Kurzfassung
Die AfD positioniert sich 2026 als Kraft des wirtschaftlichen Wandels mit Versprechen von Steuersenkungen, Rentensteigerungen und Rückkehr zu russischem Gas. Doch führende Ökonomen wie Knut Bergmann vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bezeichnen das Programm als „wirtschaftspolitisches Gift" und „widersprüchliche Parolen". Die Partei verspricht massiv höhere Ausgaben bei gleichzeitig drastisch senkenden Einnahmen – eine Rechnung, die nicht aufgeht.
Personen
- Leif-Erik Holm – Wirtschaftspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion
- Knut Bergmann – Ökonom, Institut der deutschen Wirtschaft
- Marcel Fratzscher – Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
Themen
- Finanzierbarkeit des AfD-Wirtschaftsprogramms
- Energiepolitik und Rückkehr zu russischem Gas
- Migration und Remigration
- EU-Austritt und seine wirtschaftlichen Folgen
- Steuerpolitik und soziale Gerechtigkeit
Detaillierte Zusammenfassung
Kontext und Wahljahr 2026
Der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD, Leif-Erik Holm, betont in Gesprächen mit der NZZ am Sonntag das zentrale Thema seiner Partei: „Befreiung" durch weniger Staat, weniger Steuern und weniger Bürokratie. Das Jahr 2026 soll für die AfD ein Durchbruchjahr werden – fünf Landtagswahlen stehen an, und Umfragen deuten auf erhebliche Gewinne hin. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz könnte die Partei von unter 10 auf über 20 Prozent zulegen. Besonders bedeutsam sind die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September, wo die AfD mit 40 bzw. 38 Prozent gemessen wird – der mit Abstand stärksten Kraft gleichkommt. Eine Mehrheit der Deutschen (53 Prozent) rechnet damit, dass es 2026 einen AfD-Ministerpräsidenten geben wird.
Das Versprechen: Entlastung in jeder Hinsicht
Das AfD-Sofortprogramm, genannt „Deutschlandplan", verspricht ein „Entfesselungsprogramm" für die Wirtschaft. Holm konkretisiert dies: Senkung von Stromsteuer, Lohn- und Einkommenssteuer sowie Körperschaftssteuer. Gleichzeitig soll die Rente perspektivisch auf 70 Prozent des Einkommens angehoben werden – gegenüber dem aktuellen Niveau von 48 Prozent. Die schwarz-rote Koalition hätte laut Artikel über die damit verbundenen Kosten von bis zu 15 Milliarden Euro pro Jahr fast zerbrochen.
Kritik: Widersprüchliche Rechnung
Knut Bergmann vom IW nennt das Programm „eine Ansammlung an wirtschaftspolitischem Gift". Zwar räumt er ein, dass einzelne Punkte ökonomisch sinnvoll sein können, doch im Ganzen sei es „widersprüchlich, nicht konsistent und ökonomisch schädlich". Die zentrale Kritik: Einnahmen massiv runter, Ausgaben massiv rauf. Bergmann konstatiert, dass dies auf der „Überholspur in Richtung Staatsbankrott" führe.
Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die AfD wolle gleichzeitig mehr Geld ausgeben, Steuern massiv senken und die Schuldenbremse einhalten – unmöglich finanzierbar. Fratzscher charakterisiert das Programm nicht als echtes Konzept, sondern als „lose Sammlung widersprüchlicher Parolen".
Energiepolitik: Rückkehr zu Kernkraft und russischem Gas
Die AfD macht die Energiewende verantwortlich für hohe Energiepreise und bezeichnet sie als „Irrsinn, der hinten und vorne nicht funktioniert". Die Lösung: Rückkehr zur Kernkraft und zu russischem Gas. Holm argumentiert, dass Deutschland der „energiepolitische Geisterfahrer in Europa" sei, und bezeichnet russisches Gas als „konkurrenzlos günstig". Nach Ende des Krieges soll die beschädigte Nord-Stream-Pipeline repariert werden.
Bergmann hält diesen Plan für „ökonomisch wie geopolitisch absurd". Deutschland könne sich nicht von einem kriegführenden Staat abhängig machen. Das DIW warnt vor Milliardeninvestitionen durch Rückabwicklung der Energiewende. Fratzscher spricht von „Inkompetenz oder bewusster Irreführung" – erneuerbare Energien als ineffizient darzustellen sei schlicht falsch.
Migration: Abschreckung statt Integration
Die AfD nutzt Schlagworte wie „Remigration" regelmässig für Publicity. Experten warnen, dass solche migrationsfeindliche Rhetorik bereits qualifizierte Zuwanderer abschrecke. Bergmann weist darauf hin, dass ohne Zuwanderung der letzten Jahre viele ostdeutsche Regionen kein Beschäftigungswachstum erlebt hätten. Fratzscher kritisiert, dass die AfD-Wirtschaftspolitik „die Grundpfeiler des Erfolgs – Offenheit, Industrie, Mittelstand – zerstört". Das Münchner Ifo-Institut warnt vor einer „Politik der Abschottung", die „den Wohlstand um Jahrzehnte zurückwerfen" könnte.
EU-Austritt: Ökonomischer Super-GAU
Holm lehnt die „EU in ihrer jetzigen Form" ab und fordert eine Rückkehr zu einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Doch Bergmann argumentiert, dass der EU-Austritt die logische Folge wäre – und das sei „ökonomischer Wahnsinn". Laut IW-Berechnungen würde dieser Schritt 690 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung kosten und bis zu 2,5 Millionen Arbeitsplätze vernichten.
Fratzscher nennt den „Dexit" einen „ökonomischen Super-GAU", der Lieferketten zerstöre, Exporte einbrechen lasse und Deutschland in Deindustrialisierung treibe. Eine aktuelle IW-Studie zeigt, dass knapp 70 Prozent der deutschen Ausfuhren auf europäische Handelspartner entfallen – Europas Bedeutung ist unter Trump's Zöllen und angespannten China-Beziehungen weiter gestiegen.
Steuerpolitik: Paradoxe Gerechtigkeit
Die AfD inszeniert sich als Partei der hart arbeitenden „kleinen Leute", doch Bergmann zeigt, dass die Steuerpläne in Wahrheit die Wohlhabenden begünstigen: Abschaffung der Erbschaftssteuer, Senkung der Körperschaftssteuer, Entlastung von Spitzenverdienern. Fratzscher nennt dies das „AfD-Paradoxon": Eine Partei, die für Benachteiligte kämpfen vorgibt, während sie „die grössten Geschenke an Reiche und Grossunternehmer verteilt".
Kernaussagen
Die AfD verspricht eine „Entfesselung" der Wirtschaft durch Steuersenkungen, Rentensteigerungen und Deregulierung, doch führende Ökonomen halten das Programm für finanzierbar unmöglich und wirtschaftlich schädlich.
Das zentrale Problem: Massiv sinkende Einnahmen bei gleichzeitig massiv steigenden Ausgaben führen geradewegs in die Staatsbankrott-Szenario, so Bergmann und Fratzscher.
Die geplante Rückkehr zu russischem Gas und Kernkraft wird als geopolitisch absurd und teuer kritisiert; erneuerbare Energien seien nicht ineffizient, sondern zentral für Wettbewerbsfähigkeit.
Die migrationsfeindliche Rhetorik der AfD schreckt bereits qualifizierte Fachkräfte ab, die für das Wirtschaftswachstum besonders in Ostdeutschland notwendig sind.
Ein EU-Austritt würde laut Berechnungen 690 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung kosten und bis zu 2,5 Millionen Arbeitsplätze vernichten – europäische Märkte sind für 70 Prozent der deutschen Exporte zentral.
Die AfD-Steuerpläne begünstigen faktisch Wohlhabende und Grossunternehmer, nicht die „kleinen Leute", die die Partei zu vertreten behauptet.
Experten charakterisieren das AfD-Wirtschaftsprogramm als „Sammlung widersprüchlicher Parolen" ohne echte realistische Finanzierung oder ökonomische Konsistenz.
Metadaten
Sprache: DeutschPublikationsdatum: 04.01.2026
Quelle: https://www.nzz.ch/international/2026-ist-das-jahr-der-afd-aber-koennen-sie-wirklich-regieren-ein-blick-auf-das-wirtschaftsprogramm-ld.1918418
Autor: Michael Radunski, Berlin
Textlänge: ~8.500 Zeichen