Kurzfassung

Sarajevo gehört zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit und übertrifft im Winter sogar Beijing bei der Feinstaubbelastung. Das Paul Scherrer Institut PSI hat mit mobilen Messungen erstmals verlässliche Daten zur räumlichen Verteilung der Luftschadstoffe und deren Quellen gesammelt. Hauptverursacher sind Heizungen mit festen Brennstoffen wie Holz und Kohle in Wohnquartieren sowie Küchenemissionen aus Restaurants. Eine 50-prozentige Reduktion der Luftschadstoffe könnte jährlich 5.000 Menschenleben in Bosnien-Herzegowina retten.

Personen

  • André Prévôt – Leiter Labor für Atmosphärenchemie, PSI
  • Katja Džepina – Mitautorin der Studie, PSI-Team

Themen

  • Luftverschmutzung und Feinstaubbelastung
  • Quelleneigenschaften von Luftschadstoffen
  • Gesundheitsfolgen und Mortalität
  • Heizungsemissionen und Energieversorgung
  • Atmosphärenchemie und Messtechnologie

Detaillierte Zusammenfassung

Das Forschungsprojekt SAAERO (Sarajevo Aerosol Experiment) untersuchte erstmals systematisch die Luftqualität in Sarajevo. Beteiligt waren Forschende aus acht Ländern, federführend das Paul Scherrer Institut PSI, die Universität Nova Gorica (Slowenien) und das hydrometeorologische Bundesinstitut Bosnien-Herzegowina.

Im Januar 2023 führte das Team um André Prévôt 39 Messfahrten durch Sarajevo durch. Das mobile Labor des PSI – ein speziell ausgestatteter Kastenwagen – erfasste Luftqualitätsparameter in dicht bebauten Wohnquartieren, auf Hauptverkehrsachsen und im Stadtzentrum. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Environment International (Januar 2026) veröffentlicht.

Feinstaubbelastung und räumliche Verteilung: Etwa zwei Drittel aller Messungen überschritten den von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Tagesgrenzwert für Feinstaub (PM 2.5) von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter. Kurzfristig wurden Spitzenwerte von mehreren Hundert Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen. Tagsüber ist die Belastung relativ gleichmässig verteilt, abends steigen die Konzentrationen in Wohngebieten ausserhalb des Zentrums deutlich an.

Hauptquellen der Luftverschmutzung: Rund zwei Drittel der organischen Feinstaubpartikel in Wohngebieten stammen aus Holzheizungen. Das Team identifizierte zudem hohe Konzentrationen krebserregender polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe. Im Altstadtviertel Baščaršija entstehen Emissionen primär aus Küchenanlagen von Restaurants – der Geruch von gegrilltem Fleisch prägt das Viertel.

Schwefeldioxid aus Kohlekraftwerken: 81 Prozent aller europäischen Schwefeldioxid-Emissionen stammen vom Westbalkan, vorwiegend von alten sowjetischen Kohlekraftwerken. Die Messwerte schnellten beim Eintritt in Bosnien-Herzegowina deutlich in die Höhe und blieben in den Tälern um Sarajevo persistiert hoch.

Gesundheitsfolgen: Eine begleitende internationale Studie (Nature, 2025) untersuchte die Toxizität von Luftschadstoffen. Entscheidend ist nicht nur die Menge des Feinstaubs, sondern der oxidative Stress in der Lunge, der Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie frühzeitige Todesfälle verursacht. Eine 50-prozentige Reduktion der Luftschadstoffe könnte in Bosnien-Herzegowina etwa 5.000 Menschenleben pro Jahr retten.


Kernaussagen

  • Sarajevo übertrifft Beijing: Im Winter ist die Feinstaubbelastung höher als in der chinesischen Hauptstadt
  • Hauptquelle Heizungen: Zwei Drittel der organischen Feinstaubpartikel stammen aus Holz- und Kohleheizungen
  • Räumliche Hotspots: Wohngebiete ausserhalb des Zentrums zeigen abends extreme Belastungsspitzen
  • Krebserregende Stoffe: Hohe Konzentrationen polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe nachgewiesen
  • Westbalkan-Problem: 81 % europäischer Schwefeldioxid-Emissionen stammen aus der Region
  • Massive Gesundheitsfolgen: 5.000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr durch Emissionsreduktion möglich
  • Lösungsansätze: Gebäudedämmung, Gasanschlüsse, saubere Pelletheizungen erforderlich

Stakeholder & Betroffene

GruppeBetroffenheit
Bewohner SarajevosDirekte Gesundheitsschäden durch Luftverschmutzung
Bevölkerung Bosnien-HerzegowinasRegionale Luftverschmutzung und Emissionen von Kraftwerken
Restaurantbetreiber (Baščaršija)Emissionsquellen durch Küchenabluft
EnergiesektorNotwendigkeit der Modernisierung von Kohlekraftwerken
GesundheitswesenErhöhte Lasten durch Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
ForschungsinstitutionenDatenbasis für Luftqualitätsforschung

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
5.000 Leben pro Jahr durch Emissionsreduktion rettbarHohe Kosten für Gebäudedämmung und Gasinfrastruktur
Identifizierte Quellen ermöglichen zielgerichtete MassnahmenSchwierige Umsetzung an Berghängen
Pelletheizungen als praktikable ÜbergangslösungLangfristige Abhängigkeit von Energieinfrastruktur
Etablierung von Messstellen für kontinuierliche ÜberwachungPersistierende Emissionen von Kohlekraftwerken
Bessere Luftqualität für Tourismus und WirtschaftPolitische und finanzielle Hürden bei Umsetzung

Handlungsrelevanz

Für Entscheidungsträger in Bosnien-Herzegowina:

  • Dringende Modernisierung von Kohlekraftwerken erforderlich
  • Flächendeckende Gebäudedämmung und Gasanschlüsse priorisieren
  • Förderung sauberer Heizalternativen (Pellets, Wärmepumpen)
  • Regulierung von Restaurantküchenemissionen in der Altstadt

Für Forschung und Monitoring:

  • Aufbau von permanenten Messstellen (Supersites) zur kontinuierlichen Überwachung
  • Weitere Auswertung der 2023er-Messkampagne
  • Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Schwefeldioxid und Atmosphärenchemie

Für internationale Zusammenarbeit:

  • Westbalkan-weite Luftqualitätsstrategie entwickeln
  • Technologietransfer und Finanzierung für Emissionsreduktion

Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft (WHO-Grenzwert 15 µg/m³, 5.000 vermeidbare Todesfälle)
  • [x] Quellenangaben vollständig (Environment International, Nature-Studie 2025)
  • [x] Methodische Transparenz gegeben (39 Messfahrten, mobiles Labor)
  • [x] Keine unbestätigten Daten identifiziert
  • [x] Keine erkennbaren Bias oder einseitige Darstellung

Ergänzende Recherche

  1. WHO Air Quality Guidelines 2021 – Globale Luftqualitätsstandards und Gesundheitsfolgen
  2. European Environment Agency (EEA) Report 2024 – Luftverschmutzung in Südosteuropa und Westbalkan
  3. Energy Community Secretariat – Energiewende und Kraftwerksmodernisierung in Bosnien-Herzegowina

Quellenverzeichnis

Primärquelle:
Bauer, M. et al. (2026). Assessing the severe urban pollution crisis in Sarajevo, Bosnia and Herzegovina: mobile measurements and source characterization. Environment International, Vol. 6.1, DOI: 10.1016/j.envint.2025.110009

Ergänzende Quellen:

  1. Prévôt, A. et al. (2025). Toxicity of air pollutants and health impacts. Nature (2025)
  2. Paul Scherrer Institut PSI – Forschungsbereich Atmosphärenchemie
  3. Weltgesundheitsorganisation (WHO) – Air Quality Guidelines 2021

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 22. Januar 2026


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Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Medienmitteilung des Paul Scherrer Institut PSI
Originalveröffentlichung: 22. Januar 2026 | Quelle: news.admin.ch