Kurzfassung

Tom Kummer, ehemaliger Journalist und heutiger Autor, diskutiert in einem Radiointerview seine Rolle in einem der grössten Medienskandale des deutschsprachigen Raums vor 25 Jahren. Damals veröffentlichte er erfundene Interviews mit Hollywoodstars in renommierten Magazinen wie der Süddeutschen Zeitung und dem Tagesanzeiger. Sein neues Buch „Freiwürfe" behandelt literarisch die wahre Geschichte von Kim Jong-un, der als Junge in einem Schweizer Internat war. Kummer reflektiert über die Grenzen zwischen Fiktion und Journalismus, die Mechanismen von Desinformation und den Unterschied zwischen seinen humanisierenden Erfindungen und heutigen böswilligen Fake News.

Personen

Themen

  • Erfundene Interviews und Medienskandal
  • Grenzen zwischen Fiktion und Journalismus
  • New Journalism und literarischer Journalismus
  • Fake News und Desinformation
  • Kim Jong-un in der Schweiz
  • Medienethik und Vertrauenskrise
  • Vergangenheitsbewältigung durch Literatur

Detaillierte Zusammenfassung

Tom Kummer wurde vor etwa 25 Jahren berühmt und berüchtigt, weil er über Jahre hinweg erfundene Interviews mit Hollywoodstars in führenden deutschsprachigen Magazinen veröffentlichte. Im Gespräch betont er, dass dieses Etikett des „Lügners" bis heute an ihm haftet, obwohl er glaubt, dass eine genauere Lektüre seiner Werke durch verändertes Medienverständnis heute besser möglich ist.

Sein neues Buch „Freiwürfe" basiert auf einer wahren historischen Begebenheit: Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un besuchte tatsächlich ein Schweizer Internat. Kummer schuf um diese Realität herum eine fiktive Geschichte, die sich auf die Beziehung zwischen einem Berner Basketballtrainer namens Frank und dem jungen Kim (im Roman „Kimu" genannt) konzentriert. Der Autor erforscht die moralischen und psychologischen Grauzonen dieser Konstellation: Wie könnte eine Schweizer Erziehung einen späteren Diktator beeinflusst haben? Hätte man ihn „stoppen" können?

Kummer erläutert seinen kreativen Prozess: Er recherchiert intensiv, liest internationale Berichterstattung, und entwickelt dann aus dieser faktischen Basis eine literarische Seelenlandschaft der Figuren. Er betont, dass er nicht einfach Fakten ignoriert, sondern diese mit einer subjektiven, interpretativen Ebene verbindet. Dies war auch das Prinzip seiner Journalismusarbeit: Er schrieb im Stil des „New Journalism" oder „literarischen Journalismus", einem Genre, das damals experimentell und bewusst grenzüberschreitend war.

Die Entscheidung für den Journalismus statt für pure Literatur war auch eine ökonomische: Mit 25 Jahren in Berlin, ohne finanzielle Mittel, bot sich die Möglichkeit, als Journalist schnell Geld zu verdienen und veröffentlicht zu werden. Literatur allein bringt für wenige Menschen bedeutende Einnahmen. Der Journalismus jener Zeit war experimentierfreudig und wollte seine Grenzen ausloten. Kummer erklärt, dass seine erfundenen Interviews sich auf Hollywoodstars beschränkten – Figuren, die bereits durch einen „PR-Vorhang" geschützt sind und deren Image ohnehin konstruiert ist. Er interviewte keine Politiker oder einflussreiche Gesellschaftspersonen.

Auf die Frage, ob finanzielle und redaktionelle Bestätigung zu einer „Sucht" führte, antwortet Kummer ehrlich: Es schmeichelte ihm, dass seine Texte in prestigeträchtigen Publikationen erschienen und gefeiert wurden. Er hatte bewusst fiktionale Marker in seine Interviews eingeflochten – die Stars sprachen ständig über Wirklichkeit, Fälschung und Image. Er nahm an, dass seine Chefredakteure wussten, was sie druckten. Doch rückblickend war es eine moralische Verfehlung, dass er ihnen nicht explizit sagte, was er tat.

Als die Täuschung nach etwa zehn Jahren aufgedeckt wurde, verloren zwei seiner Auftraggeber ihre Positionen – ein Schock, den Kummer bedauert. Allerdings haben beide später erfolgreiche Karrieren gemacht. Die wahre Konsequenz war ein Vertrauensverlust bei Lesern gegenüber journalistischen Produkten.

Kummer zitiert Giordano Bruno mit dem Satz „Se non è vero, è ben trovato" (Wenn es nicht wahr ist, ist es gut erfunden) – die Idee, dass erfundene Darstellungen manchmal eine tiefere Wahrheit enthalten als nüchterne Fakten. Tatsächlich zeigten die Agenten der Stars oft Begeisterung für seine Porträts, weil diese eine Sehnsucht nach einer besseren, humaneren Welt erfüllten.

Der entscheidende Unterschied zu heute: Fake News sind kurz, prägnant, spaltend und aggressiv. Sie wollen Böses bewirken. Kummers alte Texte waren 20 Seiten lang, nuanciert, empathisch und zeigten eine Lust auf eine bessere Welt. In den 1990ern äusserte Kummer die Vision, dass Journalismus nicht nur beschreiben sollte, wie die Welt ist, sondern wie sie sein könnte. Heute distanziert er sich von dieser Forderung entschieden, da sie in einer Welt mit böswilligen Desinformationskampagnen und Kriegen naiv wirkt.

Er beschreibt ein Gefühl der Blauäugigkeit jener Epoche: Als Künstler und progressive Intellektuelle dachte man, man könne Grenzen ausloten, mit Sprache experimentieren, anarchistisch sein – ohne die kommenden Gefahren zu sehen. Man konsumierte die Freiheit, statt sie verantwortungsvoll zu nutzen.

Auf die Frage, ob er heute solche erfundenen Interviews wieder schreiben würde, antwortet Kummer: Sie hätten deklariert werden müssen als das, was sie waren – Literatur, nicht Journalismus. Die Grenze zwischen diesen beiden Genres muss klar gezogen sein.

Kernaussagen

  • Kummers erfundene Interviews mit Hollywoodstars in den 1990ern waren ein bewusster Grenzgang zwischen Journalismus und Literatur, der damals als experimenteller „New Journalism" gefeiert wurde.

  • Sein neues Buch „Freiwürfe" behandelt literarisch die wahre Geschichte von Kim Jong-un in einem Schweizer Internat und erkundet Fragen von Schuld, Moral und Vergangenheitsbewältigung.

  • Finanzielle Anreize und redaktionelle Bestätigung spielten eine Rolle, aber der Unterschied zwischen seinen humanisierenden Erfindungen und heutigen böswilligen Fake News ist fundamental.

  • Kummer distanziert sich entschieden von seiner Vision der 1990er, dass Journalismus Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit aufweichen sollte – angesichts von Desinformation und Kriegen ist dies heute unverantwortlich.

  • Die Mechanismen, die dazu führten, dass seine erfundenen Interviews geglaubt wurden, sind vergleichbar mit denjenigen von Fake News: Menschen wollen Bestätigung ihrer Weltsicht und Hoffnung auf bessere Welten.

  • Rückblickend hätte Kummer seine Arbeiten deutlich als Literatur deklarieren müssen, nicht als Journalismus – eine ethische Grenzziehung, die er heute für unverzichtbar hält.


Metadaten

Sprache: Deutsch
Transcript ID: 188
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Erstellungsdatum: 2026-01-28 12:40:26
Textlänge: 24077 Zeichen