Kurzfassung

Nach 15 Jahren als Stadtpräsident der Stadt Freiburg tritt Thierry Steiert nicht erneut an. Der 63-jährige SP-Politiker zieht Bilanz: Erfolge wie die Umwandlung der Industriebetriebe in eine privatrechtliche AG und die Neugestaltung des Altstadt-Quartiers stehen Niederlagen wie die gescheiterte Fusion mit Agglomerationsgemeinden gegenüber. Kontroverse Massnahmen wie Tempo 30 und Parkplatz-Politik spalten die Stadtregierung Freiburg intern und extern, während der Stadt-Land-Graben zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Personen

Themen

  • Stadtentwicklung Freiburg
  • Verkehrspolitik
  • Fusionspläne gescheitert
  • Politische Karriere
  • Amtsübergabe

Clarus Lead

Thierry Steiert verabschiedet sich nach eineinhalb Dekaden an der Spitze der Freiburger Stadtregierung. Der SP-Politiker bilanziert im Interview sowohl Errungenschaften als auch unvollendete Projekte – und offenbart damit die Grenzen progressiver Stadtpolitik in einer zunehmend gespaltenen Agglomeration. Die Wahl seines Nachfolgers steht am 8. März 2026 an, während Steiert sich bewusst früh genug zurückzieht, um noch neue Lebensphasen zu gestalten.


Clarus Eigenleistung

  • Clarus-Recherche: Steiert regierte in drei vollständigen Legislaturperioden (à je ~5 Jahre) und baute seine Karriere systematisch auf: Gerichtsschreiber (juristische Basis), Finanzkommissionär (Schlüssel zu mehr Sichtbarkeit), dann Gemeinderat, schliesslich Stadtpräsident. Diese Sequenzierung zeigt die klassische Karrierepfad in Schweizer Kantonsregierungen.

  • Einordnung: Die gescheiterte Fusionsabstimmung (2021) ist Symptom eines strukturellen Problems, das Steiert selbst korrekt diagnostiziert: der Stadt-Land-Graben ist nicht lokal, sondern europäisch und verschärft sich. Seine Analyse – dass Agglos Tempo 30 ablehnen, während Städter Parkgebühren fordern – offenbart konfliktive Mobilitätsansprüche ohne Lösungsweg.

  • Konsequenz: Die Altstadt-Neugestaltung und die SINEF-Gründung belegen, dass Steiert operative Erfolge erzielte, wo Gestaltungsspielraum bestand (kommunale Infrastruktur). Bei systemischen Fragen (Fusion, regionaler Zusammenhalt, Verkehr) stiess er auf Grenzen. Nachfolger müssen entscheiden: Verdichtung nach innen (Freiburg bleibt ~40'000 Einwohner) oder neuer Fusionsanlauf mit klareren Incentives für Agglo-Gemeinden.


Detaillierte Zusammenfassung

Werdegang und politische Sozialisation

Steiert kam als Teenager zur Politik – durch die Lektüre des deutschen Spiegels und die Bewunderung für Helmut Schmidt und Willy Brandt. Später interessierte ihn auch die Schweizer Sozialdemokratie. Der Juso-Eintritt mit 17/18 Jahren markierte den Anfang, doch Steiert beschreibt sich selbst als «gemässigten Sozialdemokraten» und war in der radikaleren Juso-Kultur nie hundertprozentig heimisch.

Seine juristische Ausbildung zum Rechtsanwalt war ursprünglich der geplante Hauptweg. Er arbeitete als Gerichtsschreiber und genoss diese Arbeit sehr. Der Sprung in die Vollzeitpolitik geschah eher pragmatisch: 2011 verliess Gemeinderätin Maradon ihren Sitz, Steiert war als Nachfolger naheliegend und wurde mit guten Resultaten gewählt.

Familiäre Verflechtungen in der Kantonsregierung

Steierts Bruder ist bzw. war Nationalrat und sitzt jetzt in der Kantonsregierung. Das erleichtert Dossier-Abwicklung durch direkte Kanäle. Beide betonen aber, dass sie sich an ihre jeweiligen Ämter und die Interessen von Staat und Stadt Freiburg gebunden sehen, nicht an Familieninteressen. In privaten Treffen versuchen sie, nicht zu sehr in «Dossier-Überflutung» zu verfallen, um die übrige Familie nicht zu überlasten.

Erfolge: Industriebetriebe und Altstadt-Neugestaltung

Steiert ist stolz auf die 2015 vollzogene Umwandlung der städtischen Industriebetriebe in eine privatrechtliche AG (zusammen mit der Freiburger Wasser AG zur Gründung von SINEF). Diese Lösung ging einstimmig im Generalrat durch und gilt ihm bis heute als die beste Entscheidung – eine Erfolgsgeschichte, die den Betrieb moderner und effizienter machte.

Die zweite grosse Leistung ist die komplette Neugestaltung des Altstadt-Quartiers rund um die Kathedrale. Erste Etappe konnte in der letzten Legislatur eingeweiht werden: Verkehrsbefreiung, Neupflasterung, vollständige Umgestaltung des Perimeters. Das Projekt entsprach den Visualisierungen von vor zehn Jahren, ist heute Realität, und Steiert beobachtet, dass neue Gaststätten und Geschäfte entstehen, Terrassen sich öffnen – ein «fast mediterranes Leben» breitet sich aus.

Niederlagen: Die gescheiterte Fusion

Das Kernstück eines unvollendeten Werks ist die angestrebte Fusion zwischen Stadt Freiburg und ihren Agglomerationsgemeinden. Das Ziel war ambitioniert: Freiburg sollte sich von ~40'000 auf ~80'000 Einwohner verdoppeln und zum stärkeren kantonalen Zentrum werden. Die Konsultativabstimmung 2021 scheiterte jedoch – entgegen Steierts Erwartung, da damals sowohl Staatsrat als auch Grossrat klare Fusionspositionen bezogen hatten.

Steiert trauert dieser Niederlage nach. Er sieht dahinter einen tieferen Riss: den Stadt-Land-Graben, der nicht nur Freiburg betrifft, sondern Europa-weit Gesellschaft und Politik spaltet. Seine Antwort bleibt eher appellativ: miteinander reden, aufeinander hören, gegenseitiges Verständnis üben. Konkrete Lösungsmechanismen nennt er nicht.

Verkehrspolitik und die Tempo-30-Debatte

Eines der kontroversesten Kapitel ist Tempo 30, das seit gut zwei Jahren fast überall in Freiburg gilt. Steiert betont, dass er und die Stadt damit nicht allein sind – Städteverband fordert das parteiübergreifend, Stadtpräsidenten von FDP, CVP und SVP kämpfen mit derselben Realität in anderen Schweizer Städten. Tempo 30 verbessert Lebensqualität und Verkehrssicherheit; es war «Geschrei» nur, weil Freiburg zuerst war.

Zur Parkplatz-Politik: Bei einer Abstimmung vor gut anderthalb Jahren setzte die Bevölkerung gegen den Gemeinderat durch, dass die erste Parkstunde gratis sein soll. Steiert sieht darin einen kleinen «Nebenaspekt» der Mobilitätspolitik – das «gratis»-Element hat mehr gezogen als ideologische Ablehnung. Kritiker von Tempo 30 wohnen zu grossen Teilen ausserhalb Freiburgs; Innenstädter profitieren und befürworten mehrheitlich.

Die Topografie Freiburgs (Hügel), die mittelalterliche Bausubstanz und die Dichte des urbanen Perimeters erschweren Verkehrsmanagement erheblich. Steiert sieht sich in Zwängen, nicht in ideologischen Wahlfreiheiten.

Gründe für den Rückzug

Mit 63 Jahren, nach 15 Jahren Vollzeit-Gemeinderat, zieht Steiert Bilanz: Das Alter nähert sich dem Pensionsalter; der Job ist «fordernd», wenn man 100% investiert; Privatleben und Familie verdienen Zeit; noch sind Veloreisen und andere Aktivitäten möglich, ohne auf Schulferien beschränkt zu sein. Mehrmals betont Steiert, dass dieser Rückzug geplant war – kein Moment des Zweifels.

Die letzten Wochen sind nicht stressig, aber intensiv – viele Geschäfte laufen weiter, es geht um Übergabe von Dossiers, Transition, Format-Entscheidungen für Nachfolger.

Psychologische Dimension und Projektion

Steiert hält fest, dass er zur «Projektionsfläche» für Kritik geworden ist – daran habe er sich gewöhnt. Am Anfang seiner Karriere nahm er Angriffe persönlich; später verstand er, dass das «zum Geschäft gehört». Schöne und weniger schöne Seiten des Jobs müssen akzeptiert werden.

Ein willkommener Aspekt des Rückzugs ist, nicht mehr ständig angegriffen zu werden. Doch das trieb ihn nicht weg – es ist ein Bonus, nicht ein Grund.

Die kantonale Ebene bleibt offen

Ob Steiert im Kantonsparlament wieder antritt (Herbstwahlen), wird erst nach den Gemeindewahlen (8. März) diskutiert. Die Stadt Freiburg verliert einen Sitz, darum wird um die verbleibenden Plätze «sehr umkämpft» sein.

Zukunftswunsch und symbolische Botschaft

Steiert freut sich am meisten auf Veloreisen in Jahreszeiten, in denen er bisher nicht wegkonnte – nicht nur in Schulferien. Familie wieder mehr geniessen. Zur Frage, welche Botschaft er auf einem Plakat vor dem Bahnhof hinterlassen würde: Es müsste kurz, prägnant und zweisprachig sein. Eine Botschaft, die die Brückenfunktion Freiburgs symbolisiert – sowohl metaphorisch als auch buchstäblich durch die realen Brücken der Stadt.


Kernaussagen

  • Nach 15 Jahren (drei Legislaturen) mit 63 Jahren zurücktreten ist für Steiert geplant; kein Moment des Zweifels markiert diese Entscheidung.
  • Operative Erfolge: SINEF-Gründung (2015, Industriebetriebe), Altstadt-Neugestaltung (Verkehrsbefreiung, Neupflasterung) – beide gelten als Realisierungen der Planung.
  • Strukturelle Niederlagen: Fusionsabstimmung 2021 scheitert trotz Staatsrats- und Grossrats-Unterstützung; Symptom eines europäischen Stadt-Land-Grabens, nicht lokales Problem.
  • Tempo 30 und Parkplatz-Politik spalten, sind aber Schweizer Standard; Kritik kommt überproportional von ausserhalb der Stadt.
  • Steiert diagnostiziert Probleme (Stadt-Land-Graben), bietet aber eher appellative als institutionelle Lösungen (miteinander reden, aufeinander hören).

Stakeholder & Betroffene

GruppePositionEffekt
Innenstädter FreiburgBefürworten Tempo 30, Altstadt-UmgestaltungProfitieren von Lebensqualität, neuen Gaststätten, Sicherheit
Agglo-BewohnerLehnen Fusion ab, kritisieren Tempo 30Bleiben ausgegliedert; Stadt verliert strategisches Wachstum
SINEF/IndustriebetriebeNutzen privatrechtliche AG-StrukturEffizienzgewinne, moderne Governance
Nachfolger SteiertMüssen Verkehrspolitik verteidigen, Fusionsfrage neu angehenHohe Erwartungslast, schwierige Ausgangslage
Kantonale RegierungenSteierts Bruder in KantonsregierungFamiliäre Netzwerk-Vorteile, aber auch Distanzwahrung

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Altstadt-Neugestaltung als Modell für andere StadtteileVerkehrspolitik bleibt polarisierend, kann nächste Regierung unter Druck setzen
SINEF-Modell bewährt sich langfristig und wird übernommenFusion scheitert dauerhaft → Freiburg bleibt mittlere Stadt ohne Wachstumspotenzial
Junge Nachfolger bringen neue Energien, andere PerspektivenStadt-Land-Graben verschärft sich weiter → regionale Fragmentierung
Steiert bleibt als erfahrener Ratsherr auf Kantonsebene aktivKantonale Wahlen beeinflussen Freiburger Stadtpolitik; Sitz-Verlust wirkt sich aus

Handlungsrelevanz

Für Entscheider in Freiburg und Region:

  1. Fusionsfrage neu aufgreifen: Nicht mit Verdopplung (80'000), sondern mit kleineren, anreiz-basierten Fusionen starten (z.B. einzelne Agglo-Gemeinden mit gezielten Verkehrs-/Infrastruktur-Paketen).

  2. Stadt-Land-Dialog institutionalisieren: Regelmässige Runde zwischen Stadt-Gemeinderat und Agglo-Präsidenten, um gegenseitige Verständigung zu vertiefen – nicht nur AppellInhalt.

  3. Verkehrspolitik evaluieren: Nach zwei Jahren Tempo 30 – Zahlen zu Unfallrückgang, Luftqualität, Wirtschaftsauswirkungen sammeln; transparent kommunizieren.

  4. Übergabe begleiten: Neue Stadtpräsidentin/Stadtpräsident braucht klare Dossier-Briefings (Bauprojekte, laufende Prozesse, Prioritäten).

  5. Indikator: Teilnehmerzahl City-Gaststätten/Handel, Besucherzahlen Altstadt, Führer-Unfallstatistiken, Fusionsbereitschaft Agglo-Gemeinden (Umfrage 2027).