Kurzfassung

Nathalie Jamp, Schweizerin mit kamerunischen Wurzeln und Influencerin in Westafrika, wurde im Juni 2024 auf die EU-Sanktionsliste gesetzt – nicht wegen nachgewiesener Verbrechen, sondern aufgrund ihrer Kritik an französischer Neokolonialpolitik in Afrika. Sie kann nicht mehr in die Schweiz zurückkehren, ihre Bankkonten wurden eingefroren, und sie gilt als „russische Agentin", obwohl sie von Russland nie bezahlt wurde. Im Gespräch mit Alex Bauer von der Weltwoche offenbart sie die Absurdität dieser Sanktionen und ihre Vision für ein unabhängiges Afrika.

Personen

Themen

  • EU-Sanktionen gegen Schweizer Bürgerin
  • Französische Neokolonialpolitik in Afrika
  • Bankensanktionen und Kontenblockaden
  • Afrikanische Unabhängigkeit und Selbstbestimmung
  • Militärregierungen vs. westliche Demokratiemodelle
  • Russland-Afrika-Beziehungen
  • Medienfreiheit und Meinungsäusserung

Detaillierte Zusammenfassung

Sanktionen ohne Beweis

Nathalie Jamp wurde am 26. Juni 2024 auf die EU-Sanktionsliste der Russland-Sanktionen gesetzt, während sie in Afrika landete. Der offizielle Grund: Sie soll „nachdrücklich Russland unterstützen", die „von Russland vorgegebene Sprache" folgen und „Frankreich und den Westen vom afrikanischen Kontinent verdrängen" wollen. Allerdings gibt es keinen einzigen Beweis für finanzielle Verbindungen zu Russland – sogar französische Militärbehörden bestätigten dies. Der Sanktionsbeschluss basiert auf Hörensagen, Vermutungen und dem, was Jamp als „Gerüchteküche" bezeichnet.

Die Folgen der Sanktionen

Die Sanktionen haben katastrophale praktische Folgen. Jamp kann nicht durch den EU-Luftraum reisen – was für eine Schweizerin, die geografisch inmitten der EU sitzt, fatal ist. Sie kann ihre Schweizer Wohnung nicht betreten, ohne eingesperrt zu sein, da sie dann nicht mehr ausreisen könnte. Ihre Bankkonten wurden eingefroren oder geschlossen: Die Raiffeisenbank klassifizierte sie als „politisch exponierte Person" (PEP), obwohl sie nie ein Regierungsamt innehatte. PostFinance sperrte ihr Euro-Konto, Kreditkarten, TWINT und Apple Pay. Sie kann weder Netflix noch Amazon bezahlen, keine Flüge buchen, nicht in Hotels übernachten. Sie wurde, wie sie es nennt, „zivil tot" gemacht.

Die Schweizer Regierung versagt

Besonders brisant: Die Schweiz ist nicht Teil der EU, übernimmt aber deren Sanktionen im „voraushaltendem Gehorsam". Aussenminister Ignacio Cassis und der Bundesrat weigerten sich, Jamp zu schützen, obwohl Schweizer Recht vorsieht, dass nur vom Bundesrat übernommene Sanktionen gültig sind. Banken setzen sich über diese Regelung hinweg, ohne Konsequenzen zu fürchten. Jamp kann gegen die Sanktionen klagen, doch ein Prozess beim Europäischen Gericht dauert Jahre und kostet vermögen – Geld, das sie nicht hat, da ihre Konten gefroren sind. Selbst wenn sie gewinnt, kann die EU die Sanktionen einfach mit neuen Formulierungen erneuern.

Karriere in Afrika: Von HR-Management zur Politik

Jamp wurde 1968 in La Chaux-de-Fonds geboren, zog mit acht Jahren zu ihrer Schweizer Mutter nach Kamerun und studierte später in Deutschland Politikwissenschaft und Journalismus. Sie arbeitete zunächst als HR-Managerin für grosse multinationale Konzerne – Maersk, MTN – und baute eine erfolgreiche Karriere in Westafrika auf. 1999 bekam sie ihren Sohn in einem öffentlichen Krankenhaus in Kamerun zur Welt. 2015 beschloss sie, ihre Unternehmenskarriere aufzugeben und sich der Politik zu widmen.

Sie wurde Beraterin der Oppositionspartei von Professor Mamadou Koulibaly in der Elfenbeinküste. Koulibaly, ein liberaler Wirtschaftsprofessor und ehemaliger Finanzminister, gründete die Partei LIDER (Liberté et la Démocratie pour la République) als Gegenpol zum autoritären System. Jamp half bei dieser Gründung und machte sich als Oppositionsstimme einen Namen.

Der Gipfel in Sochi und die Eskalation

2019 wurde Jamp zum ersten Russland-Afrika-Gipfel in Sochi eingeladen, an dem etwa 50 Staatschefs teilnahmen. Als Oppositionspolitikerin erhielt sie sieben Minuten Redezeit. Sie nutzte diese, um Frankreichs Neokolonialismus in Afrika anzuprangern – das war der Moment, in dem Präsident Macron laut dem Bericht sehr wütend wurde. Später besuchte sie auch den Afrika-Gipfel 2023 in Sankt Petersburg.

Doch Jamp betont: Von Russland erhielt sie kein Geld. Sie war deutlich häufiger auf Konferenzen westlicher Stiftungen – der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Konrad-Adenauer-Stiftung – die sie regelmässig bezahlten. Von 49 Konferenzen in zehn Jahren waren nur sechs mit Russland verbunden.

Die Kritik an französischer Afrikapolitik

Jamps zentrale These: Frankreich praktiziert seit der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren ungebrochenen Neokolonialismus. Westafrika nutzt die CFA-Franc, eine von Frankreich kontrollierte Währung, die nicht von den Staaten selbst verwaltet wird. Frankreich trainiert afrikanische Armeen nicht wirklich, verweigert ihnen Waffen, aber finanziert gleichzeitig Rebellengruppen und Terroristen – um die Länder abhängig zu halten. Die französischen Militärstützpunkte in Mali, Tschad und anderswo sind keine Schutztruppen, sondern Besatzungstruppen.

Als afrikanische Länder begannen, sich Russland, China und dem Iran zuzuwenden, beschuldigte Frankreich sie der Zusammenarbeit mit „Agenten". Jamp sieht das als Heuchelei: Frankreich selbst war lange mit Wagner-Söldnern in Libyen stationiert. Die Beziehung zwischen Zentralafrikanischer Republik und Russland entstand, weil Frankreich Waffen verweigerte, obwohl es vertraglich dazu verpflichtet war.

Militärregierungen und afrikanische Selbstbestimmung

Jamp ist keine Gegnerin der Demokratie, sondern kritisiert die westliche Doppelmoral. Wahlen in Afrika seien oft „reine Komödie" – die Ergebnisse stehen fest, bevor gewählt wird, und Frankreich entscheidet letztlich, wer Präsident wird. In Kriegszeiten, wie aktuell in der Sahel-Zone, bevorzugt sie Militärregierungen, die afrikanische Interessen verfolgen, gegenüber zivilen Regierungen, die für Paris oder Washington arbeiten. Beispiele wie Jerry Rawlings in Ghana oder Thomas Sankara in Burkina Faso zeigen, dass militärische Umbrüche Reformen ermöglichten.

Sie lehnt Entwicklungshilfe kategorisch ab: Afrika habe alles – Öl, Gold, Uran, Lithium, Kobalt – was ihm fehle, seien patriotische Führungen. Statt Flucht übers Mittelmeer müssten Afrikaner in Afrika bleiben und ihre Länder verändern.

Persönliche Tragödie

Jamp lebt seit Dezember 2019 in Zug, Schweiz, wo sie 2024 ihre Residenz angemeldet hat und wählt. Doch die Sanktionen isolieren sie völlig. Sie kann ihre Mutter nicht besuchen, die dieses Jahr 80 wird. Sie kann ihren Sohn nicht sehen, dessen erstes Kind geboren wird. Sie kann ihre zahlreiche Familie in der Schweiz (Zug, Luzern, Zürich) nicht treffen. Sie ist faktisch eine Gefangene ausserhalb Europas.

Kernaussagen

  • Politische Sanktionen als Waffe: Die EU nutzt Sanktionen nicht gegen kriminelle Akte, sondern gegen politische Gegner – ohne Beweis, ohne Rechtsmittel, ohne formales Verfahren. Das ist nach Jamp eine kafkaeske Tyrannei.

  • Schweizer Versagen: Die Schweizer Regierung versagt beim Schutz ihrer Bürger. Sie übernimmt EU-Sanktionen, obwohl Schweizer Recht das verbietet, und weigert sich, Jamp zu unterstützen – obwohl sie nie verurteilt wurde.

  • Bankensanktionen als Kollateral: Schweizer Banken fungieren als Vollstrecker, ohne rechtliche Grundlage. PostFinance zeigte mehr Transparenz als private Institute, aber alle praktizieren de-facto Finanzkollaps der sanktionierten Person.

  • Französischer Neokolonialismus: Frankreich kontrolliert Westafrika durch Währung, Militär und Wahlen. Wer das kritisiert, wird als „russischer Agent" diffamiert.

  • Russland als Alternative, nicht als Meister: Jamp sucht Allianzen mit Russland, China, der Türkei, nicht aus Liebe zu diesen Ländern, sondern weil sie Afrika nicht kolonisiert haben und nicht ihre internen Angelegenheiten kontrollieren.

  • Militär gegen Korruption: In Kriegszeiten können Militärregierungen effektiver sein als korrupte zivile Regierungen, die westliche Interessen vertreten – siehe Rawlings, Sankara.

  • Die Botschaft der Sanktionen: Jamp wird nicht zum Schweigen gebracht, aber die EU will andere einschüchtern. Das Gegenteil passiert: Sie kämpft noch härter und inspiriert andere Kritiker.

  • Medienfreiheit ist unverhandelbar: Der Interview-Partner Alex Bauer betont: Obwohl er vielen ihrer politischen Positionen widerspricht, würde er sein Leben geben, damit sie unzensuriert sprechen darf.


Metadaten

Sprache: Deutsch
Transcript ID: 62
Dateiname: media.mp3
Original-URL: https://sphinx.acast.com/p/open/s/6270efa390efae00152faf31/e/69595c856446068fdc9a0ff1/media.mp3
Erstellungsdatum: 2026-01-04 15:05:01
Textlänge: 57.466 Zeichen