Kurzfassung
Peter A. Fischer analysiert in diesem Kommentar die wirtschaftliche und geopolitische Schwäche Europas und plädiert für eine Stärkung durch mehr Integration und weniger Bürokratie. Der alte Kontinent ist defensiv geworden – bedrängt durch Wladimir Putin und Donald Trump – und muss dringend seine Produktivitätslücke gegenüber den USA schliessen. Dies gelingt nur durch einen liberaleren Binnenmarkt, erhöhte Rüstungsausgaben und eine innovativere Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz.
Personen
- Peter A. Fischer – Autor des Kommentars
- Wladimir Putin – Russischer Präsident
- Donald Trump – US-Präsident
- Isabel Schnabel – Direktorin der EZB
Themen
- Europäische Wirtschaftspolitik und Produktivität
- Geopolitische Sicherheit und Rüstungsausgaben
- Künstliche Intelligenz und digitale Innovation
- EU-Binnenmarkt und Regulierung
- Transatlantische Beziehungen
Detaillierte Zusammenfassung
Europas defensive Position
Europa befindet sich in einer kritischen Lage. Während internationale Aktien 2025 stark zulegten – insbesondere der Nasdaq mit einem Plus von 20,5 Prozent – ist der europäische Kontinent in die Defensive geraten. Wladimir Putin bombardiert die Ukraine unerbittlich, während Donald Trump deutlich gemacht hat, dass ihm ein geschwächtes Europa besser behagt als eine starke, eigenständige EU mit geopolitischem Profil. Die liberalen europäischen Demokratien sind damit sowohl äusseren als auch inneren Bedrohungen ausgesetzt.
Selbstverschuldete Schwäche
Fischer argumentiert, dass Europa sich diese Schwäche zum Grossteil selbst zuzuschreiben hat. Zwar haben die europäischen NATO-Staaten zusammen zweieinhalb Mal so viel für ihr Militär aus wie Russland, doch werden diese Ausgaben höchst ineffizient eingesetzt, da jeder Staat seine eigene Rüstungsindustrie schützt. Besonders besorgniserregend ist, dass grosse europäische Länder wie Frankreich, Grossbritannien, Italien und Spanien ihren finanzpolitischen Spielraum bereits stark überstrapaziert haben, während gleichzeitig die demografische Alterung die Sozialkosten erheblich steigen lässt.
Die Produktivitätslücke
Das Kernproblem liegt in einer massiven Produktivitätslücke: Die USA erzielen pro Kopf ein Bruttoinlandsprodukt, das um ein Drittel höher liegt als in der EU. Nicht nur arbeiten Amerikaner mehr – ihre Produktivität ist bei gleichem Einsatz um etwa ein Viertel höher. Dies war nicht immer so: Nach dem Zweiten Weltkrieg holten europäische Länder auf und schlossen die Lücke bis 1995 nahezu vollständig. Seither ist Amerika jedoch davongeeilt.
Zwei grosse Entwicklungen sind dafür verantwortlich. Erstens haben sich die Kosten für die Überwindung geografischer Distanz erheblich verringert, weshalb Effizienzvorteile internationaler Spezialisierung und Grössenvorteile konzentrierter Produktion immer wichtiger werden. Superstar-Firmen – in den USA die Techkonzerne, in der Schweiz die Pharmakonzerne und Nestlé – leisten überdurchschnittliche Beiträge zur Produktivität. Zweitens hat die IT-Revolution digitale Plattformen wie Google, Microsoft und Meta hervorgebracht, bei denen Netzwerkeffekte entscheidend sind.
Regulierung statt Innovation
Ein kritisches Problem: Übermässige nationale Regulierungen und bürokratische Hürden verhindern in Europa, dass innovative Startup-Firmen schnell wachsen können. Die EZB-Direktorin Isabel Schnabel kam zu dem Schluss, dass die Produktivität der italienischen Industrie um 15 Prozent höher sein könnte, wenn deren Firmen so gross wären wie im globalen Benchmark.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel: Der Internationale Währungsfonds schätzt die Handelsbarrieren im Intra-EU-Güterhandel auf ein Zolläquivalent von 44 Prozent – dreimal so viel wie zwischen amerikanischen Bundesstaaten und mehr als die amerikanischen Strafzölle. Für den Dienstleistungshandel errechneten die Ökonomen sogar einen Intra-EU-Zollsatz von 110 Prozent.
Lösungsansätze: Mehr Binnenmarkt, weniger Nationalismus
Fischer plädiert für ein zweigleisiges Konzept: Einerseits braucht es mehr Subsidiarität – Brüssel sollte nicht überall regulieren, wo es lokal besser geht. Andererseits braucht es mehr Integration dort, wo sie mehr Wettbewerb und Wohlstand generiert: im Strommarkt, bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, beim Talent-Management und beim Wagniskapitalmarkt.
Ein neues Binnenmarktprogramm, das die Handelshürden auf das Niveau zwischen US-Bundesstaaten senkt, könnte bereits die Hälfte der Produktivitätslücke beseitigen. Würde zudem die Mobilität der Arbeitskräfte auf US-Niveau steigen, könnte sich die europäische Produktivität um 20,2 Prozent erhöhen.
Künstliche Intelligenz als Chance
Beim kommenden KI-Zeitalter sollte Europa nicht erneut ins Hintertreffen geraten. Zwar stammen die grossen KI-Entwickler hauptsächlich aus den USA und China, doch europäische Firmen können durch rasche und effiziente Anwendung von KI ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Innovation wird dabei nicht nur von Superstar-Firmen kommen, sondern auch von vielen Startups.
Sicherheitspolitik und Rüstung
Im Rüstungsbereich plädiert Fischer für eine europäisch koordinierte, wettbewerbsorientierte Forschungspolitik nach amerikanischem Vorbild. Dies würde nicht nur zu effizienteren Rüstungsinvestitionen führen, sondern auch Innovation im zivilen Sektor fördern.
Kernaussagen
Europa ist in die Defensive geraten und muss wieder zum Gestalter werden – dies gelingt nur mit mehr wirtschaftlichem Wachstum und Integration, nicht mit weniger
Die Produktivitätslücke zu den USA ist massiv (ein Drittel höheres Pro-Kopf-BIP), obwohl Europa bis 1995 fast aufgeholt hatte
Übermässige nationale Regulierungen und Handelshürden (44% Zolläquivalent im Güterhandel) verhindern das schnelle Wachstum von europäischen Startups und Innovationen
Ein ambitioniertes neues Binnenmarktprogramm könnte bereits 50% der Produktivitätslücke schliessen; höhere Arbeitskräftemobilität könnte die Produktivität um 20,2% erhöhen
Europa muss weniger Nationalismus in Rüstung und Forschung akzeptieren und stattdessen koordiniert in neue Technologien investieren
Die Schweiz benötigt für ihre Integration ein einvernehmlich geregeltes Verhältnis zur EU, inklusive Personenfreizügigkeit und neuer bilateraler Verträge
2026 sollte Europa wieder Leistungsanreize, Offenheit für Strukturwandel, Risikobereitschaft und Unternehmertum zeigen
Metadaten
Sprache: DeutschPublikationsdatum: 02.01.2026
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/europa-muss-es-besser-machen-die-voraussetzungen-dafuer-sind-da-ld.1918353
Autor: Peter A. Fischer
Textlänge: ~8.500 Zeichen
Texttyp: Kommentar / Meinungsbeitrag