Wenn Regulierung teurer ist als das Problem: Die fragwürdige Logik hinter Schweizer DNS-Sperren
Ein kritischer Blick auf ESBK, EFK und die Ökonomie ineffizienter Glücksspielkontrolle
Der Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) zur Aufsicht über Spielbanken und Geldspiele zeigt eine unbequeme Wahrheit: Die Schweiz setzt weiterhin auf ein System der DNS-Sperren und eine ständig wachsende Liste illegaler Glücksspielseiten – obwohl diese Massnahmen in der Praxis leicht umgehbar, teuer in der Verwaltung und wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen sind.
(Quelle: EFK-Bericht zur Aufsicht über Spielbanken und Geldspiele (PDF))
Ökonomischer Unsinn: Warum das Pflegen von Sperrlisten teuer – und wirkungslos – ist
Die EFK hält fest, dass die Zahl der Sperrmassnahmen gegen ausländische Glücksspielseiten zwar steigt, diese aber ohne Weiteres umgehbar sind – sowohl durch Spieler als auch durch Betreiber. Nutzer verwenden VPNs oder alternative DNS-Resolver; Betreiber wechseln Domains im Akkord.
Das heisst konkret:
- hoher administrativer Aufwand
- permanentes Nachführen von Sperrlisten
- aufwändige Publikationen (z.B. im Bundesblatt)
- technische Implementierungen bei Internetprovidern
… und all das bei kaum sichtbarer Wirkung im Markt.
Aus wirtschaftlicher Sicht ergibt dieses System keinen Sinn.
Eine Liste, die nie vollständig und nie wirksam ist, verursacht Kosten – aber spart keine.
Die provokante Frage: Kostet die Regulierung mehr, als sie nützt?
Wenn die Verwaltung selbst einräumt, dass Sperren „leicht umgangen werden“ können, muss man die unangenehme Frage stellen:
Sind die Kosten für DNS-Blockaden und das Führen der Sperrlisten höher als die Einsparungen, die theoretisch aus Spielerschutz und Prävention resultieren?
Der EFK-Bericht liefert indirekt Hinweise:
- Die Inspektionslast ist hoch (mehrere Kontrollen pro Spielbank und Jahr)
- IT-Forensik fehlt weitgehend und muss extern zugekauft werden
- Strafverfahren dauern lange, weil Abhängigkeiten von Dritten bestehen
- Kantone müssen bei Kontrollen mitziehen – mit eigenen Kosten
- Verwaltungskapazität wird an einem Instrument gebunden, dessen Wirkung minimal ist
Hier entsteht der Eindruck eines bürokratischen Selbstzwecks: Ein System, das beschäftigt, aber nicht löst.
Interessenskonflikte? Wenn Prüfer zu Aufsehern werden – und umgekehrt
Besonders heikel ist die enge personelle Verflechtung zwischen EFK und ESBK:
Leitende Angestellte der ESBK waren zuvor bei der EFK tätig.
Das muss man nicht als Skandal inszenieren, aber kritisch hinterfragen:
- Prüft die EFK eine Behörde, in der frühere Kollegen und möglicherweise Vorgesetzte sitzen, wirklich mit der nötigen Distanz?
- Besteht ein Anreiz, die eigene frühere Tätigkeit nicht allzu harsch zu kritisieren?
- Wird die ESBK deshalb im Bericht auffallend sanft bewertet, obwohl strukturelle Probleme klar erkennbar sind?
Statt harter Systemkritik liest sich der Bericht stellenweise wie eine freundliche Leistungsbeurteilung:
„Wirksam, aber mit Optimierungspotenzial“ – während gleichzeitig festgehalten wird, dass DNS-Sperren leicht zu umgehen sind und alternative Massnahmen existieren.
Politische Entscheidung statt technische Notwendigkeit
Der Bericht macht unmissverständlich klar: DNS-Sperren sind kein technischer Imperativ, sondern eine politische Entscheidung.
Das Bundesamt für Justiz (BJ) hat Alternativen geprüft (etwa andere Instrumente gegen den illegalen Markt) und kommt – politisch opportun – zum Schluss, dass die Sperrung ausländischer Websites „angemessen“ sei.
Aber „angemessen“ aus welcher Perspektive?
- technisch sind DNS-Sperren schwach
- wirtschaftlich sind sie ineffizient
- präventiv sind sie kaum messbar wirksam
Sie sind vor allem eines: sichtbar.
Man kann eine wachsende Sperrliste präsentieren, Zahlen in Medienmitteilungen kommunizieren und den Eindruck erwecken, man handle entschlossen.
Welche Alternativen würden mehr bringen?
Statt sich an einem technisch fragwürdigen Instrument abzuarbeiten, könnte der Staat wirksame Hebel nutzen:
- Zahlungsströme unterbinden: Kooperation mit Zahlungsdienstleistern, um Ein- und Auszahlungen an illegale Anbieter zu blockieren
- Internationale Kooperation ausbauen: Gemeinsame Verfahren mit Sitzstaaten wie Malta oder Gibraltar statt reiner Symbolpolitik im Schweizer DNS-Raum
- Digitale Strafverfolgung stärken: Aufbau echter IT-Forensik-Kompetenzen statt Abhängigkeit von Dritten
- Risikoorientierte Aufsicht: Ressourcen dorthin verschieben, wo das Gefährdungspotenzial am höchsten ist, statt alle Spielbanken im gleichen Takt zu kontrollieren
- Prävention statt Pseudo-Schutz: Investitionen in Schulung, Beratung und Suchtprävention statt in die Pflege einer Listenbürokratie
Fazit: Ein System, das sich selbst schützt – nicht die Spieler
Der EFK-Bericht zeigt zwischen den Zeilen:
- Die Aufsicht ist teuer
- Die Sperren sind leicht umgehbar
- Der illegale Markt bleibt unklar
- IT-Ressourcen sind zu knapp
- Strafverfahren dauern zu lange
- DNS-Sperren sind eine politische, nicht eine sachlogische Wahl
Trotzdem halten EFK und ESBK am System fest. Kritik bleibt vorsichtig, Strukturen bleiben bestehen, Budgets bleiben gesichert.
Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet:
Würden wir mit denselben Mitteln nicht mehr Spielerschutz erreichen, wenn wir das Geld aus der DNS-Blockade-Bürokratie direkt in Prävention, Beratung und internationale Kooperation stecken würden?
Solange diese Frage niemand ehrlich beantwortet, bleibt das System, wie es ist:
Ein teurer Apparat, der vor allem eines zuverlässig schützt – sich selbst.
Originalquelle (EFK)
📄 EFK-Bericht zur Aufsicht über Spielbanken und Geldspiele (PDF)