Kurzfassung

Stefan Sigrist, einer der prägendsten Strategen der Schweiz und Gründer des Think Tank WIRE, diskutiert in diesem Podcast mit Moderatorin Katrin Hönegger die Herausforderungen und Chancen der kommenden 25 Jahre. Im Mittelpunkt stehen nicht lineare Trends, sondern zunehmende Spannungsfelder zwischen Digitalisierung und Deglobalisierung, zwischen technologischer Innovation und gesellschaftlicher Fragmentierung. Sigrist warnt vor KI-Hype und plädiert stattdessen für kritisches Denken, intuitive Entscheidungen und die Bewahrung menschlicher Autonomie. Seine persönliche Geschichte – von einem schweren Autounfall mit 18 Jahren über den Verlust beider Eltern bis hin zur Gründung von WIRE – zeigt, wie Resilienz und das bewusste Gestalten von Zukunft Krisensituationen überwinden können.

Personen

Themen

  • Künstliche Intelligenz und Hype-Zyklen
  • Spannungsfelder der Zukunft
  • Arbeitsmarkt und Fähigkeiten der Zukunft
  • Gesundheit und Lebensqualität
  • Mobilität und Nachhaltigkeit
  • Persönliche Resilienz und Krisenbewältigung

Detaillierte Zusammenfassung

Die Welt der Spannungsfelder

Stefan Sigrist beginnt das Gespräch mit einer grundlegenden These: Wir befinden uns nicht mehr in einer Welt linearer Entwicklung, sondern in einer Welt zunehmender Spannungsfelder. Die letzten 25 Jahre seit dem Jahrtausendwechsel waren geprägt von grossen Erwartungen an das 21. Jahrhundert, wurden aber durch disruptive Ereignisse wie den Terrorismus 2001, die Finanzkrise 2008 und parallel verlaufende Digitalisierung fundamental verändert.

Heute sehen wir parallele, teils widersprüchliche Entwicklungen: eine zunehmende Digitalisierung, aber gleichzeitig Gegenbewegungen; eine globalisierte Welt mit asiatischem Einfluss, aber auch Tendenzen der Deglobalisierung und Lokalisierung; eine vielfältigere Gesellschaft, die aber gleichzeitig fragmentierter wird. Diese Spannungsfelder erfordern völlig neue Denkmodelle und Kompetenzen – nicht einfaches Trendfolgen, sondern kritische Reflexion und bewusste Positionierung.

Der KI-Hype: Enthypen statt Hype

Ein Kernthema ist die KI, die derzeit die gesamte Zukunftsdiskussion dominiert. Sigrist warnt vor unkritischer Adoption und schlägt stattdessen einen methodischen Ansatz vor: Man sollte Technologien aus einer breiteren Perspektive betrachten, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Dimensionen einbezieht. Das Metaversum als Beispiel zeigte, wie versprochen wurde, dass 50 Milliarden Umsatz generiert würden – tatsächlich geschah deutlich weniger.

Für KI-Evaluierung empfiehlt Sigrist drei Checks: Funktioniert die Technologie wirklich das, was sie verspricht? Gibt es ein nachhaltiges Geschäftsmodell? Welche gesellschaftlichen und ökologischen Folgen hat sie? Ein überraschender Befund: Während KI als Kreativitäts- und Effizienzwerkzeug angekündigt wurde, zeigen Studien des Harvard Business Review, dass Menschen sie primär für persönliche Lebensbegleitung, Alltagsorganisation und sogar Therapieunterstützung nutzen. Das ist einerseits positiv angesichts von Fachkräftemangel in der Psychiatrie, führt aber auch zu neuen Abhängigkeiten und Risiken von Fehlinformationen.

Fähigkeiten für die Zukunft

Welche Kompetenzen werden zentral? Sigrist identifiziert vier wesentliche Skills:

  1. Computational Thinking: Verstehen, was KI kann und nicht kann
  2. Kritisches Denken: Hinterfragen von Datenanalysen und eigenständiges Urteilen
  3. Intuition und Eigenständigkeit: Nicht dem statistischen Mittelwert folgen, sondern eigene Wege gehen
  4. Handwerkliche Kompetenzen: Die physische Welt bleibt zentral – von der Landwirtschaft bis zur Reparatur

Arbeitsmarkt der Zukunft

Der Arbeitsmarkt wird sich polarisieren. In grossen Organisationen sehen wir zunehmende Prozessualisierung mit KI-Unterstützung. Aber es entstehen auch neue Freiheitsgrade: Remote Work, flexible Arbeitsformen, Ortswahl. Das erfordert aber auch mehr Eigenverantwortung – die passive Verfolgung vorgegebener Karrierewege funktioniert nicht mehr.

Bei der Mensch-KI-Zusammenarbeit gibt es verschiedene Modelle: KI kann prozessuale Entscheidungen treffen und Menschen an Schnittstellen einbeziehen; KI und Mensch können als Team kokreativ arbeiten (wie Designer und KI bei der Entwicklung); oder der Mensch behält bewusst die Kontrolle und setzt KI für spezifische Aufgaben ein. Die zentrale Frage: Wer entscheidet am Ende? Das sollte bei vielen wichtigen Entscheidungen der Mensch bleiben – nicht aus Ineffizienz, sondern weil menschliche Vielfalt, Intuition und Verantwortung unverzichtbar sind.

Gesundheit neu denken

Entgegen optimistischen Prognosen nimmt die Krankheitslast zu: Bewegungsmangel, Ernährungsveränderungen und digitaler Konsum führen zu einer „langsamen Pandemie" von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und psychischen Erkrankungen, besonders bei jüngeren Menschen. Gleichzeitig führt mehr diagnostisches Wissen zu Angststörungen – manche Menschen haben sogar Angst vor Speisekarten, weil alles potenziell ungesund ist.

Die Lösung liegt nicht in noch mehr Risikominimierung, sondern in einem Paradigmenwechsel: von punktuellen Risikofaktoren zu Lebensqualität. Das bedeutet „adding life to years" statt nur „adding years to life" – also Genuss, soziale Kontakte und psychisches Wohlbefinden bewusst einzubeziehen. Positiv ist, dass Immobilienentwickler, Einzelhandelsketten und Lebensmittelhersteller zunehmend verstehen, dass gesunde Umgebungen gesunde Menschen fördern.

Mobilität: Nicht entweder-oder, sondern je nach Zweck

Sigrist besitzt drei Klassiker: einen DeLorean, einen Ferrari 308 GT4 und einen Aston Martin Lagonda – und sieht darin kein Widerspruch zu Nachhaltigkeitszielen. Diese Fahrzeuge sind materialzyklisch nachhaltig, werden gepflegt und repariert, und erfüllen eine spezifische Funktion: Freude und Gemeinschaft statt tägliches Pendeln.

Die Mobilitätszukunft ist nicht „alle auf Elektroautos umstellen und weitermachen", sondern ein kluges Mix: Langstrecken mit der Bahn, regionale Mobilität mit Velo und Auto, dezentrale Regionen mit Individualverkehr. Die aktuelle Konfliktkultur (Velofahrer gegen Autofahrer gegen Zugfahrer) muss überwunden werden zugunsten pragmatischer Lösungen je nach Zweck.

Eine persönliche Geschichte der Resilienz

Um Sigrist ganz zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine persönliche Entwicklung. Aufgewachsen in einem winzigen Dorf in der Innerschweiz (Merlischachen, 300 Einwohner, nur 4 Kinder in seiner Klasse) mit Kontrast zwischen landwirtschaftlichem Umfeld und einem international orientierten Vater, entwickelte er früh ein Gefühl des „Dazwischenseins". Das prägte ihn, machte ihn aber auch unabhängig und kreativ – er baute sich Fantasiewelten aus Lego und Musik.

Mit 18 Jahren erlebte er einen schweren Autounfall (80 km/h in einen Baum). Sechs Wochen Spital, Unsicherheit, ob er je wieder laufen kann. Ein Moment, der ihm zeigte, wie zerbrechlich das Leben ist, aber auch wie wichtig es ist, aufzustehen und weiterzumachen. Ohne lange zu zögern, ging er mit Krücken wieder raus, machte Trampen, lebte weiter.

Seine berufliche Laufbahn war nicht linear: Molekularbiologie an der ETH, Medizinforschung, Unternehmensberatung, interdisziplinäre Dissertation, schliesslich Gründung von WIRE vor 17 Jahren. Jede Station zeigte ihm, was nicht passte, aber auch, was sich öffnete. Sein Kompass war immer intuitiv und realitätsorientiert.

Die grösste Krise: Der fast zeitgleiche Verlust beider Eltern. Die Mutter wählte Exit wegen chronischer Schmerzen, obwohl sie medizinisch nicht qualifiziert war. Sigrist und sein Bruder unterstützten ihren Wunsch nach Selbstbestimmung – eine schwierige, aber letztlich befreiende Entscheidung. Die Reaktion: Sie gestalteten das Elternhaus neu, bauten ein Musikstudio, machten es zu einem Ort der Familie und Kreativität. Das war nicht Verdrängen, sondern bewusstes Weitergehen.

Daraus lernte er: In Krisen nicht von Angst treiben lassen, sondern ein positives Bild der Zukunft entwerfen und aktiv gestalten. Das gilt im Kleinen (Familie, Alltag) wie im Grossen (Organisation, Gesellschaft).

Ausblick und Haltung

Am Ende plädiert Sigrist dafür, dass die Schweiz – und alle Menschen und Organisationen – aufhören sollten, sich von Angst treiben zu lassen (KI nimmt uns alle Jobs, die Welt geht unter). Stattdessen sollten wir Fragen stellen: Was wollen wir? Wie möchten wir leben? Wie differenzieren wir uns?

Das erfordert Mut, Resilienz und die Fähigkeit, sich Raum zu nehmen – in der Natur, im Staat, beim Autofahren – um zu reflektieren. Und es erfordert den Mut, Dinge hinter sich zu lassen, die nicht funktioniert haben, und neue Türen zu öffnen. Das ist sein persönliches Vorsatz für die kommenden 25 Jahre: diesen Weg konsequent weitergehen und anderen Mut machen.


Kernaussagen

  • Spannungsfelder statt Trends: Die Zukunft ist nicht eine Bewegung von A zu B, sondern das Aushalten von Gegensätzen – Digitalisierung UND Deglobalisierung, Vielfalt UND Fragmentierung
  • KI-Hype enthypen: Nicht jede versprochene Disruption findet statt. Kritisches Evaluieren nach Funktionalität, Geschäftsmodell und gesellschaftlichen Folgen ist notwendig
  • Menschen nutzen KI anders als erwartet: Sie suchen weniger nach Kreativitäts-Tools, sondern nach persönlicher Lebensbegleitung und therapeutischer Unterstützung
  • Entscheidungsmacht bewahren: In vielen Bereichen sollte der Mensch am Ende entscheiden, nicht die Maschine – aus Gründen von Vielfalt, Intuition und Verantwortung
  • Neue Fähigkeiten für alle: Computational Thinking, kritisches Denken, Intuition, Eigenständigkeit und handwerkliche Kompetenzen sind zentral
  • Arbeitsmarkt polarisiert: Grosse Organisationen prozessualisieren stärker, aber gleichzeitig entstehen neue Freiheitsgrade und Chancen für Eigenverantwortung
  • Gesundheit ist Lebensqualität: Nicht Risikovermeidung um jeden Preis, sondern Genuss, soziale Kontakte und psychisches Wohlbefinden – gesellschaftliche Gestaltung ist mindestens so wichtig wie Medizin
  • Mobilität ist kontextabhängig: Nicht eine Lösung für alles, sondern je nach Zweck das richtige Verkehrsmittel wählen
  • Resilienz durch aktives Gestalten: In Krisen hilft nicht Abgrenzung allein, sondern das bewusste Entwerfen von positiven Bildern der Zukunft und ihre aktive Realisierung
  • Von Angst zu Gestaltung: Aufhören, sich von Angst (vor KI, vor Veränderung) treiben zu lassen. Stattdessen bewusst fragen: Was wollen wir? Wie wollen wir leben?

Metadaten

Sprache: Deutsch
Transcript ID: 39
Dateiname: Focus_radio_AUDI20251222_NR_0071_d4dbca00ed004597ae889a6dbc338024.mp3
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Erstellungsdatum: 2025-12-27 09:39:34
Textlänge: 55.736 Zeichen