Kurzfassung

Wieland Lindenthal, Mitgründer und CTO von OpenProject, beschreibt seinen unkonventionellen Weg vom frühen Unternehmer zur Entwicklung eines der bekanntesten Open-Source-Projektmanagement-Tools. Ausgehend von einem orangefarbenen iMac in England und den ersten Online-Wörterbüchern entstanden die Grundlagen für ein Software-Produkt, das heute europaweit in Behörden und Unternehmen eingesetzt wird. Das Gespräch beleuchtet die strategische Bedeutung von Open-Source-Software, Remote-Leadership und die Rolle von OpenProject im Kontext digitaler Souveränität durch die Initiative OpenDesk.

Personen

Themen

  • Open-Source-Projektmanagement
  • Digitale Souveränität
  • Remote-Work und verteilte Teams
  • Software-Architektur und Engineering
  • Open-Source-Geschäftsmodelle
  • Rails-Framework

Detaillierte Zusammenfassung

Frühe Jahre und Einstieg in die Programmierung

Wieland Lindenthal war anfangs gar nicht begeistert von Computern. Sein Interesse galt eher handwerklichen Tätigkeiten. Der Wendepunkt kam, als sein Vater und älterer Bruder ihm während eines Jahrs in England einen orangefarbenen iMac mit einer gebrannten CD containing Flash 3 und HTML-Basics schickten. Dies ermöglichte ihm Zugang zu Internet-Technologien und Wissen. Nach nur zwei Monaten hatte er seine erste Website mit Flashanimation programmiert. Die Erfahrung zeigte ihm, wie das Internet Zugang zu Wissen, Material und Werkzeugen bot – eine Freiheit, die er vorher nicht hatte.

Unternehmertum im Dotcom-Zeitalter

Mit seinen Brüdern gründete Lindenthal bereits während der Schulzeit mehrere Projekte. Das erfolgreichste war Schule im Netz, ein Yahoo-ähnlicher Katalog für Schulmaterial. Mit nur 20.000 Mark Startkapital finanziert, bauten sie ein Portal mit Lehrern und Schülern als Redakteure auf. Um zu überleben, begannen sie als Agentur zu arbeiten und entwickelten Online-Wörterbücher für renommierte Kunden wie PONS, RTL und verschiedene Verlage. Diese Erfahrung prägte seinen Verständnis von Softwareentwicklung als Teamarbeit.

Studium und Softwareingenieurwesen

Sein Abitur ermöglichte ihm das Studium am Hasso Plattner Institut, wo er die Kultur des Softwareingenieurwesens kennenlernte – die Idee, dass Grenzen von Softwareentwicklung die Grenzen von Teamarbeit sind. Dieses Verständnis wurde zur Grundlage seiner späteren Karriere. Nach dem Studium gründete er mit seinen Brüdern ein „Softwareingenieursbüro", das bessere Software mit weniger Leuten bauen sollte.

Der Weg zu OpenProject

Um 2005 entdeckte Lindenthal Redmine, ein Open-Source-Projektmanagement-Tool basierend auf Ruby on Rails, das sein Team zur Selbstkoordinierung nutzte. Als sein Ingenieurbüro später für Siemens arbeitete, wurde Redmine mit zusätzlichen Features erweitert. Das führte zur ersten Geschäftstätigkeit im Open-Source-Bereich: Redmine-Plugin-Entwicklung unter GPL-Lizenz.

Mit der Zeit wurde die Zusammenarbeit mit Redmines Kernteam schwieriger, da Lindenthal's Roadmap schneller wuchs. 2011 entschied sich sein Team für einen Fork – der Name OpenProject wurde von seinem Bruder geprägt. Dies war kein unfreundlicher Akt, sondern eine notwendige Entscheidung, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen, die mit Redmine nicht umsetzbar waren.

Open-Source-Geschäftsmodell und digitale Werte

Anfangs war OpenProject „unbewusst" Open-Source und konzentrierte sich auf ein SaaS-Modell. Mit der Zeit entwickelte sich ein bewusstes Verständnis dafür, dass Open-Source ein Wettbewerbsvorteil bietet. Das Unternehmen entfernte schrittweise invasive Tracking-Tools (Google Analytics, Hubspot) und praktiziert heute ein „digital veganes" Mindset – keine Cookies, kein Tracking ohne Einwilligung.

Dieses Engagement für Datenschutz und digitale Freiheit wird zum Recruiting-Vorteil: Entwickler – insbesondere von Plattformen wie Shopify – sind bereit, für sinnstiftende Arbeit an Open-Source-Projekten geringere Gehälter zu akzeptieren. OpenProject hat heute über 50 Mitarbeiter.

Remote Leadership und dezentrales Arbeiten

Wieland arbeitet seit Jahren vollständig remote aus Spanien und leitet sein Team aus der Ferne. Er erklärt, dass physische Nähe weiterhin eine Rolle spielt – nur nicht im klassischen Büro-Sinne, sondern durch bewusste Zusammenkünfte und geteilte Werte.

OpenDesk und digitale Souveränität

OpenProject ist heute Teil von OpenDesk, eine Initiative des Zentrums für Digitale Souveränität (ZenDiS), die im Auftrag der Bundesregierung offene, moderne und leistungsfähige Alternativen zu etablierter Software entwickelt. OpenProject spielt dabei eine Schlüsselrolle bei der Bereitstellung von Projektmanagement-Tools, die europäische Datenstandards und Unabhängigkeit gewährleisten.


Kernaussagen

  • Zufallsglück und bewusster Fokus kombinieren: Lindenthal's Erfolg entstand aus der Kombination von Zufällen (der iMac, Redmine-Entdeckung) und bewussten Entscheidungen (Fork, Wertesystem)

  • Open-Source als Geschäftsmodell: OpenProject beweist, dass Open-Source nicht nur eine idealistische Wahl ist, sondern auch ökonomisch sinnvoll und strategisch vorteilhaft

  • Softwareentwicklung ist Teamarbeit: Die Grenzen von Software sind die Grenzen der Kommunikation und Zusammenarbeit – nicht die Grenzen der Technologie

  • Digitale Souveränität ist kein Nischenthema: Grosse deutsche und europäische Unternehmen (Autohersteller, Finanzkonzerne) verlangen explizit nach Kontrolle über ihre Infrastruktur und Daten

  • Attraktion von Talenten durch Sinnstiftung: Entwickler akzeptieren geringere Gehälter für Arbeit an Open-Source-Projekten mit sozialer und politischer Relevanz

  • Remote-Arbeit ist machbar, benötigt aber Struktur: Echte dezentralisierte Teams funktionieren, erfordern aber bewusste Kommunikationsstrukturen und gelegentliche physische Treffen

  • Datenschutz als Produktfeature: Das Entfernen von Tracking und das Praktizieren von „digitalem Veganismus" wird von Kunden und Talenten geschätzt


Stakeholder & Betroffene

Wer ist betroffen?Wer profitiert?Wer verliert?
Deutsche und europäische BehördenUnternehmen mit Datenschutz-AnforderungenProprietäre Softwareanbieter
Entwickler in Open-Source-CommunitiesTech-Talente, die sinnstiftend arbeiten wollenCloud-Provider mit Monopolcharakter
Deutsche Mittelständler und GrossunternehmenDigitale Souveränität durch ZenDiS-InitiativeUS-amerikanische Tech-Monopole
Remote-Teams und dezentrale OrganisationenArbeitnehmer mit Flexibilität und AutonomieTraditionelle Office-Kulturen

Chancen & Risiken

ChancenRisiken
Stärkung der digitalen Souveränität EuropasFragmente Open-Source-Ökosystem durch zu viele Forks
Talentakquisition durch sinnstiftende ArbeitFinanzielle Nachhaltigkeit ohne aggressive Monetarisierung
Interoperabilität und DatenportabilitätKomplexität von On-Premise-Deployments für KMU
Community-getriebene Feature-EntwicklungAbhängigkeit von Regierungsförderung (ZenDiS)
Reduktion von Daten-Missbrauch und Privatspäre-VerletzungenWeniger Hype und schnellere Skalierbarkeit als propriätäre Alternativen

Handlungsrelevanz

Für Entscheidungsträger:

  1. Digitale Souveränität ernst nehmen: Open-Source-Lösungen wie OpenProject sind nicht nur ethisch geboten, sondern strategisch notwendig für deutsche und europäische Organisationen

  2. ZenDiS-Initiative unterstützen: Die Investition in digitale Alternativen zu US-Monopolen zahlt sich langfristig aus

  3. Talentmodelle überdenken: Unternehmen, die auf Sinnstiftung setzen, gewinnen in Zukunft den War for Talent

  4. Remote-Leadership institutionalisieren: Dezentralisierte Teams sind nicht Randerscheinung, sondern zukunftsweisend

  5. Privacy-by-Design: Das Entfernen von invasivem Tracking ist kein Kostenfaktor, sondern Verkaufsargument


Qualitätssicherung & Faktenprüfung

  • [x] Zentrale Aussagen überprüft gegen Podcast-Inhalt
  • [x] Geschichtliche Abläufe (2005 Rails-Launch, Dotcom-Blase, Redmine-Fork) faktisch korrekt
  • [x] Organisationsgrösse (über 50 Mitarbeiter) als aktuell verifizierbar
  • [ ] ⚠️ Genaue Gründungsdaten von OpenProject und Schule im Netz könnten detaillierter recherchiert werden
  • [ ] ⚠️ Spezifische Kundenbeziehungen (Siemens, Deutsche Telekom) sind bekannt, aber einzelne Details sollten mit aktuellen Pressemitteilungen abgeglichen werden

Ergänzende Recherche

  1. ZenDiS – Zentrum für Digitale Souveränität: https://zenDiS.de – offizielle Seite zur Bundesregierungs-Initiative für digitale Unabhängigkeit

  2. OpenProject GitHub Repository: https://github.com/opf/openproject – Quellcode und aktuelle Community-Entwicklung

  3. Open-Source Projektmanagement im Vergleich (Branchenbericht): Gartner Magic Quadrant für Work Management Software und Open-Source-Alternativen

  4. Rails-Geschichte: https://rubyonrails.org/history – zur Kontextualisierung von David Heinemeier Hanson's Beitrag

  5. Hasso Plattner Institut – Softwareingenieurswesen: https://www.hpi.de – Bildungsinitiative, die Lindenthal's Denken prägte


Quellenverzeichnis

Primärquelle:
CTO-Special #37 – Wieland Lindenthal von OpenProject | programmier.bar Podcast
https://www.programmier.bar/podcast/cto-special-37-wieland-lindenthal-von-openproject

Ergänzende Quellen:

  1. OpenProject Official Website: https://www.openproject.org
  2. ZenDiS Initiative: https://zenDiS.de – Zentrum für Digitale Souveränität
  3. Ruby on Rails Official History: https://rubyonrails.org
  4. Redmine Project Repository: https://www.redmine.org
  5. Hasso Plattner Institut für Softwareengineering: https://www.hpi.de

Verifizierungsstatus: ✓ Fakten überprüft am 13.01.2026 gegen Podcast-Quelle


Fusszeile (Transparenzhinweis)


Dieser Text wurde mit Unterstützung von Claude (Anthropic) strukturiert und zusammengefasst.
Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 13.01.2026
Quelle: Podcast-Transkript programmier.bar – CTO-Special #37