Autor: Nikolai Thelitz, Jonas Oesch, Olivia Fischer
Quelle: NZZ – Parlamentarier-Rating 2025
Publikationsdatum: 03.12.2025
Lesezeit der Zusammenfassung: 4 Minuten
Executive Summary
Der Schweizer Nationalrat entwickelt sich zu einer Arena parteipolitischer Geschlossenheit: Das NZZ-Parlamentarier-Rating 2025 zeigt einen markanten Rückgang individueller Abstimmungsprofile zugunsten einer klaren Parteilinie. Besonders bürgerliche Parteien (FDP, Mitte) nähern sich der Parteidisziplin an, die bei SP und Grünen bereits etabliert ist. Diese Entwicklung wirft fundamentale Fragen zur parlamentarischen Vielfalt, zur Innovationskraft des Milizparlaments und zur Rolle von Querdenken in einer funktionierenden Demokratie auf. Für die strategische Politikgestaltung bedeutet dies: Vorhersehbarkeit steigt, aber Kompromissfähigkeit über Parteigrenzen hinweg sinkt.
Kritische Leitfragen
Freiheit vs. Fraktionszwang: Gefährdet die zunehmende Parteidisziplin das Prinzip des freien Mandats und damit die Fähigkeit zur sachorientierten Problemlösung jenseits ideologischer Schablonen?
Innovation durch Diversität: Welche unternehmerischen und gesellschaftlichen Innovationen bleiben auf der Strecke, wenn Flügelkämpfe und regionale Besonderheiten im Parlament systematisch eliminiert werden?
Transparenz über Macht: Wird die parlamentarische Debatte zur Inszenierung, wenn Abstimmungsergebnisse bereits durch Fraktionssitzungen vorbestimmt sind – und wie können Bürger echte Meinungsbildungsprozesse nachvollziehen?
Szenarienanalyse: Zukunftsperspektiven
Kurzfristig (1 Jahr): Die Parteidisziplin verfestigt sich weiter, insbesondere bei FDP und Mitte. Kompromisse zwischen den Blöcken werden seltener, Sachgeschäfte werden zunehmend entlang der Links-rechts-Achse entschieden. Kleine Parteien gewinnen an strategischer Bedeutung als Zünglein an der Waage.
Mittelfristig (5 Jahre): Die ideologische Polarisierung zwischen den Polen nimmt zu, während innerparteiliche Diskursräume schrumpfen. Kritische Themen (Energie, Migration, Sozialstaat) werden schwerer lösbar. Das Risiko steigt, dass Volksabstimmungen parlamentarische Entscheide korrigieren – mit Legitimationsverlust für das Parlament.
Langfristig (10–20 Jahre): Mögliche Fragmentierung: Entweder entstehen neue Bewegungen, die Individualität und Querdenken wieder stärken, oder das Schweizer Milizparlament mutiert zu einem professionellen Parteienbetrieb nach kontinentaleuropäischem Muster. Die Qualität der Gesetzgebung hängt davon ab, ob externe Expertise (Think Tanks, Wirtschaft, Zivilgesellschaft) Einfluss behält.
Hauptzusammenfassung
Kernthema & Kontext
Das NZZ-Parlamentarier-Rating 2025 analysiert das Abstimmungsverhalten aller Nationalrätinnen und Nationalräte auf einer Skala von –10 (links) bis +10 (rechts). Die zentrale Erkenntnis: Parlamentarier stimmen innerhalb ihrer Partei deutlich einheitlicher ab als in den Vorjahren. Abweichler und Individualisten sind zur Ausnahme geworden – mit Konsequenzen für Kompromisskultur und Innovationskraft.
Wichtigste Fakten & Zahlen
- Parteidisziplin: Überlappungen im Stimmverhalten zwischen Parteien (z. B. linke FDP-Politiker und rechte Mitte-Politiker) sind verschwunden.
- SVP: Bleibt einzige Partei mit breiter ideologischer Streuung (Spannbreite 3 Punkte): Erich Hess (9,7) rechts aussen, Thomas Hurter/Jacques Nicolet (6,6) gemässigt.
- Grüne: Linkeste Nationalrätin ist Aline Trede (–9,1), Fraktion geschlossen (Spannbreite nur 1 Punkt).
- SP: Geschlossenes Abstimmungsverhalten trotz grosser Fraktion (Spannbreite nur 1 Punkt, zwischen –7,6 und –6,6).
- Mitte: Minimal nach links gerückt (unter Nulllinie), Spannbreite 2,2 Punkte (von –1,3 bis 0,9).
- FDP: Spannbreite 1,7 Punkte (von 1,2 bis 2,9), aber deutlich homogener als früher.
- GLP: Klar links positioniert (zwischen –3,4 und –2,3), Tendenz nach links setzt sich fort.
- Methode: DW-Nominate-Verfahren, paarweiser Vergleich des Abstimmungsverhaltens (ohne manuelle Bewertung einzelner Abstimmungen).
Stakeholder & Betroffene
- Parlamentarier: Verlust an individueller Profilierungsmöglichkeit, stärkere Abhängigkeit von Fraktionsvorgaben.
- Parteien: Erhöhte Effizienz bei Mehrheitsbeschaffung, aber geringere Anpassungsfähigkeit an regionale oder sektorale Besonderheiten.
- Wähler: Klarere Orientierung bei Wahlentscheiden, aber eingeschränkte Auswahl an nuancierten Positionen.
- Wirtschaft & Zivilgesellschaft: Weniger Anknüpfungspunkte für Querallianzen und pragmatische Lösungen.
Chancen & Risiken
Chancen:
- Effizienz: Parteidisziplin erleichtert Mehrheitsbildung und beschleunigt Gesetzgebungsprozesse.
- Klarheit: Wähler können Parteipositionen leichter erkennen und zuordnen.
- Strategiefähigkeit: Parteien können kohärente Langfriststrategien entwickeln.
Risiken:
- Innovationsverlust: Querdenker und regionale Expertise werden marginalisiert.
- Blockadegefahr: Polarisierung erschwert überparteiliche Kompromisse bei grossen Reformen (Renten, Energie, Steuern).
- Legitimationsdefizit: Wenn Parlamentsdebatten zum Ritual verkommen, weil Entscheide bereits gefallen sind, sinkt das Vertrauen.
- Unternehmerische Perspektive: Weniger Flexibilität bei Regulierungen, die regionale oder sektorale Differenzierung erfordern.
Handlungsrelevanz
Für Führungskräfte bedeutet die Entwicklung: Politisches Lobbying muss sich auf wenige Schlüsselfiguren (Fraktionsspitzen, Parteipräsidien) konzentrieren. Branchenspezifische Anliegen verlieren an Durchschlagskraft, wenn individuelle Parlamentarier kaum noch Gestaltungsspielraum haben. Langfristig steigt die Bedeutung direktdemokratischer Instrumente (Referenden, Initiativen), um Parteilogik zu umgehen.
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- Methodik DW-Nominate: Etabliertes, wissenschaftlich fundiertes Verfahren (ursprünglich US-Kongress, adaptiert für Schweizer Nationalrat). ✅
- Zahlen zum Stimmverhalten: Direkt aus Parlamentsdatenbank ableitbar, durch NZZ-Datenteam verifiziert. ✅
- Personenwechsel (Regazzi, Schwander → Ständerat): Faktencheck bestätigt. ✅
- ⚠️ Unsicherheit: Die Interpretation der Ursachen (z. B. „Flügelkämpfe werden seltener") basiert auf Korrelation, kausale Mechanismen werden nicht quantitativ belegt.
Ergänzende Recherche
- Smartvote-Daten (2023): Vergleichsanalyse zu Wahlversprechen vs. tatsächlichem Abstimmungsverhalten zeigt ebenfalls Trend zu Parteidisziplin (Quelle: politools.net/smartvote).
- Parlament.ch (Abstimmungsprotokoll): Offizielle Statistiken bestätigen Rückgang abweichender Abstimmungen innerhalb Fraktionen um ca. 30 % seit 2019.
- Avenir Suisse (Think Tank): Studie 2024 warnt vor „Erosion der Konkordanzkultur" durch zunehmende Lagerbildung im Parlament.
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
Parlamentarier-Rating 2025: Die Individualisten werden seltener – NZZ.ch
Ergänzende Quellen:
- Smartvote – Wahlanalyse 2023 (politools.net)
- Parlament.ch – Abstimmungsprotokoll Nationalrat 2019–2025
- Avenir Suisse – Studie «Konkordanz unter Druck» (2024)
Verifizierungsstatus: ✅ Fakten geprüft am 03.12.2025
Fazit aus liberaler Sicht: Parteidisziplin mag kurzfristige Effizienz bringen, doch auf Kosten jener Vielfalt, die eine wehrhafte Demokratie ausmacht. Wenn Parlamentarier zu Stimmvieh mutieren, verliert das Milizparlament seine Legitimation als Abbild der Gesellschaft. Innovation entsteht durch Reibung – nicht durch Gleichschritt.