Schweizer Wald im Klimawandel: Wer profitiert, wer verliert – und was die Politik versäumt

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clarus.news | Analyse | 17. Mai 2026

Von Thierry Leserf, mit analytischer Unterstützung durch Claude Opus (Anthropic)

Der Waldbericht 2025 von BAFU und WSL zeichnet ein Bild, das die Schweiz nur ungern hört: Fichte, Buche, Tanne und Esche – vier der wichtigsten Baumarten – verlieren in tiefen und mittleren Lagen ihre klimatische Heimat. Die Eiche profitiert, die Edelkastanie im Tessin und die Waldföhre im Wallis sterben weg. Hinter den unmittelbaren Klimafolgen wirken zwei Verstärker, die kaum jemand auf der Rechnung hat: importierte Schaderreger und Stickstoff aus der Landwirtschaft. Frankreich diskutiert seit Jahren über die strategische Bedeutung von Wald. Die Schweiz publiziert Berichte – und überlässt die Umsetzung den Kantonen.


1,8 Grad – und das ist erst der Anfang

Die Schweiz hat sich seit Beginn der MeteoSchweiz-Aufzeichnungen 1864 um rund 1,8 Grad erwärmt – etwa doppelt so stark wie der globale Durchschnitt. Im Jahrzehnt 2011 bis 2020 lag die mittlere Temperatur bereits 2,5 Grad über vorindustriellem Niveau. Beim mittleren A1B-Emissionsszenario, auf das BAFU und WSL ihre Waldprognosen stützen, ist bis Ende des Jahrhunderts mit weiteren 3,3 Grad gegenüber 1980–2009 zu rechnen. Im Sommer steigt die Temperatur besonders stark: In der Region «Alpen West» modellieren die Wissenschafter eine Sommererwärmung um 4,5 Grad.

Entscheidender für den Wald als die mittlere Erwärmung ist jedoch die Saisonalität der Niederschläge. Während die jährliche Niederschlagsmenge in der Schweiz nur wenig sinken dürfte, brechen die Sommerregen ein: minus 24 Prozent in der Nordwestschweiz, minus 23 Prozent in der Südschweiz bis Ende des Jahrhunderts. Längere Trockenperioden werden zur Normalität. Das Verhältnis von aktueller zu potenzieller Evapotranspiration – das massgebliche Mass für die Wasserverfügbarkeit – fällt im Mittelland und im Tessin unter den kritischen Wert von 0,8, ab dem Bäume ihre Spaltöffnungen schliessen und die Fotosynthese einstellen müssen.

Die Verlierer: Fichte, Buche, Tanne, Esche

Die Fichte ist mit 37 Prozent die mit Abstand häufigste Baumart im Schweizer Wald – und sie verliert am stärksten. Während ihr heute fast die gesamte waldfähige Schweiz als Habitat dient, modellieren WSL-Forscher um Niklaus Zimmermann für die zweite Hälfte des Jahrhunderts ein Rückzugsgebiet, das auf die höheren Lagen der Alpen, Voralpen, des Jura und des Tessins beschränkt bleibt. In den tieferen Lagen zeigt die Fichte schon heute rückläufiges Bestandeswachstum. Hinzu kommt ein Verstärker: Der Buchdrucker, das wichtigste Schadinsekt im Schweizer Wald, profitiert direkt von den steigenden Temperaturen. Im Mittelland wird Ende des Jahrhunderts mit drei Käfergenerationen pro Jahr zu rechnen sein – ein Wert, der bisher nur im Jahrhundertsommer 2003 erreicht wurde.

Die Buche (18 Prozent Bestandesanteil) trifft es im Mittelland besonders hart. Die Modellierung sagt für das Schweizer Mittelland ein Klima voraus, unter dem die Buche heute nirgendwo in der Schweiz oder im nahen Ausland wächst. Die Tanne (11 Prozent) zeigt ein ähnliches Bild, wobei die Forschung hier zu pessimistisch sein könnte: Vor einigen tausend Jahren wuchs die Weisstanne unter wärmeren und trockeneren Bedingungen und dürfte erst durch menschlich verursachte Feuer aus vielen Wäldern verschwunden sein.

Der dramatischste Fall ist die Esche. Sie war noch vor 15 Jahren die zweithäufigste Laubbaumart der Schweiz – heute steht sie auf Platz drei. Das hat allerdings nichts mit dem Klima direkt zu tun, sondern mit dem Eschentriebsterben (siehe unten). Auch die Edelkastanie im Tessin und die Waldföhre in den Walliser und Bündner Trockentälern zeigen bereits heute eine erhöhte trockenheitsbedingte Mortalität.

Die Gewinner: Eichen und Trockenheitsspezialisten

Die Traubeneiche und andere Eichen-Arten gehören zu den klaren Klimagewinnern. Sie sind trockenheitstoleranter und können bei steigenden Temperaturen in grössere Höhen vorstossen. Auch der im Jurabogen vorkommende schneeballblättrige Ahorn (Acer opalus) dürfte sein Areal vergrössern. Die kolline Vegetationshöhenstufe – heute fast nur im Raum Genf–Lausanne und im Rhonetal anzutreffen – breitet sich vorab im Mittelland aus. Stark expandieren wird die submontane Stufe, die bis Ende des Jahrhunderts weit ins Voralpengebiet vorstossen und die Jurakämme fast vollständig überspannen dürfte.

Zusätzlich rücken nicht invasive gebietsfremde Baumarten in den Fokus. Der Waldbericht 2025 nennt explizit Schwarzföhre, Douglasie, Roteiche und Strobe (Weymouth-Kiefer) als Optionen für die forstwirtschaftliche Anpassung. Ihr Anteil ist heute klein, doch er dürfte zunehmen.

Die indirekten Treiber: Stickstoff, Pilze, globaler Handel

Wer den Schweizer Wald nur als Opfer des Klimawandels beschreibt, übersieht zwei strukturelle Belastungen, die das BAFU im Waldbericht 2025 klar benennt: Stickstoffeinträge und invasive Schadorganismen.

Die Stickstoffeinträge stammen vor allem aus der Landwirtschaft, ergänzt durch den Verkehr. Sie schwächen das Wurzelwachstum der Bäume und damit deren Standfestigkeit. Stickstoffliebende Pflanzen wie die Brombeere überwuchern den Waldboden, erschweren die Pflege und behindern die Verjüngung. Die kritischen Belastungsgrenzen (Critical Loads) werden in weiten Teilen des Schweizer Waldes überschritten – ein Befund, der seit Jahren bekannt ist und politisch ohne Konsequenz bleibt. Auch beim Ozon zeigt sich ein irreführendes Bild: Die Spitzenkonzentrationen sinken seit 1980, doch die mittlere Belastung steigt tendenziell. Im Tessin werden die höchsten Ozonwerte der Schweiz gemessen.

Der zweite indirekte Treiber ist der globale Warenhandel. Mit ihm gelangen invasive Pilze, Käfer und Pflanzen in die Schweiz, die hier keine natürlichen Gegenspieler haben. Die Liste ist lang: Eschentriebsterben, Rotbandkrankheit der Föhre, Götterbaum, Asiatischer Laubholzbockkäfer. Bei Holzverpackungen schreibt der internationale Standard ISPM 15 zwar eine Hitze- oder Gasbehandlung vor – wirklich gestoppt hat das die Einschleppung nicht.

Eschentriebsterben: Wenn die Globalisierung den Wald frisst

Der dramatischste Fall ist das Eschentriebsterben, verursacht durch den aus Ostasien stammenden Pilz Hymenoscyphus fraxineus («Falsches Weisses Stängelbecherchen»). Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass nur zwei bis drei Pilz-Genotypen mit importierten asiatischen Eschen nach Polen gelangten – Anfang der 1990er-Jahre. 2008 wurde der Pilz erstmals in der Region Basel festgestellt. 2015 war er in der gesamten Schweiz nachweisbar. Heute sind nach Angaben des BAFU zwischen 90 und 95 Prozent der Schweizer Eschen befallen.

WSL-Forscher Valentin Queloz und Michael Eisenring suchen seit Jahren nach resistenten Eschen-Genotypen. Fünf besonders tolerante Bäume aus den Kantonen Graubünden, St. Gallen, Schwyz und Thurgau gelten als Hoffnungsträger. Doch ein neuer Gegner steht bereits vor der Tür: Der Eschenprachtkäfer (Agrilus planipennis), 2003 im Raum Moskau eingeschleppt, hat die Ukraine und Weissrussland bereits überschritten. Er kappt durch Larvenfrass die Wasserversorgung der Bäume.

Die strukturelle Lehre: Ein einziger eingeschleppter Schaderreger kann eine Baumart in einer Generation um 90 Prozent reduzieren. Klimaanpassung ohne Biosicherheit ist halbherzig.

Was BAFU und WSL fordern

Der Waldbericht 2025 – am 18. März 2025 im Galmwald (FR) von BAFU-Direktorin Katrin Schneeberger präsentiert – formuliert den politischen Handlungsbedarf in fünf Punkten:

  • Förderung zukunftsfähiger, klimaangepasster Baumarten durch gezielte waldbauliche Eingriffe und – wo nötig – Pflanzung statt blosser Naturverjüngung.
  • Erhöhung der Baumarten-, Struktur- und genetischen Vielfalt sowie eine mögliche Verkürzung der Umtriebszeit für klimasensible Bestände.
  • Reduktion des Wildverbisses durch eine konsequentere Regulierung der Wildbestände – ein Punkt, an dem Forstpolitik und Jagdpolitik kantonal aufeinanderprallen.
  • Reduktion der Stressfaktoren: Treibhausgasemissionen, Stickstoffeinträge, Waldbrände, Schadorganismen.
  • Erhalt der Waldfläche in ihrer räumlichen Verteilung – das gesetzliche Walderhaltungsgebot ist beizubehalten.

Die Schutzwald-Bewirtschaftung – 49 Prozent der Schweizer Wälder oder rund 585'000 Hektaren erfüllen eine Schutzfunktion – ist dabei volkswirtschaftlich hocheffizient: Die Pflege einer Hektare Schutzwald kostet über 100 Jahre rund 40'000 Franken, eine technische Lawinenverbauung mit gleicher Wirkung 1 Million Franken. 25 Mal mehr. Der volkswirtschaftliche Nutzen des Schweizer Schutzwaldes wird auf 4 Milliarden Franken pro Jahr veranschlagt, während die öffentliche Hand jährlich rund 150 Millionen Franken investiert.

Die Waldreservatsfläche wurde im letzten Jahrzehnt von 5 auf 7 Prozent der Waldfläche erweitert – Ziel bis 2030 sind 10 Prozent. Die Biodiversität entwickelt sich vorsichtig positiv, vor allem dank zunehmendem Totholz. Doch 13 Prozent der Waldpflanzen und fast die Hälfte der holzbewohnenden Käferarten sind nach wie vor gefährdet.

Fazit: Eine Generationenaufgabe ohne Tempo

Der Schweizer Wald steht «unter Druck wie noch nie», schreibt das BAFU. Die WSL bezeichnet die Anpassungsfähigkeit des Waldes als grösste forstliche Herausforderung der Schweiz. Beides ist korrekt – und beides reicht nicht.

Was im Waldbericht 2025 fehlt, ist eine verbindliche Roadmap mit Deadlines. Die Anpassung der Baumartenzusammensetzung dauert Jahrzehnte – ein neu gepflanzter Baum braucht 80 bis 120 Jahre, bis er erntereif ist. Die klimatischen Bedingungen, an die wir heute anpassen, sind die Bedingungen, die unsere Enkel erleben werden. Wer 2026 nicht pflanzt, hat 2100 keinen Schutzwald.

Auffällig ist das Schweigen zu einer strukturellen Schwäche: Die Waldpolitik ist primär kantonal organisiert, der Bund definiert Rahmenbedingungen. Im Klimawandel führt diese Föderalisierung zu 26 verschiedenen Geschwindigkeiten – während die Borkenkäfer keine Kantonsgrenzen kennen. Eine zentrale Stelle, die ressortübergreifend Migrationspläne einfordert, wie sie Frankreich in der Digitalpolitik mit der DINUM hat, gibt es im Wald nicht.

Die Verlierer-Baumarten sterben nicht morgen. Sie sterben über Jahrzehnte. Genau das macht die politische Tatenlosigkeit so gefährlich: Sie wird erst sichtbar, wenn es zu spät ist.


Dieser Beitrag basiert auf dem Waldbericht 2025 von BAFU und WSL, dem WSL-Merkblatt für die Praxis Nr. 59 «Der Schweizer Wald im Klimawandel» (Allgaier Leuch, Streit, Brang, 2017), der BAFU-Übersicht «Wald und Holz: Das Wichtigste in Kürze» (2022), dem waldwissen.net-Dossier zum Schweizer Wald im Klimawandel sowie publizierten NZZ-Hintergrundartikeln zu Schutzwald und Waldzustand.

Quellen:

  • BAFU / WSL: «Waldbericht 2025. Entwicklung, Zustand und Nutzung des Schweizer Waldes», 18. März 2025 – bafu.admin.ch/waldbericht-2025
  • WSL-Medienmitteilung «Waldbericht 2025: Schweizer Wald unter Anpassungsdruck», 18. März 2025
  • Allgaier Leuch, B.; Streit, K.; Brang, P. (2017): Der Schweizer Wald im Klimawandel: Welche Entwicklungen kommen auf uns zu? Merkblatt für die Praxis 59, WSL Birmensdorf
  • Pluess, A.R.; Augustin, S.; Brang, P. (Red., 2016): Wald im Klimawandel. Grundlagen für Adaptationsstrategien. BAFU/WSL, Haupt Verlag
  • BAFU: «Wald und Holz: Das Wichtigste in Kürze», 20. Dezember 2022
  • BAFU: «Eschentriebsterben» – Faktenblatt zur invasiven gebietsfremden Pilzkrankheit
  • waldwissen.net: «Schweizer Wald im Klimawandel» sowie «Forschung zur Zukunft der Esche» (V. Queloz, M. Eisenring)
  • NZZ: «Mehr Vielfalt im Wald» (M. Hofmann, 28.08.2015) und «Schutzwälder brauchen Verjüngungskur» (P. Schneeberger, 13.08.2016)
  • Forstpraxis: «Schweizer Wald im Klimawandel – Waldbericht 2025» (A. Gröning, 23. März 2025)

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