Kurzfassung
Die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr beendet nach 40 Jahren ihre politische Karriere und erklärt in einem SRF-Tagesgespräch ihre Sicht auf Macht, Kompromissfähigkeit und den Wandel der Schweizer Politik. Sie kritisiert die zunehmende Ideologisierung von Wirtschaftsverbänden und verteidigt ihre kontroverse Eskalationsstrategie in der Geschäftsprüfungskommission als notwendiges politisches Handwerk. Nach zwei gescheiterten Kandidaturen (Bundesrat 2010, Fraktionspräsidium 2012) und frühen Erfolgen wie der Mutterschaftsversicherung sieht sie sich 2027 bewusst aus dem Amt zurück – um als Mediatorin ein neues Kapitel zu öffnen.
Personen
- Jacqueline Fehr (Zürcher SP-Regierungsrätin)
- Simonetta Sommaruga (Konkurrentin Bundesratswahl 2010)
- Shirin Ebadi (Iranische Nobelpreisträgerin, erwähnt)
Themen
- Schweizer Innen- und Gleichstellungspolitik
- Politische Kompromissfindung und Parteiengegensätze
- Machtverstehen und Verantwortungsethik
- Fehlerkultur in der öffentlichen Verwaltung
- Iran-Konflikt und Schweizer Schutzmachtmandat
Clarus Lead
Fehr zieht sich 2027 aus dem Amt zurück und nutzt das Interview zur Bilanz ihrer 40-jährigen Karriere. Zentral: Sie kritisiert die Ideologisierung von Wirtschaftsverbänden (speziell des Gewerbverbands beim Lohnschutz) und behauptet, dass tragfähige Kompromisse zwischen Parteigrenzen heute schwerer möglich sind – obwohl die Individualbesteuerung und die Revision des Sexualstrafrechts aktuelle Gegenbeispiele zeigen. Als Regierungsrätin verteidigt sie ihre umstrittene „bewusste Eskalation" gegen die Geschäftsprüfungskommission als legitimes politisches Werkzeug, möchte aber künftig als Mediatorin deeskalierend tätig werden.
Detaillierte Zusammenfassung
Fehr reflektiert zunächst den Iran-Konflikt aus der Perspektive einer Politikerin mit Aussenpolitik-Erfahrung. Sie äussert „verwirrende Gedanken": Einerseits das Verständnis für exilierte Iranerinnen und Iraner, andererseits die Sorge vor einer Eskalation zum Flächenbrand. Sie kritisiert, dass Krieg als Methode zur Friedensfindung gewählt wurde, statt Verhandlungen fortzusetzen. Gleichzeitig spricht sie aus ihrer 2007er Iranreise von der Reichhaltigkeit des Landes und warnt vor einer Fremdbestimmung durch externe Mächte. Zur Rolle der Schweiz als Schutzmacht für die USA äussert sie sich befürwortend: Ein offener Kommunikationskanal sei in Krisenzeiten essenziell.
Im Hauptteil ihrer Bilanz betont Fehr, dass Machthaben mit Verantwortung verbunden ist. Sie erklärt ihren Rückzug damit, dass 12 Jahre Regierungsrat eine gute Legislatur seien und sie ein neues Kapitel aufschlagen wolle. Ein Schwerpunkt: Sie kritisiert, dass Verbände wie der Gewerbverband früher Allianzen mit der SP bildeten (z. B. bei der Mutterschaftsversicherung), heute aber zunehmend ideologisiert seien. Der Lohnschutz bei Grenzgängern sei ein Beispiel – früher im gemeinsamen Interesse, heute Ideologie statt Logik.
Auf die Frage nach Demut in der Politik antwortet Fehr: Sie bedeute Respekt vor Institutionen und Bewusstsein für Privileg, nicht jedoch Sanftmut. Ihre Kritik an der Geschäftsprüfungskommission vor einem Jahr sei bewusste Eskalation gewesen, um deren Sachlichkeit einzufordern – ein legitimes Werkzeug im politischen Handwerk. Sie verteidigt sich gegen den Vorwurf, damit ihre künftige Mediatorenrolle zu untergraben: Als Politikerin brauche man Eskalation und Koalitionenbildung, als Mediatorin andere Werkzeuge.
Zu ihren zwei gescheiterten Kandidaturen (Bundesrat 2010, Fraktionspräsidium 2012) berichtet sie, dass sie mit Simonetta Sommaruga eine faire Kampagne führte und nach der Fraktionswahl lange brauchte, um zu verstehen, welche Kritik („zu ehrgeizig, zu berechnend") gegen sie gestanden hatte. Ein Freund habe ihr geraten: Entweder die Wahl akzeptieren und mit Kritikern reden, oder zurücktreten. Sie tat letzteres nicht, sondern arbeitete an sich selbst – etwa an ihrer Tendenz, apodiktisch zu argumentieren.
Kernaussagen
- Macht braucht Demut: Fehr versteht Macht als Verantwortung, nicht Willkür; sie verteidigt Institutionen und ihre Grenzen mit Vehemenz.
- Kompromisse werden schwächer: Wirtschaftsverbände wie der Gewerbverband seien zunehmend ideologisiert; tragfähige Allianzen über Parteigrenzen existieren noch (Individualbesteuerung, Sexualstrafrecht), sind aber seltener.
- Eskalation ist Handwerk: Fehrs bewusste Konfrontation mit der Geschäftsprüfungskommission war strategisch und legitim – unterscheidet sich aber von ihrer künftigen Mediatorenrolle.
- Fehlerkultur fehlt medial: Authentische Entschuldigungen werden nicht honoriert; stattdessen wird nachgebohrt.
- Rückzug als Befreiung: Seit der Ankündigung ihres Verzichts spürt Fehr innere Freiheit; Machtverlust bereitet ihr keine Angst.
Kritische Fragen
Evidenz: Fehr kritisiert die Ideologisierung des Gewerbverbands beim Lohnschutz – belegt sie dies mit konkreten Abstimmungsverhalten oder Stellungnahmen, oder bleibt es eine Interpretation?
Interessenskonflikte: Kann Fehr als Regierungsrätin, die Eskalation als Werkzeug einsetzt, wirklich die Unabhängigkeit von Kontrollinstitutionen wie der Geschäftsprüfungskommission achten, oder liegt hier ein struktureller Interessenkonflikt vor?
Kausalität: Sie behauptet, dass Verhandlungen mit dem Iran weiterlaufen sollten – ignoriert sie dabei, dass der Drohnenangriff des Iran auf Israel (02.03.2026) bereits erfolgte und diplomatische Kanäle de facto zusammengebrochen sind?
Umsetzbarkeit: Wie konkret ist Fehrs Plan, als private Mediatorin tätig zu werden? Welche Mandate hat sie bereits, und wie unterscheidet sich ihre Rolle von etablierten Vermittlungsstellen?
Fehlerkultur-Widerspruch: Sie plädiert für Fehlerkultur und authentische Entschuldigungen, kritisiert aber gleichzeitig die mediale „Nachbohrei" – liegt das Problem nicht eher bei unzureichender Transparenz während der Krise (Datenskandal)?
Geschlechter-Narrative: Fehr betont, dass Frauen in Konkurrenz exponiert sind (Zickenkrieg-Narrativ) – gilt dies symmetrisch auch für Männer in der Schweizer Politik, oder ist dies ein spezifisches Frauenproblem?
Minderheitsposition-Strategie: Sie argumentiert, 40 Jahre aus einer Minderheitsposition gearbeitet zu haben – wie hat sich diese Strategie nach ihrem Eintritt in die Regierung (2015+) verändert, und inwiefern prägt sie ihre künftige Mediatorenrolle?
Iran-Shirin-Ebadi-Verbindung: Sie erwähnt Shirin Ebadi (Nobelpreis 2003, Menschenrechts-Aktivistin) als Quelle für die Forderung nach Selbstbestimmung – inwiefern unterscheidet sich diese Position vom westlichen Interventionismus, den sie kritisiert?
Weitere Meldungen
- Schweizer Schutzmachtmandat: Fehr unterstützt die Rolle der Schweiz als Kommunikationskanal zwischen USA und Iran; Interview auf SRF am 02.03.2026.
- Geschäftsprüfungskommission-Debatte: Fehrs Kritik 2025 an vermeintlichen „Besserwissern" führte zu SVP-Rücktrittsforderungen; sie verteidigt ihre Aussage als sachliche Eskalation.
Quellenverzeichnis
Primärquelle: SRF Tagesgespräch – „Jacqueline Fehr: Macht, Kompromisse und Demut" – 02.03.2026 Link: SRF Audio
Verifizierungsstatus: ✓ 02.03.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 02.03.2026