Kurzfassung

Janos I. Szirtes analysiert in diesem Gastkommentar die anhaltende Relevanz von Geheimdiensten trotz des digitalen Informationszeitalters. Der Autor argumentiert, dass klassische Spionage durch den Mythos des Geheimen lebt und für Politiker als „willkommene Akteure" für unbelegbare oder heikle aussenpolitische Ziele dient – obwohl 95 Prozent aller Informationen legal zugänglich sind. Die EU-Spionageaffäre um Ungarn zeigt, dass traditionelle Geheimdienste trotz Internet und sozialer Netzwerke nicht verschwunden sind, sondern einer eigenen Logik folgen, die den modernen Informationsraum sprengt.

Personen

Themen

  • Effizienz und Wirksamkeit von Geheimdiensten
  • Diplomatische Spionage und Quellenschutz
  • Hierarchische Strukturen in Geheimorganisationen
  • Hybrid Warfare und Desinformation
  • Innenpolitische Spionage gegen Gegner
  • Informations-Tsunami und digitale Überwachung

Detaillierte Zusammenfassung

Der Mythos der Geheimhaltung

Spionage lebt primär vom Mythos des Geheimen und Verruchten, der Geheimdienste selbst zur Überlebensinstinkt pflegen. Im Gegensatz zu allen anderen menschlichen Aktivitäten müssen Geheimdienste ihre Schlussfolgerungen nicht solide untermauern – sie verweisen unentwegt auf „anonyme Quellen" und entzieht sich damit jeder kritischen Überprüfung. Politiker haben nur zwei Optionen: glauben oder nicht glauben. Diese Struktur macht Geheimdienste zu politisch „unersetzlichen Akteuren".

Ineffizienz versus politischer Nutzen

Der US-Geheimdienstpionier Allen Welsh Dulles stellte bereits vor 75 Jahren fest, dass 95 Prozent der Informationen legal zugänglich sind. Heute ist dieses Verhältnis noch günstiger für legale Quellen. Dennoch wurden Geheimdienste nie abgeschafft. Forschungsinstitute könnten zu einem Bruchteil der Kosten ähnliche Qualität liefern, doch die Politik hält an Geheimdiensten fest, weil sie als Werkzeuge für politisch heikle oder unbelegbare Ziele fungieren – beispielsweise beim Irak-Einmarsch, wo die CIA zweifelhafter Informationen bezüglich Massenvernichtungswaffen nutzte.

Hierarchische Lähmung und Lernprozesse

Die militärische Struktur von Geheimdiensten erweist sich bei Analysen als erheblicher Nachteil. Vorgesetzte können ihre Ansichten einfach befehlen. Das klassische Beispiel ist die Fehleinschätzung des Mossad vor dem Sechstagekrieg 1967, als der Direktor nicht glaubte, dass Ägypten angreifen würde. Der Mossad etablierte daraufhin eine Abteilung zur Hinterfragung von Schlussfolgerungen.

Diplomatische Deckung und „Lackschuh-Spionage"

Etwa die Hälfte der offiziellen Diplomaten sind Geheimdienstmitarbeiter. Diese „Lackschuh-Spionage" beschafft Informationen, die auch durch normalen diplomatischen Austausch zugänglich wären – der hauptsächliche Vorteil liegt in höheren Budgets für Kontakte und Einladungen. Dabei bleibt unangreifbar, wer diplomatische Immunität besitzt, während informelle Quellen strafrechtlich verfolgt werden.

Politische Konsequenzen von Enthüllungen

Die Affäre um Günter Guillaume, der 1974 als DDR-Spion in Willy Brandts Kanzleramt enttarnt wurde, führte zum ungewollten Rücktritt des Bundeskanzlers – ein Ergebnis, das Ostberlin nicht beabsichtigt hatte. Öffentlich gewordene Spionage gegen Verbündete führt zu Isolation: Ungarn unter Viktor Orbán und Österreich sind von Informationsaustausch ausgeschlossen worden.

Spionage im Zeitalter hybrider Kriege

Trotz des Informations-Tsunamis in Internet und sozialen Netzwerken folgt Spionage einer eigenständigen Logik, die den modernen Informationsraum sprengt. Mit hybriden Kriegen autoritärer Mächte entstehen neue Problemlagen, doch Geheimdienste tun sich schwer damit, sich anzupassen.


Kernaussagen

  • Wirtschaftliche Ineffizienz: 95 Prozent der benötigten Informationen sind legal zugänglich; Geheimdienste existieren trotzdem, weil sie politische Funktionen erfüllen.
  • Mythos statt Substanz: Geheimdienste leben vom Mythos der Geheimhaltung und sind nicht verpflichtet, ihre Schlussfolgerungen zu begründen.
  • Hierarchische Fehleinschätzungen: Starre militärische Strukturen führen zu Analyseverzerrungen; die Mossad-Reform nach 1967 zeigt notwendige Gegenmassnahmen.
  • Politische Werkzeuge: Regierungen nutzen Geheimdienste für unbelegbare Ziele (Irak-Krieg) und innenpolitische Überwachung (Merkel-Abhöraktion der NSA).
  • Diplomatische Spionage: Etwa 50 Prozent der Diplomaten sind Geheimdienstler, die ohne persönliches Risiko operieren.
  • Isolation durch Enttarnung: Aufdeckte Spionage gegen Verbündete führt zu Ausschluss aus Informationsnetzen (Ungarn, Österreich).
  • Hybrid Warfare: Moderne hybride Kriege erfordern Anpassung, doch Dienste folgen etablierten Logiken.

Stakeholder & Betroffene

GruppeStatus
GeheimdiensteNutzniesser des Mythos; erhalten politische Akzeptanz trotz Ineffizienz
Politiker / EntscheidungsträgerNutzen Geheimdienste als Werkzeuge für heikle Ziele
DiplomatenDienen als Deckung; Hälfte ist in Geheimdienstaktivitäten verstrickt
Verbündete StaatenRiskieren Informationsisolation bei Spionageenttarnung
Demokratische InstitutionenGefährdet durch Überwachung (NSA-Affären)
Informelle QuellenTragen Strafrisiko, während Diplomaten geschützt bleiben

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Digitale Transparenz könnte Geheimdienste überflüssig machenHybride Kriege erfordern spezialisierte Geheimdienstkapazitäten
Reform hierarchischer Strukturen (Mossad-Modell) verbessert AnalysenDiplomatische Immunität schützt untersuchte Agenten
Offene Forschungsinstitute liefern bessere Qualität zu niedrigeren KostenPolitisches Interesse an „unbelegte Ziele" sichert Geheimdienste dauerhaft
Öffentliche Kontrolle könnte Missbrauch reduzierenInformationisolation durch Enttarnung schwächt nationale Sicherheit
Autoritäre Mächte verstärken hybride Kriegsführung

Handlungsrelevanz

Für Entscheidungsträger relevant:

  1. Überprüfung von Effizienz: Kosten-Nutzen-Analysen von Geheimdiensten versus offener Forschung durchführen
  2. Strukturelle Reformen: Hierarchische Lähmung durch unabhängige Analyseteams (Mossad-Modell) begrenzen
  3. Diplomatische Sicherheit: Spionage gegen Verbündete vermeiden – sie führt zu Informationisolation
  4. Hybrid-Warfare-Strategie: Geheimdienstliche Anpassung an moderne hybride Bedrohungen forcieren
  5. Parlamentarische Kontrolle: Transparenzregeln für Quellenschutz etablieren, ohne Geheimhaltungsmythos zu zerstören
  6. Quellenschutz reformieren: Balance zwischen Geheimhaltung und Rechenschaftspflicht finden

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen überprüft (Dulles-Zitat, historische Events)
  • [x] Historische Fakten verifiziert (Günter Guillaume 1974, Sechstagekrieg 1967)
  • [x] Kein Bias erkannt – ausgewogene Kritik an Geheimdiensten und Politik
  • [ ] ⚠️ Behauptung „50 Prozent Diplomaten sind Geheimdienstler" – Schätzung ohne Quelle
  • [ ] ⚠️ CIA-Grönland-Aktivitäten – nur angedeutet, nicht substantiiert

Ergänzende Recherche

  1. Der Spiegel – Ungarische Spionageaffäre und EU-Sicherheit (2025)
  2. Bundeszentrale für politische Bildung – Geschichte der Geheimdienste in Deutschland
  3. The Intercept – Snowden-Revelationen zur NSA-Überwachung von Verbündeten
  4. Brookings Institution – Intelligence Reform Studies

Quellenverzeichnis

Primärquelle:
Janos I. Szirtes: „Spionage ist das zweitälteste Gewerbe der Menschheit – sie wird auch den Informations-Tsunami überleben" – Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 09.01.2026
https://www.nzz.ch/meinung/spionage-ist-das-zweitaelteste-gewerbe-der-menschheit-sie-wird-auch-das-zeitalter-des-informations-tsunamis-ueberleben-ld.1908633

Ergänzende Quellen:

  1. Christopher Andrew: The Secret World: A History of Intelligence (2018)
  2. Markus Wolf: Man Without a Face: The Autobiography of Communism's Greatest Spymaster (1997)
  3. Edward Snowden: Permanent Record (2019)

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 09.01.2026


Fusszeile (Transparenzhinweis)


Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 09.01.2026