Stadtzürcher Steuerwunder 2.0: Viel Geld, viel Moral, viel Minus
am 10. März 2016 schrieb Christina Neuhaus in der NZZ sinngemäss: Zürich steckt nicht in einer Wachstumsfalle, Zürich profitiert von seinem Wachstum. Zehn Jahre später lässt sich festhalten: Die Stadt ist seither nicht implodiert, sondern weitergewachsen — auf 452’421 Einwohnerinnen und Einwohner per Ende 2025. Das sind gegenüber den 410’404 aus dem damaligen Text gut 42’000 Menschen mehr, also praktisch noch einmal ein mittleres Städtchen obendrauf. Zürich ist damit weiterhin vor allem eines: sehr beliebt, sehr voll und sehr überzeugt davon, dass beides ein Qualitätsmerkmal sei.
Auch politisch hat die Stadt gerade bekräftigt, dass sie an diesem Modell festhalten möchte. Bei den Wahlen vom 8. März 2026 verteidigten SP, Grüne und AL im Gemeinderat ihre knappe Mehrheit mit 63 von 125 Sitzen; die SP legte vier Sitze zu, FDP und SVP je zwei, während Grüne und GLP verloren und die EVP aus dem Parlament zu fallen droht. Im Stadtrat wurde die Regierung sogar noch grüner: Die Grünen holten mit Balthasar Glättli einen dritten Sitz auf Kosten der FDP. Und beim Stadtpräsidium leistet sich Zürich noch den typisch zürcherischen Luxus eines zweiten Wahlgangs am 10. Mai, obwohl Raphael Golta klar vorne liegt. Bürokratie kann hier eben sogar dann elegant sein, wenn sie überflüssig wirkt.
Die spannende Frage ist aber nicht, wer wen überholt hat, sondern ob das alte «Steuerwunder» noch lebt. Die kurze Antwort: ja, und zwar ziemlich robust. 2024 nahm die Stadt insgesamt 3,7163 Milliarden Franken Steuern ein. Davon entfielen 2,2416 Milliarden auf natürliche Personen, 966,1 Millionen auf juristische Personen und 508,6 Millionen auf übrige Steuern. Für 2026 budgetiert die Stadt sogar 3,8911 Milliarden Franken. Das ist keine Wachstumsfalle, das ist eine Wachstumsmaschine mit sehr ordentlichem Kassenbon.
Noch hübscher wird es beim Blick auf die Steuerkraft. Der Steuerfuss bleibt bei 119 Prozent. Die Steuerkraft pro Kopf lag 2024 bei 6163 Franken und ist für 2026 mit 6380 Franken veranschlagt. Gleichzeitig sieht das Budget 2026 im Posten Finanz- und Lastenausgleich 434,4 Millionen Franken vor; die Stadt begründet das ausdrücklich mit ihrer überdurchschnittlichen Finanzkraft. Zürich zahlt also nicht nur viele Steuern ein, sondern darf auch noch dafür bezahlen, dass es steuerlich so potent ist. Reicher kann man fast nur noch in einem Leitartikel wirken.
Und hier beginnt der Teil, an dem das Steuerwunder leicht nervös mit der Kreditkarte spielt. Trotz der hohen Einnahmen rechnet die Stadt im Budget 2026 mit einem Aufwandüberschuss von 351,9 Millionen Franken. Für 2027 bis 2029 plant sie weitere Defizite zwischen rund 352 und 379 Millionen Franken pro Jahr. Das zweckfreie Eigenkapital würde damit von 2,8644 Milliarden Franken Ende 2024 auf 1,1956 Milliarden bis 2029 schrumpfen. Der Selbstfinanzierungsgrad fällt im Budget 2026 auf 20,9 Prozent, und die Nettoschuld pro Kopf steigt laut Budget auf 16’388 Franken. Anders gesagt: Zürich hat kein Einnahmenproblem. Zürich hat ein sehr urbanes Talent, aus solidem Steuersubstrat einen chronischen Geldbedarf zu modellieren.
Das macht die Pointe des NZZ-Textes von 2016 heute fast noch schärfer. Ja, Wachstum finanziert in Zürich nach wie vor einen beträchtlichen Teil seiner eigenen Kosten. Die Steuerbasis ist stark, die Stadt bleibt attraktiv, die Bevölkerung wächst weiter. Aber ebenso klar ist: Wachstum heilt keine politische Ausgabenfreude. Wer heute noch von der «Wachstumsfalle» spricht, verwechselt Ursache und Wirkung. Die Falle ist nicht das Wachstum. Die Falle ist die Vorstellung, eine Stadt könne gleichzeitig immer mehr bauen, betreuen, regulieren, subventionieren, klimatisieren, begrünen und moralisch veredeln — und dabei überrascht tun, wenn die Rechnung irgendwann nicht mehr so locker sitzt wie der Velokurier am Sechseläutenplatz.
Hinzu kommt: Selbst auf der Unternehmensseite ist die Stimmung nicht sorgenfrei. Im Finanz- und Aufgabenplan schreibt die Stadt, dass der Ertrag der juristischen Personen 2026 um 70 Millionen Franken unter dem Vorjahr liegt und die steuerlichen Folgen der UBS-Übernahme der Credit Suisse weiterhin unklar sind. Das Steuerwunder lebt also, aber es lebt nicht mehr in jener sorglosen Euphorie von damals. Eher in der Haltung eines Finanzchefs, der gute Einnahmen hat, aber den Taschenrechner vorsichtshalber nicht mehr aus der Hand legt.
Bleibt der politische Befund. Die Zürcherinnen und Zürcher haben gerade nicht für eine Haushaltssanierung mit Charmeoffensive gestimmt. Sie haben eine noch etwas grünere Exekutive gewählt und eine hauchdünn linke Parlamentsmehrheit bestätigt. Das ist ihr gutes Recht. Nur sollte dann bitte niemand mehr so tun, als sei die Stadt Opfer eines fremden demografischen Schicksals. Zürich ist nicht in die Lage hineingewachsen. Zürich hat sie sich demokratisch, steuerstark und mit bemerkenswerter Selbstzufriedenheit selbst organisiert. Und das muss man dieser Stadt lassen: Selbst ihre Widersprüche treten hier mit exzellentem ÖV-Anschluss auf.