Kurzfassung
Der ehemalige Ständerat Simon Stocker spricht offen über die dramatischste Phase seines politischen Lebens: Seine Wahl im November 2023 gegen Thomas Minder, gefolgt von einer Klage wegen ungültigen Wohnsitzes und schliesslich seinem Mandatsentzug durch das Bundesgericht und der Niederlage in der Ständeratswahl. Im Interview mit dem SRF-Podcast "Apropos" reflektiert der SP-Politiker über Verlust, Familie und die Grenzen der Schweizer Demokratie.
Personen
Themen
- Politische Niederlage und Krisenbewältigung
- Wohnsitzproblematik und Familienorganisation
- Privatheit vs. öffentliches Interesse
- Institutionelle Blindflecken in der Schweiz
- Alterspolitik und gesellschaftlicher Wandel
- Demut und innere Haltung nach Scheitern
Detaillierte Zusammenfassung
Der Schock und die schnelle Reaktion
Simon Stocker beschreibt den Moment, als sein Mandat entzogen wurde, als einen Dienstagmorgen im März 2024. Während einer Subkommissionssitzung erhielt er Nachrichten von Journalisten. Sein langjähriger Bekannter Roger Steinemann rief an und informierte ihn, dass das Bundesgericht entschieden hatte: Stocker durfte sein Mandat nicht behalten, weil er während des Wahlkampfs nicht in Schaffhausen, sondern in Zürich gewohnt hatte – ein technischer Verstoss gegen die Wohnsitzanforderungen.
Stockers Reaktion war bemerkenswert: Innerhalb von 24 Stunden mobilisierte er sein Wahlkampfteam, aktualisierte seine Website, schrieb Newsletter und organisierte eine Pressekonferenz. Diese schnelle Krisenbewältigung verdankt er seiner Erfahrung als früherer Stadtrat, wo er gelernt hatte, in schwierigen Momenten souverän zu handeln.
Die Wahl und die Niederlage
Nach dem Mandatsentzug folgte der Wahlkampf zur Ständeratsersatzwahl. Stocker berichtet von anfänglichem Optimismus – sein Team dominierte zunächst den öffentlichen Raum. Doch dann schlug die Gegenseite zurück. Plakate und Inserate gegen Stocker überschwemmten den Kanton. Besonders auf lokaler Ebene wurde die Kampagne sehr scharf geführt, während sie in den nationalen Medien weniger Aufmerksamkeit erhielt.
Vier bis fünf Wochen vor der Wahl war Stocker noch zuversichtlich. Doch am Wahltag zeigte sich schnell: Sein Gegner Severin Brünker legte überall massiv zu. Besonders in der Stadt Schaffhausen, wo Stocker hätte gewinnen müssen, verlor er deutlich. Nach wenigen ausgezählten Gemeinden wusste er bereits, dass es vorbei war.
Privatheit als politische Waffe
Das zentrale Trauma in Stockers Geschichte ist die Verletzung seiner Privatsphäre. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er eine pragmatische Lösung für eine Fernbeziehung gefunden: Er lebte weitgehend in Zürich (wo seine Frau beruflich tätig war), sie in Schaffhausen (für den Schulweg ihres Sohnes). Das war ein bewusstes, organisiertes Arrangement – kein Versuch der Täuschung.
Doch als die Klage eingereicht wurde, zerfiel ihre private Lebensorganisation in der öffentlichen Diskussion in „etwa 50 Versionen". Menschen auf der Strasse fragten ihn ständig nach seinem Wohnarrangement, SP-Mitglieder stellten verunsichernde Fragen, und die Weltwoche schrieb längere Kommentare. Politische Gegner verbreiteten bewusst die Erzählung, er sei nur am Sonntag zum Briefkasten-Leeren nach Schaffhausen gekommen und fahre dann wieder nach Zürich – eine Lüge, die sich in Leserbriefen festsetzte.
Seine Frau litt besonders unter dieser Situation. Sie wurde ständig angesprochen, schämte sich, wurde zu einer öffentlichen Figur gegen ihren Willen. Das Paar diskutierte, ob sie ihre Karriere aufgeben sollte, entschied sich aber dagegen – sie wollten sich nicht von einem Gerichtsurteil diktieren lassen, wie sie zu leben haben.
Demut statt Bitterkeit
Was beeindruckt in diesem Gespräch: Stockers Abwesenheit von Wut oder Verbitterung. Er erklärt dies mit einer persönlichen Haltung der Demut, die er von älteren Menschen gelernt hat. Er vergleicht seinen Verlust mit den Lebensrealitäten anderer Menschen – ihm geht es gut, er hat Familie, Gesundheit, einen neuen Job. Warum sollte er sich als armer Mensch darstellen?
Gleichzeitig übernimmt er Verantwortung: Nicht die „bösen Gegner" sind schuld, sondern das Bundesgericht hat entschieden und die Wähler haben gewählt. Er lehnt es ab, die Schuld abzuschieben.
Stockers These zum „Signal des Kosmos": Vielleicht war die Welt des Bundesparlaments mit ihren Lobbyisten, der Selbstinszenierung und den Partei-Mechanismen nicht seine Welt. Vielleicht sollte er sich stärker auf sein Herzensthema konzentrieren – die Alterspolitik – wo sein Vorstoss im System tatsächlich etwas ausgelöst hat.
Blind Spots von Links und Rechts
Bei aller Demut kritisiert Stocker durchaus die Schweizer Institutionen. Das Bundesgericht mag rechtlich korrekt geurteilt haben, doch es zeigt sich: Gesetze hinken der Lebensrealität hinterher. In 20 Jahren, prognostiziert er, wird man über die Wohnsitzproblematik lachen.
Breiter argumentiert er, dass sowohl linke als auch rechte Politiker blind spots haben. Die Linken sind romantisch in Migrationsfragen und blenden Probleme aus. Die Rechten sitzen zu oft in Verwaltungsräten und Einfamilienhäusern und verstehen die Realität normaler Menschen nicht. Im Ständerat funktioniert das besser als im Nationalrat, wo die Parteidoktrin stärker wiegt – dort musst du folgen oder wirst „in die Schranken gewiesen".
Das Leben nach dem Mandat
Stocker beschreibt die Zeit nach der Niederlage als überraschend befreiend. Nach ein bis zwei Wochen Ferien switchte er schnell in einen neuen Modus. Heute arbeitet er als Berater für Gemeinden, Kantone und Organisationen im Bereich Alterspolitik – die Stadt Zürich, der Blindenverband, verschiedene Gemeinden im Kanton Schaffhausen sind Kunden. Daneben sitzt er in zwei Verwaltungsräten (Volksapotheke und eine Tochterfirma), wird bald Präsident.
Der Luxus: Er muss nicht aktiv akquirieren, die Anfragen kommen von allein. Sein Netzwerk in der Alterspolitik ist stark.
Was ihn überrascht hat: Wie wenig er tatsächlich vermisst. Er vermisst gewisse Menschen und Themen, aber nicht die tägliche Selbstinszenierung, die „Kaffees am Neh" vor dem Bundeshaus, die ideologischen Debatten zu Themen, über die er keine Meinung haben wollte. Als er noch Ständerat war, kam er oft von Bern nach Hause und dachte: „Zum Glück bin ich da jetzt nicht mehr."
Stocker reist viel – nach Hamburg, Köln, München (wo die Familie seiner Frau lebt), arbeitet mit Geschäftskollegen in Zürich. Er kann Zeit mit seinem Sohn verbringen, trifft sich mit Freunden, wählt Jobs, die ihm Spass machen. Das zweite Halbjahr 2024 war „wirklich gut".
Zur Zukunft
Auf die Frage, ob es wieder politische Mandate geben wird, antwortet Stocker: „Ich schliesse mit dem Leben wirklich nichts aus." Aber er hat politische Ämter nie geplant – es war immer Timing. Wer hätte gedacht, dass Thomas Minder gegen ihn verliert? Das kann man nicht planen.
Die nächsten drei Jahre könnte es Gemeinde- oder Stadtratswahlenwahl geben – vielleicht, manchmal überlegen sie sich, wann das noch spannend wäre. Aber: „Es ist auch gerade sehr, sehr lässig als Selbstständiger, und wer weiss."
Kernaussagen
Krise als Wendepunkt: Die Niederlage war brutal, aber nicht zerstörerisch – Stocker reagiert mit innerer Haltung statt Wut.
Privatheit als politisches Schlachtfeld: Die öffentliche Diskussion über sein Familienleben verletzt ihn und seine Frau tiefgreifend, zeigt aber auch, wie politische Gegner private Realitäten instrumentalisieren.
Institutionelle Zeitverzögerung: Gesetze und Institutionen in der Schweiz hinken der Lebensrealität hinterher – die Wohnsitzproblematik wird in 20 Jahren als antiquiert gelten.
Parteienlogik vs. Eigenständigkeit: Der Nationalrat zwingt zur Parteilinie, der Ständerat erlaubt mehr Unabhängigkeit – doch auch dort gibt es ideologische Zwänge.
Demut als Überlebensstrategie: Stockers Fähigkeit, sich nicht als Opfer zu sehen, sondern Verantwortung zu übernehmen und Demut zu praktizieren, prägt sein Wohlbefinden nach der Niederlage.
Alterspolitik als Berufung: Stockers Vorstoss zur Alterspolitik hat im System etwas ausgelöst – das ist sein eigentliches Thema, nicht das Bundesparlament.
Gerade noch davongekommen? Ohne die Neuwahl hätte Stocker sein Mandat behalten – die Geschichte zeigt auch, wie fragil politische Karrieren sind.
Metadaten
Sprache: DeutschTranscript ID: 59
Dateiname: default.mp3
Original-URL: https://injector.simplecastaudio.com/7cb90634-5b73-4e76-9be4-4056aa5ceab6/episodes/ffe95bcb-2705-404b-a3e9-c8b9c60665c3/audio/128/default.mp3?aid=rss_feed&awCollectionId=7cb90634-5b73-4e76-9be4-4056aa5ceab6&awEpisodeId=ffe95bcb-2705-404b-a3e9-c8b9c60665c3&feed=g4duUqbE
Erstellungsdatum: 3. Januar 2026
Textlänge: 33.318 Zeichen