Autor: Marie-Astrid Langer
Publikationsdatum: 01.01.2026
Quelle: NZZ Technologie
Kurzfassung
Smartwatches entwickeln sich zunehmend zu persönlichen Gesundheitsberatern und können heute Bluthochdruck warnen oder Vorhofflimmern entdecken. Führende Hersteller wie Apple und Garmin investieren massiv in die Verbesserung biometrischer Sensoren und erforschen Durchbrüche wie die nichtinvasive Glukosemessung. Während die technologischen Fortschritte beeindruckend sind, bleiben Fragen zur Zuverlässigkeit und medizinischen Anwendbarkeit dieser Daten bestehen.
Personen
- Scott Burgett – Chefingenieur bei Garmin
- Tim Cook – CEO von Apple
- Giuseppe Olivadoti – Healthcare-Leiter bei Analog Devices
- Josip Car – Studienleiter King's College London
Themen
- Wearables und Sensortechnologie
- Biometrische Datenerfassung
- Glukosemessung
- KI-gestützte Gesundheitsprognosen
- Zuverlässigkeit medizinischer Messungen
- Regulatorische und ethische Fragen
Detaillierte Zusammenfassung
Die Evolution der Wearable-Technologie
Die Geschichte der Smartwatches begann vor 23 Jahren mit einer unkonventionellen Idee: Scott Burgett und seine Kollegen bei Garmin klebten sich GPS-Geräte mit Panzertape ans Handgelenk, um ihre Jogging-Strecken aufzuzeichnen. Diese kleine Innovation markierte den Auftakt zu einer Industrie, die heute floriert. Der globale Markt für Wearables und Health-Tech-Geräte erreichte 2024 ein Volumen von 62 Milliarden Dollar.
Strategische Expansion der Tech-Konzerne
Apple hat die Gesundheit als Geschäftsfeld erkannt und ausgebaut. CEO Tim Cook äusserte sich bemerkenswert: Apples grösster gesellschaftlicher Beitrag könnte rückblickend im Gesundheitsbereich liegen – eine überraschende Aussage für einen Konzern, der primär für Consumer-Electronics bekannt ist. Garmin gründete 2014 eine eigene Health-Sparte. Beide Unternehmen sind heute Marktführer im Smartwatch-Segment.
Apple entwickelt unter dem Projektnamen «Mulberry» einen KI-gestützten virtuellen Arzt, der Daten aus Smartphone, Smartwatch und anderen Geräten zusammenführt und personalisierte Gesundheitsempfehlungen gibt. Ziel ist es, dass Patienten künftig bei Arztbesuchen bloss die «Health»-App öffnen und dem Doktor eine detaillierte Übersicht des Gesundheitszustands präsentieren.
Technologie der biometrischen Sensoren
Moderne Smartwatches sind mit komplexen Sensoren ausgestattet: GPS, barometrische Höhenmesser, Gyroskope, Thermometer und vor allem Lichtsensoren. Diese Lichtsensoren funktionieren nach einem eleganten Prinzip: Sie senden grünes, rotes oder infrarotes Licht durch die Haut, das Blut und das Gewebe. Die Moleküle absorbieren das Licht unterschiedlich je nach Sauerstoffgehalt des Hämoglobins. Die reflektierten Lichtwellenlängen ermöglichen Rückschlüsse auf:
- Sauerstoffsättigung
- Herz- und Atemfrequenz
- Schlafphasen und -dauer
- Stress-Level
- Menstruationszyklus
- Vorhofflimmern
Giuseppe Olivadoti von Analog Devices – dem Hersteller der Sensoren in führenden Smartwatches – betont, dass die Datengenauigkeit stark von der konsistenten Trageposition abhängt. Es sei ein «Trade-off zwischen Datenkorrektheit und Wohlfühlen». Olivadoti ist zuversichtlich, dass die Sensortechnologie weiter voranschreitet und neue Gesundheitsindikatoren durch Kombination mehrerer Sensordaten möglich werden.
Der heilige Gral: Nichtinvasive Glukosemessung
Die nichtinvasive Bestimmung des Blutzuckerspiegels ohne Nadelstich gilt als der heilige Gral der Health-Tech-Industrie. Weltweit gibt es Hunderte Millionen Diabetiker, die mehrmals täglich ihren Insulinspiegel per Pieksen kontrollieren. Eine Smartwatch-basierte Lösung wäre lebensverändernd für diese Patienten und ein riesiges Geschäftsmodell für die Hersteller.
Apple investiert Hunderte Millionen Dollar in ein 15-jähriges Grossprojekt zur Entwicklung eines nichtinvasiven Glukosemonitors basierend auf Lichtabsorption. Konkurrenz kommt von Pharmakonzernen wie Abbott Laboratories. Scott Burgett nennt dies das «Manhattan-Projekt unserer Zeit», warnt aber vor falschen Hoffnungen: Die glukosebedingten Blutspiegel-Schwankungen sind minimal. Die Algorithmen müssen nicht nur diese minimalen Abweichungen erkennen, sondern auch zuverlässig ausschliessen, dass andere Faktoren die Schwankungen auslösen. Die Zuverlässigkeit ist kritisch, da Nutzer basierend auf den Messwerten Insulin spritzen würden – Messfehler könnten ernsthafte gesundheitliche Folgen haben.
Weitere innovative Projekte
Garmin testet aktuell eine Funktion zur Bestimmung des Alkoholpegels, um Autofahrern zu helfen, zu erkennen, ob ihr Blutalkoholspiegel über einem Schwellenwert liegt. Auch hier sind Messfehler potenziell fatal.
Externe Firmen wie Orbit Health nutzen bereits heute Sensoren aus höherpreisigen Garmin-Uhren, um bei Parkinson-Patienten das Ausmass des Tremors zu messen. Beschleunigungssensoren und Gyroskope erfassen die Handbewegungen mehrmals pro Sekunde und speialisierte Algorithmen werten diese aus.
Wissenschaftliche Validierung
Garmin hat eine grossangelegte Studie mit dem King's College London lanciert. Studienleiter Josip Car lobt die Qualität und Genauigkeit der Garmin-Sensoren. Die Studie mit 40'000 Teilnehmerinnen untersucht, wie sich Bewegung auf die Gesundheit von Schwangeren auswirkt. Dies zeigt, dass Forscher zunehmend von der Zuverlässigkeit der Smartwatch-Daten überzeugt sind.
Kernaussagen
Technologischer Fortschritt: Smartwatches haben sich von einfachen Fitness-Trackern zu ausgefeilten Gesundheitsmessgeräten entwickelt, die komplexe biometrische Sensoren integrieren.
Marktpotenzial: Mit 62 Milliarden Dollar Umsatz 2024 ist der Wearables-Markt massiv gewachsen und gilt als nächste Disruptions-Welle der Tech-Industrie.
Strategische Investitionen: Apple und Garmin als Marktführer investieren milliardenschwer in KI-Systeme und Sensortechnologie für präventive und therapeutische Anwendungen.
Glukosemessung als Schlüsselprojekt: Die nichtinvasive Blutzuckermessung wird von mehreren Konzernen mit enormem Aufwand erforscht, birgt aber technische und sicherheitskritische Herausforderungen.
Wissenschaftliche Validierung: Universitäten und Forschungsinstitute arbeiten zunehmend mit Wearable-Herstellern zusammen und bestätigen die Qualität der Sensordaten.
Kritische Fragen zur Zuverlässigkeit: Trotz Fortschritt bleiben Sicherheitsbedenken bestehen – besonders bei Anwendungen, die zu medizinischen Entscheidungen führen (z.B. Insulinspritzen).
Positionierungsabhängigkeit: Die Genauigkeit der Messungen hängt stark davon ab, wie und wo die Nutzer ihre Geräte tragen – Konsistenz ist entscheidend.
Zusammenspiel mehrerer Sensoren: Zukünftig werden neue Gesundheitsindikatoren durch Kombination von Daten aus mehreren Sensoren möglich sein.
Metadaten
Sprache: DeutschPublikationsdatum: 01.01.2026
Quelle: https://www.nzz.ch/technologie/smartwatches-werden-klueger-der-arzt-sitzt-bald-am-handgelenk-ld.1916698
Autor: Marie-Astrid Langer
Textlänge: ca. 4'600 Zeichen
Kategorie: Technologie / Health-Tech