Die Pannenserie, die Drehtür und die fragile Stabilisierung des AGG

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clarus.news | Analyse | 5. Juni 2026

von Thierry Leserf und Andreas Binggeli

Frauenklinik, Polizeizentrum, Fachhochschul-Campus, eine eingestürzte Fabrikhalle, eine sich hebende Bodenplatte, fast tausend sanierungsbedürftige Brücken: Die Liste der Bauprojekte des Kantons Bern, die aus dem Ruder liefen, ist lang. Im Zentrum steht das Amt für Grundstücke und Gebäude (AGG) – ein Amt, das die Geschäftsprüfungskommission 2021 als «chronisch kranken Patienten» bezeichnete und das seither drei Kantonsbaumeister verschliss. Die offizielle Bilanz lautet: stabilisiert. Doch die GPK verlangt weiter Berichte, die Projektpipeline ist milliardenschwer – und seit dem 1. April 2026 hat das Amt eine neue politische Chefin. Eine Bestandsaufnahme zur Kernfrage: Kann der Kanton Bern überhaupt bauen?


Die Bilanz der Pannen

Wer die Berner Baugeschichte der letzten Jahre durchgeht, findet ein Muster, das sich mit beunruhigender Regelmässigkeit wiederholt: Kostenexplosion, Terminverzug, ungeklärte Haftung.

Den spektakulärsten Altfall liefert die Frauenklinik des Inselspitals. Der Planungsauftrag datiert aus dem Jahr 1978, den Wettbewerb gewann 1983 ein Zürcher Team ohne Spitalbau-Erfahrung. 1993 bewilligte das Stimmvolk einen 111-Millionen-Kredit. Das Resultat: Die Statik war derart mangelhaft, dass dem Bau bei einem Erdbeben der Einsturz drohte. Die Sanierungsschätzung kletterte von 6 über 12 und 40 auf 57 Millionen, dann genehmigte der Verwaltungsrat der Insel Gruppe einen Nachkredit von 63 Millionen. Am Ende kostete die Sanierung 187 Millionen Franken – 67 Millionen mehr als der Neubau selbst. Ein Gutachten führte die Baumängel auf Planungsmängel zurück; Bauherrin war die damalige Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion.

Die jüngeren Fälle zeigen, dass das Muster nicht historisch ist:

  • Polizeizentrum Niederwangen (PZB): Wegen Problemen mit dem Baugrund stiegen die Kosten von 270 auf 373 Millionen Franken. Der Bauverzug zieht sich hin.
  • Fabrikgebäude Tavannes Machines: Für 6,2 Millionen gekauft, entpuppte es sich nachträglich als einsturzgefährdet. Hunderte Metallstützen sichern heute die Decken; das Gebäude wurde baupolizeilich gesperrt. Die Baukommission des Grossen Rates zeigte sich erstaunt, dass die statischen Mängel erst nach dem Kauf bekannt wurden – wegen politischen Drucks und zeitlicher Dringlichkeit habe man auf vertiefte Abklärungen verzichtet.
  • Dreifachhalle Interlaken: Eine Bodenplatte hob sich wegen Grundwasser um 60 Zentimeter. Folge: Baustopp, 7 Millionen Mehrkosten, ungeklärte Haftung.
  • Campus Bern (Fachhochschule Weyermannshaus): 2022 sprach der Grosse Rat 351,7 Millionen, zwei Jahre später mussten 44,2 Millionen nachbewilligt werden. Zusätzlich ist das Gelände mit PFAS-Chemikalien belastet.
  • Brücken-Sanierungsstau: Beim Tiefbauamt spricht man von einer «Bugwelle» – 992 Brücken im kantonalen Strassennetz, der Erhaltungsbedarf übersteigt die bisherigen Mittel deutlich.

Den Auslöser für die eigentliche Krise lieferte jedoch ein anderes Projekt: der Campus Biel/Bienne der Berner Fachhochschule.

Der Fall Campus Biel: vom Fiasko zur Grundsteinlegung

Eröffnung war ursprünglich für 2022 geplant, Spatenstich war im März 2018 – gebaut wurde aber lange nicht. Erst wehrte sich der Besitzer einer benötigten Parzelle gegen die Enteignung, dann fehlte die Baubewilligung. Die Totalunternehmer-Ausschreibung musste schliesslich wegen massiver Budgetüberschreitungen abgebrochen werden. Das Projekt wurde zum Sinnbild des kantonalen Bauversagens und zog jahrelange Verzögerungen sowie Mehrkosten in Millionenhöhe nach sich.

Hier liegt aber auch die positivste Nachricht der jüngeren Zeit: Nach Genehmigung der Zusatzkredite und einem Baustart im Frühjahr 2024 wurde am 6. Mai 2025 die offizielle Grundsteinlegung gefeiert. Die Bauphase läuft seither sichtbar und nach Angaben des Kantons planmässig voran. Der prominenteste Krisenfall ist damit – mit jahrelanger Verspätung – wieder aufgegleist.

Ist das AGG bei Grossprojekten überfordert?

Die nüchterne Antwort lautet: Das Problem ist weniger ein Amt, das «nicht bauen kann», als ein struktureller Missmatch zwischen Auftragslast und Ressourcen.

Das AGG beschäftigt rund 100 Mitarbeitende und betreut parallel etwa 350 Bauprojekte. Es bewirtschaftet ein Immobilienportfolio mit einem Gesamtwert von rund 6,2 Milliarden Franken – vom Verwaltungsgebäude über Schulen, Spitäler und Gefängnisse bis zu Schlössern und Gebirgen. Die Projektpipeline allein im Hochbau bewegt sich im Milliardenbereich; ein einzelner Bereich realisiert zeitweise Bauten im Wert von 1,6 Milliarden Franken.

Schon der GPK-Bericht von 2021 benannte die Kernursache: Der Personalbestand war über Jahre gesunken, während die Zahl komplexer Grossprojekte deutlich zunahm. Diese Schere – schrumpfende Personalressourcen bei wachsender Projektkomplexität – ist kein Berner Sonderfall, sondern ein strukturelles Problem vieler Schweizer Kantonalverwaltungen.

SVP-Grossrat Markus Aebi formulierte den politischen Vorwurf zugespitzt: Dem Kanton fehle das Know-how bei Grossprojekten, und es mangle an der Bereitschaft, Vorhaben im Rahmen der bewilligten Kosten umzusetzen. Als strukturelle Hauptursachen für Pannen und Mehrkosten gelten übergreifend drei Faktoren: Zeitdruck, begrenzter Wettbewerb und fehlendes Fachwissen. Die häufige Auslagerung an externe Objektmanager und Fachcontroller – das AGG arbeitet seit Jahren mit externer Bauherrenberatung – ist dabei zugleich Symptom und Risiko: Sie kompensiert die dünne interne Personaldecke, erhöht aber die Informationsverluste zwischen externen Planern und interner Verwaltung.

«Überfordert» ist also die falsche Kategorie. Treffender ist: chronisch unterdotiert für eine Aufgabenlast, die politisch immer weiter wächst.

Warum die hohe Fluktuation?

Die personelle Instabilität an der Amtsspitze ist auffällig und einer der härtesten Befunde überhaupt. Innert weniger Jahre verschliss das AGG seine Führung gleich mehrfach:

  • Bis 2020: Kantonsbaumeister Angelo Cioppi wird im Juni 2020 von Baudirektor Christoph Neuhaus freigestellt, nachdem das Campus-Biel-Debakel öffentlich wurde.
  • April 2021 – Februar 2025: Nachfolger Lorenz Held tritt am 1. April 2021 an – und verlässt das Amt Ende Februar 2025. Gleichzeitig gehen seine beiden Stellvertreter Stephan Lanter und Beat Keller.
  • Ab Mai 2025: Dominik Frei übernimmt am 1. Mai 2025 als aktueller Amtsinhaber.

Der gleichzeitige Abgang von Amtschef und beiden Stellvertretern im Frühjahr 2025 – mitten in der Realisierung von Bauprojekten im Milliardenwert – ist bemerkenswert. Baudirektor Neuhaus räumte selbst ein, dieser Aderlass werde «temporär zu Instabilität» führen.

Die Ursachen sind nicht abschliessend dokumentiert, doch das Muster legt eine selbstverstärkende Spirale nahe: Eine erste Krise (Campus Biel) führt zu Freistellung und verschärfter Kontrolle; das erhöhte Kontrollregime und der Dauerdruck machen die Führungsposten unattraktiv; Abgänge erzeugen neue Instabilität, die wiederum den Druck erhöht. Wer ein Amt unter permanenter parlamentarischer Beobachtung und mit knapper Personaldecke führen soll, hat einen Job, der schwer zu halten ist.

Die Stabilisierung – und ihre Grenzen

Auf die Krise folgte eine dreijährige Reformphase, und deren Bilanz fällt tatsächlich positiv aus. Die GPK bestätigte 2023, dass das AGG zusätzliches Personal eingestellt, Prozesse standardisiert und eine neue Führungs- und Amtskultur eingeführt hat. Die BVD nahm zehn GPK-Empfehlungen ernst und setzte sie um. Bis 2025 sollten alle Prozesse bereinigt sein – und ab dann sollen für die Bauherrenvertretung keine Aufträge mehr an Dritte vergeben werden. Die Abhängigkeit von externen Leistungserbringern soll also systematisch sinken.

Der Grosse Rat hatte flankierende Sofortmassnahmen beschlossen: gezielte Aufstockung des Fachpersonals, bessere Datengrundlagen im Immobilien-Controlling und klare Zuweisung der Kostenverantwortung. Ein wesentlicher Hebel war die forcierte Digitalisierung des Bau- und Immobilienwesens – durchgängige digitale Workflows und moderne Controlling-Tools sollen Kosten- und Terminkontrolle professionalisieren. Anfang 2026 setzte das AGG zudem seine Nachhaltigkeitsstrategie 2026–2035 in Kraft, ausgerichtet auf eine klimaneutrale Kantonsverwaltung bis 2040.

Doch die Stabilisierung ist nicht bedingungslos verankert. Die GPK akzeptierte die Roadmap nicht abschliessend: Weil viele Arbeiten weiterlaufen, verlangte sie von der BVD einen erneuten Umsetzungsbericht. Das signalisiert fortbestehendes Misstrauen trotz formaler Verbesserungen – und es ist die entscheidende offene Flanke. Solange die Kontrollinstanz selbst nachfasst, ist Vertrauenswiederherstellung noch nicht erreicht.

Der politische Machtwechsel – ein neuer Faktor

Über diese Verwaltungsdynamik legt sich seit dem Frühjahr 2026 eine neue politische Konstellation. Bei den Regierungsratswahlen trat der langjährige Baudirektor Christoph Neuhaus (SVP) nicht mehr an. Seit dem 1. April 2026 leitet Evi Allemann (SP) die Bau- und Verkehrsdirektion – die SP übernimmt damit nach acht Jahren die als gewichtig geltende Direktion von der SVP. Allemann, zuvor Justizdirektorin und früher VCS-Präsidentin, kündigte an, bei klimafreundlichen Bau- und Verkehrsprojekten vorwärtsmachen zu wollen.

Das bedeutet: Die Verantwortung für die milliardenschwere Projektpipeline und die noch nicht abgeschlossene AGG-Reform liegt nun bei einer neuen Direktorin mit anderer parteipolitischer Agenda – und bei einem Amtschef (Frei), der erst seit Mai 2025 im Amt ist. Genau in dem Moment, in dem die GPK Kontinuität in der Umsetzung verlangt, wechselt die politische Führung. Das ist nicht per se ein Risiko, schafft aber eine Verantwortungslücke, die parlamentarisch zu beobachten sein wird.

Fazit: Bauen ja – beherrschen noch nicht durchgängig

Kann der Kanton Bern bauen? Die ehrliche Antwort ist differenziert. Der Kanton realisiert Grossprojekte – der wieder aufgegleiste Campus Biel beweist es. Die akute Krise des AGG ist abgewendet, die operativen Prozesse sind stabilisiert, das Amt funktioniert heute wieder als handlungsfähiger Bauherr.

Was der Kanton noch nicht durchgängig beherrscht, ist die verlässliche Kosten- und Terminkontrolle bei komplexen Vorhaben. Die Pannen sind nicht das Werk einzelner unfähiger Personen, sondern Ausdruck eines strukturellen Musters: zu wenig internes Fachwissen, zu viel Zeitdruck, zu wenig Wettbewerb, eine zu dünne Personaldecke für eine politisch wachsende Projektlast. Die Reform hat an Symptomen angesetzt; ob sie die Struktur verändert, entscheidet sich erst an der laufenden Milliarden-Pipeline.

Die eigentliche Bewährungsprobe liegt deshalb nicht hinter, sondern vor dem Amt: Polizeizentrum Niederwangen, Campus Weyermannshaus mit seiner PFAS-Altlast, der Brücken-Sanierungsstau und Dutzende weiterer Vorhaben müssen ohne neue Verwerfungen ins Ziel gebracht werden – unter neuer politischer Führung und unter den wachsamen Augen einer GPK, die noch nicht lockerlässt.

Bauen kann der Kanton Bern. Ob er es ohne wiederkehrende Krisen kann, ist die offene Frage des Jahrzehnts.


Kernaussagen

  • Die Berner Baukrise ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Muster: Kostenexplosionen und Verzögerungen ziehen sich von der Frauenklinik (Endkosten 187 Mio.) über das Polizeizentrum Niederwangen (270 → 373 Mio.) bis zum Campus Biel.
  • Das AGG ist nicht «unfähig», sondern chronisch unterdotiert: rund 100 Mitarbeitende, rund 350 Projekte, ein Portfolio von 6,2 Milliarden Franken – die Schere zwischen Personal und Projektlast ist die Kernursache.
  • Die Führungsfluktuation an der Amtsspitze (drei Kantonsbaumeister seit 2020, gleichzeitiger Abgang der gesamten Leitung 2025) ist Symptom und Verstärker der Krise zugleich.
  • Die Stabilisierung ist real, aber fragil: Zehn GPK-Empfehlungen umgesetzt, Prozesse standardisiert – doch die GPK verlangt einen erneuten Umsetzungsbericht, was auf unvollständige Verankerung hindeutet.
  • Mit dem Wechsel zu Baudirektorin Evi Allemann (SP) per 1. April 2026 trägt eine neue politische Führung die Verantwortung für die unabgeschlossene Reform und die milliardenschwere Pipeline.

Kritische Fragen

  1. (Evidenz/Messbarkeit) Welche Metriken verwendete die GPK zur Bewertung von «Verbesserung»? Sind die Meilensteine bis 2025 – Prozessbereinigung und Reduktion der Bauherrenvertretungs-Aufträge an Dritte – messbar und öffentlich nachverfolgbar?
  2. (Anreize/Unabhängigkeit) Inwiefern steht die BVD unter Druck, Erfolge zu zeigen, um den politischen Vorwurf der Inkompetenz abzuwehren – und könnte dies zu einer Übertreibung der Fortschritte führen?
  3. (Kausalität/Gegenhypothese) War das Personaldefizit oder das Führungschaos die Primärursache der Campus-Biel-Verzögerung – oder lag ein Projektdesign-Problem vor, das durch blosse Personalaufstockung nicht lösbar ist?
  4. (Datenqualität) Wie wird die «neue Amtskultur» gemessen, und besteht das Risiko, dass Mitarbeitende unter dem erhöhten Kontrollregime an Innovationsfähigkeit verlieren?
  5. (Umsetzbarkeit/Alternativen) Warum wird nicht geprüft, ob Grossprojekte grundsätzlich in eine separate, spezialisierte Einheit ausgelagert werden sollten, statt sie in die reformierte Regelbürokratie zu reintegrieren?
  6. (Risiken/Nebenwirkungen) Schafft der politische Führungswechsel zur neuen Baudirektorin – mitten in der laufenden Reform und bei einem erst seit Mai 2025 amtierenden Kantonsbaumeister – eine Verantwortungslücke bei der Umsetzungskontinuität?
  7. (Interessenkonflikte) Wie unabhängig ist die Erfolgsbewertung, wenn dieselbe Direktion sowohl die Reform verantwortet als auch über deren Fortschritt berichtet?

Quellenverzeichnis

Primärquelle: «Chronisch kranker Patient» – Kommission stellt Verbesserungen bei kriselndem Amt fest – Berner Zeitung, 09.05.2023 – https://www.bernerzeitung.ch/kommission-stellt-verbesserungen-bei-kriselndem-amt-fest-224338598687

Ergänzende Quellen:

  1. GPK-Bericht 2021 zum AGG («dringender Handlungsbedarf»; Grossratsdebatte Juni 2021, «chronisch kranker Patient»)
  2. Berner Verwaltungsanalyse AGG, Stand Juni 2026 (Grundsteinlegung Campus Biel 06.05.2025; Nachhaltigkeitsstrategie 2026–2035; klimaneutrale Kantonsverwaltung bis 2040)
  3. Dokumentation Führungsfluktuation AGG (Berner Zeitung 17.09.2020 und 20.12.2024; Medienmitteilung BVD 20.03.2025; blue News Dezember 2024)
  4. Dokumentation Bauprojekt-Pannen (Frauenklinik: Berner Zeitung 15.07./06.07.2022, Tagblatt 14.04.2018, Medinside/Der Bund 2022; Tavannes Machines: blue News/Baublatt Nov. 2024; Niederwangen/Interlaken: blue News Dez. 2024; Campus Weyermannshaus: Plattform J Mai 2025; Campus Biel: SRF 14.06.2021; Brücken: TBAupdate März 2021)
  5. SWI swissinfo / Plattform J / Der Bund, 01.04.2026: Evi Allemann (SP) übernimmt Bau- und Verkehrsdirektion von Christoph Neuhaus (SVP)
  6. Amt für Grundstücke und Gebäude / Bau- und Verkehrsdirektion Kanton Bern, bvd.be.ch (Portfolio 6,2 Mrd. CHF; rund 100 Mitarbeitende; rund 350 Projekte; ISO 9001/14001)

Verifizierungsstatus: ✓ 05.06.2026


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 05.06.2026


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