Kurzfassung
Der Schweizer Automarkt befindet sich in einer historischen Krise. Im Jahr 2025 wurden nur noch 230'000 Autos verkauft – ein Rückgang von etwa 70'000 Fahrzeugen gegenüber der Vorpandemie-Zeit. Parallel stagniert der Umstieg auf Elektromobilität: Statt der angestrebten 50 Prozent Elektroautos erreichte die Branche nur ein Drittel. Thomas Rücker, Direktor von Auto Schweiz, erklärt im SRF-Interview die Gründe für die Kaufzurückhaltung und kritisiert geplante Strafzahlungen durch den Bund.
Personen
- Thomas Rücker – Direktor Auto Schweiz
- Simon Hulliger – Moderator SRF Tagesgespräch
Themen
- Automobilabsatz und Marktentwicklung
- Elektromobilität und Dekarbonisierung
- CO2-Emissionsziele und Strafzahlungen
- Ladeinfrastruktur
- Schwerverkehr und Lastwagen
- Verkehrspolitik und Abgaben
Detaillierte Zusammenfassung
Markteinbruch ohne Pandemievergleich
Der Schweizer Automobilmarkt durchlebt ein beispielloses Tief. Mit 230'000 verkauften Neufahrzeugen im Jahr 2025 liegt die Quote unter dem Niveau der Pandemie-Jahre. Vor Corona betrug der jährliche Absatz über 300'000 Einheiten. Obwohl die Bevölkerung wächst und der Energieverbrauch steigt, sinkt die Nachfrage kontinuierlich. Rücker betont, dass Hersteller stark von stabilen oder wachsenden Märkten abhängen – ein schrumpfender Markt destabilisiert die Kostenstrukturen.
Gleichzeitig halten Fahrer ihre Fahrzeuge länger. Die durchschnittliche Nutzungsdauer stieg von sieben auf 10,5 Jahre. Das verlangsamt zwar den Flottenwechsel, hat aber auch Auswirkungen auf Umwelt und Klima: Ältere Fahrzeuge stossen mehr Emissionen aus.
Elektromobilität stagniert trotz Produktvielfalt
Über 300 Elektrofahrzeugmodelle sind verfügbar – doch Konsumenten greifen nicht zu. Statt 50 Prozent Elektroautos (das Netto-Null-Ziel bis 2050 erfordert dies) liegt der Anteil bei nur einem Drittel. Der Grund liegt nicht an mangelnder Verkaufsbereitschaft der Importeure, sondern an drei hartnäckigen Verbraucher-Bedenken:
Reichweitenangst: Moderne Elektroautos fahren 300–500 Kilometer weit. Dieses Angebot reicht für Ferienreisen mit Pausen aus, doch der psychologische Eindruck einer Reichweiten-Falle hält an.
Ladeinfrastruktur-Unsicherheit: Mit etwa 19'000 öffentlichen Ladepunkten (Ziel: 20'000) ist die Abdeckung quantitativ nah am Ziel. Das Problem: Miet- und Stadtbewohner ohne Eigenheim können nicht zu Hause laden und sind auf öffentliche Netze angewiesen. Unklar bleibt für viele, wo Ladestationen verfügbar sind, zu welchen Preisen, und wie lange Ladevorgänge dauern.
Batterie-Entsorgungsangst: Obwohl technisch gelöst – 94–98 Prozent der Batterieressourcen lassen sich recyceln – und Batterien länger halten als das Auto selbst, bleibt die Sorge um Altlasten präsent.
Ambitioniertes Ziel, mangelnde Marktmechanismen
Das CO2-Emissionszielgesetz verpflichtet Importeure zu 50 Prozent Elektroanteil. Verfehlt die Branche das Ziel, drohen Strafzahlungen im dreistelligen Millionenbereich – für 2025 rechnet Rücker mit über 100 Millionen Franken Sanktionen.
Das Problem: Importeure können Preise nicht frei senken. Wettbewerb und die Strategie reiner Elektro-Hersteller (wie Polestar) setzen sie unter Druck. Ein direkter Umlagemechanismus auf einzelne Fahrzeuge – transparent für Konsumenten – würde besser funktionieren als pauschale Strafzahlungen.
Lastwagen zeigen, wie es funktioniert
Bei Elektro-Lastwagen ist der Anteil fünfmal höher: Etwa jeder fünfte Lastwagen ist elektrisch. Der Grund: Ein funktionierendes Ökosystem. Transporteure profitieren von der Schwerverkehrsabgabe-Befreiung (LSVA) für Elektrofahrzeuge – Einsparungen von etwa 1 Franken pro Kilometer für 40-Tonnen-Fahrzeuge. Diese Ersparnisse amortisieren die Mehrinvestitionen (Faktor 2,5–3,5) und die teurere Ladeinfrastruktur.
Doch jetzt droht eine Regeländerung: Elektro-Lastwagen sollen ab 2029 (statt 2030) wieder LSVA zahlen. Auto Schweiz fordert, an den bisherigen Zusagen festzuhalten – um Investitionssicherheit zu gewährleisten.
Neue Abgabe auf Elektrofahrzeuge geplant
Bundesrat Rösti, ehemaliger Auto Schweiz-Präsident, plant ab 2030 eine Steuer auf Elektroautos als Ausgleich für Strassenabnutzung. Rücker lehnt dies nicht grundsätzlich ab, fordert aber:
- Zeitpunkt an Marktdurchdringung koppeln: Erst wenn ein ausreichender Anteil elektrischer Fahrzeuge im Bestand ist
- Keine Mittelzweckentfremdung: Einkünfte müssen vollständig der Strassenfinanzierung zugute kommen
- Einfache Erhebung: Selbstdeklaration statt teurer technischer Geräte
Überraschenderweise stimmt der VCS (Verband Carfree und Slowmobility), sonst kritisch zum Auto, dieser Position zu – beide wollen Defossilisierung ohne Mehrbelastung in der Übergangsphase.
Geopolitik: Tesla-Cybertrucks für die Schweiz?
Die geplanten USA-Schweiz-Handelsverhandlungen könnten Sicherheitsstandards für Autos lockern. Rücker beruhigt: Tesla-Cybertrucks werden nicht zugelassen – sie sind zu schwer, zu gross und verstossen gegen Fussgängerschutznormen.
Autonomes Fahren: noch 15+ Jahre entfernt
Vollständig selbstfahrende Autos werden mindestens 15 Jahre brauchen. Zuerst kommen Assistenzsysteme (Autobahnpilot), realisierbar auf Autobahnen. In Innenstädten bleibt die Technologie wegen unvernetzter Verkehrsteilnehmer anspruchsvoll. Das kulturelle Hindernis ist erheblich: Fahren ist für viele ein Persönlichkeitserlebnis – ein Paradigmenwechsel bleibt notwendig.
Kernaussagen
- Der Schweizer Automarkt schrumpft dramatisch: 2025 nur 230'000 Verkäufe (vs. 300'000+ vor Corona)
- Elektromobilitätsziel von 50% verfehlt; nur ein Drittel Elektroanteil erreicht
- Reichweite, Ladeinfrastruktur und Batterien-Ängste bremsen Käufer – obwohl technisch gelöst
- Strafzahlungen (100+ Mio. CHF) wirken ineffektiv ohne direkten Umlagemechanismus
- Lastwagen-Elektrifizierung funktioniert dank LSVA-Befreiung – Vorbild für Pkw
- Geplante Elektroauto-Steuer ab 2030: Auto Schweiz akzeptiert Prinzip, fordert aber Marktreife-Kopplung
- Tesla-Cybertrucks werden nicht zugelassen
- Autonomes Fahren braucht 15+ Jahre
Stakeholder & Betroffene
| Gruppe | Status |
|---|---|
| Autoimporteure & Hersteller | Unter Druck durch Zielquoten, sinkende Absätze, Strafzahlungen |
| Transporteure & Logistiker | Profitieren aktuell von LSVA-Befreiung; fürchten Regeländerung |
| Konsumenten (Eigenheimbesitzer) | Können leicht zu Hause laden; profitieren von Elektro-Vorteilen |
| Miet- & Stadtbewohner | Gehindert durch mangelhafte private Ladeinfrastruktur |
| Umwelt & Klima | Leiden unter längeren Fahrzeuglebenszyklen; profitieren von höherem E-Anteil |
| Staat (Bund) | Erhält Strafzahlungen; plant neue Steuerquellen |
| VCS / Verkehrswende-Befürworter | Unterstützen Elektrifizierung; skeptisch gegenüber neuen Abgaben |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Funktionierende Ladeinfrastruktur bei Erreichen von Netzausbaupzielen | Hohe Strafzahlungen für Importeure ohne Lenkungswirkung |
| LSVA-Modell auf Pkw übertragbar | Elektroauto-Steuer ab 2030 könnte Marktdynamik bremsen |
| Batterierecycling technisch gelöst (94–98% Rückgewinnung) | Soziale Ungerechtigkeit: Mietbewohner können nicht profitieren |
| Längere Fahrzeugnutzung reduziert Verschleissfolgen | Gesellschaftliche Widerstände gegen Verzicht auf Fahrerlebnis |
| Technologie-Offenheit bewahrt Optionen (Wasserstoff, synthetische Fuels) | Langsamere Dekarbonisierung durch fehlende Rechtsverbindlichkeit |
| Lastwagen-Erfolgsquote zeigt Skalierbarkeit | Wettbewerb mit reinen E-Herstellern setzt Preisvorhersagen unter Druck |
Handlungsrelevanz
Für den Bund:
- Ladeinfrastruktur-Priorisierung in städtischen Räumen und bei Mietobjekten
- Direkter Umlagemechanismus (pro verkauftes Fahrzeug) statt pauschaler Strafzahlungen erwägen
- LSVA-Zusagen bis 2030 einhalten, um Investitionssicherheit zu schaffen
- Elektroauto-Steuer zeitlich an Marktreife koppeln (nicht ab 2030 pauschal)
Für Importeure:
- Preisflexibilität in Konkurrenzumgebung schwierig – Marktkommunikation über Gesamtkostenbesitz (TCO) stärken
- Kundenberatung zu Ladeoptionen und Reichweite intensivieren
- Differenzierte Modellpaletten für verschiedene Käufertypen
Für Konsumenten:
- Kostenvergleiche mit E-Fahrzeugen anstellen (Betriebskosten, LSVA-Einsparungen bei Lastwagen)
- Lademöglichkeiten vor Kauf klären (Eigenheim vs. öffentliches Netz)
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft (230'000 Pkw-Verkäufe 2025, 19'000 Ladepunkte, 50%-Ziel)
- [x] Unbestätigte Daten gekennzeichnet (Sanktionshöhe 100+ Mio. CHF ist Schätzung; offizielle Abschlusszahlen erst Juni 2026)
- [x] Web-Recherche für aktuelle Daten durchgeführt
- [x] Bias überprüft: Interview zeigt industrielle Perspektive; Verbrauchersicht und Umweltverbandskritik unterrepräsentiert
⚠️ Einschränkung: Geplante LSVA-Änderung (ab 2029) ist im Parlamentsprozess; finale Regelung pending
Ergänzende Recherche
- Bundesamt für Energie (BFE): CO2-Emissionsziele und Sanktionsverfahren – offizielle Abschlusszahlen 2025 (Juni 2026)
- International Energy Agency (IEA): Global EV Outlook 2026 – Vergleich Schweiz mit europäischen Märkten
- Kampagne für Verkehrswende: Kritische Analyse der LSVA-Befreiung und Umwelteffekte
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
SRF Tagesgespräch – 16. Januar 2026, Interview mit Thomas Rücker (Auto Schweiz)
https://download-media.srf.ch/world/audio/Tagesgespraech_radio/2026/01/Tagesgespraech_radio_AUDI20260116_NR_0081_cad64be5271846359472ac93e2349eb5.mp3
Ergänzende Quellen:
- Bundesamt für Energie (BFE) – CO2-Verordnung und Emissionsziele Personenwagen
- Auto Schweiz – Jahresstatistiken Automobilmarkt 2025