Die Schweizer Bundesverwaltung setzt Open-Source-Software gezielt ein, um die Abhängigkeit von einzelnen Technologieanbietern zu verringern – eine Kulturveränderung, die durch das Digitalgesetz Embag vorangetrieben wird.

Kurzfassung

  • Das Bewusstsein für technologische Abhängigkeiten ist in der Bundesverwaltung gestiegen; Embag verpflichtet zur Publikation von Verwaltungssoftware als Open Source, schreibt aber deren Nutzung nicht vor.
  • Eine Machbarkeitsstudie (BOSS) zur Microsoft-365-Alternative läuft mit rund 150 Testnutzern; Herausforderungen bestehen beim Know-how-Aufbau und der Integration in bestehende Fachanwendungen.
  • Open Source reduziert Vendor-Lock-in, schafft aber auch neue Risiken durch mögliche Abhängigkeiten von Support-Dienstleistern und erfordert Enterprise-Fähigkeit sowie Qualitätskontrolle.

Personen

Themen

  • Open-Source-Software
  • Digitale Souveränität
  • IT-Unabhängigkeit
  • Cloud-Infrastruktur
  • Behördliche Digitalisierung

Clarus Lead

Markwalder sieht Open Source als Schlüssel zu digitaler Souveränität, warnt aber vor Illusionen: Abhängigkeiten verlagern sich, entstehen aber in kontrollierbaren Bereichen. Entscheidend sind offene Standards und echte Interoperabilität. Die Rolle von Open Source wird in regulierten Sektoren in den kommenden fünf Jahren weiter an Gewicht gewinnen – nicht zuletzt als Kriterium in öffentlichen Ausschreibungen.

Detaillierte Zusammenfassung

Das Schweizer Digitalgesetz (Embag) schreibt vor, dass von der Bundesverwaltung entwickelte Software als Open Source veröffentlicht werden muss. Allerdings regelt das Gesetz weder Publikationsform noch bevorzugte Plattform. Die Bundeskanzlei hat deshalb im Dezember 2025 einen OSS-Katalog erstellt und Hilfsmittel publiziert, um einheitliche Standards in der Verwaltung zu schaffen.

Die Praxistests zur Microsoft-365-Alternative (BOSS-Projekt) mit etwa 150 Nutzenden aus verschiedenen Verwaltungseinheiten laufen bereits, bleiben aber vor Herausforderungen wie dem Know-how-Aufbau und der Integration in Fachanwendungen nicht verschont. Markwalder argumentiert, dass Open Source zwar Vendor-Lock-in deutlich verringert, gleichzeitig aber neue Abhängigkeiten entstehen können – etwa durch Support-Dienstleister. Der offene Code biete jedoch mehr Kontrolle und langfristige Unabhängigkeit als proprietäre Lösungen. Ein kritischer Punkt: Nicht immer ist wirklich Open Source drin, wenn Firmen damit werben.

Künftig wird KI die Softwareentwicklung verändern. Markwalder erwartet, dass Open-Source-Communities sich vom offenen Programmieren zum offenen Prompting entwickeln – es geht dann weniger um fertige Software, sondern um den Weg ihrer Entstehung. Im Bereich souveräner Cloud-Infrastruktur und KI-Modellen (wie das Schweizer Projekt Apertus) sieht Markwalder besonders hohes Potenzial.

Sicherheitsrelevante Prozesse – etwa Algorithmen zur Kreditprüfung oder Geldwäschebekämpfung – bilden Ausnahmen. Selbst dort können aber einzelne Komponenten ausgegliedert und veröffentlicht werden.

Kernaussagen

  • Open Source ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug zur kontrollierten Reduktion von Vendor-Lock-in.
  • Offene Standards und Interoperabilität sind zentral; ohne sie bleibt Austauschbarkeit illusorisch.
  • Gewohnheit und historisch gewachsene Verflechtungen (etwa Microsoft Office in Fachanwendungen) sind grössere Hürden als technische Machbarkeit.

Kritische Fragen

  1. Evidenz: Welche messbaren Metriken zeigen, dass die BOSS-Machbarkeitsstudie tatsächlich Produktivität und Sicherheit mit Open-Source-Alternativen erreicht, und wie unterscheiden sich diese von etablierten Microsoft-Produkten?

  2. Interessenskonflikte: Welche Finanzierungsquellen und kommerzielle Abhängigkeiten existieren hinter den verwendeten Open-Source-Projekten, und wie wird verhindert, dass ein Wechsel von Microsoft zu anderen Anbietern neue Lock-in-Szenarien schafft?

  3. Kausalität und Alternativen: Ist nicht auch eine hybride Strategie denkbar – also selektive Migration statt vollständiger Austausch proprietärer Systeme – die Risiken senkt und Umstellungskosten begrenzt?

  4. Umsetzbarkeit: Welche konkrete Schulung und wie viel zusätzliches IT-Personal benötigt die Bundesverwaltung, um Open-Source-Software wirklich betreiben zu können, und wer trägt diese Kosten?

  5. Enterprise-Fähigkeit: Gibt es für Mission-Critical-Prozesse (z. B. Sozialversicherung, Steuerverwaltung) hinreichend reife und zertifizierte Open-Source-Lösungen mit vergleichbarem Supportniveau wie proprietäre Systeme?

  6. Geopolitik: Inwieweit ist die Strategieverschiebung zu Open Source wirklich eine Massnahme der Souveränität, oder baut sie neue Abhängigkeiten vom Open-Source-Ökosystem auf, das wiederum von wenigen dominanten Akteuren (GitHub, Cloud-Provider) kontrolliert wird?


Quellenverzeichnis

Primärquelle: Daniel Markwalder im Interview: „Wie Behörden und Unternehmen mit Open Source Abhängigkeiten verringern" – Netzwoche, Dylan Windhaber (Interviewer), 27.07.2026 – https://www.netzwoche.ch/news/2026-07-27/wie-behoerden-und-unternehmen-mit-open-source-abhaengigkeiten-verringern

Zugriff: 27.07.2026 | Zugriffsumfang: vollständig

Verifizierungsstatus: ✓ 27.07.2026

Weitere Sprachen: Französisch | Englisch


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 27.07.2026