Kurzfassung
Die weltweiten Aktienmärkte zeigen trotz erheblicher geopolitischer Risiken eine breite Aufwärtsbewegung, die sich jedoch zunehmend von den Unternehmensgewinnen entkoppelt hat. Eine aktuelle Bewertungsanalyse offenbart, dass immer mehr Aktiensektoren und Industriegruppen ungewöhnlich teuer bewertet sind – insbesondere der Industriesektor, Technologie und Kommunikationsdienste. Während einige defensive Sektoren wie Energie und Basiskonsum noch relativ attraktiv wirken, wird die Bewertungssituation für weitere Kursgewinne zunehmend anspruchsvoll. Europa profitiert noch von günstigeren Bewertungen, doch dieser Vorsprung schrumpft kontinuierlich.
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Themen
- Aktienbewertungen und Perzentilränge
- Geopolitische Risiken und Marktdynamiken
- Sektorenperformance und Industriegruppen
- Technologie- und KI-Investitionen
- Regionale Bewertungsunterschiede
Detaillierte Zusammenfassung
Die paradoxe Marktsituation
Trotz erheblicher geopolitischer Turbulenzen – von der Absetzung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro über Proteste im Iran bis hin zu Donald Trump's Anspruch auf Grönland – demonstrieren die globalen Aktienmärkte bemerkenswerte Widerstandskraft. Laut dem Vermögensverwalter Daniel Haase könnte paradoxerweise die erhöhte Unsicherheit selbst ein Treiber für steigende Aktienkurse sein, insbesondere wenn Geldentwertung als wachsendes Risiko wahrgenommen wird.
Allerdings zeigt sich eine kritische Divergenz: Die Unternehmensgewinne konnten mit den stattlichen Kursavancen nicht überall Schritt halten, was zu breiter Front zu höheren Bewertungen geführt hat. Beata Manthey von Citigroup warnt, dass hohe Bewertungen wenig Spielraum für Fehler lassen und Enttäuschungspotenzial bergen, sollten Unternehmen ihre Gewinnprognosen nicht erfüllen.
Bewertungsmethodik und Ergebnisse
The Market analysiert die Bewertungen der elf globalen Aktiensektoren und 25 Industriegruppen mittels fünf Bewertungskennzahlen:
- Dividendenrendite
- Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis
- Vorwärtsgerichtetes KGV
- Kurs-Umsatz-Verhältnis
- Kurs-Buchwert-Verhältnis
Durch den Perzentilrang-Ansatz wird jede Branche mit ihrer eigenen historischen Performance verglichen. Ein hoher Perzentilrang (näher an 100) signalisiert eine unattraktive, teure Bewertung.
Der neue Spitzenreiter: Industrie
Der Industriesektor hat mit einem Perzentilrang von 99 den Spitzenplatz unter den teuersten Sektoren eingenommen. Industrieaktien legten zuletzt um rund 10% zu – getrieben durch mehrere Faktoren:
Geopolitische Faktoren: Die neue „Weltunordnung", in der internationale Regeln zunehmend durch das Gesetz des Stärkeren ersetzt werden, beflügelt insbesondere den Rüstungssektor (Aerospace and Defense), der Ende Dezember 22,3% des MSCI Industrials ausmachte.
Infrastruktur-Investitionen: Der Investitionsboom für Rechenzentren treibt Konzerne wie Schneider Electric, ABB und Eaton an, die Kühlprodukte, Generatoren und Transformatoren liefern.
Politische Impulse: Der One Big Beautiful Bill Act in den USA soll Investitionen steuerlich begünstigen; auch das deutsche Finanzpaket bietet positiven Wind.
Allerdings besteht das Risiko, dass die Aktienkurse bereits zahlreiche positive Nachrichten vorwegnehmen und Enttäuschungspotenzial bergen.
Technologie und Kommunikation: Bremsende KI-Dynamik
Technologie (98. Perzentil) und Kommunikationsdienste (98. Perzentil) bleiben ebenfalls extrem teuer bewertet. Der KI-Trade hat zuletzt an Schwung verloren, was markttechnisch begrüssenswert ist.
Divergenz innerhalb des Tech-Sektors: Während Unternehmen wie Oracle, die ihre Bilanzen überstrapazieren, jüngst abgestraft wurden, zeigen stärkere Player wie Alphabet neuen Schwung.
Massive Investitionen mit Risiken: Alphabet, Amazon, CoreWeave, Meta Platforms, Microsoft und Oracle sollen ihre Kapitalinvestitionen 2026 erneut steigern und die 500-Milliarden-Dollar-Marke überschreiten. Dieses Wettrüsten zehrt den freien Cashflow auf und hat zur Folge, dass weniger eigene Aktien zurückgekauft werden.
Hohe Gewinnerwartungen unter Druck: US-IT-Konzerne sollen ihr Ergebnis pro Aktie 2026 um 30% steigern, der S&P 500 um etwa 15%. Angesichts der hohen Erwartungen darf es keine Enttäuschungen geben – zumal Nvidia (20,2%), Microsoft (15,2%) und Apple (18%) über die Hälfte der Technologie-Marktkapitalisierung ausmachen.
Energie: Vergleichsweise attraktiv, aber volatil
Der Energiesektor ist mit einem Perzentilrang von 65 der günstigste globale Sektor und wirkt noch relativ vernünftig bewertet.
Venezuela und geopolitische Chancen: Mit der Absetzung von Nicolás Maduro haben sich die USA Einfluss über die venezolanische Ölindustrie gesichert. Die Hoffnung ist, dass die Energieinfrastruktur modernisiert wird und das Land mehr Öl exportiert, was den Rohstoffpreis und Inflationsdruck in den USA senken könnte. Allerdings sind die Kosten immens und das Umfeld unsicher – derzeit herrscht weltweit Überangebot.
Iran-Risiken: Unruhen im Iran und die Angst vor regionaler Eskalation haben zuletzt für höhere Ölnotierungen gesorgt. Ein Szenario mit iranischen Angriffen auf US-Stützpunkte oder regionale Schifffahrt wäre verheerend und würde den Ölpreis in die Höhe treiben.
Inflations-Signal: Daniel Haase beobachtet, dass inflationsaffine Sektoren seit Wochen stark nachgefragt werden – ein Signal, dass der Markt mit mehr Inflation rechnet. Der Untersektor Öl- und Gas-Dienstleister und -Ausrüster ist aus seiner Seitwärtsbewegung nach oben ausgebrochen.
Historische Dimension: Der Energiesektor machte vor zwanzig Jahren etwa 16% des S&P 500 aus, heute weniger als 3%, was für substanzielles Aufwärtspotenzial spricht.
Basiskonsum: Unbeliebt, aber nicht teuer
Der Basiskonsumsektor zeigte 2025 die zweitschlechteste Performance und leidet unter anhaltend schwacher Nachfrage, besonders in den USA. Viele Konsumenten betreiben „Trading Down" – sie wechseln von Markenprodukten zu günstigeren Eigenmarken. Allerdings sind diese Herausforderungen bereits eingepreist, weshalb die Bewertungen vergleichsweise vernünftig wirken.
Chancen bei Stimmungsumschwung: Eine zaghafte Aufhellung der US-Konsumentenstimmung könnte das Umfeld deutlich verbessern. Sollte sich die KI-Euphorie abkühlen, dürften defensive Basiskonsum-Aktien wieder gefragt sein.
Gesundheit: Fulminantes Comeback
Der Gesundheitssektor hat ein beeindruckendes Comeback hingelegt: Mit einem Zuwachs von rund 17% lieferte er die beste Performance aller Sektoren seit September 2025. Der Bewertungsscore stieg von 50 auf 75 – ein deutlicher Sprung, aber kein akutes Warnsignal.
Entschärfung von Unsicherheiten: Der Druck auf Medikamentenpreise in den USA hat sich entschärft – Trump's Regierung einigte sich mit Pharmakonzernen auf Zollvergünstigungen gegen moderatere Preissenkungen, was Planungssicherheit zurückbringt.
Langfristiges Wachstumspotenzial: Die alternde Bevölkerung weltweit, neue Möglichkeiten durch KI-Anwendungen in der Medizin, solide Bilanzen und defensive Qualitäten bieten weiterhin Chancen.
Regionale Unterschiede: Europas Vorsprung schrumpft
Während Europa traditionell günstigere Bewertungen aufweist, schliesst sich diese Lücke:
Basiskonsum: US-Sektor auf 90. Perzentil vs. Europa 23. Perzentil. Walmart handelt mit KGV 46 und 0,8% Dividendenrendite, während Nestlé KGV 19 und 4% Dividendenrendite bietet.
Weitere Unterschiede: Bei zyklischem Konsum (73% vs. 94%), Energie (45% vs. 65%) und Finanz (83% vs. 94%) Perzentilen schneidet Europa vorteilhaft ab.
Trend: Die Unterschiede werden jedoch kontinuierlich kleiner. Der Immobiliensektor ist mittlerweile auf dem alten Kontinent teurer als in den USA (50. vs. 30. Perzentil).
Kernaussagen
Aktienbewertungen sind auf breiter Front ungewöhnlich hoch; der Industriesektor (99. Perzentil) ist jetzt der teuerste, gefolgt von Technologie und Kommunikationsdienste (je 98. Perzentil)
Geopolitische Unsicherheit (Grönland-Anspruch, Venezuela, Iran) befeuert paradoxerweise Märkte und treibt insbesondere Rüstungs- und Infrastruktur-Investitionen
Massive Kapitalausgaben im Tech-Sektor (über 500 Mrd. $ erwartet) zehren freien Cashflow auf und bergen Risiko, dass Gewinnerwartungen (+30% erwartet) verfehlt werden
Energie bleibt vergleichsweise attraktiv (65. Perzentil), profitiert von Inflationserwartungen und geopolitischen Risiken – aber auch von Unsicherheiten in Venezuela
Der Gesundheitssektor lieferte fulminantes Comeback (+17%), mit entschärftem Preisdruck in den USA und langfristigem Wachstumspotenzial
Europäische Bewertungen bleiben günstiger als in den USA, doch der Vorsprung schrumpft kontinuierlich
Defensive Sektoren wie Basiskonsum profitieren von niedrigen Erwartungen und könnten bei Stimmungsumschwüngen wieder attraktiv werden
Metadaten
Sprache: DeutschAutor: Sandro Rosa
Publikationsdatum: 16.01.2026
Quelle: https://themarket.ch/makro-maerkte/bewertungsexpansion-ohne-ende-ld.15845
Textlänge: ~15.700 Zeichen