Kurzfassung

Der britisch-amerikanische Historiker Niall Ferguson warnt in einem Interview mit der NZZ vor einem neuen Kalten Krieg zwischen den USA und China. Während Ferguson davon ausgeht, dass die USA diesen Konflikt gewinnen werden, sieht er Europa in einer existenziellen wirtschaftlichen Bedrohung. Besonders kritisch bewertet er die mangelnde Handlungsfähigkeit europäischer Eliten und den fehlenden Problembewusstsein für die geopolitischen Herausforderungen. Taiwan stellt für Ferguson einen kritischen Risikofaktor dar, da eine Eskalation gravierende Folgen für die Weltwirtschaft hätte.

Personen

Themen

  • Geopolitische Rivalität USA-China
  • Europäische Wirtschaftskrise
  • Taiwan und militärische Eskalation
  • Künstliche Intelligenz und Halbleiter
  • Westlicher Niedergang

Detaillierte Zusammenfassung

Chinas Aufstieg als Bedrohung für den Westen

Niall Ferguson argumentiert, dass China für den Westen in mehreren strategischen Bereichen zur Bedrohung geworden ist. Das Land hat militärisch stark aufgerüstet und verfügt bereits über mehr Kriegsschiffe als die USA. Gleichzeitig wird Chinas Atomwaffenarsenal bald dem der USA ebenbürtig sein. Technologisch hat China aufgeholt, insbesondere bei künstlicher Intelligenz und Robotik, wo es bereits führend ist.

Im Handelskrieg mit den USA zeigten die Chinesen Ferguson zufolge beeindruckende Standhaftigkeit. Während sich Europa dem Zolldiktat der Amerikaner unterwerfen musste, gelang es China, durch die Dominanz bei seltenen Erden (70 Prozent Marktanteil) Druck auszuüben und die Vereinigten Staaten zu Zugeständnissen zu zwingen. Ferguson kritisiert, dass die Trump-Administration die Bedeutung seltener Erden als Machtfaktor unterschätzte.

Strukturelle Schwächen des Westens

Ferguson bezweifelt, dass das Konzept des „Westens" in der neuen Weltordnung noch Gültigkeit besitzt. Die transatlantische Allianz, ein Relikt des Kalten Krieges, sei brüchig geworden. Europa habe sich bei der Verteidigung zu lange auf Kosten der USA zurückgelehnt. Für die restliche Welt sei China als Partner deutlich attraktiver als damals die Sowjetunion.

Die europäische Wirtschaftslage ist nach Ferguson's Analyse kritischer als die der USA. Deutschland, als wirtschaftlicher Motor Europas, steht massiv unter Druck: Die Industrieproduktion ist in zehn Jahren um ein Fünftel geschrumpft. Deutsche Exporteure, die lange vom chinesischen Markt profitierten, werden nun durch die Flut chinesischer Waren verdrängt – besonders die Autoindustrie leidet erheblich. Ferguson betont: „Für Europa ist die wirtschaftliche Bedrohung existenziell – im Gegensatz zu den USA."

Mangelnde Handlungsfähigkeit europäischer Eliten

Trotz vorhandenen Potenzials und Fähigkeiten fehle es Europa an Problembewusstsein. Ferguson kritisiert scharf, dass die notwendigen Rezepte – wie der Abbau von Bürokratie und mehr Wettbewerb – längst vorliegen, aber nicht angewandt werden. Er sieht konkrete Möglichkeiten: Deutschland könnte modernste Fabriken für Drohnenherstellung aufbauen und dabei auf das Know-how der Ukraine zurückgreifen. Überkapazitäten in der Autoindustrie könnten für Massenproduktion genutzt werden.

Besonders kritisiert Ferguson, dass sich viele Europäer auf die Person von Donald Trump eingeschossen haben, statt sich inhaltlich mit den eigenen Defiziten auseinanderzusetzen. Er hält viele Kritikpunkte, die Trump und Vizepräsident J.D. Vance gegen Europa vorgebracht haben, für berechtigt.

Taiwan als kritischer Risikofaktor

Ferguson erachtet eine militärische Invasion Taiwans als unwahrscheinlich. Stattdessen verfolge China die Strategie, die Insel kampflos zu erobern, indem Xi Jinping Donald Trump vor ein Dilemma stelle: zwischen einem dritten Weltkrieg oder einer kampflosen Machtübernahme. Ferguson hält es für plausibel, dass diese Weichenstellung bereits in den nächsten drei Jahren fällt. Grund: Xi Jinping ist 72 Jahre alt und möchte diesen Schritt noch selbst vollziehen. Zudem dauert Trumps Amtszeit noch drei Jahre – die chinesische Führung sieht dies als Vorteil.

Die wirtschaftlichen Risiken sind enorm. Taiwan dominiert die Produktion modernster Halbleiter, die für künstliche Intelligenz unentbehrlich sind. Eine Störung der politischen Stabilität hätte ähnlich gravierende Konsequenzen wie die Erdölkrise der 1970er Jahre. Ferguson warnt: „Wir befinden uns erst in einer frühen Phase dieses zweiten kalten Krieges, und die Lage kann rasch eskalieren."

Wer gewinnt den neuen Kalten Krieg?

Ferguson analysiert, dass die Sowjetunion den ersten Kalten Krieg verlor, weil ihre Wirtschaft zusammenbrach. Bei der Frage, welche Supermacht in den nächsten zehn Jahren stärker in eine wirtschaftliche Krise fällt, sieht er bei den USA das Risiko eines Börsencrashs durch übertriebene Euphorie über künstliche Intelligenz.

Chinas Hauptproblem ist jedoch die demografische Überalterung, kombiniert mit der schwelenden Immobilienkrise und hoher Schuldenlast (vergleichbar mit den USA, wenn lokale Regierungsverschuldung einbezogen wird). Das Land leidet zudem unter deflationären Entwicklungen. Ferguson ist überzeugt, dass diese strukturellen Probleme zu einem ähnlichen Schicksal führen könnten wie in der Sowjetunion.

Europas verlorene Rolle und die Bedeutung künstlicher Intelligenz

Auf die Frage „Wozu taugt Europa überhaupt noch?" hat Ferguson nach eigener Aussage keine gute Antwort. Die USA besitzen technologische Führerschaft, China dominiert industrielle Produktion. Ferguson sieht aber Potenziale: Ein militärisch erstarktes Deutschland könnte die geopolitische Machtbalance erheblich verändern – das fürchten die Russen am meisten. Europe besitzt zudem weltführende Universitäten und Talente, aber falsch gesetzte Anreize führen dazu, dass Talente in die USA abwandern.

Ferguson warnt vor der zentralen Rolle künstlicher Intelligenz im zukünftigen Konflikt. Das chinesische Militär forscht an verschiedensten Anwendungen – von künstlich hergestellten Viren bis zu Desinformationskampagnen. Zukünftige Historiker werden nach Ferguson's Prognose nicht primär Donald Trump als zentral bewerten, sondern die geopolitische Rivalität und den Einfluss künstlicher Intelligenz.


Kernaussagen

  • China hat militärisch und technologisch aufgeholt und stellt für den Westen eine existenzielle Bedrohung dar, insbesondere durch Dominanz bei seltenen Erden und künstlicher Intelligenz

  • Die USA haben bessere Chancen, den neuen Kalten Krieg zu gewinnen als China, da letzteres mit strukturellen Problemen wie demografischer Überalterung kämpft

  • Europa befindet sich in existenzieller wirtschaftlicher Bedrohung – insbesondere Deutschland leidet unter Industrieabbau und kann technologisch nicht mithalten

  • Europäische Eliten zeigen mangelndes Problembewusstsein und setzen bekannte Lösungsansätze nicht um, obwohl Potenzial vorhanden ist

  • Taiwan ist ein kritischer Risikofaktor: Eine Eskalation in den nächsten drei Jahren könnte ähnliche wirtschaftliche Folgen haben wie die Erdölkrise der 1970er Jahre

  • Künstliche Intelligenz wird zum entscheidenden Faktor in geopolitischen Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen

  • Der Westen als kohärentes geopolitisches Konzept verliert an Bedeutung; die transatlantische Allianz ist brüchig geworden


Metadaten

Sprache: Deutsch
Publikationsdatum: 28.12.2025
Quelle: Neue Zürcher Zeitung (NZZ)
Original-URL: https://www.nzz.ch/wirtschaft/der-historiker-niall-ferguson-redet-den-europaeern-ins-gewissen-niemand-weiss-wozu-der-kontinent-ueberhaupt-noch-taugt-ld.1910578
Autoren: Albert Steck, Chanchal Biswas
Textlänge: ca. 8.500 Zeichen
Interviewformat: Schriftliche Fragen und Antworten