Der Kompass ohne Norden: Wie der NFP-77-Synthesebericht die digitale Souveränität in den Epilog verbannt

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clarus.news | Analyse | 4. Juni 2026

Dreissig Millionen Franken, fünf Jahre, 46 Forschungsprojekte: Der im Mai 2026 erschienene Synthesebericht des Nationalen Forschungsprogramms «Digitale Transformation» (NFP 77) will laut eigenem Anspruch ein «Kompass» für Politik, Verwaltung und Wirtschaft sein. Doch auf die digitalpolitische Leitfrage des Jahres 2026 – die Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Hyperscalern, der Cloud Act, die digitale Souveränität – gibt der Bericht keine Richtung vor. Er nennt Google, Amazon und Microsoft beim Namen, aber erst im Epilog, als Entwicklung «über den Rahmen des Programms hinaus». Ausgerechnet jene NFP-77-Projekte, auf die sich die laufende Schweizer Souveränitätsdebatte stützt – die Demokratiefabrik, die Spitaldigitalisierung –, liegen mitten im Bericht. Sie wurden bloss falsch einsortiert.


Was der Bericht ist – und was er zu sein beansprucht

Der Auftrag stammt aus dem Jahr 2017: Der Bundesrat beauftragte den Schweizerischen Nationalfonds, den digitalen Wandel in drei Feldern zu erforschen – Bildung und Lernen, Vertrauenswürdigkeit und Governance (demokratische Institutionen und Medien) sowie Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Das Programmkonzept genehmigte der Bundesrat im September 2018, die Förderung von 30 Millionen Franken lief bis Dezember 2024, geforscht wurde zwischen 2020 und 2025.

Aus 46 Projekten destilliert die international besetzte Leitungsgruppe unter Abraham Bernstein zwölf Impulse: vier modulübergreifende und acht modulspezifische. Der Bericht versteht sich ausdrücklich als «evidenzbasierte Orientierung» und «Kompass», der sicherstellen soll, dass der digitale Wandel «sozial gerecht, demokratisch legitimiert und wirtschaftlich produktiv» verläuft. An diesem Selbstanspruch ist er zu messen.

Die Souveränität, eingeklemmt zwischen Epilog und Glossar

Wer den Bericht nach den drängenden Themen von 2026 durchsucht, findet ein eindeutiges Muster. Das Wort digitale Souveränität kommt substanziell genau einmal vor: im Epilog, Abschnitt 5.1, auf Seite 47. Dort heisst es, die Bedenken hinsichtlich der digitalen Souveränität der Schweiz seien gewachsen – wegen der «Dominanz grosser Technologiekonzerne ausserhalb Europas». Erst hier werden die Konzerne benannt: Google, Amazon, Microsoft, Meta, Apple in den USA, Baidu, Alibaba, Tencent, Xiaomi, Huawei in China.

Der Cloud Act – das US-Gesetz, das den Schweizer Souveränitätsstreit in Gesundheits- und Verwaltungsdaten überhaupt erst auslöst – kommt im gesamten 64-seitigen Bericht kein einziges Mal vor. Das Wort «Hyperscaler» ebenfalls nicht. Und die Benennung der Konzerne erfolgt unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, diese Entwicklungen gingen «über den Rahmen des fünfjährigen Programms hinaus».

Das ist der erste Widerspruch. Ein Bericht, der sich als Kompass anbietet, verbannt die eine Himmelsrichtung, in der die Schweiz aktuell die Orientierung verliert, ins Nachwort und erklärt sie für ausserhalb des Massstabs. Die digitale Souveränität erscheint nicht als Impuls, nicht als Gestaltungsansatz, nicht als Handlungsempfehlung – sondern als Fussnote der Zeitgeschichte.

Die Werkzeuge lagen bereit – sie wurden nicht benutzt

Der Vorwurf wäre wohlfeil, hätte der Bericht keine begrifflichen Mittel für das Thema. Er hat sie – und wendet sie nur woanders an.

Erstens liefert Impuls 9 das vielleicht schärfste Werkzeug: Der Bericht übernimmt von der philosophischen NFP-77-Forschung (Budnik) den Grundsatz, dass man Technologie nicht «vertrauen», sondern sie nach Zuverlässigkeit und Kontrollierbarkeit beurteilen solle. Vertrauen sei ein Konzept für soziale Beziehungen, nicht für Maschinen. Genau das ist das Souveränitätsargument in Reinform: Kann die Schweiz einen Anbieter kontrollieren? Bei einem US-Konzern unter Cloud-Act-Zugriff lautet die Antwort nein. Der Bericht legt das Kriterium an – aber nur an Diagnose-Algorithmen im Klinikalltag, nie an die Infrastrukturanbieter, von denen die ganze Verwaltung abhängt. Das Messinstrument war da; die Messung an der grössten Abhängigkeit unterblieb.

Zweitens kennt der Bericht das Lock-in-Problem – und quarantäniert es. Impuls 7 empfiehlt «strategische Investitionen in Open-Source- und kompatible Technologien», um «Risiken von Veralterung und mit Eigentumsrechten verbundenen Einschränkungen» zu verringern. Das ist exakt die Logik, mit der Matthias Stürmer im Streit um Epic und DigiSanté einen Quellcode-Hinterlegungs-Test fordert und mit der Nationalrat Gerhard Andrey die Microsoft-Ablösung der Armee begründet. Nur: Im Bericht gilt diese Logik allein für EdTech-Schulsoftware. Sie wird nie zur Infrastruktur-Maxime erhoben, obwohl das Argument bei Office-Suiten, Cloud-Plattformen und Klinikinformationssystemen identisch ist.

Drittens sorgt sich Impuls 4 ausdrücklich um die «wachsende Macht privater Plattformen». Doch die Antwort des Berichts ist eng: ein verpflichtender Datenzugang für die Forschung und ein DSA-ähnliches Gesetz über Kommunikationsplattformen. Plattformmacht wird als Forschungs-Datenzugangsproblem behandelt – nicht als Frage, wer die Infrastruktur des Staates kontrolliert.

Das Gesundheitswesen: die richtige Evidenz, falsch abgelegt

Am deutlichsten zeigt sich die verpasste Verbindung dort, wo der Bericht eigene Schweizer Evidenz besitzt. Das NFP-77-Projekt Digi-Care (Bürkle et al.) wird gleich mehrfach zitiert: Im Gesundheitswesen behinderten «fragmentierte Systeme und Usability-Probleme» einen reibungslosen Informationsaustausch; gut integrierte Spitalsysteme reduzierten patientenkritische Vorfälle.

Das ist – Wort für Wort – das Problem des elektronischen Patientendossiers und von DigiSanté. Hausarzt Sven Streit bringt es in der NZZ auf den Punkt: «Wir verschicken PDF-Dateien per E-Mail. Wir haben keine Standards.» Der Bericht hatte den empirischen Befund in der Hand. Er legte ihn jedoch unter Ko-Kreation (Impuls 1) und Mensch-Maschine-Interaktion (Impuls 3) ab – als Frage partizipativen Designs und der Benutzerfreundlichkeit. Die eigentliche Diagnose, die die Eidgenössische Finanzkontrolle mit der Formel «Umsetzungsverantwortung ohne Durchsetzungskompetenz» geprägt hat, fehlt. Der Bericht beschreibt das Symptom auf der Mikroebene des Spitals und übersieht die Governance-Ebene, auf der der Föderalismus den Souveränitätsanspruch aushebelt.

Partizipation: die halbe Wahrheit

Sein stärkstes Material besitzt der Bericht beim Thema Beteiligung – und auch hier bleibt er auf halbem Weg stehen. Impuls 8 stützt sich auf die Demokratiefabrik (Gianola, Bächtiger) und auf Experimente zur partizipativen Budgetierung (Hänggli, Helbing): Beteiligung kann Legitimität und Fairness digitaler Prozesse erhöhen.

Das ist das empirische Fundament zweier Argumente, die clarus.news bereits dokumentiert hat. Bundeskanzler Viktor Rossi deutet die knappe E-ID-Zustimmung von 2025 als Vertrauen, das durch Nachweisbarkeit und föderale Pilotprojekte gewonnen werde – und beruft sich dabei ausdrücklich auf die Demokratiefabrik. Andrey wiederum führt das soziokratische Konsent-Modell ins Feld, mit dem die «organisierte Schweiz» die E-ID durchsetzte. Der Bericht liefert die Evidenz, dass dieser Weg trägt – verknüpft sie aber nicht mit den konkreten Souveränitäts- und Beschaffungskämpfen, in denen Partizipation den Ausschlag gab. Er bleibt im Abstrakten und warnt, Partizipation sei «ressourcenintensiv» und nur «in ausgewählten Fällen» einzusetzen.

Was gar nicht vorkommt

Die Leerstellen sind so aufschlussreich wie die Impulse. Nicht behandelt werden: der Cloud Act; die Beschaffungsabhängigkeit der Bundesverwaltung von Microsoft 365 und US-Hyperscalern; der Vendor-Lock-in auf Infrastrukturebene; die Kernspannung zwischen Bundesstandards und kantonaler Beschaffungsautonomie (der Bericht kennt die kantonale Ebene nur als Governance- und Beteiligungsraum, nicht als Beschaffungsmacht); das geopolitische Lieferketten-Risiko von Software; und die fehlende Durchsetzungskompetenz, die das eigentliche EFK-Thema ist.

Bemerkenswert ist überdies, dass die Leitungsgruppe im Abschnitt 5.3 ausdrücklich darauf verzichtet, künftige Forschungsrichtungen vorzuschlagen. Für einen Kompass, der explizit beansprucht, Entscheidungstragenden Orientierung zu geben, ist das eine auffällige Selbstbeschränkung – gerade dort, wo der Bericht die Souveränitätslücke selbst benannt hat.

Fazit: ein Kompass, der vom Sturm nicht spricht

In Fairness: Das Mandat des NFP 77 wurde 2017/2018 gesetzt, vor dem Souveränitäts-Schock. Infrastrukturpolitik stand nie in der Ausschreibung, und ein Synthesebericht kann nur zusammenfassen, was 46 abgeschlossene Projekte erforscht haben. Die Leitungsgruppe hält fest, dass die breiteren Abwägungen demokratischen Prozessen obliegen, nicht der Wissenschaft.

Doch der Bericht beruft sich selbst darauf, seine Fragestellungen «soweit möglich an die grossen globalen Veränderungen» angepasst zu haben – für die Pandemie und für generative KI hat er das getan. Den Souveränitäts-Schock benennt er namentlich, operationalisiert ihn aber als Einzigen nicht. Das ist keine Mandatsgrenze mehr, sondern eine Wahl.

Damit wiederholt der Synthesebericht auf wissenschaftlicher Ebene exakt jene Bewegung, die clarus.news beim Bundeskanzler diagnostiziert hat: Open Source feiern, wo es ungefährlich ist – bei der Schulsoftware, beim Sprachmodell Apertus –, das strukturelle Problem im Vorbeigehen erwähnen und es dann nicht anpacken. Andrey hatte recht: Die «grössere Kiste» ist nicht die Technologie, sondern die Governance. Der NFP-77-Synthesebericht bestätigt diese These – durch sein Schweigen. Eine international besetzte Leitungsgruppe hat einen Kompass abgeliefert, der überall funktioniert, nur nicht dort, wo die Schweiz heute die Richtung sucht.

Kernaussagen

  • Der NFP-77-Synthesebericht (Mai 2026, 30 Mio. Franken, 46 Projekte, 12 Impulse) beansprucht, ein «Kompass» für die digitale Transformation zu sein.
  • Souveränität erscheint substanziell nur im Epilog (5.1, S. 47) und wird dort für ausserhalb des Programmrahmens erklärt; Hyperscaler werden ausschliesslich dort namentlich genannt; der Cloud Act kommt gar nicht vor.
  • Der Bericht besitzt die Begriffe (Kontrollierbarkeit statt Vertrauen, Lock-in-Vermeidung durch Open Source), wendet sie aber nur auf KI-Artefakte und EdTech an – nie auf die Infrastruktur-Abhängigkeit der Verwaltung.
  • Die Schweizer Evidenz zur Spital-Fragmentierung (Digi-Care) wird als Usability- und Ko-Kreations-Problem abgelegt, nicht als das Standards- und Governance-Versagen, das EPD und DigiSanté bremst.
  • Die Befunde zu Demokratiefabrik und partizipativer Budgetierung stützen die These von Rossi und Andrey, bleiben im Bericht aber von den konkreten Souveränitätskämpfen entkoppelt.

Kritische Fragen

  1. Auf welcher Evidenzgrundlage benennt der Bericht im Epilog die Hyperscaler-Dominanz, wenn keines der 46 NFP-77-Projekte die Infrastruktur-Abhängigkeit untersucht hat – stammt der Befund aus dem Programm oder importiert er ihn aus dem WEF-Risikobericht (Referenz 69)?
  2. Wie verlässlich ist ein als «Kompass» deklarierter Synthesebericht, der für Pandemie und GenAI nachjustiert, den selbst benannten Souveränitäts-Schock jedoch als einzigen nicht in einen Impuls überführt?
  3. Spielt die Zusammensetzung der überwiegend nicht-schweizerischen, SNF-finanzierten Leitungsgruppe eine Rolle für die Zurückhaltung bei einem politisch aufgeladenen Bundes-Beschaffungsthema – oder ist die «Ausser-Rahmen»-Einordnung allein der Mandatsgrenze von 2018 geschuldet?
  4. Ist die fehlende Souveränitäts-Empfehlung kausal Folge des Auftrags von 2018 oder eine redaktionelle Entscheidung, da der Bericht seine Fragestellungen nach eigener Aussage an globale Veränderungen anpasste?
  5. Was würde sich ändern, wendete man das berichtseigene Kriterium «Kontrollierbarkeit statt Vertrauen» (Impuls 9) konsequent auf US-Cloud-Anbieter unter Cloud-Act-Zugriff an statt nur auf medizinische KI?
  6. Warum gilt die Lock-in-Warnung (Open Source, «mit Eigentumsrechten verbundene Einschränkungen») allein für EdTech und nicht für Office-Suiten, Cloud-Plattformen und Klinikinformationssysteme, bei denen die Abhängigkeit ungleich grösser ist?
  7. Hätte der Bericht die Spital-Evidenz aus Digi-Care nicht zwingend mit dem EFK-Befund «Umsetzungsverantwortung ohne Durchsetzungskompetenz» verknüpfen müssen, statt sie als Benutzerfreundlichkeits-Frage zu rahmen?
  8. Welches Risiko birgt der ausdrückliche Verzicht der Leitungsgruppe (5.3), künftige Forschungsrichtungen zu benennen, für ein Programm, das die Souveränitätslücke selbst als wachsend beschreibt?

Quellenverzeichnis

Primärquelle:

  • Leitungsgruppe des NFP 77 (2026): Bildung, Vertrauenswürdigkeit und Arbeitsmarkt im digitalen Wandel – Erkenntnisse und Überlegungen aus dem Nationalen Forschungsprogramm «Digitale Transformation» (NFP 77). Schweizerischer Nationalfonds, Bern. ISBN 978-3-907087-83-1, DOI 10.46446/Publikation_nfp77.2026.1.de – nfp77.ch

Ergänzende clarus.news-Analysen:

  1. clarus.news: «Digitalisierung und Föderalismus – geht das überhaupt? Wie Patientendossier, DigiSanté und 26 Kantone den Souveränitäts-Anspruch der Schweiz aushebeln», 01.06.2026 – clarus.news
  2. clarus.news: «Bundeskanzler Rossi redet von Hebeln – und übersieht den grössten: Open Source», 31.03.2026 – clarus.news
  3. clarus.news: «E-ID-Abstimmung und digitales Vertrauen: Bundeskanzler Rossi über Governance in der Transformation», 04.06.2026 – clarus.news
  4. clarus.news: «Digitale Souveränität: Frankreich packt die grössere Kiste an», 14.04.2026 – clarus.news

Verifizierungsstatus: ✓ 2026-06-04


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 2026-06-04


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