Kurzfassung
Nach fast zwei Jahrzehnten gescheiterter Entwicklung plant Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider eine Neuauflage des elektronischen Patientendossiers (EPD) unter dem Namen Elektronisches Gesundheitsdossier (EGD). Das neue System soll automatisch für alle Schweizer Bürger mit Widerspruchsmöglichkeit eingerichtet werden, statt auf Freiwilligkeit zu setzen. Experten wie Samuel Eglin und Felix Schneuwly warnen jedoch vor ähnlichen Problemen wie beim gescheiterten Vorgänger. Bis Ende Februar 2026 verfügten nur 133.000 Personen (1,4 Prozent der Bevölkerung) über ein EPD – weit entfernt von der kritischen Masse von 30 Prozent für wirksame Netzwerkeffekte. Die Gesundheitskommission des Nationalrats befasst sich in den kommenden Tagen erstmals mit der Vorlage.
Personen
- Elisabeth Baume-Schneider (Bundesrätin, Gesundheitsministerin)
- Samuel Eglin (ehemaliger Geschäftsführer Axsana AG)
- Felix Schneuwly (Leiter Public Affairs Comparis)
Themen
- Digitalisierung Gesundheitswesen
- Elektronisches Patientendossier
- Datenschutz und Datensouveränität
- Gesundheitspolitik Schweiz
Clarus Lead
Das zentrale Dilemma von Baume-Schneiders Reformvorhaben liegt im strukturellen Widerspruch zwischen politischer Akzeptanzfähigkeit und technischem Erfolg: Während der Bundesrat auf Freiwilligkeit setzt – gestützt auf die knappe E-ID-Abstimmung von 2025 – warnen Experten, dass genau diese Freiwilligkeit das Projekt zum Scheitern bringt. Die geplante Widerspruchslösung mit obligatorischer Vorinformation widerspreche sich selbst und verursache Millionenkosten ohne Mehrwert. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Umfrage steigende Akzeptanz für zentrale Gesundheitsdatenspeicherung (72 Prozent mit Vorbehalt oder uneingeschränkt), was einen möglichen Ausweg signalisiert – wenn die Politik den Mut aufbringt.
Detaillierte Zusammenfassung
Das Kernproblem liegt in der fehlenden kritischen Masse. Systeme zur elektronischen Patientenaktenführung erreichen erst bei etwa 30 Prozent Abdeckung nennenswerte Netzwerkeffekte, von denen Ärzte, Spitäler und die Gesamtversorgung profitieren. Das alte EPD scheiterte u. a., weil Patienten freiwillig mitmachen konnten und ambulante Leistungserbringer nicht verpflichtet waren, auch wenn Spitäler und Pflegeheime legal dazu verpflichtet waren. Die Folge: Dezentrale, fragmentierte Infrastruktur statt integrierter Datenfluss.
Eglin kritisiert die neue Konstruktion als "doppelt genäht": Zwar erhalten alle Bürger automatisch ein Dossier, können es aber jederzeit ablehnen oder löschen. Diese vermeintliche Vereinfachung durch Widerspruchslösung kostet laut Eglin in der administrativen Umsetzung Millionen und führt zu Verwirrung statt Effizienzgewinn. Ein weiterer Schwachpunkt ist die Patient-Datenhoheit: Solange Patienten selbst entscheiden können, welche Behandlungsdaten freigegeben werden, funktioniere das System nur als "kostenloses Dropbox für Bürger", nicht als verlässliche Informationsquelle für Leistungserbringer. Eglin fordert stattdessen ein Solidaritätsprinzip: Wer vom kollektiv finanzierten Gesundheitswesen profitiert, soll auch alle behandlungsrelevanten Daten zugänglich machen müssen.
Schneuwly geht noch radikaler vor und plädiert dafür, das staatliche Patientendossier vorerst zu versenken. Stattdessen soll sich der Bund auf das Projekt Digisanté konzentrieren – die Etablierung verbindlicher digitaler Standards für das gesamte Gesundheitswesen bis 2034. Das EGD sei nur "nice to have", echte Effizienzgewinne entstünden aber erst durch zentrale Standardisierung. Als Vorbild verweist Schneuwly auf Dänemark: Das Land verfügt über ein nationales System mit eigener Behörde (Danish Health Data Authority), zentraler Plattform, obligatorischer Teilnahme und nahezu 100 Prozent Abdeckung. Dänemark ahndet ungerechtfertigte Datenzugriffe mit Geldstrafen bis hin zu Freiheitsstrafen und überwacht alle Zugriffe lückenlos.
Ein vorsichtiges politisches Zeichen kommt aus der Bevölkerung: Eine GfS-Umfrage zeigt, dass 72 Prozent der Schweizer einer elektronischen Gesundheitsdatenspeicherung zumindest tendenziell zustimmen (25 Prozent uneingeschränkt, 47 Prozent tendenziell). Das Lager der Gegner und Unentschlossenen schrumpfte auf 28 Prozent – den kleinsten Wert seit 2020. Schneuwly bleibt aber skeptisch: "Das Volk hat der E-ID nur sehr knapp zugestimmt. Der Widerstand gegen ein obligatorisches Gesundheitsdossier könnte grösser sein."
Kernaussagen
- Das neue EGD reproduziert das Kernproblem des gescheiterten EPD: mangelnde kritische Masse durch Freiwilligkeit für Patienten und Leistungserbringer
- Die geplante Widerspruchslösung ist administrativ teuer, bringt keinen Mehrwert und schafft Verwirrung statt Klarheit
- Experten fordern stattdessen zentrale, obligatorische Systeme nach dänischem Vorbild oder Priorisierung von digitalen Standardisierungen über Patientendossiers
- Die Bevölkerung akzeptiert zentrale Gesundheitsdatenspeicherung zunehmend (72 Prozent), könnte aber bei obligatorischen Lösungen politisch mobilisieren
Kritische Fragen
Evidenz: Wie begründet der Bundesrat, dass ein Widerspruchsmodell erfolgreicher sein soll als das reine Opt-in des EPD, wenn die GfS-Umfrage zeigt, dass auch 2025 noch 28 Prozent skeptisch sind?
Datenqualität: Wenn Patienten selbst entscheiden können, welche Daten im EGD stehen, auf welcher faktischen Grundlage evaluiert der Bundesrat, dass das System seine Effizienzversprechen erfüllt?
Interessenskonflikte: Welche Rolle spielen Leistungserbringer (Spitäler, Ärzte), die vom EPD-Zwang profitieren könnten, bei der Gestaltung des EGD-Designs?
Kausalität: Ist tatsächlich die Freiwilligkeit oder nicht eher die dezentrale, incompatible Infrastruktur der Grund für das EPD-Scheitern – und adressiert EGD diesen primären Fehler?
Alternativen: Wie prüfte der Bundesrat die Schneuwly-Option, erst Digisanté-Standards zu etablieren, bevor ein Dossier-System aufsetzt?
Kosten-Nutzen: Mit welchem ROI rechnet der Bund beim EGD-Rollout, wenn nur 1,4 Prozent das EPD nutzen und selbst 30 Prozent vielen Systemen nicht reicht?
Umsetzbarkeit: Welche Kontrollmechanismen gegen Datenmissbrauch plant der Bund (analog zu Dänemarks Strafkatalog), um die GfS-Akzeptanzgewinne nicht zu verspielen?
Quellenverzeichnis
Primärquelle: Andri Rostetter: Digitale Patientenakte: Warum Baume-Schneiders Pläne kritisiert werden – Neue Zürcher Zeitung, 13.04.2026 – https://www.nzz.ch/schweiz/digitale-patientenakte-warum-baume-schneiders-plaene-kritisiert-werden-ld.1931320
Verifizierungsstatus: ✓ 13.04.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 13.04.2026