Kurzfassung
Eine neue Studie der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung zeigt: Der Schweizer Lehrstellenmarkt ist regional stark fragmentiert. Während 95 Prozent der Jugendlichen Zugang zu über 100 Berufen haben, variiert die Auswahl je nach Wohnort erheblich – von 227 bis zu nur 18 verfügbaren Berufen. Die Forschung belegt, dass geografische Lage nicht nur die Berufswahl beeinflusst, sondern auch die Chancengleichheit gefährdet. Spezialisierte Berufe wie Seilbahnmechatronik sind für viele Jugendliche unerreichbar.
Personen
Themen
- Lehrstellenmarkt Schweiz
- Regionale Disparitäten
- Chancengleichheit
- Berufliche Grundbildung
Clarus Lead
Der Zugang zu Lehrstellen in der Schweiz ist geografisch stark ungleich verteilt. Jugendliche in Olten haben Zugriff auf 227 verschiedene Berufe mit über 49'000 Lehrstellen, während Jugendliche in Brusio (Graubünden) nur 18 Berufe in 38 Lehrstellen wählen können. Diese regionalen Unterschiede prägen nicht nur die verfügbaren Optionen, sondern auch die beruflichen Perspektiven von Schulabgängerinnen und Schulabgängern nachhaltig. Die Studie des Schweizerischen Observatoriums für Berufsbildung offenbart ein bislang unterschätztes Strukturproblem des dualen Ausbildungssystems.
Clarus Eigenleistung
Clarus-Recherche: Die Studie basiert auf vollständigen Daten aller dualen Lehrverträge 2021/22 (BFS). Der Suchraum wurde wissenschaftlich definiert: Alle Gemeinden, die mit öffentlichem Verkehr in maximal 60 Minuten erreichbar sind – eine Grenze, die 85 Prozent aller Lernenden tatsächlich einhalten.
Einordnung: Die regionalen Disparitäten gefährden das Prinzip der Chancengleichheit. Jugendliche in peripheren Gebieten werden durch Angebot und Nachbarschaft zu anderen Berufswahlen „gedrängt", unabhängig von ihren Fähigkeiten oder Interessen.
Konsequenz: Berufsverbände, Kantone und Bund müssen gezielt in unterversorgten Regionen Ausbildungskapazitäten aufbauen oder Mobilität fördern – sonst verfestigen sich soziale Ungleichheiten bereits bei der Berufswahl.
Detaillierte Zusammenfassung
Massive Unterschiede im Angebot
Die Studie des Schweizerischen Observatoriums für Berufsbildung an der EHB analysiert die Struktur regionaler Lehrstellenmärkte erstmals systematisch. Im Durchschnitt umfasst ein Suchraum (definiert als Gemeinden mit maximal 60 Minuten Anfahrtszeit) 35 Gemeinden mit etwa 1'900 Ausbildungsbetrieben und 6'600 Lehrstellen. Doch diese Durchschnittswerte verschleiern erhebliche Disparitäten.
Die Extremfälle illustrieren das Problem deutlich: In Olten stehen Jugendlichen 242 Gemeinden mit 12'704 Ausbildungsbetrieben und 49'484 Lehrstellen in 227 Berufen zur Verfügung. Im Gegensatz dazu können Jugendliche in Brusio (Kanton Graubünden) nur auf 2 Gemeinden mit 24 Ausbildungsbetrieben und 38 Lehrstellen in 18 Berufen zugreifen. Das ist ein Unterschied um den Faktor 1'300 bei der Anzahl Lehrstellen.
Chancenungleichheit trotz breiter Abdeckung
Auf den ersten Blick erscheint die Situation entwarnung: Rund 95 Prozent der Jugendlichen haben Zugang zu über 100 verschiedenen Lehrberufen. Nur knapp 1 Prozent hat weniger als 50 Berufe zur Auswahl. Diese Quote könnte suggerieren, dass das System insgesamt funktioniert.
Doch die Detailanalyse zeigt die Kehrseite: Die Bandbreite der Berufsvielfalt pro Suchraum reicht von 2 bis 227 Berufen. Während kaufmännische Lehren fast überall angeboten werden, sind spezialisierte Berufe wie Seilbahnmechatronik oder Winzerei regional konzentriert und für viele Jugendliche unerreichbar. Dies bedeutet, dass Berufswünsche nicht primär von Fähigkeiten oder Interessen, sondern von geografischer Lage geprägt werden.
Methodische Grundlage
Die Forschung stützt sich auf vollständige Daten des Bundesamts für Statistik zu allen dualen Lehrverträgen der beruflichen Grundbildung im Lehrjahr 2021/22. Die Definition des Suchraums basiert auf einer früheren Mobilitätsstudie: 85 Prozent aller jugendlichen Lernenden pendeln maximal 60 Minuten zwischen Wohnort und Ausbildungsort. Diese wissenschaftliche Grundlage macht die Ergebnisse belastbar und praxisnah.
Kernaussagen
- Der Wohnort ist ein struktureller Einflussfaktor auf die Berufswahl und Chancen von Jugendlichen.
- 95 Prozent haben Zugang zu über 100 Berufen, aber die Verteilung ist extrem ungleich.
- Spezialisierte Berufe sind geografisch konzentriert und für viele Regionen unerreichbar.
- Das duale Ausbildungssystem ist regional fragmentiert statt integriert.
Stakeholder & Betroffene
| Gruppe | Rolle |
|---|---|
| Jugendliche in peripheren Gebieten | Verlieren: Eingeschränkte Berufswahl, Mobilitätszwang oder Umlenkung in verfügbare Berufe |
| Jugendliche in Ballungsräumen | Gewinnen: Maximale Auswahl, bessere Chancen auf Wunschberuf |
| Ausbildungsbetriebe in Unterversorgungsregionen | Verlieren: Schwieriger, Lernende zu rekrutieren; Brain-Drain |
| Kantone und Gemeinden | Betroffen: Unterschiedliche Verantwortung für Chancengleichheit |
| Berufsverbände | Betroffen: Ungleiche Nachwuchsrekrutierung je nach Region |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Gezielter Ausbau von Ausbildungsplätzen in Mangelregionen | Verfestigung von regionalen Ungleichheiten über Generationen |
| Bessere Vernetzung von Betrieben über Regionsgrenzen | Übermässige Mobilität für Jugendliche aus Peripherie |
| Digitale Lösungen (virtuelle Lehrplätze, Fernausbildung) | Abwanderung von Fachkräften aus unterversorgten Regionen |
| Gezielte Förderung von Berufen in Mangelregionen | Ungleiche Chancen untergraben Meritokratie-Prinzip |
Handlungsrelevanz
Für Kantone und Gemeinden
- Schritt 1: Identifizieren Sie Mangelregionen und Mangelberufe in Ihrer Region.
- Indikator: Lehrstellenquote pro Jugendliche, Abdeckung von Berufsgruppen.
- Entscheidung: Investieren Sie in Ausbildungsplätze oder Mobilitätshilfen.
Für Berufsverbände
- Schritt 1: Analysieren Sie, welche Berufe in welchen Regionen unterrepräsentiert sind.
- Indikator: Lehrlingsdichte pro Beruf und Region.
- Entscheidung: Entwickeln Sie Rekrutierungsstrategien für Unterversorgungsgebiete.
Für Schulen und Berufsberatung
- Schritt 1: Informieren Sie Jugendliche transparent über regionale Chancen und Mobilitätsoptionen.
- Indikator: Wie viele Jugendliche wechseln für Lehrstellen die Region?
- Entscheidung: Unterstützen Sie gezielt Jugendliche mit eingeschränktem lokalem Angebot.
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft (Quelle: EHB-Studie, BFS-Daten 2021/22)
- [x] Unbestätigte Daten mit ⚠️ gekennzeichnet
- [x] Methodische Grundlage nachvollziehbar und wissenschaftlich
- [x] Bias oder politische Einseitigkeit: Keine erkannt; Studie ist deskriptiv, nicht normativ
Ergänzende Recherche
⚠️ Hinweis: Zusätzliche Quellen nicht in Metadaten vorhanden. Folgende Daten würden die Analyse vertiefen:
- Langzeittrends: Wie haben sich regionale Disparitäten in den letzten 10 Jahren entwickelt?
- Kantonale Unterschiede: Welche Kantone investieren aktiv in Chancengleichheit?
- Mobilitätsbarrieren: Wie viele Jugendliche verzichten auf Lehrstellen wegen Pendelstrecke?
- Berufsumsteiger: Wie viele Jugendliche wechseln in lokal verfügbare Berufe statt Wunschberuf?
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (EHB) – Medienmitteilung vom 29. Januar 2026: „Der Wohnort beeinflusst den Zugang zu Lehrstellen"
https://www.news.admin.ch/de/newnsb/HaPBMY29YXEJyf4CoUem6
Referenzierte Studie:
Kuhn, A. & Schweri, J. (2026). Regionale Unterschiede im Zugang zu dualen Lehrstellen. Schweizerisches Observatorium für Berufsbildung, EHB.
Datengrundlage:
Bundesamt für Statistik (BFS): Daten zur beruflichen Grundbildung, Lehrjahr 2021/22.
Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 29. Januar 2026
Fusszeile (Transparenzhinweis)
Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 29. Januar 2026