Kritische Analyse: «Entspannung bei der Stromversorgung und den Preisen»
Quelle: NZZ, 24. Februar 2016 – Zusammenfassung auf clarus.news
Autor der Analyse: Claude Opus 4.6 – aus der Perspektive eines kritischen Journalisten, unterstützt durch agentische Systeme.
Zusammenfassung der Artikel
Am 24. Februar 2016 berichtete die NZZ in zwei Texten über die sich entspannende Lage bei der Schweizer Stromversorgung. Der Hauptartikel meldete, dass Swissgrid dank milder Temperaturen, der Wiederinbetriebnahme des Reaktorblocks 2 in Beznau und preislicher Steuerung der Exporte die drohenden Engpässe entschärfen konnte. Der Kommentar von Davide Scruzzi stellte darüber hinaus die grundlegende Frage, wer in der Schweiz eigentlich für die Versorgungssicherheit zuständig ist – und kam zum Schluss, dass es beim Strom an wirksamer Aufsicht mangelt.
Kritische Bewertung aus Sicht der Revision
1. Strukturelles Versagen bei der Risikovorsorge
Bereits 2016 war erkennbar, dass die Schweiz über kein robustes System zur Sicherstellung der Stromversorgung verfügte. Die Tatsache, dass ein zeitweiser Ausfall des AKW Beznau und ein tiefer Speichersee-Füllstand (32 Prozent) die Verantwortlichen «auf dem falschen Fuss» erwischten, ist aus Revisionssicht ein gravierender Befund. Es fehlte offenkundig an Szenarioplanung und belastbaren Notfallkonzepten. Wenn einfache, vorhersehbare Ereignisse – ein Kraftwerksausfall, niedrige Wasserstände – bereits zu Alarmstimmung führen, stellt sich die Frage, wie das System auf echte Krisensituationen vorbereitet war.
2. Unklare Zuständigkeiten und mangelnde Aufsicht
Scruzzis Kommentar trifft einen Nerv, der bis heute schmerzt: Die Zuständigkeit für die Versorgungssicherheit war 2016 ein Flickenteppich. Die kommunalen und regionalen Verteilnetzbetreiber tragen laut Gesetz eine wichtige Rolle – sind aber, wie Scruzzi richtig feststellte, «weit weg von den Kraftwerken und vom internationalen Handel». Die Elcom als Aufsichtsbehörde habe es versäumt, eine raschere Erweiterung der Transformator-Kapazitäten zu verlangen. Dass Swissgrid mit «flatterhaften Powerpoint-Dateien» informierte statt das zuständige Departement UVEK unter Bundesrätin Leuthard, belegt eine institutionelle Verantwortungsdiffusion, die jedem Prüfer die Alarmglocken läuten lässt.
3. Kurzfristiges Krisenmanagement statt langfristiger Strategie
Die 2016 getroffenen Massnahmen waren fast ausschliesslich reaktiver Natur: Exportbeschränkungen, Zuschalten von Reservetransformatoren, beschleunigte Beschaffung einzelner Netzkomponenten. Die NZZ berichtete, dass selbst die «beschleunigte Beschaffung» eines Transformators für das Unterwerk Beznau als «Sofortmassnahme für den nächsten Winter» bezeichnet wurde – ein Oxymoron, das die Trägheit des Systems offenlegt. Das gesetzliche Instrument eines Exportverbots für Wasserkraftstrom wurde zwar nicht benötigt, stand aber als letzte Verteidigungslinie bereit – ein alarmierendes Zeichen dafür, wie nahe man an der Grenze operierte.
4. Kostenwahrheit und Netzinvestitionen
Bemerkenswert ist die bereits 2016 sichtbare Spannung zwischen der Notwendigkeit, in die Netzinfrastruktur zu investieren, und dem politischen Druck, die Netzkosten tief zu halten. Das UVEK senkte den Zinssatz für Netzbetreiber auf 3,83 Prozent, was die Netzkosten für Konsumenten um 174 Millionen Franken reduzierte. Die Strombranche wehrte sich gegen diese Änderung. Aus Revisionssicht war dies ein gefährlicher Trade-off: Kurzfristige Preisreduktionen zulasten langfristig notwendiger Investitionen in Netzkapazitäten und Versorgungssicherheit.
Bezug zur späteren Strommangellage (2021–2023)
Die Analyse der NZZ-Artikel von 2016 liest sich rückblickend wie eine verpasste Frühwarnung. Die strukturellen Probleme, die Scruzzi und der Hauptartikel beschrieben, blieben über Jahre ungelöst und verschärften sich dramatisch:
Abhängigkeit von Importen: Schon 2016 war klar, dass die Schweiz im Winter auf Stromimporte angewiesen ist und die Importkapazitäten durch fehlende Transformatoren eingeschränkt waren. Als 2021/2022 europaweit die Energiepreise explodierten – ausgelöst durch die Gaskrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, den Ausfall zahlreicher französischer AKW wegen Korrosionsschäden und eine Dürre, die sowohl die Wasserkraft als auch die Kühlung thermischer Kraftwerke beeinträchtigte –, wurde genau diese Importabhängigkeit zur existenziellen Bedrohung.
Fehlende Aufsicht wirkte fort: Die Elcom, die bereits 2016 eine aktivere Rolle hätte spielen müssen, wurde erst mit der akuten Krise 2022 zu entschlossenerem Handeln gezwungen. Die Schaffung einer Wasserkraftreserve und einer Reservekraftwerksverordnung waren Notmassnahmen, die bei besserer Vorausplanung vermeidbar gewesen wären.
Die «Entspannung» von 2016 war trügerisch: Die Überschrift des NZZ-Artikels – «Entspannung bei der Stromversorgung und den Preisen» – verdeckte die Tatsache, dass die strukturellen Risiken nicht beseitigt, sondern lediglich durch günstige Umstände (mildes Wetter, funktionierende Exportsteuerung) temporär entschärft wurden. Die Schweiz lebte stromversorgungstechnisch über Jahre von der Hand in den Mund.
Investitionsstau bei der Netzinfrastruktur: Der 2016 gesenkte Zinssatz und die politische Priorisierung tiefer Konsumentenpreise trugen dazu bei, dass notwendige Investitionen in Netzausbau und Speicherkapazitäten aufgeschoben wurden – ein Versäumnis, das sich in der Krise von 2022 rächen sollte.
Fazit
Die NZZ-Berichterstattung vom 24. Februar 2016 dokumentiert die Wurzeln einer Krise, die sich über Jahre aufbaute und schliesslich 2022 in voller Wucht einschlug. Aus der Perspektive eines Wirtschaftsprüfers sind die Befunde eindeutig: mangelhafte Governance-Strukturen, unklare Zuständigkeiten, ungenügende Aufsicht durch die Elcom, und eine Politik, die kurzfristige Kostenreduktion über langfristige Versorgungssicherheit stellte. Die damalige «Entspannung» war keine Lösung – sie war eine Gnadenfrist, die nicht genutzt wurde.
Die Schweiz hätte spätestens 2016 eine umfassende Strategie für die Stromversorgungssicherheit entwickeln müssen, einschliesslich klarer Zuständigkeiten, ausreichender Reservekapazitäten, beschleunigtem Netzausbau und einer Aufsichtsbehörde mit echten Durchgriffsrechten. Dass dies unterblieb, ist ein systemisches Versagen, das Milliardenkosten verursacht hat und dessen Lehren für die laufende Energiewende von höchster Relevanz bleiben.
Analyse erstellt am 24. Februar 2026 – genau zehn Jahre nach der Originalpublikation.