Kurzfassung

Der China-Korrespondent Matthias Kamp berichtet über die dramatische Arbeitsmarktkrise für junge Menschen in China. Offiziell sind 17 Prozent der Jugendlichen arbeitslos, inoffizielle Schätzungen sprechen von bis zu 40 Prozent. Der 25-jährige Ren Qianlong verkörpert dieses Problem: Trotz Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung findet er keinen Job in seinem Bereich. Die Gründe liegen in der schwächelnden Wirtschaft, dem Fokus auf Technologiefachkräfte und der massiven Überproduktion von Hochschulabsolventen. Experten warnen vor einer „verlorenen Generation" von nahezu 100 Millionen jungen Menschen.

Personen

Themen

  • Jugendarbeitslosigkeit in China
  • Wirtschaftsschwäche und Binnenkonsum
  • Hochschulabsolventen und Arbeitsmarkt
  • Technologiefokus der Regierung
  • Soziale Stabilität und Wohlstandsversprechen

Detaillierte Zusammenfassung

Die Schweizer Radiosendung „Akzent" dokumentiert die schwierige Lage junger Menschen auf dem chinesischen Arbeitsmarkt. Im Zentrum steht die Geschichte von Ren Qianlong, einem 25-jährigen Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, der sich auf Personalwirtschaft spezialisiert hat und mit Auszeichnung sein Studium abgeschlossen hat. Trotz dieser guten Voraussetzungen kann er keinen festen Job in seinem Bereich finden und schlägt sich mit Teilzeitjobs durch, die ihm monatlich nur 250 bis 300 Yuan (etwa 35 bis 40 Franken) bringen – viel zu wenig zum Leben.

Matthias Kamp, Korrespondent für China, erklärt, dass Ren Qianlongs Problem symptomatisch für Millionen junger Chinesinnen und Chinesen ist. Die offizielle Arbeitslosenquote bei Jugendlichen lag im Oktober 2025 bei 17 Prozent, doch Arbeitsmarktexperten gehen von inoffiziellen Raten bis zu 40 Prozent aus. Grund für die veränderte Berechnungsmethode: Die Regierung zählt Studenten, die an der Universität bleiben und dort Praktika oder Zusatzkurse machen, nicht mehr als arbeitslos.

Die Hauptursache dieser Krise ist die anhaltende Wirtschaftsschwäche Chinas. Nach dem Ende der No-Covid-Politik Ende 2022 erholte sich die Wirtschaft zunächst kurzfristig, doch seitdem geht es bergab. Unternehmen – sowohl staatliche als auch private – machen weniger Profite, weil die Nachfrage im Inland schwach ist. Als Folge stellen sie weniger Personal ein. Gleichzeitig halten Verbraucher ihr Geld zusammen und geben immer weniger aus, was die Unternehmensbilanzen weiter belastet.

Ein strukturelles Problem verstärkt die Krise zusätzlich: Die Zahl der Hochschulabsolventen ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen – jährlich um mehrere hunderttausend. Dies ist das Ergebnis der Regierungspolitik, die Universitäten massiv ausgebaut hat, um die Wirtschaft zu modernisieren. Familien schicken ihre Kinder ausschliesslich auf Universitäten, andere Ausbildungsformen sind gesellschaftlich nicht akzeptiert. Die Folge: Immer mehr gut ausgebildete Menschen drängen auf einen schrumpfenden Arbeitsmarkt.

Der Fokus der chinesischen Regierung verschärft das Problem zusätzlich. Unter der Führung von Xi Jinping hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, China bei allen neuen Technologien weltweit führend zu machen und die USA zu überholen. Dazu pumpt die Regierung Milliardensummen in Robotik, künstliche Intelligenz und Software. Dies führt dazu, dass sich vor allem staatseigene Technologieunternehmen aus der Region Wuhan – wie auf der Jobmesse, auf der Ren Qianlong teilnahm – ausschliesslich Ingenieure und Tech-Spezialisten suchen. Absolventen wie Ren, der Wirtschaftswissenschaften studiert hat, passen nicht ins Profil. Selbst die Personalabteilungen dieser Technologieunternehmen werden nicht mehr besetzt, weil der Fokus ganz auf Technik liegt.

Das Schicksal von Ren Qianlong zeigt ein weiteres psychologisches Problem: Der junge Mann sucht die Fehler bei sich selbst. Er schämt sich für sein Wirtschaftsstudium und glaubt, damit für ein Unternehmen keinen wirklichen Mehrwert zu schaffen. Diese Selbstvorwürfe sind typisch für viele Jobsuchende in dieser Situation.

Die Zukunftsprognosen sind düster. Seit dem Ende der Covid-Politik haben etwa 74 Millionen Menschen ihre Ausbildung abgeschlossen und keinen ihrer Qualifikation entsprechenden Job gefunden oder sind arbeitslos. Im Jahr 2026 werden weitere 26 Millionen junge Menschen ihre Ausbildung beenden und auf den Arbeitsmarkt drängen. Sollte sich die Wirtschaft nicht schnell und nachhaltig erholen, warnen Experten vor einer „verlorenen Generation" von nahezu 100 Millionen Menschen.

Die Regierung ist sich des Problems bewusst. Bei der zentralen Arbeitskonferenz für die Wirtschaft im September 2025 hiess es explizit im Abschlussdokument: „Wir müssen uns um die jungen Menschen kümmern, wir müssen Jobs schaffen für die junge Generation." Doch wie dies konkret umgesetzt werden soll, ist der Regierung selbst noch nicht klar.

Der Frust unter jungen Menschen wächst. Viele sind niedergeschlagen und frustriert. Manche steigen ganz aus dem Arbeitsmarkt aus, ziehen aufs Land und widmen sich ihren Hobbys – eine Option, die sich aber nur wohlhabere Familien leisten können, die Ersparnisse aufgebaut haben. Für die meisten Jugendlichen gibt es auch keine staatliche Unterstützung: Formal existiert eine Arbeitslosenversicherung, doch selbst langjährig Beschäftigte erhalten nur wenig daraus. Für junge Menschen ohne bisherige Arbeitserfahrung gibt es faktisch keine Absicherung.

Ren Qianlong wird nicht aufgeben. Ein Leben als Aussteiger kommt für ihn nicht in Frage. Er will weitersuchen und einen Job finden, der seiner Qualifikation entspricht. Doch Kamp äussert Zweifel, ob das funktionieren wird. Bei seinen Reisen durchs Land stellt er fest, dass die Aussichten immer schlechter werden, der Frust und die Hoffnungslosigkeit zunehmen.

Kernaussagen

  • Die offizielle Jugendarbeitslosenquote in China liegt bei 17 Prozent, inoffizielle Schätzungen gehen von bis zu 40 Prozent aus.
  • Die wirtschaftliche Schwäche Chinas ist der Hauptgrund: Unternehmen machen weniger Profite, stellen weniger Personal ein, und der Binnenkonsum ist schwach.
  • Die massive Überproduktion von Hochschulabsolventen (jährlich mehrere hunderttausend mehr) trifft auf einen schrumpfenden Arbeitsmarkt.
  • Der Regierungsfokus auf Technologie unter Xi Jinping führt dazu, dass hauptsächlich Ingenieure und Tech-Spezialisten gesucht werden; andere Fachrichtungen haben kaum Chancen.
  • Seit Ende der Covid-Politik haben 74 Millionen Menschen keinen ihrer Qualifikation entsprechenden Job gefunden; 2026 kommen 26 Millionen weitere hinzu.
  • Experten warnen vor einer „verlorenen Generation" von nahezu 100 Millionen jungen Menschen.
  • Die psychologische Belastung ist gross: Frust und Hoffnungslosigkeit nehmen zu; manche Arbeitssuchende suchen die Schuld bei sich selbst.
  • Staatliche Unterstützung ist minimal; es gibt praktisch keine Arbeitslosenversicherung für junge Menschen ohne Berufserfahrung.
  • Die Regierung erkennt das Problem an, hat aber keine konkreten Lösungsansätze entwickelt.

Metadaten

Sprache: Deutsch
Transcript ID: 47
Dateiname: 2280135-m-bdab9ab38910b6acff08f4730b0b115f.mp3
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Erstellungsdatum: 30.12.2025
Textlänge: 13.366 Zeichen