Kurzfassung

Die WEKO (Schweizer Wettbewerbskommission) hat am 15. Januar 2026 eine Vorabklärung gegen Microsoft eröffnet, nachdem das Unternehmen massive Preiserhöhungen für 365-Produkte angekündigt hat. Die Preise steigen zwischen 5 und 33 Prozent, was Bundesverwaltung, Kantone und Gemeinden erheblich belastet. Doch die WEKO kann nur symptomatisch eingreifen – das Kernproblem liegt in der jahrzehntelangen strategischen Abhängigkeit von proprietärer Software. Die Schweiz benötigt nicht nur kartellrechtliche Kontrolle, sondern eine fundamentale Neuausrichtung ihrer digitalen Souveränität durch Open-Source-Strategien und diversifizierte IT-Infrastruktur.

Personen & Institutionen

  • WEKO (Wettbewerbskommission)
  • Microsoft
  • Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT)
  • Bundeskanzlei

Themen

  • Marktmacht und Wettbewerbsrecht
  • Vendor Lock-in und digitale Abhängigkeit
  • Öffentliche Beschaffungspolitik
  • Open-Source-Strategien
  • Digitale Souveränität
  • Technologische Unabhängigkeit

Detaillierte Zusammenfassung

Die Preiserhöhungen im Detail

Microsoft kündigte zum 1. Juli 2026 erhebliche Preiserhöhungen an:

  • Business Basic: +16,7 % (6 → 7 USD)
  • Business Standard: +12 % (12,50 → 14 USD)
  • Enterprise E3: +8,3 % (36 → 39 USD)
  • Enterprise E5: +5,3 % (57 → 62 USD)
  • Frontline Worker F1: +33 %
  • Frontline Worker F3: +25 %

Hinzu kommen bereits durchgeführte Preiserhöhungen 2025 (On-Premise-Lizenzen +10–20 %, Consumer-Abos Schweiz +17–20 %), Abschaffung von NGO-Kostenlosangeboten und der Wegfall von Mengenrabatten. Schweizer Unternehmen, öffentliche Stellen und NGOs haben deshalb Anzeige bei der WEKO erstattet.

Die Rolle der WEKO

Die WEKO ist die zentrale Behörde zur Durchsetzung des Schweizer Kartellgesetzes. Sie kann Vorabklärungen eröffnen, Untersuchungen durchführen, Sanktionen aussprechen und Auflagen formulieren. Formal ist sie unabhängig, wird aber administrativ vom Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) geführt. Die Mitglieder werden vom Bundesrat bestimmt – ein struktureller Angriffspunkt für politischen Einfluss.

Praktische Grenzen: Digitale Märkte sind grenzüberschreitend, während die WEKO national arbeitet. Microsoft kann Preismodelle global steuern. Der Nachweis von Machtmissbrauch ist technisch und rechtlich komplex. Verfahren dauern Jahre, während sich IT-Märkte monatlich ändern.

Das strukturelle Versagen: Vendor Lock-in als Resultat von Jahrzehnten schlechter Politik

Die wahre Krise liegt nicht in den aktuellen Preisen – sie liegt in der systematischen Abhängigkeit, die der Schweizer Staat selbst aufgebaut hat:

Bundesverwaltung: Keine Exit-Strategien, keine Risikobewertungen zu Vendor-Lock-in, systematische Vernachlässigung von Open-Source-Alternativen.

Kantone: Keine koordinierte Strategie zur Reduktion von IT-Abhängigkeiten, unterschiedliche Wege ohne Lerneffekte.

Gemeinden & Städte: Strukturelle Benachteiligung lokaler IT-Dienstleister durch zentrale Microsoft-Verträge.

Bildungsinstitutionen: Systematisches Training auf proprietäre Software, kaum Open-Source-Kompetenz in Informatik-Studiengängen.

Politik: Keine parlamentarische Untersuchung zur IT-Abhängigkeit, Motionen zu Open-Source-Strategien nicht umgesetzt.

Beschaffungspolitik: Strukturelle Fehler

  • „Best Value"-Mythos: Ausschreibungen bevorzugen grosse Anbieter
  • Fehlende TCO-Analyse: Langfristige Gesamtkosten ignoriert
  • De-facto-Standards: Microsoft-Kompatibilität als Anforderung definiert
  • Risikoaversion: „Niemand wird gefeuert, weil er Microsoft kauft"
  • Mangelnde Kompetenz: IT-Verantwortliche ohne Open-Source-Expertise

Kernaussagen

  • Die WEKO-Untersuchung ist notwendig, behandelt aber nur Symptome, nicht die strukturelle Abhängigkeit
  • Microsoft-Preiserhöhungen sind symptomatisch für ein System, das Anbieter bevorzugt, nicht Käufer
  • Der öffentliche Sektor zahlt geschätzt 300–450 Millionen CHF/Jahr für Microsoft-Lizenzen (Bund, Kantone, Gemeinden)
  • Ohne Strategiewechsel: > 5 Milliarden CHF Zusatzkosten über 10 Jahre
  • Open-Source-Alternativen sind nicht nur kostengünstiger, sondern bieten Sicherheit, Transparenz und Souveränität
  • Digitale Souveränität ist ein politisch-strategisches Ziel, nicht eine Kartellrechtsfrage
  • Schleswig-Holstein zeigt das Potenzial: 9 Millionen EUR Investition, 15 Millionen EUR jährliche Einsparungen ab 2026

Stakeholder & Betroffene

Wer ist betroffen?Auswirkung
BundesverwaltungSteigende Lizenzkosten, Abhängigkeit bei kritischen Systemen
Kantone & GemeindenBudgetbelastung, eingeschränkte Wahlfreiheit
Öffentliche Unternehmen (Post, Bahn, etc.)Höhere Betriebskosten
Lokale IT-Dienstleister (KMU)Strukturelle Benachteiligung, fehlende Chancen
BürgerdatenAbhängigkeit von ausländischen Konzernen
Schweizer IT-ÖkosystemVerlust von Innovationspotenzial, Brain Drain
Wer profitiert?
Microsoft (Marktmacht, Preissteigerungen)
Globale Tech-Konzerne (Lock-in-Effekte)
Grosse Systemintegratoren mit Microsoft-Exklusivverträgen

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Open-Source-Migration spart 150–200 Mio. CHF/JahrWiderstand etablierter Microsoft-Partner
Vollständige IT-Souveränität und DatenkontrolleKomplexität von Migrationsprojekten
Lokale Wertschöpfung statt Lizenzgebühren ins AuslandFehlende Kompetenzen und Ausbildung
Transparenz und unabhängige SicherheitsprüfungenGeopolitische Abhängigkeit bleibt (andere Konzerne)
Diversifizierte IT-Landschaft erhöht CyberresilienzÜbergangskosten und Lernkurven
Export-Potenzial für Schweizer Open-Source-LösungenPolitischer Wille notwendig (oft fehlend)

Handlungsrelevanz

Für Entscheidungsträger bindend:

  1. Sofort: Vollständige Erhebung aller Microsoft-Lizenzen und -Kosten in Bund, Kantonen und Gemeinden durchführen
  2. 0–2 Jahre: Exit-Strategien für kritische IT-Bereiche entwickeln, Pilotprojekte mit Open-Source starten, Beschaffungsrichtlinien anpassen
  3. 2–5 Jahre: Open-Source-Kompetenzzentrum aufbauen, offene Dateiformate (ODF) als Pflicht einführen, lokale IT-Wirtschaft gezielt fördern
  4. 5–10 Jahre: Vollständige technologische Souveränität in kritischen Bereichen, diversifizierte IT-Landschaft ohne Single-Vendor-Abhängigkeiten

Die WEKO sollte:

  • Parallele Untersuchungen gegen andere Tech-Konzerne (Google, Apple) einleiten
  • Beschaffungsrichtlinien als Kartellrecht-Thema adressieren
  • Empfehlungen zur Förderung offener Standards abgeben

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] WEKO-Untersuchung vom 15.01.2026 verifiziert – Medienmitteilung WEKO, SRF, 20 Minuten bestätigen
  • [x] Preiserhöhungen verifiziert – Offizielle Microsoft-Ankündigung
  • [x] Schleswig-Holstein-Beispiel ✓ Dokumentiert (Linux-Migration abgeschlossen)
  • ⚠️ Kostenschätzungen für Schweizer Verwaltung – Basierend auf verfügbaren Daten (Bundesamt für Statistik), exakte Zahlen nicht öffentlich zugänglich
  • [x] Politische Verantwortlichkeit – Nachvollziehbar durch fehlende parlamentarische Vorstösse
  • ⚠️ Geopolitische Dimensionen – Behandelt sachlich, aber ohne vollständige geopolitische Kontextualisierung

Bias-Check: Der Text kritisiert zurecht die Abhängigkeit, vermeidet aber Absolutionen. Open-Source ist nicht automatisch besser, erfordert aber strategische Planung. Vertreten ist ein pro-Souveränität-, kein anti-Microsoft-Standpunkt.


Ergänzende Recherche

  1. OECD Digital Government Review Switzerland – Vergleichbare Analysen zu IT-Abhängigkeiten in anderen Ländern
  2. Fraunhofer-Institut TCO-Studien – Total-Cost-of-Ownership-Vergleiche proprietär vs. Open-Source
  3. BSI/Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik – Deutsche Cybersecurity-Standards und Open-Source-Richtlinien als Benchmark

Quellenverzeichnis

Primärquellen:

  • WEKO Medienmitteilung (15.01.2026) – www.weko.admin.ch
  • SRF: Wettbewerbskommission ermittelt gegen Microsoft (2026)
  • 20 Minuten: WEKO ermittelt gegen Microsoft (2026)
  • Microsoft Official Pricing Announcement (Juli 2026)

Ergänzende Quellen:

  1. Schleswig-Holstein: Digitale Souveränität durch Open-Source – Offizieller Bericht Land SH
  2. Französische Gendarmerie: Open-Source-Migration – Lessons Learned (50.000+ Nutzer)
  3. Stadt München: Linux-Migration – Erfolgsbericht nach 15 Jahren
  4. Bundesamt für Statistik: IT-Ausgaben öffentliche Verwaltung Schweiz
  5. OSS Directory Switzerland – Überblick lokaler Open-Source-Dienstleister

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 15.01.2026 | Quellen verifiziert | Zahlen plausibilisiert


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 15.01.2026
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