Kurzfassung

Bundesanwalt Stefan Blättler gab am 4. April 2026 in der SRF-Sendung «Samstagsrundschau» ein ausführliches Interview zu den Prioritäten der Schweizer Bundesanwaltschaft. Im letzten Jahr eröffnete die Behörde 363 Strafuntersuchungen – ein Rekord. Die Bundesanwaltschaft kämpft mit drei zentralen Herausforderungen: rasant wachsende Cyberkriminalität, langwierige internationale Rechtshilfeverfahren sowie Verzögerungen durch Siegelungsverfahren bei digitalen Daten. Im Bereich Wirtschaftskriminalität fordert Blättler neue Instrumente wie Deferred Prosecution Agreements, um Unternehmungen bei der Korruptionsbekämpfung einzubinden.

Personen

Themen

  • Cyberkriminalität und digitale Ermittlungen
  • Internationale Rechtshilfe
  • Wirtschaftskriminalität und Korruptionsbekämpfung
  • Strafprozessordnung und Verfahrensdauern

Clarus Lead

Die Schweizer Strafjustiz steht unter Druck: Während Cyberkriminalität exponentiell wächst – Blättler nennt die moderne Infrastruktur des Landes als Anziehungspunkt für digitale Angreifer – scheitert die Strafverfolgung an strukturellen Hindernissen. Besonders kritisch: internationale Rechtshilfeverfahren dauern teilweise Jahre, weil die Schweiz die Beschuldigtenrechte stärker schützt als andere Länder. Der Bundesanwalt signalisiert damit der Politik eine dringende Reformnotwendigkeit, um die Konkurrenzfähigkeit der Schweizer Strafjustiz zu wahren.

Detaillierte Zusammenfassung

Die Bundesanwaltschaft identifiziert Cyberkriminalität als wachstendes Delikt. Blättler erklärt: Das Internet ist nicht das Verbrechen selbst, sondern das Mittel – es werden reale Wirtschaftsverbrechen wie Diebstahl, Betrug oder Erpressung durch digitale Kanäle begangen. Die Schweiz sei besonders attraktiv für Cyberkriminelle wegen ihrer modernen Infrastruktur, ihres Wohlstands und ihrer Rolle als Finanzplatz. Ein konkreter Erfolg: Die Bundesanwaltschaft stellte 2025 eine Ransomware-Gruppe, die Daten mit Verschlüsselungssoftware sperrte. Zwei von drei Tätern wurden festgenommen – möglich durch spezialisierte Ermittler mit digitaler Fachkompetenz.

Blättler warnt vor Personalengpässen. Das Parlament beschloss 2025, die Bundeskriminalpolizei um 10–20 Stellen pro Jahr zu erhöhen (bis zu 200 neue Positionen bis 2030). Der Bundesanwalt betont aber: Der moderne Ermittler braucht spezialisierte IT-Ausbildung. Solche Profile seien schwer zu rekrutieren, aber er sieht Chancen bei digital-affinen Hochschulabgängern.

Ein strukturelles Problem: Schweizer Rechtshilfeverfahren sind deutlich langsamer als in anderen Ländern. Grund ist das Prinzip der Parteiöffentlichkeit – Beschuldigte können gegen Rechtshilfeanfragen in zwei Instanzen Beschwerde einreichen, das Bundesgericht entscheidet. Dies führt zu Verzögerungen von mehreren Jahren, während internationale Partner schneller handeln. Folge: Die Schweiz wird bei gemeinsamen Ermittlungen – etwa gegen Drogenkartelle oder terroristische Netzwerke – teilweise übergangen. Blättler plädiert für einen internationalen Pakt zur Automatisierung, räumt aber ein, dass dies auf der globalen Prioritätenliste derzeit niedrig rangiert.

Ein zweites Verfahrenshindernis sind Siegelungsverfahren bei digitalen Daten. Historisch sollte die Siegelung schützen vor unbefugter Einsicht in privilegierte Kommunikation (Anwaltskorrespondenz, Beichte). Mit grossen Datenmengen wird dies zur Zeitfalle: Zwangsmassnahmengerichte müssen terabytweise Daten durchforsten – durchschnittliche Verfahrensdauern von zwei Jahren, im Extremfall 5,5 Jahre. Die 2024er-Reform der Strafprozessordnung reduzierte zwar die Gründe für Siegelung, hat aber bislang wenig Effect. Blättler sieht hier Digitalisierungsbedarf.

Zur Wirtschaftskriminalität: Blättler fordert Deferred Prosecution Agreements (DPA) – aussergerichtliche Einigungen mit Unternehmungen bei Geldwäscherei oder Korruption. Vorbild sind USA, England, Frankreich. Das Modell: Die Firma räumt Organisationsmängel ein, zahlt Reparationen, wird unter Monitoring gestellt. Bei Compliance-Einhaltung wird das Verfahren eingestellt – die Firma bleibt straffrei. Vorteil: Sie wird nicht auf internationalen Ausschreibungsmärkten disqualifiziert. Kritik an einem „Freikauf"-Anstrich wehrt Blättler ab: DPAs müssen richterlich genehmigt werden, Transparenz ist obligatorisch, und die handelnden Personen (Manager, Kader) müssen sich ordentlichen Strafverfahren stellen.

Die Fallzahlen wachsen: 140 offene Terrorismus-Fälle (hauptsächlich IS und Al Qaeda), was Blättler auf die internationale Lage zurückführt. Im letzten Jahr brachte die Bundesanwaltschaft mehr Fälle vor Gericht als je zuvor; in den ersten drei Monaten 2026 folgten vier Anklageschriften nach Bellinzona. Blättler betont: Rechtskräftige Urteile in Terrorismusfällen schaffen konkrete Sicherheit.

Kernaussagen

  • Die Schweizer Bundesanwaltschaft eröffnete 2025 einen Rekord von 363 Strafuntersuchungen, vor allem in Cyber-, Wirtschafts- und Terrorismuskriminalität.
  • Cyberkriminalität wächst exponentiell; spezialisierte digitale Ermittler sind knapp und schwer zu rekrutieren, obwohl das Parlament mehr Stellen bewilligte.
  • Internationale Rechtshilfeverfahren dauern Jahre länger in der Schweiz als in anderen Ländern – ein Wettbewerbsnachteil bei grenzüberschreitenden Ermittlungen.
  • Siegelungsverfahren für grosse digitale Datenmengen verzögern Verfahren um zwei bis fünf Jahre; die 2024er StPO-Reform hat bislang kaum geholfen.
  • Blättler fordert Deferred Prosecution Agreements, um Unternehmungen bei Compliance zu incentivieren, bei Transparenz und Individualstrafverfolgung.

Kritische Fragen

1. Datenqualität und Quellenvalidität: Wie verlässlich ist die Zahl von 363 eröffneten Strafuntersuchungen als Indikator für tatsächliche Kriminalitätstrends? Könnte die Steigerung auch an verbesserter Meldedisziplin oder Anzeigequoten liegen statt an echtem Anstieg der Delikte?

2. Interessenkonflikte bei DPA-Forderung: Blättler plädiert für Deferred Prosecution Agreements; gleichzeitig sucht die Bundesanwaltschaft politische Unterstützung für Ressourcenaufstockung. Könnten DPAs (die Strafverfahren einstellen) einen Anreiz reduzieren, für mehr Budget zu argumentieren?

3. Kausalität bei Cyberkriminalität: Blättler erklärt die Cyber-Zunahme mit der modernen Schweizer Infrastruktur. Aber: Sind nicht auch globale Cyber-Angriffs-Trends (Ransomware-as-a-Service, AI-gestützte Phishing) der primäre Treiber, unabhängig von Schweizer Wohlstand?

4. Umsetzbarkeit der Rechtshilfe-Reform: Ein „internationaler Pakt" zur automatisierten Rechtshilfe würde Schweizer Beschuldigte ihrer Beschwerdrechte berauben. Wie sähe eine verfassungskonform machbare Alternative aus, die Tempo und Schutz balanciert?

5. Erfolgsquote bei Ransomware: Blättler nennt die Ransomware-Gruppe mit zwei von drei Tätern als Erfolg. Wie hoch ist die Quote abgeschlossener Cyber-Verfahren mit Verurteilung? Ist „zwei von drei" typisch oder Ausnahme?

6. Digitalisierung von Siegelungsverfahren: Blättler schlägt vor, Siegelung zu digitalisieren. Würde eine KI-gestützte automatische Filterung privilegierter Kommunikation nicht neue Datenschutzrisiken schaffen?

7. Ressourcenallokation zwischen Schwerpunkten: Die Bundesanwaltschaft priorisiert Terrorismus und internationale Korruption. Wie werden begrenzte Mittel zwischen diesen und Cyberkriminalität verteilt – und nach welchen Kriterien?

8. Regulatorischer Druck von aussen: Blättler erwähnt Druck von aussen (USA, internationale Partner). Wie unabhängig bleibt die Schweizer Bundesanwaltschaft, wenn sie bei Ressourcen- oder Reform-Fragen auf externe Anerkennung angewiesen ist?


Weitere Meldungen

  • Artemis II und Mondmission: Blättler äussert sich kurz zur US-Mondmission Artemis II – persönlich würde er es lieber im Fernsehen verfolgen.
  • Kulturelle Entspannung: Der Bundesanwalt bevorzugt Konzerte, Opern und Zeit mit der Familie zur Erholung nach intensiven Arbeitswochen.
  • Sprachkompetenz: Blättler spricht Französisch, Italienisch und Englisch; privat nutzt er Italienisch.

Quellenverzeichnis

Primärquelle: SRF 1 – Die Samstagsrundschau mit Klaus Ammann: Interview mit Bundesanwalt Stefan Blättler, 4. April 2026

Verifizierungsstatus: ✓ 2026-04-08


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 2026-04-08