Kurzfassung

Die Schweizer Detailhandelsketten vermarkten aggressiv «High-Protein»-Produkte als Gesundheitstrend – vom Joghurt bis zum Schokoladeriegel. Gleichzeitig zeigen Daten des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit (BLV) aus der Ernährungserhebung menuCH, dass die Schweizer Bevölkerung im Durchschnitt bereits mehr Eiweiss konsumiert als die offizielle Empfehlung von 0,8 g/kg Körpergewicht vorsieht. Die Branche verlangt Aufschläge von 50 bis 339 Prozent für diese Mehrwertprodukte. Fachgesellschaften und Ernährungsexperten kritisieren die Marketingbotschaft als irreführend, da gesunde Erwachsene keinen zusätzlichen Eiweisskonsum benötigen.

Personen

Themen

  • Proteinkonsum und Ernährungswissenschaft
  • Lebensmittelmarketing und Konsumentenschutz
  • Preisgestaltung im Detailhandel
  • Regulierung von Gesundheitsaussagen

Clarus Lead

Der Protein-Hype offenbart eine fundamentale Marktlogik: Während das Bio-Segment schrumpft, erschliessen sich Detailhändler neue Gewinnmargen durch Etiketten-Neupositionierung bestehender Produkte. Die BLV-Daten zur menuCH-Erhebung zeigen ein kritisches Mismatch zwischen Marketingzielgruppe (junge, fitnessaffine Konsumenten) und tatsächlichem Versorgungsbedarf (ältere Menschen, bei denen fast 50 % der über 65-Jährigen unterversorgt sind). Dies wirft Fragen zur Transparenzpflicht und Margenpolitik auf – ein Feld, das bislang kaum reguliert wird.


Detaillierte Zusammenfassung

Die Marktentwicklung und die rechtliche Grundlage

Protein-Produkte sind vom Nischensegment zur Mainstream-Kategorie aufgestiegen. Migros, Coop, Aldi, Lidl und Emmi bauten zwischen 2018 und 2025 ihre Sortimente um ein Vielfaches aus; Emmi meldet zweistelliges Prozentwachstum beim Segment Energy Milk, während der Gesamtjoghurtmarkt schrumpft. Rechtlich benötigt ein Produkt mindestens 20 Prozent des Gesamtbrennwerts aus Eiweiss für die Auslobung «High Protein», 12 Prozent für «Proteinquelle». Diese Schwellen erreichen natürlicherweise bereits Magerquark (11–13 g/100 g), Linsen (9 g), Eier (13 g) oder magerer Fisch (18–22 g). Bei hochverarbeiteten Produkten – Proteinbroten, Riegeln, Drinks – wird Eiweisskonzentrat aus Molke, Weizen, Soja oder Lupinen zugesetzt. Das Resultat: hochverarbeitete Lebensmittel mit ähnlich vielen oder mehr Kalorien als das Original, aber zu deutlich höheren Preisen.

Die epidemiologische Realität: Überversorgung statt Mangel

Die BLV-Auswertung von menuCH zeigt, dass Schweizer Frauen durchschnittlich 1,10 g Protein pro kg Körpergewicht, Männer 1,23 g konsumieren – beide Werte liegen über der SGE-Empfehlung von 0,8 g/kg für gesunde Erwachsene. Allerdings verdecken Mittelwerte eine relevante Streuung: 26,8 % der Bevölkerung unterschreiten die Empfehlung. Besonders auffällig ist die Situation bei über 65-Jährigen: 48,5 % der Frauen und 51,8 % der Männer konsumieren trotz erhöhtem Bedarf (1,0 g/kg zur Prävention von Sarkopenie) zu wenig Eiweiss. Gleichzeitig nehmen 4,5 % mehr als 2 g/kg zu sich – eine Menge, die bei Daueraufnahme laut BLV zu Nierenschäden führen kann. Mit anderen Worten: Es existiert eine Versorgungslücke, aber sie betrifft nicht die Zielgruppe des Marketings.

Fachliche Konsistenz: Ein unerwarteter Konsens

Quer durch Schweizer und deutsche Fachgesellschaften ergibt sich ein bemerkenswert einheitliches Bild. Nadia Leuenberger (BFH) bezeichnet High-Protein-Produkte für gesunde Erwachsene als nicht erforderlich; Stéphanie Bieler (SGE) bestätigt, dass die Schweizer Lebensmittelpyramide bereits ohne diese Produkte zu Überversorgung führt. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) verdeutlicht dies konkret: Drei bis vier Scheiben Vollkornbrot, ein Viertelliter Milch, ein Becher Joghurt, Kartoffeln und ein Stück Fisch ergeben rund 60 Gramm Eiweiss – bereits das Doppelte des Tagesbedarfs einer 60-Kilo-Frau. Soraya Laurenza (CSS) und Doc Esser (WDR) unterstreichen, dass mit abwechslungsreicher Ernährung der Bedarf «problemlos» gedeckt wird; «Shakes und Riegel» seien allenfalls bei «intensiver Kraftbelastung» sinnvoll.

Die Preisarchitektur: 50 bis 339 Prozent Aufschlag

Die Konsumentenmagazine Kassensturz (SRF) und K-Tipp dokumentierten erhebliche Preisdifferenzen:

  • Snickers High Protein (Lidl): 339 % teurer als die klassische Variante
  • Aldi-Mozzarella proteinangereichert: über 100 % Aufpreis
  • Emmi Energy Milk High Protein: rund 60 % Aufpreis gegenüber Standard-Variante
  • Coop High-Protein-Milch: 2.50 CHF/Liter vs. 1.55 CHF für normale Milch

Detailhändler begründen die Differenzen mit «höherem Verarbeitungsaufwand» und zusätzlichen Kosten. Konsumentenschützer wie Josianne Walpen (Stiftung für Konsumentenschutz) sprechen dagegen von einer Strategie zur Margenausweitung hinter dem «Vorwand, die Gesundheit zu fördern». Marketingexperte Stefan Vogler bestätigt, dass Hersteller gezielt ausloten, welchen Aufpreis für gesund konnotierte Produkte durchsetzbar ist.

Die Schattenseiten: Zucker, Zusatzstoffe, Gesundheitsrisiken

Ein zweiter Widerspruch liegt im Gesundheitsanspruch selbst. Die deutsche Stiftung Warentest fand, dass einige Proteinbrote mehr Kalorien enthalten als ihre unangereicherten Originale. Hinzu kommen Zusatzstoffe, Süssstoffe und teils erhebliche Zuckermengen bei Drinks und Riegeln. Ernährungsberaterin Ioana Chelemen (Watson, Juli 2025) warnt, dass viele dieser Produkte stark verarbeitet sind und kaum Ballaststoffe sowie Mikronährstoffe enthalten. Aus medizinischer Perspektive dokumentieren Fachgesellschaften zwei Risiken:

  1. Nierenfunktion: Bei dauerhafter Aufnahme von über 2 g/kg Körpergewicht können schädliche Effekte auf die Nieren nicht ausgeschlossen werden; bei Vorschädigungen ist eine Verschlechterung wahrscheinlich.
  2. Insulinsensitivität: Eine Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) zeigte bei Übergewichtigen unter sehr hoher Eiweisszufuhr eine verminderte Insulinsensitivität – ein Typ-2-Diabetes-Risikofaktor.

Fazit: Für gesunde Erwachsene sind High-Protein-Produkte gesundheitlich neutral bis irrelevant; für Menschen mit Nieren- oder Diabetes-Vorerkrankungen können sie nachteilig sein.

Natürliche Alternativen: Günstiger und wirksamer

Wer Eiweiss aus einheimischen Quellen bezieht, findet kostengünstige Optionen ohne «High-Protein»-Label: Magerquark (11–13 g/100 g), Skyr (ähnlich), Eier (13 g), Linsen gekocht (9 g), Tofu (12–15 g), Kichererbsen (8 g), Magerfisch (18–22 g), Geflügel (23 g), Hartkäse wie Sbrinz oder Greyerzer (bis 28 g/100 g). Eine Scheibe Appenzeller liefert bereits rund 10 Gramm Eiweiss. Pflanzlich sind Haferflocken, Quinoa, Buchweizen und Hülsenfrüchte ergiebig; kombiniert mit Getreide oder Milchprodukten steigt die biologische Wertigkeit. Eine ältere Person oder Sportlerin mit erhöhtem Bedarf kann diesen zu einem Bruchteil des Preises eines Proteinpuddings oder -shakes mit Standardlebensmitteln decken.


Kernaussagen

  • Die Schweizer Bevölkerung übersteigt im Durchschnitt bereits ohne High-Protein-Produkte die SGE-Empfehlung von 0,8 g/kg Körpergewicht.
  • Die rechtliche Schwelle von 20 % Brennwertanteil für «High Protein» wird von vielen unverarbeiteten Lebensmitteln wie Linsen oder Magerquark ohnehin erreicht.
  • Dokumentierte Aufpreise liegen zwischen 50 und 339 Prozent; die höchste Differenz zeigt die Snickers-Variante bei Lidl.
  • Die einzige klar erkennbare Versorgungslücke betrifft Personen über 65 Jahre (fast 50 % unterversorgt), die das Marketing am wenigsten anspricht.
  • Dauerhaft hohe Eiweisszufuhr (über 2 g/kg) birgt dokumentierte Risiken für Nierenfunktion und Insulinsensitivität; bei Vorerkrankungen ist Vorsicht geboten.
  • Fachgesellschaften (SGE, BFH, DGE) sind ungewöhnlich einig: Für gesunde Erwachsene sind diese Produkte nicht erforderlich.

Kritische Fragen

  1. Datenqualität und Transparenz: Auf welcher detaillierten Kalkulationsbasis begründen Migros, Coop und Emmi die dokumentierten Aufpreise – existieren transparente, unabhängig verifizierbare Aufstellungen zu «Verarbeitungs- und Entwicklungskosten», oder wird nach «Pricing-to-Willingness-to-Pay» kalkuliert?

  2. Interessenskonflikte und Unabhängigkeit: Wie unabhängig sind ernährungsbezogene Empfehlungen in den hauseigenen Publikationen der Detailhändler oder in durch die Industrie ko-finanzierten Studien – existieren Interessenskonflikte bei der Bewertung von Proteinprodukten?

  3. Kausalität und Marktmechanismen: Welcher Anteil des dokumentierten Konsumwachstums (2018–2025) geht auf tatsächlich veränderten Bedarf zurück, welcher auf Marketing, Social-Media-Influencer-Kampagnen und Verpackungspsychologie?

  4. Gegenhypothese und Wirtschaftlichkeit: Warum wird eine vergleichbar intensive Marketingoffensive für natürliche Proteinquellen (Linsen, Skyr, Eier, Hartkäse) nicht im selben Umfang betrieben – sind diese ökonomisch nicht tragfähig, oder liegt ein gezielter Fokus auf hochverarbeiteten, margenstärkeren Produkten vor?

  5. Verbraucherinformation und Umsetzbarkeit: Wie könnten Verpackungskennzeichnungen verbessert werden, damit Konsumenten den tatsächlichen Mehrwert eines angereicherten Produkts gegenüber dem unverarbeiteten Vergleichsprodukt in unter 10 Sekunden erfassen können?

  6. Risikoverantwortung: Welche Verantwortung tragen Detailhändler bei der Vermarktung von Süsswaren (Schokoriegel, Pudding) als «gesund» – insbesondere mit Blick auf Kinder und Jugendliche, deren Eiweisskonsum laut menuCH-Kids ohnehin als hoch ausgewiesen wird?

  7. Regulatorische Lücke: Sollte das BLV einen verbindlichen, transparenten Vergleichswert für die Auslobung «proteinreich» einführen, der den messbaren Mehrwert gegenüber dem unverarbeiteten Referenzprodukt offenlegt?

  8. Verteilungsgerechtigkeit: Wenn die einzige epidemiologisch relevante Versorgungslücke die ältere Bevölkerung betrifft – warum richtet sich das Marktangebot fast ausschliesslich an junge, wohlhabende, fitnessorientierte Konsumenten statt an Senioren, die tatsächlich profitieren würden?


Quellenverzeichnis

Primärquelle:

Der grosse Protein-Bluff: Warum die Schweiz schon zu viel isst – und trotzdem mehr kauft – clarus.news, Thierry Leserf, 8. Mai 2026

Ergänzende Quellen:

  1. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): «Proteinkon