Kurzfassung
Kathrin Bertschy, seit Juni 2022 Finanzdirektorin des Kantons Bern, kandidiert bei der Regierungsratswahl im März 2026 erneut an. Im Podcast-Interview betont die Juristin und Mitte-Politikerin zentrale Herausforderungen: Das Bevölkerungswachstum des Kantons Bern liegt deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt (2 % vs. 30 % in Vergleichskantonen wie Luzern). Bertschy identifiziert Steuerpolitik, digitale Verwaltung und attraktive Arbeitsbedingungen als Schlüsselmassnahmen für die nächste Legislatur. Ihre Bilanz: Massive Schuldensenkung trotz hoher Investitionen und erste Steuersenkungsschritte.
Personen
Themen
- Steuerstrategie Kanton Bern
- Bevölkerungswachstum und Standortattraktivität
- Digitalisierung der Verwaltung
- Personalreglement und Arbeitsbedingungen
- Regierungsratswahl 2026
Clarus Lead
Der Kanton Bern steht vor einem demographischen Schachzug: Während die Bevölkerung bundesweit und in Vergleichskantonen deutlich schneller wächst, droht Bern mit bloss 2 % Wachstum bis 2055 in eine strukturelle Krise zu rutschen. Finanzdirektorin Bertschy warnt vor Fachkräftemangel, Überalterung und steigenden Kosten. Die Neuwahl im März 2026 wird darüber entscheiden, ob eine wirtschaftsliberal ausgerichtete Regierung die notwendigen Reformen umsetzt.
Clarus Eigenleistung
Clarus-Recherche: Konkrete Zahlenkonfrontation: Kantons-Bevölkerungswachstum Bern 2 % vs. Luzern 30 % bis 2055 (Quelle: Bundesamt für Statistik). Diese Diskrepanz zeigt strukturelles Standortrisiko jenseits kurzfristiger Konjunkturzyklen.
Einordnung: Steuerpolitik ist nicht isoliert: Bertschy verbindet drei Dimensionen – Steuerattraktivität, ÖV-Infrastruktur und Gewerbe-Zugang (Parkierungsprobleme von Handwerkern in der Stadt Bern). Das ist ein ganzheitliches Standort-Diagnose-Modell, nicht nur Steuer-Reduktion.
Konsequenz für Entscheider: Wahl einer „wirtschaftsfreundlichen" Regierung wird konkret an drei Metriken messbar: (1) Steuerstrategie 2027 umgesetzt, (2) One-Data-In-Prinzip in der Verwaltung etabliert, (3) Attraktivität für junge Bevölkerung nachweisbar.
Detaillierte Zusammenfassung
Politisches Profil und Motivation
Kathrin Bertschy, 1973 geboren, Juristin und Mutter eines erwachsenen Sohnes, bekleidet seit Juni 2022 das Finanzamt des Kantons Bern. Sie kandidiert im März 2026 erneut an – nicht aus Machthunger, sondern aus Überzeugung, dass unvollendete Reformen Kontinuität brauchen. Ihr Jura-Studium beschreibt sie als fundierte Grundlage, besonders für Gesetzgebungsprozesse.
Die Motivation ist handlungsorientiert: In vier Jahren wurden neue Gesetze auf den Weg gebracht, insbesondere zur Steuerstrategie. Sie möchte diese nicht in den Schubladen lassen, sondern umsetzen.
Kernherausforderung: Bevölkerungswachstum
Die zentrale Problematik, die Bertschy identifiziert, ist dramatisch: Das Bundesamt für Statistik prognostiziert für den Kanton Bern ein Bevölkerungswachstum von nur 2 % bis 2055. Im Vergleich: Luzern wächst über 30 %. Diese Diskrepanz ist nicht kosmetisch – sie führt zu strukturellen Problemen: Überalterung, Fachkräftemangel, steigende Sozialkosten bei sinkender Erwerbstätigenbasis.
Bertschy betont: Die „Schönheit und Vielfalt" des Kantons allein reicht nicht. Rahmenbedingungen sind entscheidend – Steuern, Infrastruktur, Digitalisierung.
Steuerstrategie 2027: Der zentrale Hebel
Eine Steuergesetzrevision 2027 ist in Arbeit. Die erste Lesung im Grossen Rat war „überwältigend positiv". Noch offen sind Detail-Fragen in der zweiten Lesung. Bertschy sieht hier höchste Priorität: Bürger und Arbeitnehmer, die in Bern verdienen, aber in benachbarten Kantonen mit niedrigerem Steuersatz leben, müssen einen Grund bekommen, im Kanton zu bleiben.
Kleine Steuersenkungsschritte wurden bereits realisiert – nun geht es um strategische Neuausrichtung.
Digitalisierung der Verwaltung
Ein zweites Grossprojekt: Vollständige Digitalisierung der Verwaltungsrechtspflege. Ziel: Bürger müssen Daten nicht x-mal eingeben (One-Data-In-Prinzip). Das erfordert Gesetzesanpassungen und technische Infrastruktur. Bertschy sieht darin nicht nur Effizienzgewinne, sondern auch Qualitätsverbesserung der Bürgererfahrung.
Moderne Führungskultur und Personalreglement
Ein drittes Projekt: „Zeitgemässe Führung". Mit Digitalisierung verändern sich Arbeitsprozesse – die Führungskultur muss folgen. Parallel laufen Diskussionen um eine Personalgesetzrevision. Der Druck kommt vom Parlament: Anstellungsbedingungen sollten sich der Privatwirtschaft nähern.
Bertschy ist offen, warnt aber vor naiver Gleichmacherei. Der Kanton muss über 12'000 Anstellungsgruppen handhaben – das ist komplexer als private Einzelfirmen. Die Balance: Attraktivität erhöhen (Probezeiten, Lohnflexibilität), ohne in Bürokratie zu ertrinken.
Finanzielle Erfolgsbilanz
Was läuft gut? Bertschy betont:
- Schuldenabbau: Massiv in den letzten Jahren, trotz hoher Investitionen.
- Investitionsfähigkeit: Der Kanton Bern konnte investieren und finanzieren – bemerkenswert für einen strukturell nicht bevorzugten Kanton.
- Steuersenkungen: Kleine, aber symbolisch wichtige Schritte.
Sie warnt vor Verwechselung: Stadt Bern und Kanton Bern werden oft vermischt. Der Kanton hat eine „sehr gute Situation".
Gewerbe und Infrastruktur
Ein subtiler, oft übersehener Punkt: Motorisierter Individualverkehr. Handwerker berichten Bertschy von Aufträgen, die sie in der Stadt Bern nicht annehmen, weil Parkierungsplätze fehlen. Das ist kein ideologisches Problem, sondern ein Standort-Realitäts-Problem. ÖV ist wichtig, aber nicht ausreichend.
Wahlstrategie und bürgerliches Ticket
Bertschy ruft zur Unterstützung des „bürgerlichen Tickets" auf. Die neuen Kandidaten seien nicht nur politisch beschlagen, sondern hätten Führungserfahrung – und den Mut zu entscheiden. „Etwas vom Schlimmsten, was man machen kann, ist nicht entscheiden."
Die Wahlbeteiligung im Kanton Bern ist niedrig. Bertschy appelliert: Mobilisierung ist zentral.
Persönliche Facetten
Bertschy entspannt sich beim Krimis lesen. Der schönste Ort im Kanton ist für sie die Gegend um ihre Heimatgemeinde Ostermundigen. Ferien macht sie gerne mit der Familie, idealerweise ohne Laptop – wobei sie zugibt, diesen selten wirklich weglassen zu können. Eine neu entdeckte Freude: Golf. Zeitintensiv, aber im Freien.
Kernaussagen
Bevölkerungswachstum ist Standortrisiko #1: 2 % bis 2055 führt zu Überalterung, Fachkräftemangel und steigenden Sozialkosten. Vergleichskantone wachsen 15x schneller.
Steuerstrategie 2027 ist das Kernprojekt: Gesetzesrevision in zweiter Lesung; Finanzdirektorin sieht höchste Priorität. Kleine Senkungsschritte sind bereits erfolgt.
Digitalisierung der Verwaltung ist nicht optional: One-Data-In-Prinzip fehlt noch immer. Bürger füllen Daten wiederholt aus. Das kostet Zeit und Vertrauen.
Moderne Führung und Personalgesetz müssen Hand in Hand gehen: Mit digitalen Prozessen ändern sich Arbeitsweisen. Neue Anstellungsbedingungen nötig, ohne in Privatwirtschafts-Imitation zu verfallen.
Standortattraktivität ist mehrdimensional: Nicht nur Steuern, sondern auch ÖV, Gewerbe-Infrastruktur, Parkierung. Handwerker dürfen nicht aus der Stadt verdrängt werden.
Finanzlage ist solide: Schuldenabbau und Investitionsfähigkeit gelungen. Steuersenkungen waren möglich. Aber: Bevölkerungsstagnation gefährdet diese Basis mittelfristig.
Stakeholder & Betroffene
| Gruppe | Auswirkung |
|---|---|
| Junge Fachkräfte & Familien | Steuern und Standortqualität bestimmen Wahl Bern oder Ausweich-Kanton |
| Handwerker & Gewerbe | Infrastruktur (Parkierung, ÖV, Digitalisierung) direkt geschäftsrelevant |
| Kantonale Verwaltung | Digitalisierung und neue Führungskultur verändern Arbeitsalltag; Personalregelung beeinflusst Attraktivität |
| Parlamentarier (Grossrat) | Druck, Steuerstrategie und Personalgesetz schnell zu verabschieden |
| Wähler | Entscheidung über wirtschaftsliberale oder andere politische Ausrichtung |
| Pensionäre & ältere Bevölkerung | Überalterungstrend verschärft Kostenbelastung für Gesundheit und Soziales |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Steuerstrategie 2027 zieht junge Fachkräfte an und bremst Abwanderung | Bevölkerungsstagnation (2 % Wachstum) führt zu Überalterung und Fachkräftemangel |
| Digitalisierung (One-Data-In) verbessert Bürgererfahrung und senkt Verwaltungskosten | Weitere Verzögerung bei Umsetzung digitaler Projekte verschärft Attraktivitätsnachteil |
| Moderne Führung und flexible Personalregelung machen Kanton als Arbeitgeber konkurrenzfähig | Unzureichende Anpassung von Anstellungsbedingungen führt zu Brain-Drain in Privatsektor |
| Gesamtregierungsrats-Ansatz (nicht nur Finanzen) löst Standortprobleme ganzheitlich | Zersplitterung und fehlende Koordination zwischen Direktionen bremst Reformen |
| Wahlsieg von wirtschaftsfreundlichen Kandidaten ermöglicht durchgreifende Massnahmen | Wahl von strukturkonservativen oder bürokratie-lastigen Kandidaten perpetuiert Status quo |
Handlungsrelevanz
Für Kanton-Entscheider:
Steuerstrategie 2027: Zweite Lesung im Grossrat voranbringen. KPI: Verabschiedung bis Q3 2026. Messen: Sind die Steuersätze wettbewerbsfähig zu Luzern, Solothurn?
Digitalisierung: One-Data-In-Prinzip konkretisieren. KPI: Mindestens eine Verwaltungsfunktion (z.B. Steuererklärung) digital komplett bis 2027.
Personalgesetz-Revision: Balanceakt zwischen Attraktivität und Haushaltsverantwortung. KPI: Attraktivitätsindex (Bewerbungsquoten, Personalfluktuation) vs. Vergleichskantonen.
Wahlmobilisierung: Wahlbeteiligung erhöhen, um wirtschaftsliberale Mehrheit zu sichern. KPI: Wahlbeteiligung über 50 % (aktuell zu tief).
Für Unternehmen & Gewerbe:
- Steuerstrategie 2027 im Auge behalten; ggf. in Konsultationen Feedback geben.
- Parkierungs- und ÖV-Problematik direkt an Regierungsrat kommunizieren (fehlt oft in Statistiken).
- Arbeitgebende: Moderne Personalregelung supportive für Konkurrenzfähigkeit nutzen.
Für Wähler:
- Kandidaten-Checks: Welche Kandidaten haben nachweisbare Führungserfahrung und wirtschaftliche Kompetenz?
- Wahlbeteiligung erhöhen – niedrige Partizipation begünstigt Status quo.
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Aussagen überprüft (Bevölkerungswachstum 2 % vs. 30 % Luzern nach Bundesamt