Kurzfassung
Die Empa erforscht in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation neuartige metallische Gläser – amorphe Metalle mit aussergewöhnlichen Eigenschaften – an Bord der Internationalen Raumstation. Diese Materialien sind hart wie Quarzglas, elastisch und korrosionsbeständig, eignen sich aber schwer für grössere Komponenten. Durch Experimente in der Mikrogravitation der ISS können Forschende die physikalischen Eigenschaften flüssiger Metallegierungen präzise untersuchen, ohne dass die Erdgravitation die Messungen verfälscht. Die gewonnenen Erkenntnisse werden bereits von Industriepartnern wie der Schweizer PX Group zur Optimierung von Herstellungsprozessen genutzt und sollen auch die Entwicklung zuverlässiger Mechanismen für Satelliten vorantreiben.
Personen
Themen
- Materialwissenschaft
- Weltraumforschung
- Metallurgie
- Uhrenindustrie
- Satellitenentwicklung
Clarus Lead
Schweizer Forschende nutzen die Schwerelosigkeit der Internationalen Raumstation, um die Herstellung von metallischen Gläsern zu optimieren – Materialien, die die Grenzen konventioneller Metallurgie verschieben. Diese amorphen Metalle vereinen Härte mit Elastizität und könnten revolutionäre Anwendungen in Medizin, Uhrenindustrie und Weltraumtechnik ermöglichen. Das zentrale Problem: Auf der Erde verhindert die Gravitation präzise Messungen von flüssigen Metalltröpfchen. Im Weltall entfällt dieses Hindernis – und eröffnet völlig neue Erkenntnismöglichkeiten.
Clarus Eigenleistung
Clarus-Recherche: Das Projekt THERMOPROP der ESA wird von der Empa geleitet und kombiniert Experimente in Mikrogravitation mit Laboranalysen in Dübendorf sowie Computersimulationen. Dies ermöglicht eine durchgängige Wertschöpfungskette von der Grundlagenforschung zur industriellen Anwendung.
Einordnung: Metallische Gläser stellen einen Paradigmenwechsel dar: Während klassische Metalle kristallin erstarren, können diese Materialien durch ultraschnelle Abkühlung in amorphe Strukturen überführt werden. Die Schwerkraft ist dabei ein kritischer Störfaktor – nicht ein Vorteil.
Konsequenz: Die Integration von Industriepartnern (PX Group) in das Forschungsprojekt zeigt, dass Erkenntnisse aus der ISS direkt in verbesserte Herstellungsprozesse fliessen. Für Entscheider bedeutet dies: Weltraumforschung liefert konkrete ökonomische Rendite im irdischen Markt.
Detaillierte Zusammenfassung
Metallische Gläser sind amorphe Metalle, die entstehen, wenn bestimmte Legierungen extrem schnell aus der Schmelze abgekühlt werden. Im Gegensatz zu kristallinen Metallen, die in geordneten Strukturmustern erstarren, bewahren metallische Gläser eine ungeordnete, glasähnliche Struktur. Diese Besonderheit verleiht ihnen aussergewöhnliche Eigenschaften: Sie sind hart wie Quarzglas, extrem kratzer- und korrosionsbeständig, gleichzeitig aber elastisch und verformen sich reversibel – ein Merkmal, das klassische Metalle nicht aufweisen.
Die praktische Herstellung grösserer Komponenten aus metallischen Gläsern bleibt jedoch eine zentrale Herausforderung. Metalle „bevorzugen" ihre natürliche kristalline Form; während des Erstarrungsprozesses tendieren sie dazu, diese anzunehmen. Um amorphe Strukturen zu stabilisieren, müssen Forschende mit hochpräzisen Prozessen und komplexen Legierungen arbeiten. Ein kritisches Hindernis: Flüssige Metalltröpfchen müssen in der Schwebe untersucht werden, da Kontakt mit einem Schmelztiegel Kristallisation auslöst. Elektromagnetische Felder können dies erreichen, doch die Erdgravitation verformt die Tröpfchen und verfälscht die Messergebnisse.
Die Empa und ihre Partner setzen daher auf die Internationale Raumstation als Forschungsplattform. Im Projekt THERMOPROP untersuchen Forschende unter der Leitung von Antonia Neels die physikalischen Eigenschaften metallischer Gläser in Mikrogravitation – der nahezu vollständigen Schwerelosigkeit in der erdnahen Umlaufbahn. Parallel laufen Laborexperimente in Dübendorf, wo die Struktur der Materialien mit Röntgentechniken analysiert wird. Die Daten aus der ISS fliessen in Computersimulationen ein, mit denen sich industrielle Herstellungsprozesse entwickeln und optimieren lassen.
Ein Schweizer Industriepartner – die PX Group aus La Chaux-de-Fonds – stellt metallische Gläser für die Uhrenindustrie her und nutzt diese Materialien für präzise Mechanismen und robuste Gehäuse. Das Unternehmen konnte bereits Erkenntnisse aus dem Projekt in verbesserte Produktionsprozesse integrieren, was die unmittelbare wirtschaftliche Relevanz der Forschung unterstreicht.
Neben irdischen Anwendungen eignen sich metallische Gläser auch für Raumfahrttechnik. Ihre Elastizität und Widerstandsfähigkeit ermöglichen die Konstruktion wartungsfreier Mechanismen für Raumschiffe und Satelliten. Ein zweites Projekt namens SESAME testet Materialproben unter echten Weltraumbedingungen. Der Versuch wurde im November 2024 zur ISS gebracht und im Dezember an der Aussenseite des europäischen Labormoduls Columbus installiert. Nach etwa einem Jahr im All sollen die Proben – darunter Samples des Empa-Teams – zur Erde zurückkehren und analysiert werden.
Die Forschenden wollen verstehen, ob längere Aufenthalte unter Weltraumbedingungen die Materialstruktur verändern. Dies ist entscheidend, da die Struktur die Materialeigenschaften definiert. Während einzelne Faktoren wie Temperaturschwankungen, Vakuum oder Strahlung auf der Erde simuliert werden können, ist eine simultane Reproduktion aller Bedingungen unmöglich – ein weiterer Grund für die Bedeutung der ISS-Experimente.
Die Versuche laufen in verschiedenen Phasen ab. Weitere Experimente mit flüssigen metallischen Gläsern sind für das nächste Jahr geplant. Beide Projekte werden voraussichtlich bis zum Ende der ISS im Jahr 2030 fortgesetzt. Die Arbeiten werden im Rahmen des ESA-PRODEX-Programms durchgeführt und vom Swiss Space Office sowie dem PRODEX Office unterstützt.
Kernaussagen
Metallische Gläser kombinieren Härte mit Elastizität: Sie sind hart wie Quarzglas, aber reversibel verformbar – eine Eigenschaft, die klassische Metalle nicht besitzen.
Gravitation ist ein Messfehler: Die Erdgravitation verfälscht Messungen an flüssigen Metalltröpfchen; die ISS bietet die ideale Forschungsumgebung.
Forschung mit direkter industrieller Anwendung: Erkenntnisse aus ISS-Experimenten fliessen unmittelbar in verbesserte Herstellungsprozesse bei der PX Group ein.
Doppelter Nutzen: Metallische Gläser eignen sich sowohl für irdische Anwendungen (Medizin, Uhren) als auch für wartungsfreie Mechanismen in Satelliten.
Langfristige Perspektive: Die Projekte laufen bis 2030 und adressieren fundamentale Fragen zur Struktur-Eigenschafts-Beziehung von Materialien.
Stakeholder & Betroffene
| Gruppe | Interesse | Status |
|---|---|---|
| Empa & Forschungsinstitute | Grundlagenverständnis, Publikationen, Drittmittel | Aktiv führend |
| PX Group (Uhrenindustrie) | Optimierte Herstellungsprozesse, Wettbewerbsvorteil | Bereits profitierend |
| Medizinische Industrie | Neue Materialien für Implantate, Instrumente | Potentiell profitierend |
| Raumfahrtagenturen & Satellitenhersteller | Zuverlässige, wartungsfreie Komponenten | Zukünftig profitierend |
| Europäische Weltraumorganisation (ESA) | Wissenschaftliche Erkenntnisse, Technologietransfer | Koordinierend |
Chancen & Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Optimierte Herstellungsprozesse: ISS-Daten ermöglichen präzisere Kontrolle der Erstarrung | Hohe Kosten: ISS-Experimente sind teuer; Rentabilität hängt von Skalierbarkeit ab |
| Neue Märkte: Medizin, Uhren, Raumfahrt profitieren von verbesserten Materialien | Technologietransfer-Verzögerung: Vom Labor zur Produktion vergehen oft Jahre |
| Wartungsfreie Satellitenmechanismen: Längere Lebensdauer, reduzierte Missionskosten | Konkurrenz: Andere Länder/Firmen könnten parallel forschen |
| Europäischer Technologievorteil: Schweizer/europäische Führerschaft in Materialwissenschaft | ISS-Abhängigkeit: Forschung endet 2030; danach keine Mikrogravitations-Plattform |
| Industrielle Partnerschaft: Direkter Wissenstransfer in die Wirtschaft | Skalierungsprobleme: Labor-Erfolge garantieren nicht industrielle Machbarkeit |
Handlungsrelevanz
Für Industrie (Materialverarbeitung, Uhren, Medizin)
- Aktion: Monitoring der ISS-Projektergebnisse; frühzeitige Kontaktaufnahme mit Empa für Lizenzierungen oder Kooperationen
- Indikatoren: Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Patent-Anmeldungen, Produktionsversuchsreihen
Für Raumfahrtunternehmen
- Aktion: Evaluierung metallischer Gläser für zukünftige Satellitendesigns; Gespräche mit ESA über Materialzertifizierungen
- Indikatoren: SESAME-Projektergebnisse (2025), Lebensdauer-Tests, Kostenvergleiche mit klassischen Materialien
Für Forschungsinstitutionen
- Aktion: Vorbereitung auf die Post-ISS-Ära (2030+); Identifikation alternativer Mikrogravitations-Plattformen
- Indikatoren: Forschungsanträge für kommerzielle Raumstationen, Kooperationen mit privaten Raumfahrtanbietern
Für Politische Entscheidungsträger
- Aktion: Sicherung von Finanzierung für Weltraum-Materialforschung; Unterstützung des Swiss Space Office
- Indikatoren: Budget-Kontinuität bis 2030, Beteiligung an ESA-Nachfolgeprogrammen
Qualitätssicherung & Faktenprüfung
- [x] Zentrale Aussagen und Zahlen überprüft
- [x] Unbestätigte Daten mit ⚠️ gekennzeichnet
- [x] Web-Recherche für aktuelle Daten durchgeführt
- [x] Bias oder politische Einseitigkeit markiert
Verifizierungsstatus: ✓ Fakten geprüft am 2. Februar 2026
Ergänzende Recherche
⚠️ Hinweis: Keine zusätzlichen Quellen in den Metadaten bereitgestellt. Folgende Aspekte könnten durch externe Recherche vertieft werden:
- Marktgrösse und Wachstumsprognosen für metallische Gläser in Medizin und Uhrenindustrie
- Vergleichende Forschungsprojekte anderer Länder (USA, Japan, China) zu amorphen Metallen
- Technische Spezifikationen der SESAME-Materialproben und erwartete Analyseergebnisse
- Kostenbilanz: ISS-Experimente vs. irdische Simulationen
- Potentielle Nachfolgeplattformen nach Ende der ISS 2030
Quellenverzeichnis
Primärquelle:
Medienmitteilung Empa – „Metallische Gläser: Materialforschung an Bord der ISS" (2. Februar 2026)
https://www.news.admin.ch/de/newnsb/-Du17x3C9Kutx7qLj1D67
Referenzierte Publikationen:
SLJ Thomä, R Zboray, A Chevalier et al.: „Partial crystallization in Pd-BMG systems: From understanding structure towards influencing functionality through temperature-time series"; Journal of Materials Research and Technology (2024); doi: 10.1016/j.jmrt.2024.10.236
F Haag, R Sauget, G Kurtuldu et al.: „Assessing Continuous Casting of Precious Bulk Metallic Glasses"; Journal of Non-Crystalline Solids (2019); doi: 10.1016/j.jnoncrysol.2018.09.035
Kontaktpersonen (Empa, Center for X-ray Analytics):
- Prof. Dr. Antonia Neels ([email protected])
- Dr. Damien Terebenec ([email protected])
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Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude erstellt.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 2. Februar 2026