Kurzfassung

Im FAZ Tower-Gespräch diskutierten Experten aus Wirtschaft, Militär und Zivilgesellschaft, wie wehrhaft die deutsche und europäische Gesellschaft angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist. Franziska Cusumano, CEO von Daimler Special Trucks, betonte die individuelle Verantwortung jedes Einzelnen für Wehrhaftigkeit. Zentrale Erkenntnisse: Deutschland muss schneller innovieren, weniger bürokratisch agieren, enger mit Startups zusammenarbeiten und sich technologisch unabhängiger von amerikanischer Technologie machen. Die Rüstungsindustrie wird zur Verteidigungsindustrie mit wirtschaftlichen und innovativen Chancen, erfordert aber Jahrzehnte massiver Investitionen.

Personen

Themen

  • Wehrhaftigkeit und gesellschaftliche Verantwortung
  • Rüstungs- und Verteidigungsindustrie
  • Bürokratie und Innovation in Deutschland
  • Zusammenarbeit Grosskonzerne und Startups
  • Drohnen und autonome Systeme
  • Software-Abhängigkeit von den USA
  • Bundeswehr-Beschaffungswesen
  • Russische Militärausgaben und langfristige Bedrohung
  • Ukraine als Sicherheitsgarantie für Europa
  • Hybrid- und Cyberangriffe

Detaillierte Zusammenfassung

Wehrhaftigkeit beginnt im Kopf des Einzelnen

Das FAZ Tower-Gespräch in Frankfurt stellte die zentrale Frage, wie wehrhaft die deutsche und europäische Gesellschaft angesichts der Zeitenwende ist. Christoph Hein führte durch die Veranstaltung, auf der Experten aus Wirtschaft, Militär und Zivilgesellschaft diskutierten.

Franziska Cusumano, CEO von Daimler Special Trucks, eröffnete mit einer persönlichen Reise nach Kiew, wo sie jeden Abend Sanitätszüge mit verwundeten Soldaten sah – versorgt von Bürgern ohne medizinische Ausbildung. Ihre zentrale Botschaft: Wehrhaftigkeit beginnt nicht in Strukturen, sondern im Kopf jedes Einzelnen. Sie forderte jeden auf, sich zu fragen: „Was ist meine Rolle im Ernstfall? Wozu bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen?" Skandinavische und baltische Länder machen dies bereits strukturiert vor – mit Katastrophenschutzprogrammen und gesellschaftlicher Vorbereitung.

Cusumano betonte auch die Notwendigkeit einer „Change Story" von oben: Es fehlte bislang eine ausreichende gesellschaftliche Orientierung, strukturelle Übersetzung und emotionale Begleitung der Zeitenwende. Grosse Konzerne wie Daimler müssen ihre Arbeitnehmer bei dieser Transformation mitnehmen – ähnlich wie bei unternehmensinternen Veränderungsprozessen.

Wirtschaft: Zu langsam, zu bürokratisch, zu deutsch

Cusumano diagnostizierte kritische Schwächen: Deutschland ist zu langsam bei Innovation und Umsetzung, zu bürokratisch, zu deutsch. Die europäische Abstimmung funktioniert unzureichend. Ein zentrales Beispiel für deutsche Bürokratie lieferte Britta Jakob von ARX Robotik: Das Startup entwickelt autonome Bodendrohnen für die Ukraine, wird aber durch absurde deutsche Regulierungen gebremst – Nummernschilde für Drohnen, Feststellbremsen, Leuchten, die nachts den Feind auf das Gerät aufmerksam machen. Diese „eierlegende Wollmilchsau"-Mentalität prägt deutsche Beschaffung: Fahrzeuge müssen gleichzeitig strassenzulassungsfähig und im Gelände funktionieren, Flugzeuge sollen unter Beschuss landen können und 10.000 Kilometer Reichweite haben.

Grosse Tanker und wendige Speedboote

Ein Lösungsansatz: Grosskonzerne müssen mit Startups zusammenarbeiten. Cusumano sprach vom Verhältnis grosser Tanker zu wendigen Speedbooten: Startups können schneller Prototypen entwickeln und Innovationen umsetzen, Grosskonzerne können Grossserien produzieren. Moritz Brake, Geschäftsführer von Next Maris, stellte aber die kritische Frage: Wie bleibt ein Startup unabhängig, wenn ein Konzern es aufkauft? Beispiel positiv: Quantum Systems und das ukrainische Frontline Robotics bauen zusammen eine Fabrik für Zehntausende Drohnen in Bayern – ohne grossen Konzern, nur mit Logistik.

Britta Jakob von ARX Robotik verkörpert diese Startup-Mentalität: Sie hören den Soldaten zu, entwickeln praktische Lösungen und testen im Einsatz in der Ukraine. Dies ist schneller und agiler als Grosskonzerne, die von etablierten Konstruktionsprinzipien geprägt sind.

Software, Abhängigkeit und die KUKA-Geschichte

Ein kritisches Thema: Waffensysteme sind nur so gut wie ihre Software – und hier ist Europa abhängig von den USA. Jörg Hove von Daimler Truck beschrieb, wie sein Unternehmen drei Tage nach Kriegsbeginn sein Werk in Tschernihiw schloss und die Software abzog. Sechs Monate später lief die Fabrik wieder – weil chinesische KUKA-Roboter (von Daimler verkauft) die Produktion restartet hatten. Die politische Naivität: Niemand konnte 2012 ahnen, dass China Russlands Partner werden würde.

Guntram Wolf vom Think Tank Brügel zeigte ein weiteres Beispiel: Die Fregatte F-127 mit deutscher Technologie nutzt amerikanische Software von Lockheed Martin – komplette Abhängigkeit für Luftabwehr und Raketenerkennung. Ähnlich Australien: Bei U-Boot-Wartungen mussten alle Australier raus, wenn amerikanische Ingenieure die „Black Box" öffneten.

Wolfs Fazit: Diese Abhängigkeit wird Jahrzehnte dauern, um abzubauen. Europa braucht Dutzende von Milliarden für Forschung und Entwicklung. Bis dahin bleibt nur eine politische Lösung: sich mit Amerika gut stellen – was angesichts von Trumps neuer Sicherheitsstrategie extrem schwierig wird.

Bundeswehr: Schuldeingeständnis und Veränderung

Dr. Nicole Schilling, Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr, war überraschend selbstkritisch: Ja, die Bundeswehr wollte die „eierlegende Wollmilchsau" – Fahrzeuge, die gleichzeitig Strassenverkehr und Gelände meistern, Flugzeuge mit Langstrecke und Kurzlandung-Fähigkeit. Das war in Friedenszeiten möglich. Jetzt hat die Bundeswehr gelernt: Spezialisierung ist wichtig.

Die Beschaffungsvolumina zeigen Fortschritt: Deutschland gab 60 Milliarden aus – so viel wie das gesamte NATO-Europa 2021. Inzwischen über 80 Milliarden – mehr als Grossbritannien, Frankreich und Polen kombiniert. Deutschland wird zur Rüstungsschmiede Europas.

Aber der gegenseitige Fingerzeig bleibt: Industrie sagt, Bundeswehr ist zu kompliziert; Bundeswehr sagt, wir haben beschleunigt und Geld gegeben. Wahrscheinlich haben beide recht – eine Struktur wie die Bundeswehr agiert von Natur aus langsam.

Russlands Rüstungsstrategie: Langfristige Bedrohung

Guntram Wolf rechnete vor: Russlands Verteidigungsausgaben (in Kaufkraftparität) entsprechen der kombinierten Rüstungsausgabe von ganz Westeuropa. Bei 25.000 russischen Gefallenen pro Monat wachsen Putins Kräfte trotzdem – weil Produktion auf Hochtouren läuft, auf Vorrat, nicht nur für laufende Kriege. Dr. Schilling warnte: Putin baut seine Ostflanke um – neue Verbände, neue Positionen. Der nächste Schritt könnte NATO-Gebiet treffen, Baltic-Staaten oder Polen.

Selbst wenn die Ukraine einen Waffenstillstand erreicht, ist dies kein Grund zur Entspannung. Russland hat die Mittel für weitere Aggressionen und zeigt die Intention.

Die Ukraine als Sicherheitsgarantie

Wolf dreht die Perspektive: Die Ukraine ist nicht nur Opfer, sondern die grösste und effektivste Sicherheitsgarantie Europas – und die billigste Versicherung. Jeder Euro für die Ukraine ist besser angelegt als andere Sicherheitsinvestitionen. Ein kampferprobtes, starkes ukrainisches Militär schützt Europa mehr als deutsche Rüstungsausgaben allein.

Die baltischen Staaten sind kritisch: Sie gehören zur Eurozone. Ein Angriff auf das Baltikum bedeutet Kapitalkontrollen, Bankensystem-Runs, Instabilität des gesamten Euro-Raums. Es bedroht zentrale europäische Infrastruktur und Finanzstabilität.

Zusätzlich: Hybridangriffe auf digitale Systeme. Kreditkarten-Infrastruktur, Datenzentren, Stromnetz – wenn diese ausfallen, funktioniert die moderne Wirtschaft nicht mehr.

Diplomatische Lösungen und europäische Stärkung

Hein betonte zum Abschluss: Militärische Rüstung ist notwendig, aber nicht ausreichend. Diplomatische Lösungen sind essentiell – und die laufen über ein erstarktes Europa. Die USA schicken als Unterhändler einen Immobilienspekulanten und den Schwiegersohn des Präsidenten. Europa kann sich darauf nicht verlassen.

Europa muss militärisch stärker werden – ja. Aber auch diplomatischen Schulterschluss üben. Das ist schwierig, vielleicht illusionär, aber die Alternativen gibt es kaum.


Kernaussagen

  • Wehrhaftigkeit ist eine Frage individueller Verantwortung – jeder muss sich fragen, welche Rolle er im Ernstfall spielen würde
  • Deutsche Bürokratie und fehlende Spezialisierung bremsen Innovation in der Rüstung; Lösungen: Zusammenarbeit mit Startups, schnellere Entscheidungen, weniger „eierlegende Wollmilchsau"-Mentalität
  • Europa ist technologisch abhängig von den USA – in Software, Hightech, Waffensystemen. Diese Abhängigkeit wird Jahrzehnte bestehen
  • Russlands Rüstungsausgaben (in Kaufkraftparität) sind massiv; auch mit 25.000 Gefallenen pro Monat wächst Putins Militär – Zeichen langfristiger Bedrohung
  • Die Ukraine ist die beste Sicherheitsgarantie Europas und die „billigste Versicherung" gegen russische Aggression
  • Hybridangriffe auf digitale Infrastruktur (Kreditkarten, Stromnetz, Datenzentren) sind genauso bedrohlich wie militärische Angriffe
  • Diplomatische Lösungen sind notwendig, Europa kann sich nicht auf die USA verlassen und muss eigenständiger werden
  • Grosse Investitionen in Verteidigung über Jahrzehnte sind unvermeidbar; dies kann positive wirtschaftliche Effekte haben (Arbeitsplätze, Innovationen), ersetzt aber nicht den Wunsch nach Frieden

Metadaten

Sprache: Deutsch
Transcript ID: 41
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Erstellungsdatum: 27.12.2025 18:01:19
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