & Betroffene

Wer ist betroffen?Wer profitiert?Wer verliert?
Arbeitnehmer (Löhne, Arbeitsplätze)Exportunternehmen (bei schwächerem CHF)Arbeitnehmer (Stagnation), Import-KMU (starker CHF)
Exportindustrie (Maschinenbau, Pharma)Konsumenten (billiger Importieren)Exporteure, Arbeitsplätze im Sektor
Junge Arbeitskräfte (Karrierechancen, Lohnverhandlung)Pensionierte (starker CHF, Kaufkraft)Pensionierte (weggefallene Rente ohne Migration)
Nationalbank (Glaubwürdigkeit)Geldpolitische Handlungsfähigkeit durch unklar Kommunikation

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
EU-Verträge mit Lohnschutz: Stabilität für Exportwirtschaft und ArbeitnehmerrechteSVP-Initiative: Indirekte Kündigungsoption für Bilaterale, AHV-Finanzierungskrise
Schwächerer Franken (durch klare SNB-Kommunikation): Wettbewerbsvorteil zurückTrump-Zölle: Weitere Marktdestabilisierung, Unsicherheit
Lohnverhandlungen: Mit Fachkräftemangel-Signal noch möglichLohnstagnation setzt sich fort: Konsumnachfrage sinkt, Rezession wahrscheinlicher
Wohnungsbauförderung neu aktiviert: Soziale StabilitätWohnungsknappheit bleibt strukturell: Sozialer Sprengstoff (Initiative-Rückhalt wächst)

Handlungsrelevanz

Für Entscheider im Öffentlichen Sektor

  • Massnahme: SNB muss Kommunikationsstrategie zum Franken klären – deutlich gegen Überverkauf warnen
  • Indikator: CHF/EUR-Kurs und Kapitalzufluss-Volumen; wenn CHF weiter steigt → SNB hat verloren
  • Entscheidung: Parlament muss EU-Verträge mit klarem Lohnschutz ratifizieren; ohne 14. Punkt → Blockade durch Gewerkschaften wahrscheinlich

Für Unternehmen & Arbeitgeber

  • Massnahme: Gewinnbeteiligung oder differenzierte Lohnerhöhungen einführen, nicht nur Pauschalen
  • Indikator: Fluktuationsquote, psychosoziale Belastungs-Umfragen, Tarifbindung (steigt, wenn Unzufriedenheit wächst)
  • Entscheidung: Bekenntnis zu Standort Schweiz durch Reinvestitionen, nicht PR-Manöver; sonst Arbeitsplatzabbau rechtfertigt sich selbst

Für Arbeitnehmer & Gewerkschaften

  • Massnahme: Lohnschutz-Bestimmungen in neuen EU-Verträgen nicht unterschreiten; zur Not juristische Blockade
  • Indikator: Abstimmungsresultate der 10-Millionen-Initiative (Juni 2026) und EU-Verträge-Ratifizierung
  • Entscheidung: Gewerkschaften müssen glaubhaft signalisieren, dass Lohnschutz nicht verhandelbar ist – sonst verlieren sie Mitgliedermotivation

Für Gesamtwirtschaft

  • Massnahme: Nationale Wohnbauförderung wieder auf 400+ Millionen CHF heben (statt 40 Mio.)
  • Indikator: Mietpreisentwicklung, Eigentumsquote von Normalbeschäftigten, Genossenschaften-Neubau
  • Entscheidung: Ohne Wohnungsangebot verliert die Schweiz talentierte Arbeitskräfte und Steuerzahler an Ausland

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft
    • Lohnstagnation 6 Jahre: bestätigt (Transkript: „Löhne, die kaum mehr steigen. Wir haben sechs Jahre Stagnation")
    • 6.000 CHF Jahresdefizit: bestätigt (Transkript: „6'000 Franken pro Jahr wen