Kurzfassung
Der abtretende Schweizer Armeechef Thomas Süssli warnt in seinem letzten Interview vor der russischen Bedrohung und kritisiert die mangelnde Wehrhaftigkeit der Schweizer Armee. Mit drastischen Worten macht er klar: Nur ein Drittel der Soldaten ist vollständig ausgerüstet, die Verteidigungsbereitschaft wird erst um 2050 erreicht sein – wenn überhaupt. Süssli plädiert für schnellere Rüstungsinvestitionen und internationale Kooperationen, insbesondere mit der NATO, um die Sicherheit der Schweiz zu gewährleisten.
Personen
- Thomas Süssli – Abtretender Armeechef
- Wladimir Putin – Präsident Russlands
- Lukas Mäder – Interviewer (NZZ)
- Selina Berner – Interviewerin (NZZ)
Themen
- Schweizer Verteidigungsfähigkeit
- Russische Bedrohung und Hybrid Warfare
- Rüstungsausgaben und Finanzierung
- Militärische Digitalisierung und Innovation
- NATO-Interoperabilität
- Milizsystem und Kulturwandel
Detaillierte Zusammenfassung
Bedrohungslage und Sicherheitspolitik
Thomas Süssli betont, dass die Bedrohung durch Russland real und nicht nur eine Prophezeiung ist. Europäische Verteidigungsminister warnen, dass Moskau ab 2028 zu einer weiteren Eskalation mit dem Westen bereit sein könnte. Der Armeechef verweist auf seine Erfahrungen beim Sicherheitsforum in Warschau, wo die Frage nicht mehr laute, ob Russland eine Bedrohung sei, sondern wie man ihr begegne.
Die Schweiz ist bereits Ziel russischer Aktivitäten: Der Schweizer Nachrichtendienst registriert über 80 russische Staatsangehörige mit Bezug zu russischen Geheimdiensten im Land. Cyberangriffe, Desinformation und Spionage finden bereits statt. Während nachweisbare Sabotageakte in der Schweiz bislang ausblieben, dokumentiert Europa über 60 Fälle, die Russland zugeschrieben werden.
Süssli lehnt ein Entweder-oder bei der Sicherheit ab: Militärische Stärke und Cyberabwehr sind gleichermassen erforderlich, wie der Ukraine-Krieg zeigt, wo Panzer, Artillerie und Drohnen gleichzeitig zum Einsatz kommen.
Verteidigungsbereitschaft und Ausstattungsmangel
Das zentrale Problem ist deutlich: Die Schweizer Armee kann sich nicht autonom verteidigen. Nur bei nichtstaatlichen Akteuren und Cyberangriffen ist die Schweiz vorbereitet. Gegen Bedrohungen aus der Distanz oder umfassende Angriffe ist sie nicht gerüstet. Besonders belastend für Süssli ist die Tatsache, dass im Ernstfall nur ein Drittel aller Soldaten vollständig ausgerüstet wäre.
Im derzeitigen Tempo würde die Schweizer Armee erst um 2050 verteidigungsbereit sein – über 20 Jahre zu spät angesichts der aktuellen Bedrohungslage. Das Problem: Alle finanziellen Mittel sind bis 2028/29 gebunden, die Lieferfristen verlängern sich kontinuierlich, und viele Rüstungsfirmen verlangen Vollzahlung vor Lieferung.
Süssli war der erste Armeechef, der diesen Mangel öffentlich so deutlich benannt hat – eine Position, die zunächst auf Irritation stiess, die aber notwendig sei, um Bevölkerung und Politik nicht in falscher Sicherheit zu wiegen.
Wahrnehmung der Bedrohung in der Schweiz
Süssli identifiziert drei Gründe, warum in der Schweiz kein «Ruck» durchs Land gegangen ist:
- Der letzte Krieg auf Schweizer Boden liegt fast 180 Jahre zurück (Sonderbundskrieg 1847), weshalb es keine kollektive Kriegserinnerung gibt – anders als in Estland oder Polen.
- Der Ukraine-Krieg wirkt räumlich fern, obwohl nur zwei Länder (Ungarn und Österreich) zwischen der Schweiz und der Ukraine liegen.
- Die weit verbreitete Vorstellung, dass Neutralität automatisch schütze, ist historisch falsch. Neutralität hat nur Wert, wenn sie mit Waffen verteidigt werden kann.
Das Parlament hat allerdings 2024 gehandelt und den Kreditrahmen um 4 Milliarden auf 29,8 Milliarden Franken erhöht sowie zusätzliche Mittel für bodengestützte Luftverteidigung bewilligt – ein Schritt, der Süssli als das Mögliche in der gegenwärtigen Finanzlage würdigt.
Innovation und Technologische Transformation
Für Süssli ist Innovation in der modernen Kriegsführung entscheidend. Der Ukraine-Krieg zeigt: «Innovate or die». Die Schweizer Armee baut ein Innovationssystem auf, in dem Milizsoldaten ihre Ideen wie in einer Startup-Welt einbringen und pitchen können.
Die neue Digitalisierungsplattform NDP ist eine pragmatische, europaweit führende Schweizer Lösung aus Standardsoftware und Open-Source-Elementen, nicht aus «Swiss Finish»-Luxus. Sie ermöglicht beispielsweise, dass neue Drohnen innert weniger Tage angeschlossen werden können.
Bei Drohnen geht die Armee neue Wege: Statt ein bestimmtes Modell auf Vorrat zu kaufen, schliesst sie Rahmenverträge mit technologisch interessanten Herstellern ab und ruft später die neueste Technologie ab. Ein erfolgreiches Beispiel: Ein Ökosystem hat eine Lösung entwickelt, mit der jeder Soldat mit dem Smartphone ein Foto machen, dieses über Threema hochladen und die Aufnahme direkt ins Lagebild der Armee einfliessen lassen kann – mit Schweizer Firmen und Schweizer Technologie.
Milizsystem als Vorteil
Entgegen Erwartungen sieht Süssli das Milizsystem nicht als Hindernis, sondern als Vorteil in der technologischen Transformation. Kompetenzen aus dem Zivilleben, die eine reine Berufsarmee nicht aufbauen könnte, sind wertvoll. Drohnenpiloten oder Cyberspezialisten bringen aktuelle Kenntnisse aus der Privatwirtschaft mit und kehren mit neu erworbenen Fähigkeiten in den Dienst zurück.
Abhängigkeitsfragen und Cloud-Strategie
Süssli kritisiert, dass die Bundesverwaltung auf Microsoft 365 umgestellt hat – auch die Armee. Dies sei teurer und bringe keinen Mehrwert, da klassifizierte Daten weiterhin lokal gespeichert werden müssen. Er plädiert für eine unabhängige, interne Cloud-Lösung mit weniger Abhängigkeit von Drittländern. Bei Waffensystemen wie dem F-35 sieht er weniger Spielraum, da die Schweiz auf internationale Kooperationen angewiesen ist.
Internationale Kooperationen und NATO-Interoperabilität
Die Schweiz kann sich nicht autonom verteidigen – diese zentrale Erkenntnis führt zu einer unausweichlichen Schlussfolgerung: Die Schweizer Armee muss mit anderen Armeen kooperieren und interoperabel sein. Dies erfordert jahrelange Vorbereitung, die bereits begonnen hat. Die Politik muss den rechtlichen Rahmen schaffen. Mit neuen Bedrohungen und Technologien werden Anpassungen notwendig sein, insbesondere im Cyberbereich.
Persönliche Reflexion und Abschied
Süssli, der unkonventionell 2018 zum Armeechef ernannt wurde (nicht aus einer Kampftruppe kommend, sondern nach 25 Jahren in der Privatwirtschaft), hat während seiner Amtszeit seit Februar 2022 – dem Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine – für schonungslose Ehrlichkeit plädiert. Sein Tarnanzug symbolisiert diese Haltung: Die Armee ist Teil der Schweiz, und die Schweiz muss kampfbereit sein.
Im Rückblick auf seine sechs Jahre sagt Süssli, dass Veränderung immer Abwehr hervorruft, dass aber die Integrität und Loyalität in der Armee höher sind als in vergleichbaren Privatfirmen. Er wird die Nähe zur Truppe, die Auslandsreisen und den Zugang zu nachrichtendienstlichen Informationen vermissen – aber auch den Sinn seiner Arbeit für die Schweizer Sicherheit wird er in Zukunft zu bewahren suchen.
Kernaussagen
Autonome Verteidigung nicht möglich: Die Schweiz kann sich nicht ohne internationale Kooperationen und NATO-Interoperabilität verteidigen.
Kritische Ausstattungslücke: Nur ein Drittel aller Soldaten ist vollständig ausgerüstet; im derzeitigen Tempo wird Verteidigungsbereitschaft erst 2050 erreicht.
Russland ist eine reale Bedrohung: Nachrichtendienste warnen vor möglicher Eskalation ab 2028; bereits heute finden Cyberangriffe, Desinformation und Spionage in der Schweiz statt.
Mangelndes Gefahrenbewusstsein: Historische Abwesenheit von Krieg auf Schweizer Boden, räumliche Distanz zur Ukraine und falsches Vertrauen in Neutralität führen zu unterschätzter Bedrohungswahrnehmung.
Innovation statt «Swiss Finish»: Die neue Digitalisierungsplattform NDP ist eine pragmatische Lösung ohne Luxus-Overhead; Innovationszyklen müssen sich den Ukraine-Krieg-Standards annähern.
Milizsystem bleibt ein Vorteil: Kompetenzen aus dem Zivilleben sind für schnelle technologische Anpassung unerlässlich und in einer Berufsarmee nicht zu replizieren.
Abhängigkeit kritisch hinterfragen: Cloud-Lösungen sollten unabhängiger von einzelnen Drittländern sein; bei Waffensystemen ist internationale Abhängigkeit jedoch oft unvermeidlich.
Politischer Wille erforderlich: Das Parlament hat erste Schritte unternommen (Kreditrahmen +4 Mrd. Franken), doch strukturelles Bundesdefizit und langfristige Lieferketten sind Hemmnisse.
Metadaten
Sprache: DeutschPublikationsdatum: 27.12.2025
Quelle: NZZ – Neue Zürcher Zeitung
Original-URL: https://www.nzz.ch/schweiz/armeechef-thomas-suessli-die-schweiz-kann-sich-nicht-autonom-verteidigen-sagt-der-abtretende-armeechef-thomas-suessli-ld.1916979
Interviewer: Lukas Mäder, Selina Berner
Fotografin: Karin Hofer
Interviewter: Thomas Süssli (Abtretender Schweizer Armeechef)
Textlänge: ~9.200 Zeichen
Format: Ausführliches Interview mit Bildern