Kurzfassung

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa argumentiert in seinem neuen Buch „Situation und Konstellation", dass moderne Gesellschaften Menschen zunehmend zu passiven Vollziehenden von Regeln machen, statt ihnen echtes Handeln zu ermöglichen. In einem Interview mit der Schweizer Radio SRF am 21. April 2026 illustriert Rosa den Unterschied anhand konkreter Beispiele: Während Handeln situatives Augenmass und Urteilskraft erfordert, reduziert Vollziehen komplexe Situationen auf starre Detailregeln. Diese Erosion von Spielräumen beobachtet Rosa in Kinderzimmern (Legobau), Behörden, Pflegeeinrichtungen und zunehmend auch in der politischen Auseinandersetzung.

Personen

  • Hartmut Rosa (Soziologe, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Direktor Max-Weber-Kolleg Erfurt)
  • Simon Hulliger (Moderator, SRF Tagesgespräch)

Themen

  • Handlung vs. Regelkonformität
  • Erosion von Spielräumen in Institutionen
  • Urteilskraft und Vertrauenskultur
  • Burnout und gesellschaftliche Erschöpfung
  • Populismus als Reaktion auf Ohnmacht

Clarus Lead

Rosa diagnostiziert einen kulturellen Wendepunkt: Dort, wo technische Systeme und Bürokratie Regeln verfestigen, verlieren Akteure die Fähigkeit zu situationsgerechtem Handeln. Das erklärt für ihn auch die wachsende Anziehung populistischer Führungsfiguren wie Donald Trump, die versprechen, sich von konstellativen Beschränkungen zu befreien. Gleichzeitig warnt Rosa vor einer falschen Dichotomie: Spielräume sind nicht grundsätzlich Privileg der Mächtigen – im Pflegesektor etwa würden starre Regelwerke beide Seiten (Pflegekräfte und Patienten) ohnmächtig machen. Die zentrale Hoffnung liegt in einer „Metasupervision", die Spielräume bei gleichzeitiger Kontrolle systematischer Ungleichbehandlung zurückgewinnt.


Detaillierte Zusammenfassung

Situation versus Konstellation: Die grundlegende Unterscheidung

Rosa definiert zwei Modi menschlichen Handelns. Handeln in einer Situation bedeutet, mit Augenmass und Urteilskraft auf die Komplexität einer Lage zu reagieren – beispielsweise ein Schiedsrichter, der je nach Spielstand, Spielminute und beteiligten Personen entscheidet, wie streng er Regelverletzungen ahndet. Sein Urteil prägt den Charakter des Spiels. Im Gegensatz dazu steht das Vollziehen in einer Konstellation: eine isolierte Detailregel wird technisch angewendet, unabhängig vom Kontext. Der Videoschiedsrichter, der auf eine eingefrorene Bildschirmszene starrt, um Abseitspositionen zu messen, kann nicht mehr handeln – er vollzieht nur noch. Diese Unterscheidung zieht sich durch alle Lebensbereiche.

Kindheit, Beruf, Alltag: Wo Spielräume verschwinden

Rosa illustriert den Trend anhand des Legospiels: Früher erhielten Kinder lose Bausteine und bauten intuitiv – das Ergebnis war Ausdruck ihrer Persönlichkeit und Erfahrung. Heute folgen sie präzisen Anleitungen für Fertigmodelle, die seelenlos wirken. Im Beruf beschreibt Rosa die Erfahrung einer Kollegin, die an der Bibliothekstheke eine Minute zu spät kam und das dringend benötigte Buch nicht erhalten konnte – nicht weil die Bibliothekarin hartherzig war, sondern weil ein technisches System um 12 Uhr verschloss. Ein persönliches Beispiel: Rosa kaufte im Internet ein Skipassen für den falschen Tag. Die Kassiererin am Skilift sympathisierte, konnte aber das Datum nicht ändern. Das System zwang ihn, eine neue Karte zu kaufen – 20 Prozent teurer. Die Kassiererin wurde zur Vollzieherin eines Systems, nicht zur Handelnden in einer Situation.

Das Paradox der Gerechtigkeit

Rosa akzeptiert, dass es gute Gründe für Regelkonformität gibt: Gleichbehandlung schützt Benachteiligte vor Willkür. Der Videoschiedsrichter verhindert, dass korrupte oder parteiische Schiedsrichter entscheiden. Aber er warnt vor einer Überdiagnose: Die Kollegin mit dem Buch wartet sechs Wochen Sommerferien – das ist nicht mehr gerecht, nur regelkonform. Im Pflegesektor zeigt sich das Problem akut. Die Schweizer Caritas formulierte Pflegebedürftigkeit in 22 strenge Module um und prescribierte für jede Person exakte Handlungsabläufe und Zeitbudgets. Ergebnis: Pflegekräfte konnten nicht mehr auf tatsächliche Bedürftigkeit (fehlendes Brot, eine weinende Patientin, eine hungernde Katze) reagieren. Beide Seiten wurden depressiv. Rosa unterscheidet daher zwischen konstellativer Gerechtigkeit (alle gleich) und situativer Gerechtigkeit (angemessen für diese Lage). Beide haben ihren Platz – aber moderne Systeme haben die Balance verloren.

Populismus als Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit

Rosa verweist auf die politische Dimension: Die Reduktion komplexer Krisen auf Ja-Nein-Fragen (Waffenlieferungen Ukraine? Wärmepumpen-Heizung?) ist konstellative Engführung. Sie beraubt Akteure der Möglichkeit, situativ zu handeln. Diese gefühlte Ohnmacht, so Rosa, erklärt den Aufstieg von Trump und des Brexit-Slogans „Take Back Control". Trump verspricht, sich keiner Konstellation (internationalem Vertrag, Gerichtsbeschluss, parlamentarischer Norm) zu unterwerfen – nur seiner eigenen Urteilskraft zu folgen. Darin liegt der emotionale Appell: Endlich wieder handeln, nicht nur vollziehen. Rosa warnt jedoch: Trump zerstört Situationen, statt Spielräume angemessen zu nutzen, und mangelnde Urteilskraft wird dabei zum Risiko.

Vertrauenskultur als Ausweg

Rosa plädiert für eine "Hermeneutik des Vertrauens" statt systematischen Misstrauens. Statt alle Spielräume abzuschaffen, sollten Akteure (Beamte, Pflegekräfte, Lehrer) situative Verantwortung tragen – Verantwortung für die Situation, nicht nur für Regeleinhaltung. Gleichzeitig braucht es Metasupervision: Systeme, die nicht einzelne Handlungen überwachen, sondern systematische Ungleichbehandlung erkennen (z. B. wenn Lehrer Jungs konsequent bevorzugen). Die Caritas Hochein bewies, dass dies funktioniert: Mit neuem Pflegemodell („Istzeitpflege") bekamen Pflegekräfte mehr Spielraum, Kosten sanken nicht, Zufriedenheit stieg.


Kernaussagen

  • Moderne Systeme verwandeln Handelnde in Vollziehende, indem sie komplexe Situationen auf starre Detailregeln reduzieren.
  • Spielräume sind nicht grundsätzlich Privileg der Mächtigen – starre Regelwerke schaden auch Schwachen (Beispiel: Pflegesektor).
  • Der Aufstieg populistischer Führungsfiguren speist sich aus der Sehnsucht nach Handlungsfähigkeit und Kontrolle über Situationen.
  • Situative Gerechtigkeit und konstellative Gerechtigkeit sind beide notwendig; die Balance ist verloren gegangen.
  • Eine neue Vertrauenskultur mit Metasupervision statt totaler Regelkontrolle könnte Spielräume zurückgewinnen.

Kritische Fragen

(a) Evidenz / Datenqualität / Quellenvalidität

  1. Rosa stützt sich auf anekdotische Beispiele (Skilift, Bibliothek, Videoschiedsrichter). Gibt es empirische Studien, die zeigen, dass der Verlust von Spielräumen tatsächlich Burnout und Populismus im statistisch signifikanten Sinne erklären kann?

  2. Das Caritas-Hochrein-Beispiel wird als Erfolgsmodell präsentiert. Welche Kontrollgruppen oder Langzeitdaten belegen, dass „Istzeitpflege" nachhaltig kostenneutral und zufriedenheitssteigernd ist?

(b) Interessenkonflikte / Anreize / Unabhängigkeit

  1. Rosa kritisiert Spielraumverlust, warnt aber auch vor Missbrauch durch Mächtige. Wer definiert in der Praxis, wann Spielräume „situationsangemessen" genutzt werden und wann nicht? Besteht die Gefahr, dass „Metasupervision" selbst zu einer Kontrolltechnologie wird?

  2. Rosas Unterscheidung zwischen Trump als „Situationen zerstörendem" Akteur versus legitimer Spielraumnutzung – wie vermeidet man, dass diese Kategorisierung normativ geprägt ist?

(c) Kausalität / Alternativen / Gegenhypothesen

  1. Rosa sieht in der Erosion von Spielräumen eine Ursache für Populismus. Könnten nicht auch Desinformation, Einkommensungleichheit oder geopolitische Unsicherheit stärker wirken? Welche empirischen Tests würden zwischen diesen Hypothesen unterscheiden?

  2. Können komplexe moderne Gesellschaften (Gesundheitssystem, Flugverkehr, Finanzmarkt) überhaupt noch auf Grundvertrauen und Urteilskraft statt auf Standardisierung basieren, ohne Sicherheitsrisiken zu schaffen?

(d) Umsetzbarkeit / Risiken / Nebenwirkungen

  1. Rosa fordert „kulturelle Umschulung" zu einer Hermeneutik des Vertrauens. Wie konkret funktioniert das in einer pluralen Gesellschaft, in der Gruppen unterschiedliche moralische Massstäbe haben?

  2. Wenn Spielräume zurückgegeben werden, wie wird verhindert, dass regional, geschlechtlich oder ethnisch systematische Ungleichbehandlung entsteht – also genau die Risiken, die Regelwerk-Standardisierung ursprünglich lösen sollte?


Weitere Meldungen

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Quellenverzeichnis

Primärquelle: Tagesgespräch Radio SRF (21. April 2026) – Interview mit Hartmut Rosa, Moderator Simon Hulliger. Audio: download-media.srf.ch

Referenzwerk (im Interview genannt): Rosa, Hartmut: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums (2026)

Verifizierungsstatus: ✓ 21.04.2026


Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 21.04.2026