Kurzfassung
Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat sich in die Ermittlungen zur Milliardenpleite der Signa-Gruppe eingeschaltet und informiert österreichische Behörden über Vermögenswerte und Beweismittel in der Schweiz. Im Zentrum der Untersuchungen stehen René Benko, der Gründer der insolventen Immobilien- und Handelsgruppe, und Dieter Berninghaus, der ehemalige Migros-Manager und Chefstratege der Signa. Ein zentraler Ermittlungsstrang betrifft eine 16,7-Millionen-Euro-Überweisung der Signa an Berninghaus, die strukturell als Darlehen organisiert war, während dieser einen Anteilsverkauf behauptet.
Personen
- René Benko – Gründer der Signa-Gruppe, sitzt in Untersuchungshaft
- Dieter Berninghaus – Ehemaliger Migros-Handelschef und Signa-Chefstratege
- Beatrice Bösiger – Autorin des Artikels (NZZ)
Themen
- Signa-Insolvenz und Milliardenpleite
- Schweizer Rechtshilfe in österreichischen Ermittlungen
- Geldflüsse und Vermögenswerte
- Verdacht auf Straftaten und Konkursdelikte
- Konflikte zwischen Benko und Berninghaus
Detaillierte Zusammenfassung
Bundesanwaltschaft schaltet sich ein
Die spektakuläre Milliardenpleite der Signa-Gruppe von René Benko hat auch die Schweizer Behörden auf den Plan gerufen. Im Juli 2025 meldete sich die Bundesanwaltschaft in Bern bei ihren Kollegen in Wien mit einem Hinweis auf begründete Verdachtsmomente. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft liegen in der Schweiz Beweismittel und Vermögenswerte vor, die auf Straftaten in Österreich hindeuten. Die Ermittler führen selbst kein Verfahren in der Schweiz, stehen aber zur Verfügung, falls Österreich ein Rechtshilfeersuchen stellt.
Meldungen von Schweizer Banken
Drei Schweizer Banken lösten das Schreiben der Bundesanwaltschaft aus. Im Frühjahr 2025 informierten sie die Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) über Geschäftsbeziehungen mit Bezug zu René Benko. Die Banken meldeten drei Bankkonten, auf denen zum Zeitpunkt der Meldung jeweils Gelder im siebenstelligen Bereich lagen. Die Bundesanwaltschaft stufte diese als Vermögenswerte von Benko und von ihm kontrollierten juristischen Personen ein, die mutmasslich aus Straftaten, insbesondere Konkursdelikten, erwirtschaftet wurden.
Die umstrittene 16,7-Millionen-Euro-Überweisung
Ein zentraler Ermittlungsstrang der WKStA (Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft Wien) betrifft die Geldflüsse zwischen René Benko und Dieter Berninghaus. Im Mai 2022 überwies die Signa-Gruppe 16,7 Millionen Euro an eine Firma namens Sarpis Holding in Wien. Das Geld floss am selben Tag an eine Firma im Kanton Obwalden, dann auf ein anderes Konto derselben Firma und schliesslich an eine Immobilienfirma, die damit ein Haus in Küsnacht kaufte. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft sind sämtliche beteiligten Gesellschaften der Ehefrau von Dieter Berninghaus zuzuordnen.
Die österreichischen Ermittler sehen in dieser Überweisung ein wirtschaftlich nicht vertretbares Darlehen, das für den Kauf eines Privathauses verwendet worden sein soll. Sie werfen Berninghaus Untreue vor und behaupten, er habe damit die Signa geschädigt. Allerdings gilt die Unschuldsvermutung.
Widerspruch zwischen Benko und Berninghaus
Die beiden einstigen Geschäftspartner widersprechen sich fundamental: Dieter Berninghaus gibt an, dass er einen Teil seiner Beteiligung an der Signa verkauft und dafür die Auszahlung erhalten habe. Er betont, dass für ihn stets klar gewesen sei, dass es sich um einen Anteilsverkauf handelte. Dass die Überweisung als Darlehen strukturiert wurde, sei allein die Entscheidung von René Benko gewesen. Benko hingegen beharrt darauf, dass es sich um ein Darlehen der Signa-Gruppe an Berninghaus handelte.
Hintergrund: Gemeinsame Pläne und Zerwürfnis
Nach seinem Weggang von der Migros im Jahr 2016 heuerte Berninghaus bei der Signa an und war lange einer der engsten Vertrauten von René Benko. Der erfahrene Handelsmanager und der gewiefte Verkäufer planten gemeinsam, eine Gruppe von Luxuskaufhäusern aufzubauen. Sie übernahmen unter anderem Globus in der Schweiz und Selfridges in Grossbritannien. Im Mai 2023 zog sich Berninghaus aus gesundheitlichen Gründen aus der Signa zurück – wenige Monate bevor die gesamte Gruppe zusammenkrachte.
In der intransparenten Struktur der Signa bekleidete Berninghaus keine operative Funktion. Er war nur über einen Beratervertrag an die Gruppe angebunden. Seine Beteiligung war diskret organisiert: Ab 2017 bestand eine Vereinbarung zwischen einer Firma seiner Ehefrau im Kanton Obwalden und der Familie-Benko-Privatstiftung.
In den letzten Monaten vor dem Kollaps eskalierte das gegenseitige Misstrauen zwischen beiden. Sie überzogen sich gegenseitig mit heftigen Vorwürfen – es ging um heimliche Beschattungen und mitgeschnittene Gespräche in Luxuschalets. Aus der Untersuchungshaft heraus hat Benko jüngst nachgelegt und behauptet, Berninghaus sei nicht nur Berater, sondern einer der führenden Topmanager der Signa gewesen – nach dem Motto: Wenn ich falle, dann fällst du auch.
Stand der Ermittlungen
Die Immobilien- und Handelsgruppe schlitterte Ende 2023 in die Insolvenz. Mittlerweile ermittelt die WKStA in vierzehn verschiedenen Strängen gegen René Benko und andere ehemalige Manager der Signa. Benko sitzt seit knapp einem Jahr in Untersuchungshaft. Ihm werden Betrug und weitere schwere Konkursdelikte vorgeworfen.
Im Jahr 2025 wurde Benko zweimal wegen betrügerischen Konkurses verurteilt, weil er Vermögen vor seinen Gläubigern versteckt haben soll. Beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Weitere Anklagen könnten folgen. Neben Österreich ermitteln auch die Staatsanwaltschaften in Deutschland und Italien gegen den Signa-Gründer.
Benko versucht mit allen Mitteln, aus der Untersuchungshaft zu kommen. Seine Anwälte versuchen, Zeugen zu diskreditieren und überziehen die Gerichte mit Anträgen. Der letzte Antrag auf Haftentlassung vor Weihnachten 2025 ist gescheitert.
Die Schweizer Bundesanwaltschaft gibt auf Nachfrage an, dass sie zurzeit kein eigenes Strafverfahren führt. Aus Wien ist bislang kein Rechtshilfeersuchen bei der Bundesanwaltschaft in Bern eingegangen.
Kernaussagen
- Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat österreichische Ermittler über Vermögenswerte und Beweismittel in der Schweiz informiert, die auf Straftaten hindeuten könnten
- Drei Schweizer Banken meldeten siebenstellige Geldbeträge auf Konten mit Bezug zu René Benko an die MROS
- Ein zentraler Konflikt besteht über die Natur einer 16,7-Millionen-Euro-Überweisung 2022: Berninghaus sieht einen Anteilsverkauf, Benko behauptet ein Darlehen
- Die verschlungenen Geldwege vom österreichischen Unternehmen über eine Schweizer Holding zur Immobilienfirma werfen Fragen zur Strukturierung auf
- René Benko sitzt in Untersuchungshaft und wurde bereits zweimal wegen Konkursdelikten verurteilt
- Die beiden ehemals engen Geschäftspartner sind heillos zerstritten und werfen sich gegenseitig schwere Vorwürfe vor
- Ermittlungen laufen in österreichischen, deutschen und italienischen Jurisdiktionen in mehreren Strängen
Metadaten
Sprache: DeutschPublikationsdatum: 04.01.2026
Quelle: Neue Zürcher Zeitung (NZZ)
Original-URL: https://www.nzz.ch/wirtschaft/die-schweizerische-bundesanwaltschaft-schaltet-sich-in-den-fall-signa-ein-ld.1918451
Autor: Beatrice Bösiger
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