Autor: Fabian Schäfer, Neue Zürcher Zeitung
Quelle: https://www.nzz.ch/schweiz/eu-vertraege-die-gegner-des-staendemehrs-sind-im-vorteil-im-parlament-koennte-eine-kleine-gruppe-den-ausschlag-geben-hinter-verschlossener-tuer-ld.1915045
Publikationsdatum: 09.12.2025
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Executive Summary
Die Frage, ob neue EU-Verträge neben der Volksmehrheit auch die Mehrheit der Kantone (Ständemehr) benötigen, wird nicht juristisch, sondern politisch im Parlament entschieden. Bei erwarteter Uneinigkeit zwischen National- und Ständerat könnte eine kleine Einigungskonferenz von 26 Parlamentariern hinter verschlossenen Türen faktisch über die Spielregeln der Abstimmung entscheiden – mit strukturellem Vorteil für die Gegner des Ständemehrs. Hier offenbaren sich grundsätzliche Fragen zur demokratischen Legitimation und Transparenz in der Schweizer Demokratie.
Kritische Leitfragen (liberal-journalistisch)
Freiheit & Transparenz: Ist es mit liberalen Demokratieprinzipien vereinbar, dass 26 Parlamentarier hinter geschlossenen Türen ohne öffentliche Debatte über Abstimmungsregeln entscheiden, die die ganze Bevölkerung betreffen?
Verantwortung & Machtverhältnisse: Wer trägt demokratische Verantwortung für diese Entscheidung, wenn weder Volk noch breites Parlament ein Mitspracherecht haben?
Institutionelle Fairness: Warum haben kleine Kantone (via Ständerat) strukturell grössere Einflusschancen auf die Spielregeln als die Mehrheit des Volkes?
Transparenz & Legitimation: Sollte eine Entscheidung dieser Tragweite nicht öffentlich und unter Mitwirkung aller betroffenen Stakeholder getroffen werden?
Unternehmerische Freiheit: Wie beeinflusst die Ständemehr-Frage die Planungssicherheit für Unternehmen, die auf EU-Handelsklarheit angewiesen sind?
Szenarienanalyse: Zukunftsperspektiven
| Zeithorizont | Erwartete Entwicklung |
|---|---|
| Kurzfristig (bis Sommer 2026) | Bundesrat bereitet Verträge vor; National- und Ständerat beraten erstmals. Klare Trennlinien zwischen den Kammern zeichnen sich ab (Nationalrat gegen Ständemehr, Ständerat dafür). |
| Mittelfristig (2026–2027) | Im Falle eines Patt folgen drei Lesungen pro Kammer. Einigungskonferenz wird eingesetzt; kleine Gruppe von 26 Parlamentariern trifft hinter geschlossenen Türen Entscheidung. Abstimmungsregeln sind festgelegt. |
| Langfristig (2027 ff.) | Volks-/Kantonalabstimmung über EU-Verträge nach festgelegten Regeln. Akzeptanz und Legitimation der Entscheidung hängen massgeblich davon ab, wie transparent und nachvollziehbar der parlamentarische Prozess war. |
Hauptzusammenfassung
Kernthema & Kontext
Der Bundesrat will neue EU-Verträge (Lohnschutz, Zuwanderung, Strom, Rechtsübernahme) ab März 2026 dem Parlament vorlegen. Eine zentrale, bislang offene Frage: Unterstehen diese Verträge nur dem Volksmehr (aktueller Bundesrats-Standpunkt) oder zusätzlich dem Ständemehr (Mehrheit der Kantone)? Das Ständemehr würde die Hürde für ein Ja erhöhen, da kleinere, aussenpolitisch konservativere Kantone mehr Gewicht hätten.
Wichtigste Fakten & Zahlen
- Quorum mit Ständemehr: Etwa 55 Prozent Volks- und Kantonsmehrheit (basierend auf früheren Europa-Abstimmungen)
- Quorum ohne Ständemehr: Einfache Volksmehrheit
- Parteiische Trennlinien: SVP für Ständemehr; SP, Grüne, GLP dagegen; Mitte und FDP intern gespalten (FDP lehnt mit 55 % ab)
- Einigungskonferenz: 26 Parlamentarier (je 13 aus National- und Ständerat) entscheiden bei Patt
- Stichenteids-Nachteil: Präsidenten der Ausenpolitischen Kommissionen (Sibel Arslan, Grüne; Carlo Sommaruga, SP) sprechen beide gegen Ständemehr
- ⚠️ Offen: Welche Mitte- und FDP-Vertreter werden in Einigungskonferenz delegiert?
Stakeholder & Betroffene
- Befürworter ohne Ständemehr: Bundesrat, SP, Grüne, GLP, Teile der FDP – streben schnellere, weniger blockierbare Abstimmung an
- Befürworter mit Ständemehr: SVP, kleine/mittlere Kantone – fordern stärkeres Mitspracherecht für föderale Struktur
- Kritische Rolle: Mitte-Partei und einzelne FDP-Vertreter; deren Delegiertenwahl könnte entscheidend sein
- Betroffene Öffentlichkeit: Schweizer Volk und Kantone – ihre demokratische Mitsprache wird durch parlamentarisches Verfahren hinter verschlossenen Türen vorbestimmt
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Klare Entscheidungsstrukturen: Einigungskonferenz-Modell verhindert Dauerstau | Demokratisches Defizit: 26 Personen treffen Entscheidung ohne öffentliche Debatte |
| Transparente Parteipositionierung: Klare ideologische Trennlinien ermöglichen informierte Wahl | Intransparente «Endstation»: Hinter geschlossenen Türen keine Öffentlichkeit, keine Nachverhandlung möglich |
| Planungssicherheit für EU-Verhandlungen: Frühzeitige Klärung des Abstimmungsmodus | Legitimationskrise: Unbefriedigende Lösung könnte Akzeptanz der Verträge untergraben |
| Föderales Prinzip gestärkt (bei Ständemehr): Kantone erhalten grösseres Mitspracherecht | Populistische Mobilisierung: Gegner könnten Undurchsichtigkeit des Prozesses instrumentalisieren |
Handlungsrelevanz
Für Entscheidungsträger:
- Sofort: Klärung, wie die Mitte-Partei und einzelne FDP-Vertreter ihre Delegierten in APK und potenzielle Einigungskonferenz wählen
- Parallel: Öffentliche Debatte über Legitimation und Transparenz von Einigungskonferenzen initiieren – jetzt, nicht erst nach Entscheidung
- Präventiv: Alle Parteien sollten ihre interne Positionierung zum Ständemehr klären, um Überraschungen zu minimieren
- Strategisch: Beobachten, wie Bundesrat weitere EU-Verhandlungen vorbereitet (Liste mit Lohnschutz, Zuwanderung, Strom, Rechtsübernahme)
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft (Parteipositionierung, Quorum-Schätzung, Kommissionsstruktur)
- [x] Unbestätigte Daten mit ⚠️ gekennzeichnet (Delegiertenwahl Mitte/FDP)
- [x] Informationslücken transparent gemacht (z. B. welche Kammer zuerst berät)
- [x] Bias-Kennzeichnung: Artikel stellt Szenario eines Patt als realistisch dar, ohne Alternative zu bewerten
Ergänzende Recherche
Bundeskanzlei – Ständemehr & Referendumsvoraussetzungen:
Offizielle Erläuterungen zu verfassungsrechtlicher Grundlage und PraxisParlament.ch – Einigungskonferenz-Verfahren:
Geschäftsreglemente und historische Beispiele von DeadlocksKonträr-Sicht – Netzwerk Europa (Pro Ständemehr):
Argumente für föderales Korrektiv bei EU-VerträgenForschung Universität Bern/Zürich:
Studien zur demokratischen Legitimation von Einigungskonferenzen
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
Fabian Schäfer: EU-Verträge: Die Gegner des Ständemehrs sind im Vorteil – Neue Zürcher Zeitung, 09.12.2025
https://www.nzz.ch/schweiz/eu-vertraege-die-gegner-des-staendemehrs-sind-im-vorteil-im-parlament-koennte-eine-kleine-gruppe-den-ausschlag-geben-hinter-verschlossener-tuer-ld.1915045
Verifizierungsstatus: ✓ Fakten und Parteipositionierungen am 09.12.2025 geprüft
Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 09.12.2025