Kurzfassung

Die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) hat sich organisatorisch neu aufgestellt und reagiert deutlich schneller auf Probleme bei grossen Stiftungen – exemplarisch zeigen dies die Fälle Bucherer und World Economic Forum. Mit automatisierten Risikobewertungen können kleinere Stiftungen effizienter abgewickelt werden, während mehr Kapazitäten für komplexe Fälle entstehen. Allerdings wächst der Datenhunger der Behörden und die Gebühren steigen – besonders Kleinere Stiftungen leiden darunter. Der Stiftungsboom in der Schweiz ist ungebrochen: Über die Hälfte aller Stiftungen wurde nach 2000 gegründet.

Personen

Themen

  • Stiftungsaufsicht und Professionalismus
  • Digitalisierung und Automatisierung
  • Stiftungsboom und demografische Trends
  • Datenschutz und Gebührenstruktur

Detaillierte Zusammenfassung

Die Schweiz verwaltet über 14.000 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von 140 Milliarden Franken. Rund ein Drittel untersteht der Bundesaufsicht, der Rest der kantonalen Kontrolle. Die jüngsten aufsehenerregenden Fälle – die 4-Milliarden-Franken-Bucherer-Stiftung und der Machtkampf beim World Economic Forum – signalisieren einen grundlegenden Wandel in der Stiftungsüberwachung.

Die ESA, eine kleine Behörde mit nur 32 Vollzeitstellen, musste ihre Strategie überdenken. Mit knapp 300 Stiftungen pro Mitarbeiter ist eine Detailprüfung aller Organisationen unmöglich. Deshalb entwickelte die ESA zusammen mit dem Bundesamt für Statistik ein Instrument zur automatisierten Risikobewertung. Dies ermöglicht es, Stiftungen ohne Auffälligkeiten schneller abzuhandeln und Ressourcen auf problematische Fälle zu konzentrieren.

Direktor Nils Güggi hat seit seiner Amtsübernahme vor viereinhalb Jahren die Behörde digitalisiert und effizienter gestaltet. Branchenvertreter wie Christoph Degen von Profonds loben die pragmatische neue Führung. Besonders die Flexibilität bei Stiftungszweckänderungen wird positiv bewertet – eine deutliche Verbesserung gegenüber der früheren Bürokratie.

Die Revision des Stiftungsrechts von 2006 erzwang Buchführungspflicht und Revisionsstellen, was zu starker Professionalisierung führte. Statt einfacher „Milchbüechli-Rechnungen" müssen heute professionelle Jahresrechnungen eingereicht werden. Zusätzlich entstanden freiwillige Standards wie der Swiss Foundation Code, der zunehmend auch von der Aufsicht eingefordert wird.

Ein kritischer Punkt ist jedoch der wachsende Datenhunger. Stiftungen berichten von flächendeckenden Informationsanforderungen ohne erkennbare rechtliche Grundlage oder praktischen Nutzen. Parallel dazu sind die Aufsichtsgebühren spürbar angestiegen – besonders kleinere Stiftungen leiden unter dieser Belastung.

Der Stiftungsboom hält an: Mehr als 50 Prozent aller Schweizer Stiftungen wurden nach 2000 gegründet. Gründe sind demografische Verschiebungen (weniger Nachkommen unter Wohlhabenden), freiverfügbare Vermögen und das Vertrauen in die Stiftungsform. Prominent sind neuerdings auch Martin und Marianne Haefner, die ihr Milliardenvermögen gemeinnützigen Zwecken zuführen.

ESA-Direktor Güggi sieht den Boom positiv: Stiftungsvermögen sind steuerbefreit und gehören niemandem – eine sichere Kontrolle durch den Staat ist daher essentiell, um Missbrauch zu verhindern.


Kernaussagen

  • Die ESA reagiert deutlich schneller auf Hinweise zu Stiftungsproblemen und greift bei grossen Fällen entschiedener ein.
  • Automatisierte Risikobewertung ermöglicht Ressourcenoptimierung: Routine-Stiftungen werden schneller abgewickelt, grosse Fälle erhalten mehr Aufmerksamkeit.
  • Die Professionalisierungswelle seit 2006 hat fragwürdige Standards wie simple Rechnungen fast vollständig verdrängt.
  • Der Datenhunger der Behörden wächst, ohne dass immer eine rechtliche Basis oder praktischer Nutzen erkennbar ist.
  • Gebührenerhöhungen treffen vor allem kleinere und mittlere Stiftungen überproportional hart.
  • Der Stiftungsboom ist strukturell: Über 50 Prozent der Stiftungen stammen aus der Ära nach 2000.
  • Stiftungsvermögen gehören niemandem – staatliche Aufsicht ist deshalb legitim und notwendig.

Stakeholder & Betroffene

GruppeAuswirkung
Grosse StiftungenProfitieren von intensiverer, schnellerer Aufsicht; Risiken besser mitigiert
Kleine/mittlere StiftungenLeiden unter steigenden Gebühren und unnötigen Datenforderungen
ESA-PersonalGewinnen Effizienz durch Digitalisierung, können hochkomplexe Fälle fokussieren
Stifter (Vermögende)Grössere Rechtssicherheit und Kontrolle über ihre Intention
BenefiziäreLangfristig gesicherte Ressourcen; kurzfristig mögliche Projektarbeitsverzögerungen bei Kontrollen
ÖffentlichkeitBesserer Schutz vor Missbrauch von Stiftungsvermögen

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Schnellere, fokussierte Kontrolle bei kritischen FällenÜberregulation und Compliance-Lasten für legitime Stiftungen
Automatisierung reduziert Bürokratie für Routine-StiftungenSteigende Gebühren gefährden wirtschaftliche Viabilität kleiner Stiftungen
Digitalisierung der ESA steigert Effizienz und MitarbeiterzufriedenheitDatenhunger ohne klare rechtliche oder praktische Rechtfertigung
Professionalisierungsstandards schützen vor MissbrauchFreiwillige Standards (z.B. Foundation Code) werden faktisch zur Pflicht
Boom bei Neuründungen stärkt gemeinnütziges ÖkosystemÜberproportionale Kontrolle grosser Vermögen könnte Neugründungen abschrecken

Handlungsrelevanz

Für Stiftungsräte & Manager:

  • Digitalisierung und dokumentierte Prozesse sind künftig Standard; Investitionen in Governance zahlen sich aus
  • Transparenz gegenüber Aufsichtsbehörden reduziert Konfliktrisiken
  • Kleinere Stiftungen sollten sich zu Gebühren-Fairness und unnötigen Datenforderungen äussern (Verbandskommunikation via Profonds)

Für Aufsichtsbehörden:

  • Die Skalierungsgewinne durch Automatisierung sollten an Stiftungen weitergegeben werden (Gebührenmoderation)
  • Rechtliche Grundlagen für Datenforderungen müssen transparent kommuniziert werden
  • Kantonale und eidgenössische Standards sollten harmonisiert werden

Für politische Entscheidungsträger:

  • Der Boom verdient legislative Aufmerksamkeit: Sind Ressourcen der ESA ausreichend langfristig gesichert?
  • Diskussion nötig: Sollten Stiftungen stärker zu Transparency-Standards verpflichtet werden (anstatt freiwillig)?
  • Gebührenmodelle müssen überprüft werden, um Grössenfairness zu gewährleisten

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft
  • [x] 14.000 Stiftungen mit 140 Mrd. CHF Vermögen – konsistent mit verfügbaren Schätzungen
  • [x] ESA: 32 Vollzeitstellen, 19 für Aufsicht – aus Artikel bestätigt
  • [x] Bucherer-Stiftung: ~4 Milliarden CHF – aus Artikel bestätigt
  • [x] Stiftungsrechtsrevision 2006 – historisch korrekt
  • [x] >50 % Stiftungen nach 2000 – aus Artikel bestätigt
  • [x] Unbestätigte Daten: Keine ⚠️ nötig
  • [x] Bias-Analyse: Artikel ist faktisch neutral; keine erkennbare politische Einseitigkeit

Ergänzende Recherche

  1. Bundesamt für Statistik (BFS) – Stiftungsstatistik: Detaillierte aktuelle Daten zu Stiftungszahlen, Vermögen und Branchenverteilung
  2. Swiss Foundation Code (Profonds): Verbindliche Standards für gute Governance in Stiftungen
  3. Stiftungsgesetzgebung der Kantone: Comparative Analyse – welche Kantone führen strengere Aufsicht?

Quellenverzeichnis

Primärquelle:
Milchbüechli-Rechnungen sind Geschichte: Bucherer und WEF stehen für eine neue Ära der Stiftungskontrolle – Thomas Schlittler, Neue Zürcher Zeitung, 26.01.2026
https://www.nzz.ch/wirtschaft/milchbueechli-rechnungen-sind-geschichte-bucherer-und-wef-stehen-fuer-eine-neue-aera-der-stiftungskontrolle-ld.1921037

Ergänzende Quellen:

  1. Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) – Geschäftsbericht und Jahresstatistik
  2. Profonds (Dachverband gemeinnütziger Stiftungen) – Swiss Foundation Code und Branchenübersicht
  3. Georg von Schnurbein / Universität Basel – Stiftungsmanagement-Forschungspublikationen

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 26.01.2026


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 26.01.2026