snb wenn gutes geld verschwindet 20260123 de

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Wenn gutes Geld verschwindet – was dieses CBDC‑Experiment wirklich zeigt

Ein kritischer Blick auf ein SNB‑Working Paper Zentralbankdigitale Währung und Greshams Gesetz: Eine experimentelle Analyse

Die Schweizerische Nationalbank lässt forschen. Im Working Paper „Central Bank Digital Currency and Gresham’s Law: An experimental analysis“ (SNB Working Papers 3/2026) untersuchen die Autoren in einem Laborexperiment eine alte geldtheoretische These mit neuer technischer Verpackung: Greshams Gesetz – schlechtes Geld verdrängt gutes.

Die zentrale Botschaft des Papiers ist schnell erzählt: Wenn eine risikofreie digitale Zentralbankwährung (CBDC) neben risikobehafteten Bankeinlagen existiert, neigen Menschen dazu, das sichere Geld zu horten und das riskantere Geld auszugeben. Begrenzungen wie Halteobergrenzen oder negative Zinsen sollen dieses Verhalten korrigieren – mit fragwürdigen Nebenwirkungen.

Doch wie belastbar sind diese Schlussfolgerungen? Und was sagen sie nicht?


Kurzfassung der Ergebnisse

Im Experiment stehen sich zwei Geldformen gegenüber:

  • Konto A: risikofrei (CBDC‑Analogon)
  • Konto B: risikobehaftet (Bankeinlage mit Ausfallrisiko)

Die wichtigsten Befunde:

  • Ohne Einschränkungen wird das risikofreie Geld gehalten und auch genutzt.
  • Mit Halteobergrenzen wird das sichere Geld fast ausschliesslich gehortet, Zahlungen erfolgen über das riskante Geld.
  • Mit negativen Zinsen wird das sichere Geld weniger gehortet – aber immer noch eher als Wertaufbewahrungsmittel denn als Zahlungsmittel.

Die Autoren folgern daraus: In einem System mit überwiegend riskanten Bankeinlagen sei es „besser“, das Zahlungssystem auf diesen riskanten Einlagen aufzubauen – nicht auf CBDC.

Das ist eine starke These. Vielleicht zu stark.


Die kritischen Fragen, die sich aufdrängen

1. Wird hier nicht ein politisches Ziel experimentell abgesichert?

Das Paper beginnt mit einer impliziten Prämisse: CBDC ist gefährlich für Banken, weil sie Einlagen abziehen könnte. Das Experiment testet dann Designoptionen, die genau dieses Risiko minimieren sollen.

Kritische Frage:

Ist das Experiment ergebnisoffen – oder sucht es experimentelle Legitimation für bereits feststehende geldpolitische Leitplanken?


2. Wie realistisch ist das Menschenbild im Labor?

Die Versuchsteilnehmer sind Studierende in einer stark vereinfachten Ökonomie:

  • Zwei Akteure
  • Feste Preise
  • Keine Alternativen wie Bargeld, Krypto, Stablecoins
  • Keine institutionelle Absicherung von Bankeinlagen

Kritische Frage:

Lässt sich aus einem solchen Setting wirklich auf das Verhalten von Haushalten und Unternehmen in einer komplexen Volkswirtschaft schliessen?

Oder anders: Verhalten sich Menschen im echten Leben wirklich wie Laboragenten mit Excel‑Logik?


3. Wird Risiko künstlich überzeichnet?

Das Risiko von Konto B ist drastisch: 10 % Wahrscheinlichkeit pro Periode, 50 % Verlust.

Kritische Frage:

Spiegelt dieses Risikoprofil reale Bankeinlagen wider – oder erzeugt es bewusst ein dramatisches Kontrastbild zur risikofreien CBDC?

In der Realität existieren:

  • Einlagensicherung
  • implizite Staatsgarantien
  • Bankenrettungen

All das fehlt im Experiment – und verschiebt die Ergebnisse systematisch.


4. Wird „Zahlungsmittel“ mit „Opfergeld“ verwechselt?

Wenn Menschen gezwungen sind, mit riskanterem Geld zu zahlen, während sie das sichere Geld horten, ist das dann ein funktionierendes Zahlungssystem?

Oder eher:

Ein System, in dem Bürger rational versuchen, Verluste zu vermeiden – auf Kosten von Stabilität und Vertrauen?

Die Autoren interpretieren das Ausgeben riskanter Einlagen als Bestätigung von Greshams Gesetz. Man könnte es aber auch als Misstrauenssignal lesen.


5. Ist eine absichtlich unattraktive CBDC demokratisch legitim?

Das Paper diskutiert:

  • Halteobergrenzen
  • negative Zinsen

Beides sind Zwangsinstrumente, um ein eigentlich attraktives öffentliches Geld künstlich unattraktiv zu machen.

Kritische Frage:

Warum sollte der Staat ein Zahlungsmittel schaffen, das absichtlich schlechter ist als private Alternativen?

Und weiter:

Wer entscheidet, wie viel „gutes Geld“ Bürger besitzen dürfen?


6. Wird Greshams Gesetz überdehnt?

Greshams Gesetz entstand unter Metallgeldregimen mit staatlich fixierten Wechselkursen. Ob es 1:1 auf digitale Geldformen übertragbar ist, ist umstritten.

Kritische Frage:

Handelt es sich hier um ein zeitloses ökonomisches Gesetz – oder um eine bequeme Metapher, die politische Entscheidungen legitimiert?


Die unbequeme Schlussfolgerung

Das Paper zeigt vor allem eines sehr deutlich:

Eine gut gestaltete CBDC wäre zu attraktiv.

Und genau deshalb, so die implizite Logik, darf sie es nicht sein.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf, die im Paper nicht gestellt wird:

Dient das Geldsystem primär der Stabilität von Banken – oder den Nutzern des Geldes?

Solange diese Frage nicht offen diskutiert wird, bleiben Experimente wie dieses technisch sauber, aber politisch unvollständig.


Fazit

Das SNB‑Working Paper ist methodisch interessant und sauber gearbeitet. Doch seine Interpretation ist normativ aufgeladen. Es zeigt weniger, was CBDC zwingend bewirkt, sondern vielmehr, wovor Zentralbanken Angst haben.

Für eine echte gesellschaftliche Debatte über digitales Zentralbankgeld braucht es mehr als Laborexperimente:

  • reale Nutzungsszenarien
  • Alternativen jenseits des Bankensystems
  • und vor allem: politische Ehrlichkeit über Zielkonflikte

Denn gutes Geld verschwindet nicht von selbst.

Es wird verdrängt – oder absichtlich klein gehalten.