Autor: Georg Humbel (gum)
Quelle: NZZ am Sonntag
Publikationsdatum: 13. Dezember 2025
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Executive Summary
Die Schweiz verliert durch ihre starre Wechselkursabsicherung beim F-35-Kauf etwa eine Milliarde Franken, während Finnland mit gestaffelter Absicherung strategisch flexibler vorging. Der Bund kaufte 2022 alle 6 Milliarden Dollar zum hohen Kurs von 96 Rappen – heute hätte derselbe Deal nur 80 Rappen gekostet. Diese Entscheidung offenbart ein Governance-Problem: rigide Regeln, die in Zeiten starker Landeswährungen systematisch zu Verlusten führen.
Kritische Leitfragen
Freiheit & Eigenverantwortung: Warum folgt der Bund automatischen Absicherungsregeln statt situativer Risikobewertung – und wer trägt die Verantwortung für Millionenverluste?
Transparenz: Wurde das Volk bei der Kreditabstimmung 2022 über die Wechselkursrisiken vollständig informiert?
Innovation in Finanzverwaltung: Sind bundesinterne Finanzrichtlinien noch zeitgemäss für volatile Märkte?
Vergleichbarkeit: Wie haben andere Länder (Norwegen, Finnland) ähnliche Beschaffungen gemanagt – und was können wir lernen?
Kontrollmechanismen: Gibt es parlamentarische Nachbesserungen für künftige Grossgeschäfte?
Szenarienanalyse: Zukunftsperspektiven
| Zeithorizont | Erwartete Entwicklung |
|---|---|
| Kurzfristig (2026) | Bundesrat muss Budgetkürzungen oder reduzierte Flottengrösse rechtfertigen; parlamentarische Anfragen zu Absicherungsstrategie |
| Mittelfristig (2027–2029) | Überprüfung der Finanzhaushaltsverordnung; mögliche Anpassung von Hedging-Richtlinien für starke Währungen |
| Langfristig (2030+) | F-35-Flottenaufstockung abhängig von Budgetnachträgen; Präzedenzfall für künftige Rüstungsbeschaffungen |
Hauptzusammenfassung
Kernthema & Kontext
Der Bund sicherte seinen 6-Milliarden-Franken-F-35-Deal 2022 zu einem Wechselkurs von 96 Rappen ab. Seither fiel der Dollar auf 80 Rappen – eine Einsparung von rund einer Milliarde Franken wäre möglich gewesen. Stattdessen zahlt die Schweiz den hohen Kurs und kann nun nur 36 statt 40 Jets kaufen.
Wichtigste Fakten & Zahlen
- Geplanter Kredit: 6 Milliarden Franken (vom Volk bewilligt)
- Abgesicherter Dollarkurs: 96 Rappen (Herbst 2022)
- Aktueller Dollarkurs: ~80 Rappen (Dezember 2025)
- Potenzielle Ersparnis: ~1 Milliarde Franken
- Geplante Jets: 36 statt ursprünglich 40
- Grund: Gestiegene Produktionskosten und Teuerung seitens USA
- ⚠️ Finnlands exakte Sparquote durch Hedging-Strategie nicht beziffert, aber implizit erheblich
Stakeholder & Betroffene
| Profiteur | Neutral | Nachteil |
|---|---|---|
| Lockheed Martin (USA) | Finnische Finanzplanung | Schweizer Steuerzahler |
| – | Militärische Planbarkeit | Verkleinerter Einkauf |
| – | – | Ruf der Finanzverwaltung |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Lerneffekt für künftige Fremdwährungsgeschäfte | Politische Glaubwürdigkeit beschädigt |
| Debatte über Finanzverwaltungsflexibilität | Militärische Einsatzfähigkeit reduziert |
| Parlamentarische Reform der Hedging-Regeln (Weichelt) | Weitere Teuerung durch verlängerte Lieferzeiten |
Handlungsrelevanz
Für Entscheidungsträger:
- Parlamentarische Nachbesserung der Finanzhaushaltsverordnung prüfen (nicht automatische Vollabsicherung bei starken Währungen)
- Differenzierte Strategie für grosse Rüstungskäufe entwickeln
- Transparenzbericht über Wechselkursverluste erstellen
Zu beobachten:
- Kommende parlamentarische Vorstösse (Manuela Weichelt, Grüne)
- Budgetnachtragsdebatte im Parlament
- Entwicklung des Wechselkurses CHF/USD in den nächsten Lieferjahren
Internationale Vergleiche: Finnland vs. Norwegen
Finnland (strategisch flexibel):
- Sicherte 2022 nur 50 % des Kaufpreises ab
- Setzte auf Risikodiversifizierung über mehrere Jahre
- Euro hat 2025 gegenüber Dollar deutlich zugelegt
- Profitiert aktuell vom gesunkenen Dollar
- Strategie: „Mittelweg statt Nullrisiko"
Norwegen (Warnung vor Unflexibilität):
- Keine Absicherung beim F-35-Kauf 2012
- Norwegische Krone kollabierte 2014 mit Ölpreis
- Flugzeug wurde faktisch doppelt so teuer
- Parlamentarische Krise, Nachtragskredite nötig
- Gegenpol zur Schweizer Strategie, aber ähnlich problematisch
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Kernzahlen (Dollar-Kurse, Finanzvolumen) nachvollziehbar
- [x] Aussagen des Finanzministeriums Finnland zitiert
- [x] Bundesrat-Position (Finanzhaushaltsverordnung) dokumentiert
- [x] Parlamentarische Stimmen (Hegglin, Weichelt, de Quattro) verifizierbar
- [x] Norwegisches Fallbeispiel als kontrastierendes Szenario genutzt
- ⚠️ Exakte finnische Sparquote nicht quantifiziert; nur qualitativ dargelegt
Zentrale Erkenntnisse
Die Affäre offenbart ein Governance-Paradoxon: Während Norwegen spekulative Risiken einging und scheiterte, präferiert die Schweiz absolute Sicherheit – zahlt dafür aber den Preis einer starken Währung. Finnland findet den pragmatischen Mittelweg.
Das Kernproblem ist nicht die Strategie, sondern die mangelnde Flexibilität bei ihrer Anwendung. Wenn der Franken systematisch zu starken Kursen führt, müssen Regeln angepasst werden – nicht umgekehrt.
Ergänzende Recherche & Quellen
- Eidgenössische Finanzverwaltung: Finanzhaushaltsverordnung (FHV), Richtlinien zu Währungsabsicherung
- Finnisches Finanzministerium: Offizielle Stellungnahmen zum F-35-Hedging (Marko Synkkänen)
- Norwegisches Rechnungsprüfungsamt: Bericht zu F-35-Kostenexplosion 2014–2016 (Warnsignal für ungesicherte Fremdwährungskäufe)
- Blick: Parallelbericht zu Schweizer Wechselkursverluste
- Parlamentarische Geschäfte: Kommende Vorstösse zu Finanzrichtlinien
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
F-35: Finnen sind cleverer als die Schweizer – NZZ am Sonntag, 13. Dezember 2025
Verfizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 13. Dezember 2025
Dieser Text wurde analytisch unter Anwendung journalistischer Standards erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 13. Dezember 2025