WEKO vs. Microsoft – Wettbewerbsschutz, Politik und die Frage der digitalen Souveränität

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Faktencheck und Ergänzung: Januar 2026

Am 15. Januar 2026 hat das Sekretariat der Schweizer Wettbewerbskommission (WEKO) tatsächlich eine Vorabklärung wegen erheblicher Preiserhöhungen bei Microsoft 365 eröffnet. Die Preiserhöhungen sind real und massiv:

Bestätigte Fakten zu den Preiserhöhungen

Per 1. Juli 2026 angekündigte Preiserhöhungen (global):

  • Business Basic: +16,7% (von 6 auf 7 USD)
  • Business Standard: +12% (von 12,50 auf 14 USD)
  • Enterprise E3: +8,3% (von 36 auf 39 USD)
  • Enterprise E5: +5,3% (von 57 auf 62 USD)
  • Frontline Worker F1: +33%
  • Frontline Worker F3: +25%

Bereits erfolgte Preiserhöhungen 2025:

  • On-Premise-Lizenzen: +10-20% (ab Juli 2025)
  • Consumer-Abos (Schweiz): Microsoft 365 Single +20,5%, Family +17,7%
  • Abschaffung kostenloser Angebote für NGOs (August 2025)
  • Wegfall von Mengenrabatten für Enterprise Agreements (November 2025)

Schweizer Unternehmen, öffentliche Stellen und NGOs haben bei der WEKO Anzeige erstattet. Die Behörde prüft nun, ob eine marktbeherrschende Stellung missbraucht wird.

Quellen:


Die strategische Dimension: Ein selbstverschuldetes Dilemma

Die WEKO-Untersuchung ist notwendig und richtig. Doch sie behandelt nur die Symptome einer viel tieferen strukturellen Fehlentwicklung.

Die entscheidende Frage lautet nicht: "Ist Microsoft zu teuer geworden?"

Die entscheidende Frage lautet: "Warum hat die Schweizer Verwaltung über Jahrzehnte hinweg eine strategische Monokultur aufgebaut, die das Land nun erpressbar macht?"


Wer ist die WEKO – und was ist ihr Auftrag?

Die Wettbewerbskommission (WEKO) ist die zentrale Behörde zur Durchsetzung des Schweizer Kartellgesetzes. Ihr Auftrag umfasst:

  • die Überwachung und Untersuchung von Wettbewerbsverstössen
  • die Beurteilung von marktbeherrschenden Stellungen
  • die Kontrolle von Fusionen und Kooperationen
  • die Abgabe von Empfehlungen an Behörden und Gesetzgeber

Die WEKO besteht aus einer milizartigen Kommission und einem professionellen Sekretariat, das die Untersuchungen führt. Formell ist sie unabhängig, administrativ aber beim Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) angesiedelt.

Kritischer Punkt:
Die Kommission wird politisch besetzt – damit kann die Unabhängigkeit im Sinne der fachlichen Kontrolle zwar gegeben sein, aber politischer Einfluss bleibt strukturell möglich.


Politischer Einfluss – subtil, aber real

Obwohl die WEKO formal autonom ist, bleibt die politische Einflussnahme ein realer Faktor:

  • Die Mitglieder werden vom Bundesrat bestimmt.
  • In der Kommission sitzen auch Vertreter aus Verbänden und Interessengruppen.
  • Wirtschaftslobbys nehmen über die Besetzung der Gremien indirekten Einfluss.
  • Parlamentarische Vorstösse und Revisionen des Kartellrechts setzen die WEKO unter politischen Erwartungsdruck.

Liberale Frage:
Kann eine Institution, deren Führung politisch bestimmt wird, tatsächlich unabhängig über mächtige internationale Konzerne urteilen?


Hat die WEKO die Kompetenz, gegen Microsoft durchzugreifen?

Die entscheidende Frage ist, ob die WEKO über ausreichend Instrumente verfügt, um in einem global dominierten IT-Markt tatsächlich Wirkung zu entfalten.

Rechtslage – Stärken

  • Sie kann Vorabklärungen und Untersuchungen eröffnen.
  • Sie kann Sanktionen aussprechen, sofern Verstösse nachweisbar sind.
  • Sie kann Auflagen formulieren und Transparenz einfordern.

Praktische Grenzen

  • Digitale Märkte sind grenzüberschreitend, während die WEKO national arbeitet.
  • Unternehmen wie Microsoft können Anpassungen ihrer Preismodelle global steuern.
  • Der Nachweis von Machtmissbrauch im digitalen Bereich ist technisch und rechtlich komplex.
  • Verfahren dauern oft Jahre – in der IT-Industrie ändern sich Märkte aber im Monatstakt.

Fazit:
Rechtlich zuständig ja, praktisch begrenzt.


Kritische Fragen zur Verantwortung: Wer hat die Schweiz in die Abhängigkeit geführt?

1. Verantwortung der Bundesverwaltung

An das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT):

  • Warum wurde über Jahre hinweg keine Exit-Strategie aus der Microsoft-Abhängigkeit entwickelt?
  • Welche Risikobewertungen wurden zur Vendor-Lock-in-Problematik durchgeführt?
  • Warum wurden Open-Source-Alternativen in den IT-Strategien des Bundes systematisch vernachlässigt?
  • Wer trägt die Verantwortung für die fehlende Diversifikation bei kritischer IT-Infrastruktur?

An die Bundeskanzlei und das Generalsekretariat WBF:

  • Warum wurden Beschaffungsrichtlinien zugelassen, die zu faktischen Monopolstellungen führten?
  • Welche Lobbyaktivitäten von Microsoft wurden in den letzten 10 Jahren registriert und wie wurden sie berücksichtigt?
  • Warum fehlen verbindliche Vorgaben für technologische Souveränität in der Digitalen Verwaltung Schweiz (DVS)?

An das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD):

  • Wie hoch sind die jährlichen Gesamtkosten für Microsoft-Lizenzen in der Bundesverwaltung?
  • Welche Mehrkosten entstehen durch die aktuellen Preiserhöhungen?
  • Wurden Wirtschaftlichkeitsberechnungen mit Open-Source-Alternativen durchgeführt?
  • Warum werden Steuermittel für proprietäre Lizenzen ausgegeben, statt in lokale Open-Source-Ökosysteme zu investieren?

2. Verantwortung der Kantone

An die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK):

  • Warum gibt es keine koordinierte Strategie der Kantone zur Reduktion von IT-Abhängigkeiten?
  • Weshalb wurden föderale Unterschiede nicht genutzt, um diversifizierte IT-Landschaften zu schaffen?
  • Warum haben Kantone wie Bern, Zürich und Genf unterschiedliche Wege gewählt – und was können andere daraus lernen?

An die kantonalen Finanzdirektionen:

  • Welche Kosten entstehen den Kantonen durch die Microsoft-Preiserhöhungen?
  • Wurden Alternativen geprüft oder gibt es nur Nachtragsbudgets?
  • Wer haftet politisch für die langfristigen Mehrkosten?

3. Verantwortung der Gemeinden und Städte

An den Schweizerischen Städteverband und den Schweizerischen Gemeindeverband:

  • Warum gibt es keine gemeinsame Beschaffungsplattform für Open-Source-Lösungen?
  • Weshalb werden KMU-freundliche, lokale IT-Dienstleister durch zentrale Microsoft-Verträge strukturell benachteiligt?
  • Wie können Gemeinden aus den Vendor-Lock-ins ausbrechen?

4. Verantwortung der Bildungsinstitutionen

An Universitäten, ETH und Fachhochschulen:

  • Warum werden Studierende und Forschende systematisch auf proprietäre Software trainiert?
  • Weshalb gibt es keine stärkere Förderung von Open-Source-Kompetenz in Informatik-Studiengängen?
  • Wie können Bildungsinstitutionen Vorbilder für technologische Unabhängigkeit werden?

5. Verantwortung der Politik

An das Schweizer Parlament:

  • Warum gibt es keine parlamentarische Untersuchung zur strategischen IT-Abhängigkeit des Staates?
  • Weshalb wurden Motionen und Postulate zu Open-Source-Strategien nicht konsequent umgesetzt?
  • Wer kontrolliert, ob die Verwaltung ihre digitale Souveränität aufs Spiel setzt?

An die Parteien:

  • Warum ist digitale Souveränität kein zentrales Thema in Wahlprogrammen?
  • Welche Positionen vertreten Parteien zur Reduktion von Tech-Monopolen im öffentlichen Sektor?

Öffentlicher Sektor: Die Abhängigkeit ist strukturell – und hausgemacht

Bund, Kantone und Gemeinden setzen in grosser Mehrheit auf proprietäre IT-Lösungen. Dieser Konzentrationsgrad führt zu:

  • Hohen Wechselkosten – Jahrzehntelange Gewöhnung an proprietäre Systeme erschwert Migration
  • Struktureller Abhängigkeit – Preisgestaltung liegt vollständig beim Anbieter
  • Eingeschränkter Datenhoheit – Sensible Verwaltungsdaten in Händen ausländischer Konzerne
  • Geringer technologischer Vielfalt – Monokultur erhöht Risiken bei Cyberangriffen

Kernproblem:
Die WEKO kann zwar symptomatisch eingreifen, aber das Grundproblem ist politisch-strategischer Natur, nicht wettbewerbspolitisch.

Beispiel aus der Praxis:
Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein hat den Wechsel zu Open-Source vollzogen:

  • Investition: 9 Millionen Euro (einmalig)
  • Einsparung: 15 Millionen Euro jährlich ab 2026
  • Effekt: Vollständige Kontrolle über IT-Infrastruktur und Daten

Open-Source-Alternativen – Prinzipien statt Produkte

Anstatt einzelne Produkte aufzuzählen, ist es sinnvoller, die Prinzipien zu betonen, die Open-Source-Ansätze im öffentlichen Sektor attraktiv machen.

1. Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern

Open-Source-Lösungen vermeiden die Bindung an proprietäre Lizenzmodelle und reduzieren das Risiko von Preissteigerungen oder plötzlichen Geschäftsmodelländerungen.

2. Transparenz und Sicherheit

Der öffentlich einsehbare Quellcode ermöglicht unabhängige Sicherheitsprüfungen, Audits und Anpassungen – ein Vorteil bei sensiblen staatlichen Daten.

3. Interoperabilität und offene Standards

Offene Protokolle und offene Dateiformate verhindern technologische Lock-ins und erleichtern die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Dienstleistern.

4. Lokale Wertschöpfung

Statt Lizenzgebühren ins Ausland zu zahlen, werden lokale IT-Dienstleister gestärkt, die Wartung, Support und Weiterentwicklung übernehmen können.

5. Skalierbarkeit und Anpassbarkeit

Open-Source-Software kann für spezifische Anforderungen der Schweizer Verwaltung angepasst werden – ohne Abhängigkeit von globalen Roadmaps.

6. Datensouveränität und Datenschutz

Bei Open-Source-Lösungen bleiben Daten vollständig unter nationaler Kontrolle – besonders wichtig bei sensiblen Verwaltungsprozessen.


Das Versagen der Beschaffungspolitik

Die aktuelle Situation ist kein Unfall – sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Fehlentscheidungen:

Strukturelle Probleme bei der öffentlichen Beschaffung

  1. "Best Value"-Mythos: Ausschreibungen bevorzugen grosse Anbieter mit etablierten Referenzen
  2. Fehlende TCO-Betrachtung: Langfristige Kosten (Total Cost of Ownership) werden ignoriert
  3. Lock-in durch "De-facto-Standards": Microsoft-Kompatibilität wird als Anforderung definiert
  4. Risikoaversion: "Niemand wird gefeuert, weil er Microsoft kauft"
  5. Mangelnde Kompetenz: IT-Verantwortliche in Verwaltungen fehlt Open-Source-Expertise

Folgen für den Schweizer IT-Markt

  • Lokale KMU werden strukturell benachteiligt
  • Innovationspotenzial wird nicht genutzt
  • Wertschöpfung fliesst ins Ausland
  • Abhängigkeit von geopolitisch relevanten Akteuren steigt

Ist die WEKO für digitale Souveränität zuständig?

Nein – aber sie spielt eine indirekte Rolle.

Die WEKO soll Marktmacht korrigieren, nicht Technologiepolitik gestalten.
Digitale Souveränität ist ein politisch-strategisches Ziel, das durch:

  • IT-Strategie des Bundes
  • Beschaffungsrichtlinien
  • Bildungspolitik
  • Cybersecurity-Standards
  • Förderung lokaler IT-Ökosysteme

gestaltet werden muss.

Die WEKO kann nur reagieren, nicht gestalten.


Was jetzt konkret getan werden muss

Kurzfristig (0-2 Jahre)

  1. Transparenz schaffen: Vollständige Erhebung aller Microsoft-Lizenzen und -Kosten in Bund, Kantonen und Gemeinden
  2. Exit-Strategien entwickeln: Für jeden kritischen IT-Bereich konkrete Migrationspläne erstellen
  3. Pilotprojekte starten: Einzelne Behörden testen Open-Source-Alternativen
  4. Beschaffungsrichtlinien anpassen: Vendor-Lock-in-Risiken als K.O.-Kriterium einführen

Mittelfristig (2-5 Jahre)

  1. Open-Source-Kompetenzzentrum: Aufbau einer zentralen Beratungs- und Unterstützungsstelle
  2. Standardisierung vorantreiben: Offene Dateiformate (z.B. ODF) als Pflicht in der Verwaltung
  3. Lokale IT-Wirtschaft stärken: Gezielte Förderung von Open-Source-Dienstleistern
  4. Ausbildungsoffensive: Integration von Open-Source in Lehrpläne und Verwaltungsausbildung

Langfristig (5-10 Jahre)

  1. Vollständige technologische Souveränität in kritischen Bereichen
  2. Diversifizierte IT-Landschaft ohne dominante Single-Vendor-Abhängigkeiten
  3. Export von Schweizer Open-Source-Lösungen als Wirtschaftsfaktor
  4. Vorbild für Europa: Die Schweiz als Hub für souveräne digitale Infrastruktur

Die Kosten des Nichtstuns

Szenario ohne Änderung (2026-2036):

  • Annahme: Microsoft erhöht Preise alle 2 Jahre um durchschnittlich 10%
  • Bundesverwaltung zahlt aktuell geschätzt 100-150 Millionen CHF/Jahr für Microsoft-Lizenzen
  • Kantone und Gemeinden: Weitere 200-300 Millionen CHF/Jahr
  • Gesamtkosten über 10 Jahre: > 5 Milliarden CHF

Szenario mit strategischer Diversifikation:

  • Initiale Investition: 200-300 Millionen CHF über 5 Jahre
  • Einsparungen ab Jahr 6: 150-200 Millionen CHF jährlich
  • Break-even nach 6-7 Jahren
  • Zusatznutzen: Technologische Souveränität, Datenschutz, lokale Wertschöpfung

Fazit – was wirklich gebraucht wird

Die Untersuchung gegen Microsoft ist ein wichtiges Signal. Sie zeigt, dass der Staat nicht alleingelassen bleibt, wenn ein Anbieter seine Marktmacht ausspielt.

Aber:

Die WEKO hat begrenzte Mittel, um strukturelle Abhängigkeiten zu lösen.

Politischer Wille ist notwendig, um Open-Source-Ansätze im öffentlichen Sektor stärker zu verankern.

Die Schweiz braucht eine strategische IT-Unabhängigkeit, nicht nur kartellrechtliche Eingriffe.

Entscheidend ist:
Die Verantwortlichen in Verwaltung und Politik müssen sich den unbequemen Fragen stellen:

  • Warum wurde die Abhängigkeit zugelassen?
  • Wer profitiert von der aktuellen Situation?
  • Welche Konsequenzen ziehen wir für die Zukunft?

Aus liberaler Sicht bedeutet das:

Mehr Wettbewerb durch offene Standards, transparente Technologien und echte Wahlfreiheit – statt Monokultur durch proprietäre Systeme.

Mehr Eigenverantwortung statt Delegation an Tech-Konzerne.

Mehr Investition in lokale Kompetenz statt in ausländische Lizenzen.

Mehr Transparenz über die wahren Kosten der digitalen Abhängigkeit.

Die Schweizer Verwaltung muss aufhören, sich als Opfer zu sehen – und anfangen, als souveräner Akteur zu handeln.


Anhang: Weiterführende Informationen

Kontakte

WEKO:

Politische Vorstösse:

  • Motionen und Postulate zu digitaler Souveränität im Parlament einreichen
  • Kontakt zu Mitgliedern der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF)

Open-Source-Organisationen:

  • OSS Directory Switzerland
  • CH Open
  • Digitale Gesellschaft Schweiz

Quellen und Literatur

Internationale Vorbilder:

  • Schleswig-Holstein (Deutschland): Vollständiger Wechsel zu Open-Source bis 2026
  • Französische Gendarmerie: Migration zu Open-Source (50.000+ Arbeitsplätze)
  • Stadt München: Linux-Migration (mit Lessons Learned)

Studien:

  • Fraunhofer-Institut: TCO-Vergleiche proprietäre vs. Open-Source-Software
  • OECD: Digital Government Review Switzerland
  • Schweizer Bundesamt für Statistik: IT-Ausgaben öffentliche Verwaltung

Stand: 15. Januar 2026
Autor: clarus.news
Lizenz: CC BY-SA 4.0

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