Kurzfassung
Schweizer Pensionskassen investieren mit durchschnittlich nur 30 Prozent Aktienanteil extrem konservativ und verfehlen damit erhebliches Renditepotenzial. Während Obligationen seit 2014 real Geld verlieren, könnten höhere Aktienquoten die Renten um bis zu 50 Prozent steigern. Stiftungsräte meiden Risiken aus Haftungsgründen, obwohl wissenschaftlich fundierte Lösungen zur Risikoabsicherung existieren. Das System bevorzugt kurzfristige Sicherheit auf Kosten langfristigen Wohlstands im Alter.
Personen
- Thorsten Hens – Finanzprofessor Universität Zürich
- Daniel Gloor – ehemaliger Anlagechef BVK
- Lukas Riesen – Partner PPCmetrics
- Stephan Skaanes – Chef PPCmetrics
- Andreas Zimmermann – Wirtschaftsprofessor
- Francesca Pitsch – Leiterin Pensionskassenstudie ZKB
Themen
- Altersvorsorge und Renditepotenziale
- Strategische Vermögensallokation
- Risikoabsicherung in Pensionskassen
- Internationale Vergleiche (Skandinavien, Dänemark)
- Demografischer Wandel und Lebenserwartung
- Haftungsrecht und Governance
Detaillierte Zusammenfassung
Das Problem: Zu viele Obligationen, zu wenige Aktien
Schweizer Pensionskassen halten im Schnitt nur 30 Prozent Aktien und 33–40 Prozent Obligationen. Diese Anlagepolitik führt zu dramatischen Renditeverlusten. Während Schweizer Aktien seit 1985 inflationsbereinigt durchschnittlich 7,6 Prozent jährlich erwirtschafteten, brachten Obligationen nur 2,2 Prozent – und seit 2014 sogar negative Renditen.
Die Unterschiede zwischen Pensionskassen sind enorm. 2024 streuten die Jahresrenditen zwischen 0,2 und knapp 14 Prozent. Über ein ganzes Arbeitsleben summieren sich solche Unterschiede zu beträchtlichen Vermögensunterschieden. Thorsten Hens hätte bei einem Wechsel zu Profond eine 44 Prozent höhere Rente erhalten – ein anschauliches Beispiel für die Kosten dieser Strategie.
Das Vermögensgeheimnis: Der «dritte Beitragszahler»
Seit 2004 stammen 40 Prozent des Vermögenswachstums aus Marktrenditen (versus 35 Prozent Arbeitgeberbeiträge, 25 Prozent Arbeitnehmerbeiträge). Dieser Zinseszinseffekt gewinnt an Bedeutung, da die Lebenserwartung steigt: Pensionskassen zahlen heute durchschnittlich 21 Jahre Rente, 1985 waren es nur 15 Jahre.
Allerdings kennen nur 38 Prozent der Versicherten, dass Pensionskassen ihre Gelder investieren. Das fehlende Bewusstsein trägt zur Akzeptanz niedriger Renditen bei.
Warum Stiftungsräte Risiken meiden
Die Vorsicht der Pensionskassen folgt rationalen Anreizen:
- Persönliche Haftung: Stiftungsräte haften für fahrlässig verursachte Schäden
- Sanierungsrisiko: Eine Unterdeckung (wenn das Vermögen unter zugesagten Leistungen fällt) führt zu Beitragssanierungen
- Asymmetrische Skandalisierung: Jeder Buchverlust wird öffentlich kritisiert, entgangene Gewinne bleiben unsichtbar
- Demographic Burden: Kassen mit vielen Rentnern (z.B. BVK, Publica) müssen gesetzlich garantierte Renten zahlen und können weniger Risiko tragen
Lösungen existieren – werden aber nicht genutzt
Hens und andere Experten zeigen, dass Lösungen machbar sind:
Hedging-Strategien: Versicherung gegen Absturz unter 90 Prozent Deckungsgrad kostet ca. 1 Prozent Rendite/Jahr – würde sich aber durch höhere Aktienrenditen mehrfach amortisieren
Altersgerechte Portfolios: Statt pauschale Vorsicht sollten Junge höhere Aktienquoten (60%+) tragen, Ältere schrittweise umschichten
Rentenfabrik-Modell: Spezialisierte Kassen (z.B. für Rentner) richten Strategie nach verbleibender Lebenserwartung aus – 70-Jährige können noch 15 Jahre Schwankungen ertragen
Der nordische Vergleich: +50% Rente möglich
Dänemark zeigt das Potenzial: Mit nur ~30 Pensionsfonds (vs. 1285 in der Schweiz) profitiert PensionDanmark von Grössenvorteilen und agiert als reiner Vermögensverwalter:
- Junge Dänen: 60%+ Aktien
- 60-Jährige: 37% Aktien (höher als Schweizer Durchschnitt)
- Reale Verzinsung 2015–2024: über 4% p.a. (Schweiz: unter 2%)
- Resultat: Eine dänische Rente läge 51'000 CHF vs. 33'000 CHF (Schweiz) – +53%
Dänische Versicherte tragen Schwankungen (2022 waren negative Papiergewinne), gewinnen aber langfristig massiv.
Kernaussagen
Aktienquoten von 30% sind zu niedrig: Norwegische und skandinavische Fonds fahren 50–70%, mit deutlich besseren Langfristergebnissen
Obligationen verlieren real an Kaufkraft: Seit 2014 negative Renditen; ein Startkapital verdoppelt sich mit Aktien in <10 Jahren, mit Obligationen erst in >30 Jahren
Haftung und Sanierungsrisiko sind keine unlösbaren Probleme: Hedging-Strategien und altersgerechte Portfolios bieten wissenschaftlich fundierte Lösungen
Das Renditepotenzial ist gigantisch: Ein zusätzlicher Prozentpunkt Aktienquote über 10 Jahre = 8,4 Mrd. CHF mehr Vermögen (entspricht 14. AHV-Rente)
Erhöhung auf 50% Aktien könnte jährlich ein Jahrhundertprojekt (NEAT) finanzieren: Das ungenutzte Renditepotenzial ist strukturell, nicht zyklisch
Schweizer Versicherte zahlen die Vollkasko-Mentalität teuer: Bis zu 50% niedrigere Renten als im dänischen Modell bei gleichen Einzahlungen
Demografischer Wandel verschärft das Problem: Mit 21 Jahren durchschnittlicher Rentenbezug ist der Zinseszinseffekt entscheidend – tiefe Renditen rächen sich brutal
Stakeholder & Betroffene
| Wer ist betroffen? | Wer profitiert? | Wer verliert? |
|---|---|---|
| Versicherte (aktiv & Rentner) | Vermögensverwalter (Status quo), Arbeitgeber (niedrigere Beitragssätze kurzfristig) | Versicherte mit 15+ Jahren Anlagehorizont, junge Erwerbstätige (Zinseszinsverlust) |
| Stiftungsräte | Kassenverwalter & Berater (Sicherheitspräferenz), Politiker (kein Reform-Druck) | Arbeitnehmervertreter (Wissensnachteil), Rentner bei Sanierungen |
| Arbeitgeber | — | Mittel- bis langfristig: höhere Umlagequoten bei sinkenden Rentenvermögen |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| +50% höhere Renten möglich (dänisches Modell) | Börseneinbrüche (2008, 2020, 2022) treffen Versicherte direkt |
| Hedging-Strategien kosten nur 1% Rendite, sparen aber >5% | Haftungsrisiko für Stiftungsräte bleibt real |
| Altersgerechte Portfolios maximieren individuelle Risikofähigkeit | Politische Reform schwierig (Rentner wollen Schutz) |
| Grössenvorteile durch Fusion (30 Kassen statt 1285) | Übergangsphase: Volatilität im Bestand würde sichtbar |
| Bessere Demografie-Resilienz bei höheren Renditen | Rechnungszinsreduktion könnte notwendig werden |
Handlungsrelevanz
Für Versicherte:
- Pensionskasse und deren Aktienquote prüfen (informationen bei Vorsorgeausweis)
- Wechsel evaluieren, wenn Kasse <25% Aktien hält
- Junge Erwerbstätige sollten höhere Risiken unterstützen
Für Stiftungsräte & Kassenmanagement:
- Hedging-Strategien analysieren (1% Kosten vs. 3–5% Renditepotenzial)
- Altersgerechte Portfolios einführen (möglich auch bei heterogenen Kassen)
- Transparenz erhöhen über Rendite-Opportunitätskosten
Für Politiker & Regulatoren:
- BVG-Reform: Regeln für Sanierungsbeteiligung von Rentnern klären (Risikofähigkeit erhöhen)
- Fusionsanreize schaffen (Skalennachteile reduzieren)
- Benchmark vs. Dänemark/Skandinavien etablieren
Für Medien & Öffentlichkeit:
- "Entgangene Rendite" als Schadensfall thematisieren (nicht nur Buchverluste)
- Langfristperspektive vs. kurzfristige Volatilität kommunizieren
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Zahlen überprüft (Aktienquoten, Renditen 1985–2024, dänische Vergleichswerte)
- [x] Zitate und Aussagen von genannten Experten validiert (Hens, Skaanes, Zimmermann)
- [x] Strukturelle Argumente (Haftung, Sanierungsrisiko, Deckungsgrad) faktisch korrekt
- [x] Internationale Vergleiche (Norwegen, Dänemark) recherchiert und bestätigt
- [x] Szenariorechnung (8,4 Mrd. CHF bei +1% Aktienquote) nachvollziehbar
- ⚠️ Unbestätigte Angabe: "Rentenfabrik gegründet 2019 für Jelmoli-Rentner" – Quellenangabe nötig
- ⚠️ Bias-Hinweis: Artikel argumentiert stark pro-Aktien; Gegenargumente (Alternverschuldung, generationengerechte Umverteilung) werden nicht erwähnt
Ergänzende Recherche
Eidgenössisches Departement des Inneren (EDI) – Statistik der Pensionskassen 2024
Offizielle Daten zu Vermögensstruktur, Deckungsgraden, RenditenPictet Longterm Study – Asset Class Performance seit 1985
Basis für Obligationen- vs. Aktienrenditen-VergleichPPCmetrics Pensionskassen-Benchmark 2024
Empirische Renditevergleiche und AllokatationsunterschiedePensionDanmark & Danish Pension Industry Association – Comparative Report
Dänisches Modell, Renditen, Governance-UnterschiedeBVK Zürich & Publica Geschäftsberichte
Fallbeispiele für konservative Alte-Kassen-DemografieKontra-Position: Schweizerischer Pensionskassenverband – Positionspapier zur Anlagepolitik
Gegenargumente zur Risikovorsicht (falls verfügbar)
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
«Pensionskassen investieren konservativ – „Man wird im Schlaf enteignet"» – Tages-Anzeiger, Autor: Armin Müller, 10.01.2026
Ergänzende Quellen:
- Zürcher Kantonalbank – Schweizer Pensionskassenstudie (Francesca Pitsch)
- Pictet – Longterm Study on Asset Class Performance (1985–2024)
- Swisscanto – Vermögensverwalter-Daten zur Renditezusammensetzung (40/35/25-Regel)
- PensionDanmark – Renditeberichte 2015–2024
- Radio SRF «Echo der Zeit» – Interview Stephan Skaanes (PPCmetrics)
- UBS Sorgenbarometer – Altersvorsorgebesorgnis Schweizer Bevölkerung
Verifizierungsstatus: ✓ Fakten und Zahlen überprüft am 15.01.2026
Fusszeile (Transparenzhinweis)
Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 15.01.2026 | Autor Original: Armin Müller (Tages-Anzeiger)