Kurzfassung

Eine experimentelle Studie untersucht die Auswirkungen von digitalen Zentralbankwährungen (CBDC) auf das Zahlungsverhalten in einem Bankensystem mit risikofreiem und riskantem Geld. Die Forschung basiert auf Greshams Gesetz, das prognostiziert, dass Menschen risikofreie Währungen horten und risikobehaftetes Geld zum Bezahlen verwenden. Die Laborexperimente mit 120 Teilnehmern zeigen: Ohne Beschränkungen nutzen Menschen risikofreie Konten sowohl zum Sparen als auch zum Zahlen. Mit Obergrenzen oder negativen Zinssätzen horten sie jedoch risikofreie Guthaben und zahlen bevorzugt mit riskantem Bankgeld – ein Phänomen mit erheblichen Konsequenzen für das Bankensystem.

Personen

Themen

  • Zentralbankdigitale Währungen (CBDC)
  • Greshams Gesetz
  • Zahlungsverhalten und Hortung
  • Bankenrisikosteuerung
  • Experimentelle Wirtschaftsforschung

Detaillierte Zusammenfassung

Das moderne Bankensystem basiert auf zwei Geldarten: risikofreiem Zentralbankgeld (Banknoten) und riskantem Bankgeld (Einlagen bei Geschäftsbanken). Die digitalisierung von Zentralbankgeld in Form von CBDC würde risikofreies Geld so bequem wie Bankeinlagen machen – mit potenziell destabilisierenden Folgen.

Das Kernproblem: Wenn Haushalte ohne Einschränkungen risikofreies digitales Zentralbankgeld halten könnten, würden sie ihre Einlagen bei Geschäftsbanken massiv reduzieren. Dies könnte den Bankensektor gefährden, da Banken auf Kundeneinlagen für ihre Finanzierungsoperation angewiesen sind.

Die SNB und andere Zentralbanken erwägen daher zwei Limitierungsmechanismen:

  1. Obergrenzen für CBDC-Bestände pro Person
  2. Negative Zinssätze auf digitales Zentralbankgeld

Experimentelles Design: Das Laborexperiment mit 120 Teilnehmern (hauptsächlich Studierende der Universität Strassburg) testete sechs verschiedene Szenarien über 42 Perioden hinweg. Jede Periode bestand aus zwei Entscheidungen:

  • Decision 1: Geldallokation zwischen Konto A (risikofrei, wie CBDC) und Konto B (riskant mit 10% Wahrscheinlichkeit eines 50%-Verlusts, wie Bankeinlagen)
  • Decision 2: Wahl des Zahlungskontos bei Transaktionen

Hauptergebnisse nach Szenario:

  1. Szenario X1 (keine Beschränkungen, 0% Zins auf beide Konten):

    • Teilnehmer allozierten 87% ihres Geldes auf Konto A
    • Sie zahlten in 71% der Fälle mit Konto A
    • Interpretation: Risikofreies Geld wird bevorzugt – sowohl zum Sparen als auch zum Zahlen
  2. Szenario Y1 (Obergrenze von 10 ECUS auf Konto A, 0% Zins):

    • Allokation auf Konto A sank auf 21% (erzwungen durch Obergrenze)
    • Zahlungen aus Konto A fielen auf 9%
    • Interpretation: Greshams Gesetz tritt auf – Menschen horten risikofreies Geld und zahlen mit riskantem Bankgeld
  3. Szenario Z1 (negative Zinsrate -5% auf Konto A, keine Obergrenze):

    • Allokation auf Konto A lag bei 41%
    • Zahlungen aus Konto A betrugen 26%
    • Interpretation: Negative Zinsen reduzieren die Nachfrage nach CBDC, fördern aber weiterhin dessen Zahlungsnutzung

Vergleich der Limitierungsmechanismen:

  • Obergrenzen sind effektiver bei der Mengenreduzierung (21% vs. 41%), führen aber zu stärkerer Hortung
  • Negative Zinsen sind weniger restriktiv, ermöglichen aber mehr Zahlungsverkehr mit CBDC

Kernaussagen

  • Greshams Gesetz ist experimentell bestätigt: Risikofreies Geld wird als Wertaufbewahrung gehortet, während riskantes Geld zum Bezahlen verwendet wird – eine jahrhundertealte ökonomische Wahrheit bleibt gültig.

  • CBDC ohne Obergrenzen gefährdet das Bankensystem: Unbegrenztes Angebot digitaler Zentralbankwährung könnte zu massivem Geldabzug aus dem Bankensektor führen.

  • Obergrenzen sind stärker, aber ineffizienter: Sie dämmen die Nachfrage nach CBDC stärker ein, fördern aber auch massive Hortung und Zahlungsunfähigkeit.

  • Negative Zinsen sind ein Kompromiss: Sie ermöglichen weiterhin Zahlungen mit CBDC, während die Nachfrage moderater bleibt.

  • Paradigmenwechsel nötig: Die ECB und andere Zentralbanken sollten CBDC primär als Zahlungsmittel konzipieren, nicht als Sparinstrument – Obergrenzen sind daher unvermeidlich.


Stakeholder & Betroffene

GruppeAuswirkung
GeschäftsbankenRisiko massiver Kundeneinlagenabzüge; Finanzierungskrise; Kreditvergabefähigkeit gefährdet
Zentralbanken (SNB, ECB)Erhöhte Bilanzsummen und Kreditrisiken; Schwierigkeit bei der optimalen CBDC-Gestaltung
PrivathaushaltePotenziell bessere Zahlungsmittel; aber Hortungsanreize reduzieren tatsächliche Zahlungsnutzung
UnternehmenAbhängigkeit von Bankensystem bleibt kritisch; Kreditkosten könnten steigen

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Sichereres Zahlungsmittel ohne AusfallrisikoDestabilisierung des Bankensystems durch Einlagenabzug
Schnellere Digitalisierung des ZahlungsverkehrsGresham-Effekt: CBDC wird gehortet statt verwendet
Bessere Kontrolle durch Zentralbanken möglichNegative Auswirkungen auf Kreditvergabe und Konjunktur
Reduktion von BargeldmissbrauchPrivacy-Bedenken bei digitaler Vollüberwachung

Handlungsrelevanz

Für Zentralbanken:

  1. CBDC-Design überdenken: Nicht als universelles Sparinstrument, sondern gezielt als Zahlungsmittel konzipieren
  2. Obergrenzen implementieren: Aktuell unvermeidbar – aber transparent kommunizieren
  3. Negative Zinsen erwägen: Als flexiblere Alternative zu starre Grenzen; empirische Kalibrierung erforderlich
  4. Bankensystem stabilisieren: Parallel kompensatorische Massnahmen für Geschäftsbanken vorbereiten (z.B. Zentralbankfazilitäten)

Für Regulierer:

  1. Monitoring der Einlageabflüsse bei CBDC-Einführung
  2. Makroprudenzielle Werkzeuge zur Risikosteuerung präparieren
  3. Kommunikationsstrategie zur Vertrauensstabilität entwickeln

Für Geschäftsbanken:

  1. Geschäftsmodelle überprüfen; weniger Abhängigkeit von Masseinlagenfinanzierung anstreben
  2. Alternative Finanzierungsquellen entwickeln

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft
  • [x] Experimentelle Methodik validiert (6 Sesionen à 20 Teilnehmer, 42 Perioden pro Session)
  • [x] Theoretische Gleichgewichtsvorhersagen korrekt interpretiert
  • [ ] ⚠️ Externe Validität: Laborexperiment mit Studierenden; Übertragung auf reale Märkte begrenzt
  • [x] Keine erkannten politischen Verzerrungen in der Darstellung

Ergänzende Recherche

  1. ECB Digital Euro Project – Offizielle Dokumentation zur geplanten CBDC-Architektur und Obergrenzensystemen
  2. Bundesbank-Studien zu CBDC-Risiken – Nationale Perspektive auf Bankenstabilität
  3. Bank for International Settlements (BIS) CBDC-Tracking – Überblick über weltweit geplante CBDC-Systeme und deren Design-Parameter

Quellenverzeichnis

Primärquelle:
Baeriswyl, R., Boun My, K., & Cornand, C. (2026). Central Bank Digital Currency and Gresham's law: An experimental analysis. SNB Working Paper 2026/03. https://www.snb.ch/en/publications/research/working-papers/2026/working_paper_2026_03

Ergänzende Quellen:

  1. ECB (2023). Digital Euro - Project update. European Central Bank
  2. Keister, T., & Sanches, D. (2023). Should central banks issue digital currency? Review of Economic Studies
  3. Camera, G. (2024). Interest-bearing money and monetary trade. Experimental Economics

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 23.01.2026


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 23.01.2026
Quellenangabe: SNB Working Paper Nr. 2026/03