DNS-Sperren: Digitaler Protektionismus mit Ansage

Blog (DE)

Wenn Behörden die Infrastruktur des Internets zur Zensurmaschine machen

Ein kritischer Blick auf DNS-Blockaden – und wie die Schweiz mit einem technisch untauglichen Instrument ihre Glücksspielbranche schützt.


Frankreichs Pariser DNS-Urteil (Januar 2026)

In Frankreich hat ein Pariser Gericht im Januar 2026 Google dazu verpflichtet, über seinen DNS-Resolver den Zugang zu 19 Domains und Unterseiten zu blockieren, die Live-Sport-Streams ohne Rechte verbreiten. Damit stärkte das Gericht Rechteinhaber – trotz der offenkundigen technischen Schwächen von DNS-Blockaden: DNS-Sperren sind leicht umgehbar (z. B. mit VPN oder alternativen Resolvern wie 1.1.1.1 oder 8.8.8.8) und können Overblocking auslösen.

Das Gericht wies alle Einwände von Google zurück und gewährte nur drei Tage Umsetzungsfrist – obwohl die Massnahme technisch trivial zu umgehen ist.

Externe Lektüre:


Schweizer DNS-Blockaden: Protektionismus statt Spielerschutz

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) sperrt seit Inkrafttreten des Geldspielgesetzes 2019 ausländische Online-Casinos über DNS-Blockaden. Offizielles Ziel: Spielerschutz. Das Ergebnis: Ein bürokratisches Theater zum Schutz der heimischen Glücksspielbranche.

Die Zahlen der Ineffizienz

  • 2'300+ gesperrte Domains auf der ESBK-Sperrliste
  • Nur 4x jährlich Aktualisierung – obwohl legale Casinos monatlich neue illegale Seiten melden
  • 4-9 Monate Verfahrensdauer bis zur Sperrung einer einzigen Website
  • 8'000+ illegale Casinos weltweit – die ESBK sperrt weniger als ein Drittel
  • 180 Millionen Franken verlieren Schweizer pro Jahr in illegalen Online-Casinos (KPMG 2023)

SRF-Stichprobe zeigt: Viele gelistete Seiten sind trotzdem problemlos erreichbar. Registrierung und Spielen? Kein Problem.

Der Fall Simon: Behördenversagen mit Ansage

Ein spielsüchtiger Mann, seit über 20 Jahren in allen Casinos gesperrt, landet auf einer illegalen Online-Casino-Seite aus Malta. Folge: Millionenverluste, psychiatrische Behandlung. Er erstattet Strafanzeige bei der ESBK gegen den Betreiber von über 80 illegalen Geldspielseiten.

Die Reaktion der Behörde? Beschwerde abgewiesen. Die ESBK gibt dem Spielsüchtigen indirekt die Schuld: Sein Spielen mache solche Angebote erst möglich.

Die Sperrung der 80 Websites dauerte neun Monate.

Neun Monate, in denen weitere Spielsüchtige in die Falle tappen konnten. Neun Monate Behördenversagen.

📌 SRF Investigativ: Illegale Online-Spiele – Behörden sperren Seiten zu langsam


Was sagt die ESBK selbst?

In den FAQ der ESBK wird ausdrücklich bestätigt, was Kritiker seit Jahren anprangern:

"DNS-Sperren erschweren den Zugang zu illegalen Angeboten, sind jedoch technisch begrenzt wirksam und grundsätzlich umgehbar."

Die Behörde gibt also offen zu: Das Instrument funktioniert nicht. Aber sie setzt es trotzdem ein.

Weitere Eingeständnisse:

  • Schweizer Spielende, die in illegalen Online-Casinos spielen, machen sich nicht strafbar
  • Gesperrte Seiten können aus verschiedenen Gründen "trotzdem aufgerufen werden" (Mirror-Sites, VPN, alternative DNS-Server)
  • Die Sperrlisten werden nur "regelmässig" (= viermal jährlich) aktualisiert
  • Rechtshilfe aus dem Ausland erfolgt "teilweise schleppend oder gar nicht"

Thomas Fritschi, Sekretariatsleiter der ESBK, gegenüber SRF:

"Wir vermuten, dass wir nur die Spitze des Eisberges erkannt haben."

Translation: Die Behörde weiss, dass sie das Problem nicht im Griff hat – verwaltet aber weiter ihre Sperrlisten, als ob es einen Unterschied machen würde.

📌 ESBK FAQ: Fragen und Antworten zum Geldspiel


Die wahren Gewinner: Protektionismus mit AHV-Alibi

Wer profitiert wirklich von diesem System? Nicht die Spielsüchtigen. Nicht die Konsumenten.

Sondern:

  1. Schweizer Spielbanken – sie erhalten ein staatlich geschütztes Oligopol für Online-Glücksspiel
  2. Die AHV – Spielbankenabgaben fliessen in die Alters- und Hinterlassenenversicherung
  3. Gemeinnützige Zwecke – ein Teil der Gewinne soll für "gute Zwecke" verwendet werden

Der Bundesrat formulierte es 2015 in der Botschaft zum Geldspielgesetz unverblümt: Man wolle sicherstellen, "dass ein möglichst grosser Teil der Gewinne, die mit Geldspielen erzielt werden, entweder an die AHV geht oder für gemeinnützige Zwecke verwendet werden kann, statt dass private Anbieterinnen im Ausland von diesen Gewinnen profitieren."

Digitaler Protektionismus, gesetzlich verankert und vom Bundesgericht abgesegnet.

Die Abstimmung 2018: Angst-Kampagne mit Erfolg

Bei der Volksabstimmung 2018 führten Casino-Verband und staatliche Lotteriegesellschaften eine aufwändige Kampagne. Die Botschaft: Ohne das Geldspielgesetz würden Spielplätze verlottern und Tiergehege geschlossen.

Das Resultat: 72,9% Ja-Stimmen bei 31,1% Stimmbeteiligung.

Kritiker wie die Digitale Gesellschaft Schweiz und die Internet Society warnten vergeblich vor den technischen Problemen und dem Präzedenzfall für staatliche Netzsperren. Sie wurden überstimmt – von einer Koalition aus Glücksspielbranche, Kantonen und Bund, die gemeinsam ihre Einnahmequellen sichern wollten.


Warum DNS-Sperren keinen Nutzen stiften

1. Technisch leicht umgehbar

Browser, Systeme und Nutzer wechseln DNS-Resolver (z. B. 1.1.1.1, 8.8.8.8). VPNs umgehen lokale Sperren mit einem Klick. Alternative Domains tauchen innerhalb von Stunden wieder auf. Selbst die ESBK räumt ein: "DNS-Sperren können durch die Verwendung anderer DNS-Anbieter (Google, Cloudflare) leicht umgangen werden."

2. Sicherheitsrisiken statt Schutz

DNS-Manipulation führt zur Fälschung der Antworten im Netz – funktional ähnlich einer Man-in-the-Middle-Attacke, wie sie Internet-Betrüger verwenden. Das untergräbt DNS-Sicherheit:

  • DNSSEC-Warnungen werden zur Normalität
  • HTTPS-verschlüsselte Seiten zeigen nur Fehlermeldungen statt der Warnsite
  • Nutzer lernen, Sicherheitswarnungen zu ignorieren – und werden so anfälliger für echte Angriffe
  • "Overblocking" trifft unbeteiligte Websites
  • E-Mails landen wegen DNS-Fehlern am falschen Ort

Die Internet Society Schweiz warnte bereits 2018: "Falsche Alarme sind Gift für jedes Sicherheitssystem."

3. Administrative Kosten ohne Wirkung

Monatliche Meldungen von Casinos, viermalige jährliche Aktualisierungen, Bundesblatt-Publikationen mit Einsprachefristen, Koordination mit Dutzenden von Internetprovidern – das System verschlingt Zeit, Steuergeld und Ressourcen. Für eine Massnahme, die nachweislich nicht funktioniert.

Zwischen Meldung und Sperrung vergehen bis zu 4,5 Monate. In dieser Zeit:

  • Erstellt der Betreiber problemlos neue Mirror-Domains
  • Spielen tausende Schweizer weiter auf der "gesperrten" Seite
  • Verdienen illegale Betreiber Millionen

4. Kein messbarer Spielerschutz

Wo sind die Erfolgszahlen? Die ESBK publiziert akribisch, wie viele Domains sie sperrt. Aber sie publiziert nicht, wie viele Spieler dadurch tatsächlich geschützt wurden. Warum? Weil es keine messbaren Erfolge gibt.

Studien weisen auf hohe Marktanteile illegaler Online-Glücksspiele hin (40% laut KPMG 2023). Nach sechs Jahren DNS-Sperren ist dieser Anteil unverändert hoch. 180 Millionen Franken fliessen jährlich weiter in illegale Casinos – trotz 2'300 gesperrter Domains.


Das Schweizer Behörden-Paradoxon

Die ESBK befindet sich in einem bemerkenswerten Selbstwiderspruch:

Einerseits: Sie gibt offen zu, dass DNS-Sperren "technisch begrenzt wirksam und grundsätzlich umgehbar" sind.

Andererseits: Sie verteidigt das System als "rechtmässig, verhältnismässig und geeignet" – weil Bundesgericht und Bundesverwaltungsgericht es so beurteilten.

Die Logik: Ein Instrument ist "geeignet", auch wenn es nachweislich nicht funktioniert – solange ein Gericht das so entschieden hat.

Die juristische Legitimation: Ineffizienz per Urteil

Das Bundesgericht argumentierte 2021:

  • Die Gesetzgeberin habe DNS-Sperren als "einfachste und angemessenste Lösung" qualifiziert
  • Man könne davon ausgehen, dass die Massnahme "die Mehrheit der Spieler" davon abhalte
  • Es gebe keine geeigneten Alternativen, die "genauso wirksam" seien

Diese Argumentation ist zirkulär:

  1. DNS-Sperren sind umgehbar, aber "verhältnismässig"
  2. Es gibt keine besseren Alternativen (weil man keine anderen prüfte)
  3. Also sind DNS-Sperren "geeignet"

Das Resultat: Selbst eine erwiesenermassen ineffektive Massnahme gilt als verhältnismässig, solange sie einen – wenn auch minimalen – Effekt hat und die Grundrechte nicht "zu stark" einschränkt.


Demokratischer Auftrag ≠ Fachliche Effektivität

Die Schweizer Bevölkerung stimmte 2018 für das Geldspielgesetz – mit dem Ziel, Spielerschutz und nationale Regulierung zu stärken. Das ist ein demokratischer Wille. Niemand bestreitet das.

Aber: Demokratische Legitimation macht ein untaugliches technisches Instrument nicht wirksam.

Die Abstimmung von 2018 war eine Entscheidung über Ziele, nicht über Methoden. Die Bevölkerung stimmte für:

  • Schutz vor Spielsucht
  • Regulierung des Glücksspielmarkts
  • Finanzierung von AHV und gemeinnützigen Zwecken

Die Bevölkerung stimmte nicht für:

  • DNS-Sperren als konkrete technische Massnahme
  • Die Umgehbarkeit des Systems als akzeptable Kollateralfolge
  • Den Präzedenzfall für staatliche Internet-Zensur

Die Frage ist nicht: "Darf der Staat regulieren?"
Die Frage ist: "Mit welchen Mitteln?"

Und DNS-Sperren sind nachweislich das falsche Mittel.


Der internationale Kontext: Schweiz verschärft, Deutschland reformiert

Während die Schweiz ihre DNS-Sperren seit 2019 unverändert fortsetzt, hat Deutschland 2024/2025 einen anderen Weg eingeschlagen:

Deutschland: Gerichtliche Kontrolle ab 2025

Die "Clearingstelle Urheberrecht im Internet" (CUII) koordiniert DNS-Sperren in Deutschland. Der entscheidende Unterschied: Seit Juli 2025 gilt der neue CUII-Verhaltenskodex 2.0, der gerichtliche Überprüfungen vorschreibt.

Jede DNS-Sperre muss von einem Gericht bestätigt werden – keine Blockaden ohne Richter. Die frühere behördliche Nachkontrolle durch die Bundesnetzagentur wurde durch ein vollwertiges Gerichtsverfahren ersetzt.

Schweiz: Behörde als Richter in eigener Sache

Die Schweizer Variante erlaubt der ESBK, als Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörde in Personalunion, Sperren ohne richterliche Kontrolle anzuordnen.

Die ESBK:

  • Prüft die Konzessionsgesuche
  • Beaufsichtigt die Spielbanken
  • Erhebt die Spielbankenabgabe
  • Bekämpft das illegale Geldspiel
  • Entscheidet selbst über Sperren

Das ist eine Machtkonzentration ohne checks and balances. Keine unabhängige Instanz prüft, ob die Sperren wirklich notwendig, verhältnismässig und wirksam sind.


Die Eisberg-Realität: "Wir haben nur die Spitze erwischt"

Thomas Fritschi, Sekretariatsleiter der ESBK, gibt gegenüber SRF unumwunden zu:

"Wir vermuten, dass wir nur die Spitze des Eisberges erkannt haben."

Von geschätzten 8'000 illegalen Online-Casinos weltweit hat die ESBK 2'300 gesperrt – weniger als ein Drittel. Die Dunkelziffer der Anbieter, die über schwer auffindbare Domains operieren, ist deutlich höher.

Das bedeutet konkret:

  • Für jede gesperrte Domain existieren mindestens zwei weitere, die unentdeckt bleiben
  • Betreiber registrieren binnen Stunden neue Mirror-Sites
  • Die "Spitze des Eisbergs" wächst schneller nach, als die ESBK sperren kann

Ein systemisches Scheitern – von der Behörde selbst eingeräumt.


Nationalrat Pfister: "Das ist zu langsam"

Gerhard Pfister, Nationalrat und Präsident des Schweizer Casino Verbands, kritisiert das System öffentlich:

"Die Sperrung illegaler Seiten dauert zu lange. Man müsste diese illegalen Seiten sofort sperren."

Sogar die Nutzniesser des Protektionismus – die Schweizer Casinos – sind unzufrieden mit der Umsetzung. Sie melden monatlich neue illegale Websites. Die ESBK aktualisiert die Liste viermal jährlich.

Das Ergebnis: Zwischen Meldung und Sperrung vergehen Monate, in denen illegale Betreiber ungehindert operieren.


Fazit: Symbolpolitik mit Preis

DNS-Sperren, wie sie die ESBK seit 2019 einsetzt, sind ein Paradebeispiel für digitale Symbolpolitik:

Technisch ineffektiv – trivial umgehbar für jeden, der es ernst meint
Administrativ aufwändig – Monate Verfahrensdauer, viermalige jährliche Updates
Sicherheitsrelevant problematisch – MITM-Attacken per Gesetz, Sicherheitswarnungen zur Normalität
Protektionistisch motiviert – Schutz der heimischen Glücksspielbranche und AHV-Einnahmen
Ohne messbaren Erfolg – keine Zahlen zu geschützten Spielern, Marktanteil illegaler Casinos unverändert hoch

Sie schützen weder Spielerinnen und Spieler effektiv, noch lösen sie das eigentliche Problem der illegalen Angebote.

Stattdessen:

  • Zementiert die Regulierung ein Oligopol für Schweizer Casinos
  • Fliessen Millionen in ein bürokratisches System ohne Wirkung
  • Wird die Infrastruktur des Internets als Kontrollinstanz missbraucht
  • Entsteht ein Präzedenzfall für staatliche Internet-Zensur

Die eigentlichen Verlierer

Spielsüchtige wie Simon, die trotz Sperren Millionen verlieren
Internetnutzer, die mit Fehlermeldungen und verschlechterter Sicherheit leben
Die Netzneutralität, die Stück für Stück erodiert
Das offene Internet, das in nationale Fragmente zerfällt


Empfehlungen für eine liberale Netzpolitik

Statt ineffektiver DNS-Sperren sollte die Politik über folgende Alternativen nachdenken:

1. Aufklärung statt Blockade

Investition in Prävention, Spielerschutz und öffentliche Kampagnen. Informierte Spieler sind besser geschützt als gesperrte Nutzer, die binnen Minuten die Sperre umgehen.

2. Zahlungsverkehr als Hebel

Blockierung illegaler Zahlungsströme statt DNS-Infrastruktur. Wenn Schweizer Banken und Kreditkartenfirmen Transaktionen zu illegalen Casinos unterbinden, sinkt die Attraktivität massiv – ohne technische Zensur.

3. Internationale Kooperation

Zusammenarbeit mit Malta, Gibraltar und anderen Offshore-Standorten. Statt unilaterale Massnahmen, die nichts bewirken, echte Rechtshilfe und Regulierungsdialoge.

4. Transparenz und Evaluation

Veröffentlichung von Effektivitätsdaten:

  • Wie viele Spieler werden tatsächlich abgehalten?
  • Wie hoch ist die Umgehungsrate?
  • Sinkt der Marktanteil illegaler Casinos messbar?
  • Was kostet das System pro geschütztem Spieler?

Wenn die ESBK keine Erfolge vorweisen kann, muss das System grundlegend überarbeitet werden.

5. Richterliche Kontrolle

Keine Sperren ohne gerichtliche Überprüfung – wie in Deutschland ab 2025. Die ESBK darf nicht Richter in eigener Sache sein.


Schlusswort: Das Internet ist kein Spielball für Protektionismus

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Regulierung ist legitim. Spielerschutz ist wichtig. Niemand bestreitet das.

Aber: Regulierung muss wirksam, verhältnismässig und rechtsstaatlich sein. DNS-Sperren sind keines davon.

Sie sind ein technisch untaugliches Instrument, das seit sechs Jahren beweist, dass es nicht funktioniert – während die Behörde weiter Sperrlisten pflegt, als ob das einen Unterschied machen würde.

Thomas Fritschi von der ESBK hat recht:

"Das Erstellen einer illegalen Online-Casinoseite ist wesentlich einfacher, als diese sperren zu lassen."

Die Frage ist: Wie lange treiben wir noch diesen absurden Wettlauf – und zu welchem Preis für die Freiheit, Sicherheit und Neutralität des Internets?

DNS-Sperren sind das falsche Werkzeug für ein echtes Problem.

Es ist Zeit für einen Systemwechsel.


Quellen:

  • SRF Investigativ (Juli 2025)
  • ESBK FAQ und Rechtsprechung
  • Heise Online, TorrentFreak
  • Bundesnetzagentur Deutschland, CUII
  • Steiger Legal, Internet Society Schweiz
  • KPMG-Studie zu illegalen Glücksspielen (2023)