Kurzfassung

Seit Ende April 2026 zeigt Google in Deutschland erstmals transparent an, wie viele Bewertungen wegen Diffamierungsbeschwerden gelöscht wurden – ausgelöst durch einen Podcast-Fall eines Berliner Cafés. Deutschland hebt sich dabei europaweit ab: 99,97 Prozent aller EU-Löschungen wegen Diffamierung betreffen deutsche Unternehmen. Die Schweiz dagegen folgt einer völlig anderen Logik: kaum Rechtsprechung zu Bewertungsplattformen, passive Plattformhaltung, keine systematischen Löschungen. Italien geht einen dritten Weg – seit April 2026 müssen Bewerter nachweisen, dass sie die Dienstleistung tatsächlich genutzt haben. Der Schweizer Vorentwurf zum Kommunikationsplattformen-Gesetz (VE-KomPG) orientiert sich am EU-Modell, ist aber noch nicht in Kraft.

Personen

Themen

  • Google-Bewertungen und Plattformhaftung
  • Diffamierungsrecht in Deutschland, Schweiz und Italien
  • Digital Services Act (DSA) und nationale Umsetzung
  • Kommunikationsplattformen-Gesetz (VE-KomPG)
  • Racherezensionen und Fake-Bewertungen
  • Vertrauensinfrastruktur im digitalen Raum

Clarus Lead

Die neue Google-Transparenzanzeige in Deutschland offenbart ein strukturelles Problem: Ein einziges Land dominiert die EU-weite Löschdebatte, während die Schweiz bewusst weniger reguliert und dadurch Kleinunternehmen anders exponiert. Für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft entsteht dadurch eine Regulierungsfalle – wer sich am DSA orientiert, schafft Sichtbarkeit für Manipulation; wer nicht reguliert, schützt zwar Meinungsfreiheit, überlässt aber Unternehmen der Willkür unfairer Bewertungen. Der Schweizer Gesetzesvorschlag (VE-KomPG) könnte diese Asymmetrie aufbrechen – oder scheitern, wenn das Parlament nur eine formale Umsetzung anstrebt statt echter Schutzpflichten.

Detaillierte Zusammenfassung

Das Berliner Café-Beispiel und die deutsche Realität. Der Podcast «Servus, Grüezi, Hallo» der Zeit beschrieb einen Fall, der typisch für Deutschland ist: Journalist Lenz Jacobsen verfasste eine sachliche Drei-Sterne-Kritik eines Prenzlauer-Berg-Cafés und beschrieb es als BWL-Projekt zur Gewinnmaximierung. Das Café meldete Diffamierung – Google löschte die Bewertung. Dieser Fall ist in Deutschland kein Einzelfall, sondern Teil einer etablierten Rechtspraxis. Der Bundesgerichtshof legte 2016 fest, dass Plattformen eine aktive Prüfpflicht haben: Sobald eine bewertete Person bestreitet, dass der Bewerter überhaupt Kunde war, muss Google kontaktieren, nachprüfen und gegebenenfalls löschen. Diese Logik schuf eine eigene «Lösch-Industrie» – Kanzleien wie advomare, heise regioconcept und dein-ruf.de bieten gewerbliche Löschverfahren mit angegebenen Erfolgsquoten von etwa 90 Prozent an.

Schweizer Exzeptionalismus ohne Regulierung. Die Schweiz hat ähnliche rechtliche Instrumente wie Deutschland (Art. 28 ZGB für Persönlichkeitsverletzungen, UWG, Strafgesetzbuch), nutzt sie aber kaum. Anwältin Rena Zulauf dokumentierte in der Fachzeitschrift medialex: Es gibt praktisch keine Rechtsprechung zu Bewertungsplattformen, keine Klageflut, keine Präzedenzfälle. Das Zürcher Obergericht hat die Anforderungen an Löschung angesichts der Meinungsäusserungsfreiheit bewusst hochgesetzt. Folge: Google agiert in der Schweiz defensiv, weil keine Gerichtsurteile zu aktivem Handeln zwingen. Drei Schweizer Urteile zeigen das Muster: Das Bezirksgericht Bülach (2022) sprach eine Frau frei, die eine falsche Bewertung einer Therapeutin verfasst hatte, weil die Kritik sich auf «berufliche Tätigkeit» nicht «Person» bezog. Das Bezirksgericht Zürich (2021) musste erst klären, ob Racherezensionen eines gekündigten Pflegefachmanns Schadensersatz auslösen – ein Einzelfall, der in Deutschland längst standardisiert wäre. Das Bundesgericht (2022) sprach eine Klägerin frei, die eine Anwaltskanzlei mit «Minus fünf Sternen» bewertet hatte, weil unklar war, wen genau sie verunglimpfte.

Drei Modelle im europäischen Vergleich. Deutschland filtert nach Veröffentlichung – rechtsförmig, mit hohem Prüfaufwand, sichtbar gemacht durch die neue Transparenzanzeige (Spannen statt exakter Zahlen: 1, 2–5, 6–10 bis «über 250»). Wichtig: Die Anzeige gilt nur für gültige Diffamierungsbeschwerden nach deutschem Recht, erfasst nur die letzten 365 Tage und berücksichtigt nicht wiederhergestellte Bewertungen. Italien filtert präventiv – seit 9. April 2026 müssen Bewerter innerhalb 30 Tagen nach Inanspruchnahme bewerten, Belege wie Rechnungen vorlegen, und Einträge verfallen nach zwei Jahren automatisch. Die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM überwacht. Die Schweiz filtert kaum – mangels Klagedruck und mangels Rechtsprechung. Das ist, wie Martin Steiger 2019 in der NZZ schrieb, bewusste Priorität: «Dienstleister müssen sich bewerten lassen, weil das öffentliche Interesse dafür überwiegt.» Das schützt Meinungsfreiheit, exponiert aber kleine Unternehmen härter als anderswo.

Wirtschaftliche Realität und fehlende Schutzinstrumente. Die BrightLocal Consumer Review Survey 2026 zeigt die Hebelkraft: 49 Prozent vertrauen Online-Bewertungen wie persönlichen Empfehlungen, 85 Prozent werden durch positive Bewertungen motiviert, 77 Prozent durch negative abgehalten. Google selbst meldete 2025, dass über einer Milliarde Bewertungen veröffentlicht und über 292 Millionen regelwidrige blockiert oder entfernt wurden – eine massive Filteraktivität, die aber nicht sichtbar gemacht wird, ausser in Deutschland. Die deutsche Transparenzanzeige hilft, weil Nutzer sehen, ob viele Löschungen stattfanden; allerdings zeigt sie nicht, ob diese berechtigt oder missbräuchlich waren, und erfasst nur Diffamierungsfälle, nicht Spam oder Fake-Bewertungen.

Schweizer Vorentwurf und offene Fragen. Der VE-KomPG (im Oktober 2025 zur Vernehmlassung eingereicht, Frist Mitte Februar 2026) orientiert sich eng am DSA. Das Europa Institut der Universität Zürich bestätigt: Der Entwurf verpflichtet zu Schweizer Kontaktstelle und Rechtsvertretern – genau wie HÄRTING Rechtsanwälte 2023 erwartet hatten. Allerdings: Bis zur Verabschiedung dürften zwei bis drei Jahre vergehen. Die kritische Frage bleibt, ob das Parlament echte Schutzpflichten gegen Racherezensionen und Fake-Bewertungen schafft oder sich mit formaler Compliance zufriedengibt.

Kernaussagen

  • Deutschland hat eine aggressive Löschpraxis entwickelt; die neue Google-Transparenzanzeige macht diese sichtbar, definiert aber nicht, welche Löschungen berechtigt sind
  • Die Schweiz schützt bewusst Meinungsfreiheit durch Regulierungsminimalismus – das exponiert Unternehmen härter gegenüber unfairen Bewertungen als in Deutschland oder Italien
  • Italien wechselt die Filterlogik: Beweispflicht beim Bewerter, automatisches Verfallen nach zwei Jahren, Tourismusministerium überwacht
  • Der Schweizer VE-KomPG könnte diese Asymmetrie aufbrechen, aber nur mit echten Schutzpflichten, nicht als Pro-forma-Umsetzung
  • Bewertungen sind Vertrauensinfrastruktur für Wirtschaft und Konsumenten; ihre Regulierung ist nicht technisch-neutral, sondern politische Verteilungsfrage

Kritische Fragen

  1. Datenqualität DSA-Transparenz: Wie belastbar ist die Aussage, dass 99,97 Prozent aller EU-Diffamierungs-Löschungen Deutschland betreffen? Erfasst die DSA-Datenbank wirklich alle europäischen Länder mit gleicher Meldedichte, oder bilden die Zahlen vor allem ab, dass Deutschland eine etablierte Meldeindustrie hat?

  2. Interessenskonflikte Lösch-Dienstleister: Welche wirtschaftlichen Anreize verfolgen kommerzielle Anbieter (advomare, heise regioconcept), wenn sie Erfolgsquoten von 90 Prozent kommunizieren? Wie wird «Erfolg» definiert – jede Löschung oder nur erfolgreiche Wiedereinspruchsverfahren?

  3. Repräsentativität Schweizer Urteile: Die Analyse stützt sich auf drei Urteile (Bülach, Zürich GG210008, Bundesgericht Luzern). Kann man aus dieser kleinen Fallzahl wirklich auf ein flächendeckendes Schweizer Muster schliessen, oder gibt es eine grosse Dunkelziffer aussergerichtlicher Einigungen und stiller Akzeptanz?

  4. Asymmetrie-Wirkung auf grenzüberschreitende Unternehmen: Wie wirkt sich die regulatorische Asymmetrie faktisch auf Schweizer Kleinunternehmen aus, die auch EU-Kunden bedienen oder über mehrere Plattformen sichtbar sind? Gibt es empirische Daten zum Reputationsschaden?

  5. VE-KomPG Umsetzungsqualität: Der Entwurf lehnt sich am DSA an – bedeutet das echte Prüfpflichten für Google, oder bleibt es bei einer formalen Kontaktstellen-Pflicht ohne materiellen Schutz vor Racherezensionen?

  6. Transparenzanzeige als Stigma: Verzerrt die deutsche Google-Anzeige seriöse Unternehmen, die legale Diffamierungen gelöscht haben, weil die Anzeige nicht zwischen Spam, Fake und sachlicher Kritik unterscheidet? Kann ein Unternehmen die Anzeige widerlegen oder erklären?

  7. Italienisches Modell und Anonymität: Lässt sich das italienische Modell mit Quittungs- und Identitätspflicht überhaupt auf Plattformen wie Google Maps übertragen, ohne die anonyme Meinungsäusserung faktisch abzuschaffen? Oder schafft es nur eine neue Form der Zensur durch administrative Hürden?

  8. Schweizer Nutzer-Kalibration: Der Artikel empfiehlt Schweizern, «anders zu kalibrieren» als Deutsche – aber gibt es empirische Studien, die zeigen, dass Schweizer Bewertungen tatsächlich weniger gefiltert und deshalb weniger verlässlich sind?


Quellenverzeichnis

Primärquelle: Gelöschte Sterne: Wie Google-Bewertungen zur Vertrauensfrage werden – und warum die Schweiz juristisch eine andere Welt ist – clarus.news, 14. Mai 2026

Ergänzende Quellen:

  1. Die Zeit: Podcast «Servus, Grüezi, Hallo»
  2. medialex 05/25: Rena Zulauf, «Bewerten Sie uns auf Google!»
  3. Bundesgerichtshof: Urteil VI ZR 34/15 (Bewertungsportal-Prüfpflichten)
  4. Google Deutschland: Defamation Removal Notices in Germany (April 2026)
  5. BrightLocal: Local Consumer Review Survey 2026
  6. EIZ UZH: «Altbekannte Risiken, neue Pflichten – die Plattformhaftung im Wandel» (Januar 2026)
  7. EU-Kommission: The Digital Services Act (DSA) Transparency Database
  8. Fast Company: «Germany's defamation laws skew Google reviews» (26. Oktober 2025)

Verifizierungsstatus: ✓ 14. Mai 2026


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 14. Mai 2026