Zehn Jahre nach der Ankündigung: Hat Yverdon-les-Bains seine Smart-Lighting-Versprechen eingelöst?

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Vor genau zehn Jahren beschrieb die Süddeutsche Zeitung Yverdon-les-Bains als kleine Stadt mit grosser Ambition: intelligente Strassenleuchten, die bei Bewegung hochdimmen, weniger Energie verbrauchen und mittelfristig die ganze Stadt erfassen sollten. Das klang damals nach Smart City im Miniaturformat – mit einer klaren Ansage: Bis 2025 sollten die Beleuchtungskosten (bzw. in den offiziellen Unterlagen präziser: der Energieverbrauch) massiv sinken.

Heute ist die spannendere Frage nicht mehr, ob die Idee gut klang. Sondern: Was ist aus den Versprechen geworden – und wie lässt sich das prüfen?

Was damals versprochen wurde

Der SZ-Bericht stellte Yverdon als Vorreiter dar: Sensorik, bedarfsgerechtes Licht, weniger Lichtverschmutzung, mehr Effizienz. Besonders markant war die Zielgrösse für 2025: Die öffentliche Beleuchtung sollte nur noch einen Bruchteil des früheren Verbrauchs verursachen.

Wichtig ist dabei eine saubere Einordnung: In den offiziellen Unterlagen der Stadt und von Yverdon Énergies wird vor allem mit Energieverbrauch (kWh) argumentiert – nicht ausschliesslich mit den gesamten Beleuchtungskosten über den Lebenszyklus.

Was die Stadt inzwischen selbst dokumentiert

Die Stadt und Yverdon Énergies haben in den vergangenen Jahren mehrere Dokumente veröffentlicht, die den Fortschritt greifbar machen:

  • Im Plan directeur de l’éclairage public 2020–2025 (2019) wird als Zwischenstand festgehalten, dass bereits ein grosser Teil der Leuchten auf dynamische LED-Technik umgestellt war.
  • Im Préavis PR24.05PR (2024) nennt die Stadt konkrete Zielwerte für das Projektende (geplant bis Ende April 2025):
    • rund 450'000 kWh/Jahr Stromverbrauch für die öffentliche Beleuchtung,
    • gegenüber 1'900'000 kWh/Jahr im Jahr 2010,
    • sowie ein Investitionskredit von CHF 1,7 Mio. zur Finalisierung von LED-Umrüstung und Steuerung.
  • Gleichzeitig wird dort deutlich: Das Projekt ist nicht nur Lampentausch, sondern auch Steuerung pro Lichtpunkt (Telemanagement) – also mehr Flexibilität für Sicherheit, Komfort und gezielte Abschaltung/Reduktion.

Das ist wichtig, weil sich daran auch die Kritik von damals messen lässt: nicht nur „smarte“ Technik als Schlagwort, sondern ein realer Umbau mit Betriebskonzept.

Die kritischen Fragen, die man heute stellen muss

Der spannende Punkt zehn Jahre später ist nicht die Technologie, sondern die Nachprüfbarkeit. Wer beurteilen will, ob Yverdon das SZ-Narrativ wirklich eingelöst hat, sollte diese Fragen stellen:

1) Wurde das 2025-Ziel tatsächlich erreicht – oder nur geplant?

Die offiziellen Unterlagen nennen das Ziel 450'000 kWh/Jahr und einen Abschluss des Projekts bis April 2025. Aber: Ein Zielwert in einem Beschluss ist noch kein Ist-Wert.

Prüffrage:

  • Gibt es einen veröffentlichten Jahreswert 2025 (oder 2024/2025) zum tatsächlichen Stromverbrauch der Strassenbeleuchtung?
  • Wird ein Soll-Ist-Vergleich publiziert?

2) Wurden wirklich alle Leuchten „intelligent“ – oder nur dort, wo es technisch sinnvoll ist?

Schon in den offiziellen Texten wird eingeschränkt: Dynamische Beleuchtung soll überall dort kommen, wo es möglich ist. Für Hauptstrassen und komplexe Verkehrsachsen gelten teils andere Anforderungen als in Wohnquartieren.

Prüffrage:

  • Wie hoch ist der Anteil der Leuchten mit echter Einzelsteuerung, Sensorik oder dynamischem Profil?
  • Welche Bereiche laufen weiterhin klassisch (z. B. durchgehend oder ohne Bewegungserkennung)?

3) Wie steht es um Sicherheit und Akzeptanz?

Die Debatte von 2016 kreiste stark um Sicherheitsgefühl, Helligkeit und Lichtverschmutzung. Die Stadt argumentiert heute mit flexibler Steuerung und gezielter Beleuchtung sensibler Punkte (z. B. Zebrastreifen).

Prüffrage:

  • Gibt es Daten oder Berichte zu Beschwerden, Unfällen, subjektivem Sicherheitsgefühl oder Akzeptanz nach der Umrüstung?
  • Wurden Beleuchtungsprofile nachträglich angepasst?

4) Wurde Interoperabilität wirklich gelöst?

Ein zentraler Punkt im SZ-Kontext war die Sorge vor „Modeworten“ und Insellösungen. Im Préavis 2024 schreibt die Stadt ausdrücklich, dass man ein erweitertes System lange bewusst nicht eingeführt habe, um nicht an einen einzelnen Anbieter gebunden zu sein.

Prüffrage:

  • Welche Plattform wurde am Ende gewählt?
  • Nutzt Yverdon heute offene Standards bzw. interoperable Komponenten – oder doch ein faktisches Vendor-Lock-in?

5) Wurden Smart-City-Zusatzfunktionen (Lärm, Verkehr, Parken, Umwelt) tatsächlich umgesetzt?

2016 war viel von Multifunktionslampen die Rede (WLAN, Umweltmessung, Ladepunkte). In Yverdon tauchen solche Funktionen in neueren Unterlagen eher als Möglichkeit auf – nicht automatisch als bereits flächendeckend realisierte Praxis.

Prüffrage:

  • Welche Zusatzsensoren sind heute tatsächlich im Einsatz?
  • Gibt es öffentlich zugängliche Daten (z. B. Lärm, Verkehrszählung, Parkraumauslastung)?
  • Wurde WLAN über Strassenleuchten überhaupt umgesetzt – oder blieb das ein Branchenversprechen?

Wo sich die Versprechen prüfen lassen

Wer die Entwicklung ernsthaft nachvollziehen will, sollte nicht nur Medienberichte lesen, sondern vor allem diese Quellen vergleichen:

1) Offizielle Projekt- und Ratsunterlagen der Stadt

Hier stehen Ziele, Budgets, Zeitpläne und technische Annahmen.

Worauf achten?

  • Zielwerte in kWh
  • Investitionssummen
  • Zeitplan (z. B. Ende April 2025)
  • Annahmen zur Amortisation (mit/ohne Nachtabschaltung)

2) Yverdon Énergies

Dort findet sich die operative Kommunikation zur öffentlichen Beleuchtung (Rollout, Technik, Projektfortschritt, Teilprojekte wie Altstadt/Center historique).

Worauf achten?

  • Aussagen zum Umrüstungsstand
  • Hinweise auf dynamische Beleuchtung nach Zonentyp
  • Veröffentlichte Verbrauchswerte oder Projekt-Updates

3) Geoportal / Kartenstand der Stadtwerke

Im Plan directeur wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass der Fortschritt der LED-Erneuerung öffentlich sichtbar sei.

Worauf achten?

  • Kartierter Ausbaugrad
  • Welche Quartiere bereits modernisiert sind
  • Ob die Karte aktuell gepflegt wird

4) Politische Folgevorlagen und Gemeinderatsberichte (2025/2026)

Gerade dort zeigt sich, ob ein Projekt wie geplant abgeschlossen wurde oder nachfinanziert/verlängert werden musste.

Worauf achten?

  • Abschlussberichte
  • Zusatzkredite
  • Evaluationen
  • neue Zielkorrekturen

Warum der Fall Yverdon weiterhin interessant ist

Yverdon-les-Bains ist gerade deshalb spannend, weil die Stadt kein Marketing-Schaufenster einer Tech-Metropole ist. Der Fall zeigt eher den kommunalen Alltag: technische Grenzen, politische Beschlüsse, Budgetfragen, Sicherheitsdebatten und schrittweise Umsetzung.

Genau deshalb eignet sich Yverdon auch gut für eine nüchterne Bilanz zehn Jahre nach dem SZ-Artikel:

  • Ja, vieles spricht dafür, dass die Stadt den Umbau ernsthaft und systematisch vorangetrieben hat.
  • Aber ob das öffentlich wahrgenommene Versprechen („smart“, billiger, besser, dunkler wo möglich) vollständig eingelöst wurde, entscheidet sich an veröffentlichten Ist-Daten – nicht an Projektzielen.

Fazit

Der SZ-Text von 2016 wirkte wie ein Blick in die Zukunft. Zehn Jahre später ist Yverdon-les-Bains ein guter Testfall dafür, wie belastbar Smart-City-Versprechen wirklich sind.

Die entscheidende Frage lautet heute nicht mehr, ob intelligente Strassenlaternen technisch funktionieren. Sondern: Wo sind die Zahlen, die zeigen, dass die versprochenen Effekte tatsächlich eingetreten sind?

Wer das prüfen will, sollte Energieverbrauch, Investitionen, Steuerungsgrad und öffentliche Auswertungen nebeneinanderlegen – und genau dort beginnt die eigentliche Smart-City-Debatte.

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