Empirie gegen Streitgespräch: Wie Republik und NZZ vor der 10-Millionen-Abstimmung dieselbe Datenlage unterschiedlich rahmen
clarus.news | Analyse | 18. Mai 2026 von Andreas Binggeli und Ernst Anker mit Unterstützung von Claude Opus
Vier Wochen vor der Volksabstimmung über die SVP-Nachhaltigkeitsinitiative am 14. Juni 2026 liegen zwei Texte vor, die denselben Sachverhalt mit gegensätzlichen journalistischen Methoden bearbeiten. Die Republik publiziert am 18. Mai eine datengetriebene Analyse mit zehn Grafiken, die das Schutznarrativ der Initiantinnen und Initianten Punkt für Punkt empirisch prüft. Die Neue Zürcher Zeitung publiziert zwei Tage zuvor ein Streitgespräch zwischen den Ökonomen Mathias Binswanger (FHNW) und Aymo Brunetti (Universität Bern), in dem sich Ja- und Nein-Position auf hohem Niveau gegenüberstehen. Wer beide Texte nebeneinanderlegt und mit den Erläuterungen des Bundesrates abgleicht, erkennt: Die Daten sind weitgehend dieselben. Die Schlussfolgerungen klaffen auseinander. Und das hat weniger mit Empirie zu tun als mit der Frage, was Ökonomie überhaupt entscheiden kann.
Zwei Texte, eine Datenlage
Die Republik-Analyse arbeitet mit der Methode der empirischen Falsifikation. Zehn Grafiken, gestützt auf Daten des Bundesamts für Statistik, des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, der Raiffeisenbank, der Swiss Marketplace Group, des Mieterverbandes und der SBB, prüfen die Hauptargumente des Initiativkomitees: Wohnungsnot, Stau, Bildungsverlust, Kriminalität, AHV-Belastung. Das Verdikt ist nüchtern: Die Probleme existieren, aber die Kausalzuschreibung auf Zuwanderung trifft empirisch nicht zu oder nur teilweise.
Das NZZ-Streitgespräch zwischen Binswanger und Brunetti, geführt von Matthias Benz und Thomas Fuster (Fotos: Annick Ramp), arbeitet mit der Methode des dialogischen Pluralismus. Zwei Ökonomen mit identischer akademischer Reputation – beide 63 Jahre alt, beide seit Jahren im NZZ-Ökonomenranking unter den Einflussreichsten – vertreten gegensätzliche Positionen zur selben Initiative. Das Format inszeniert die Wertfrage als offene Auseinandersetzung. Es gibt keine Antwort, sondern zwei legitime Lesarten derselben Befunde.
Die zentrale Beobachtung: Bei den Zahlen herrscht weitgehend Konsens. Beim Schluss daraus nicht.
Wo Binswanger und Brunetti sich einig sind – und wo nicht
Der wichtigste Konsens zwischen Binswanger und Brunetti liegt in der Wachstumsdiagnose. Die Schweizer Wirtschaftsleistung ist seit 2002 um rund 55 Prozent absolut gestiegen, pro Kopf jedoch nur um 24 Prozent. Etwa die Hälfte des Wachstums geht auf «Breitenwachstum» durch Zuwanderung zurück, die andere Hälfte auf Produktivitätsgewinne. Diese Aufteilung ist keine Streitfrage – sie ist Grundlage beider Positionen. Genau dieselbe Zahl findet sich auch in den Erläuterungen des Bundesrates und korrespondiert mit der Republik-Befundlage zum BIP pro Kopf (+33 Prozent seit 1991, mit anderem Basisjahr).
Wo die Wege auseinandergehen, ist die Bewertung dieser Aufteilung. Für Binswanger ist «Breitenwachstum» ein Ausdruck der Stagnation; das Pro-Kopf-Tempo verlangsame sich. Für Brunetti ist genau dieses Wachstum auch dann positiv, wenn ein Teil davon auf Zuwanderung beruht – weil ohne Zuwanderung das absolute Wachstum noch geringer wäre und der demografische Übergang die Pro-Kopf-Werte ebenfalls drücken würde.
Bei der AHV verläuft die Frontlinie schärfer. Binswanger spricht von einem «Schneeballsystem»: Eingewanderte zahlten kurzfristig ein, beanspruchten die Versicherung langfristig aber stärker. Brunetti hält dagegen: Solange das Rentenalter nicht erhöht werde, sei Zuwanderung «entscheidend, um die AHV zu stabilisieren». Hier sticht der Republik-Befund methodisch dazwischen: Ausländische Arbeitskräfte zahlen 34 Prozent der AHV-Beiträge ein und beziehen nur 18 Prozent der Leistungen – ein Verhältnis, das sich seit 2012 (damals 30:17) zuungunsten der Schweizer Bilanz verschärft hat. Die Erläuterungen des Bundesrates bestätigen diese Lesart: Ausländische Arbeitskräfte zahlten «deutlich mehr Beiträge an AHV, IV und Erwerbsersatzordnung, als sie daraus beziehen» – ein Befund, der auch im 21. Bericht des SECO-Observatoriums gestützt wird.
Damit ist Brunettis Position in den offiziellen Daten besser gestützt als Binswangers «Schneeballsystem»-These. Aber: Binswangers Argument zielt auf die Zukunft, nicht auf den Status quo. Wenn die heutigen Beitragszahler in Pension gehen, kehrt sich die Bilanz um – und dann braucht es wieder Zuwanderung. Genau das ist die Logik, die er als Schneeball bezeichnet. Brunetti antwortet darauf mit dem Verweis auf den Babyboomer-Übergang als zeitlich begrenztes Phänomen. Empirisch ist diese Streitfrage nicht entscheidbar; sie hängt von Annahmen über Rentenalter, Produktivität und Geburtenrate ab.
Wo die Republik methodisch weiter geht als das Streitgespräch
In drei Themenfeldern liefert die Republik-Analyse eine Tiefe, die das NZZ-Streitgespräch nicht erreicht.
Erstens bei den Bevölkerungsprognosen. Das Streitgespräch bewegt sich impressionistisch: Binswanger sieht die 10 Millionen «nahe am Optimum», Brunetti lehnt eine planerische Setzung ab. Die Republik dagegen arbeitet mit den drei BFS-Szenarien: Im Referenzszenario wird die 10-Millionen-Schwelle erst 2042 überschritten, im hohen Szenario 2034, im tiefen Szenario nie. Die Erläuterungen des Bundesrates wiederum nennen 2031 als Jahr, in dem die 9,5-Millionen-Schwelle nach Referenzszenario überschritten wird – das ist konsistent mit der Republik-Lesart, aber die Erläuterungen verschweigen, dass das tiefe Szenario die 10-Millionen-Marke gar nicht erreicht. Wer die offizielle Botschaft liest, gewinnt den Eindruck, das Wachstum sei alternativlos. Wer Republik liest, weiss, dass die Bandbreite grösser ist.
Zweitens bei der Mietenfrage. Das Streitgespräch zwischen Binswanger und Brunetti bleibt beim Lösungsweg stecken – Liberalisierung der Bautätigkeit gegen Zuwanderungsdeckelung. Die Republik dagegen zerlegt die Kausalität: Zuwanderung mache 60 Prozent der Wohnungsnachfrage aus, doch Schweizer trieben den Trend zu mehr Wohnfläche stärker an. Angebotsmieten stiegen 2010 bis 2025 um 27 Prozent, während Bestandsmieten stabil blieben – ein Indiz für Vermieterverhalten, nicht für demografischen Druck allein. Der Mieterverband beziffert die Mietüberbelastung auf 10 Milliarden Franken pro Jahr.
Drittens bei der Kriminalitätsstatistik. Im NZZ-Streitgespräch taucht das Thema nicht prominent auf. Das Initiativkomitee aber argumentiert massiv mit Meldungen über Einbrüche, Gewaltverbrechen und Messerangriffe. Die Republik zeigt: Der Anteil verdächtigter Ausländer stieg von 52 Prozent (2015) auf 58 Prozent (2025), bei Verurteilten von 55 auf 63 Prozent. Aber: Die absolute Kriminalitätsrate sinkt. Häufigkeitszahlen bei Gewalt, Diebstahl und Sachbeschädigung sind rückläufig. Das ist ein Befund, der das emotionale Hauptargument des Initiativkomitees direkt adressiert – und im NZZ-Streitgespräch nicht vorkommt.
Wo das NZZ-Streitgespräch methodisch weiter geht als die Republik
In zwei Bereichen erreicht das Streitgespräch eine analytische Tiefe, die der Datenanalyse fehlt.
Erstens beim Begriff der «Luxemburgisierung». Binswanger führt im Streitgespräch die These ein, Einheimische zögen sich zunehmend in den geschützten Staatssektor zurück, während die Produktivkräfte aus dem Ausland kämen. Diese These deckt sich mit der Republik-Beobachtung, wonach 90 Prozent neuer Stellen in der Privatwirtschaft in 15 Jahren von Ausländern besetzt wurden, während Schweizer Staatsjobs bevorzugten. Aber die Republik präsentiert das als Beleg für die Effizienz der Marktallokation; Binswanger präsentiert dasselbe Faktum als Diagnose einer schleichenden Verschiebung der Klassenstruktur. Identische Daten, gegensätzliche Bewertung.
Zweitens bei der Steuerungsfrage. Brunetti argumentiert, jede Alternative zur Personenfreizügigkeit laufe letztlich auf staatliche Steuerung hinaus. SVP-Präsident Marcel Dettling habe öffentlich zugesichert, Landwirtschaft und Tourismus blieben auch nach Annahme der Initiative versorgt – für Brunetti der Beleg, dass jede gesteuerte Migration in Branchenausnahmen und Politisierung ende. Im SRF-Interview vom 24. März 2026 räumt Dettling selbst ein, mit der Initiative könnten «immer noch 40'000 Fachkräfte jedes Jahr in die Schweiz reinholen» – etwa die Hälfte von heute. Binswanger kontert Brunettis Steuerungskritik mit Verweis auf Japan und Kanada: Punktesysteme seien funktionsfähig, Steuerung müsse nicht Kontingentwirtschaft bedeuten. Diese Auseinandersetzung über alternative Migrationsmodelle fehlt in der Republik-Analyse vollständig. Die Republik dokumentiert, dass das aktuelle System funktioniert; sie diskutiert nicht, ob ein anderes System auch funktionieren könnte.
Die Leerstelle im roten Heft des Bundesrates
Die offiziellen Erläuterungen des Bundesrates zur Volksabstimmung vom 14. Juni 2026, Redaktionsschluss 13. März 2026, führen sieben Hauptargumente gegen die Initiative ins Feld: Wohlstand, Gesellschaft, EU-Beziehungen, Sicherheit, Asyl, humanitäre Tradition, Lösungsorientierung. Auch die Medienmitteilung des EJPD vom 16. März 2026 folgt dieser Linie. Das Argumentarium ist konsistent, aber selektiv.
Die ökonomische Begründung im roten Heft konzentriert sich auf den Fachkräftemangel und die Pro-Kopf-Wachstumszahlen – also auf die Brunetti-Linie. Die strukturelle Frage, die Binswanger aufwirft – ob das Wachstumsmodell überhaupt nachhaltig ist –, kommt im offiziellen Text nicht vor. Auch die Republik-Befunde zu den Mieten (Vermieterverhalten als Treiber), zur Kriminalität (absolute Abnahme bei steigendem Ausländeranteil) und zur Bevölkerungsbandbreite (tiefes Szenario erreicht 10 Millionen nie) fehlen.
Das ist nicht zu beanstanden – die Erläuterungen sind kein wissenschaftlicher Text. Aber sie zeigen, was eine staatliche Abstimmungsbotschaft leistet und was nicht. Sie liefert keine ökonomische Tiefenanalyse. Sie liefert eine Empfehlung mit Begründung. Wer die Tiefe sucht, findet sie eher in der Republik oder im NZZ-Streitgespräch.
Argumente nach Parteien: Wer sagt was – und mit welcher Begründung
Die Parlamentsabstimmungen geben den Rahmen vor: Im Nationalrat 123 Nein gegen 67 Ja bei 6 Enthaltungen, im Ständerat 30 Nein gegen 9 Ja bei 5 Enthaltungen.
SVP trägt die Initiative geschlossen. Das Argumentarium des Initiativkomitees verbindet Migrationsskepsis, Wohnungsnot, Kriminalitätssorge, Bildungsdebatte und Landschaftsschutz zu einem geschlossenen Schutznarrativ. SVP-Präsident Marcel Dettling ist die Hauptfigur. Bemerkenswert: Dettling hat im SRF-Interview vom 24. März 2026 öffentlich zugesichert, Landwirtschaft und Tourismus blieben auch nach Annahme der Initiative versorgt – ein Eingeständnis, dass die Initiative ohne sektorale Ausnahmen nicht umsetzbar wäre. Mit SVP-Bundesrat Albert Rösti sitzt ein Parteimitglied jener Exekutive, die die Initiative zur Ablehnung empfiehlt.
FDP lehnt die Initiative ab und folgt im Wesentlichen der Brunetti-Linie: marktwirtschaftliche Allokation der Arbeitskräfte, AHV-Stabilisierung durch Zuwanderung, Skepsis gegenüber jeder staatlichen Steuerung. Brunetti selbst, mit Seco-Hintergrund (2003 bis 2012 Leiter Direktion für Wirtschaftspolitik) und seit 2026 Präsident des Universitätsrates der Universität Basel, steht der freisinnigen Wirtschaftspolitik institutionell nahe.
Die Mitte, GLP, SP, Grüne stehen geschlossen gegen die Initiative. Bei SP und Grünen wird das Mietenargument der Republik aufgegriffen, aber nicht als Argument für die Initiative gewendet, sondern für stärkere Mieterschutzregulierung. Binswangers wachstumskritische Position findet bei Teilen der Grünen Anklang, ohne dass die Partei die Initiative unterstützen würde – die Verknüpfung mit der Bilateralen-Kündigung macht sie aus grüner Sicht unannehmbar. SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer formuliert es im watson-Streitgespräch als «extreme Chaos-Initiative».
Bundesrat argumentiert siebenfach gegen die Initiative. Im Kommunikationsstil folgt er der wirtschaftsliberalen Brunetti-Linie. Die strukturelle Wachstumskritik Binswangers wird nicht aufgenommen. Bundesrat Beat Jans (SP, EJPD) führt die Kommunikation operativ und hat sich in der SRF-Abstimmungs-Arena mit Dettling persönlich auseinandergesetzt.
Die Parteiarithmetik im Parlament ist eindeutig. Die Frage ist, wie die Volksbasis darauf reagiert – und welche der beiden journalistischen Inszenierungen, die datenbasierte Aufklärung der Republik oder das offene Streitgespräch der NZZ, im Abstimmungskampf die grössere Reichweite entfaltet.
Republik versus NZZ-Streitgespräch: Zwei journalistische Logiken
Der eigentliche Erkenntnisgewinn aus dem Vergleich beider Texte liegt in der Methodendiskussion.
Die Republik operiert mit einer aufklärerischen Grundannahme: Wahrheit lässt sich durch Daten herstellen. Das Schutznarrativ wird in seiner stärksten Form aufgegriffen (Wohnungsnot, Kriminalität, Stau, Bildung, Sozialversicherungen) und Punkt für Punkt mit Statistiken konfrontiert. Der Tenor: Die Probleme sind real, die Kausalzuschreibung ist falsch. Methodische Stärke: hohe Faktendichte, transparente Quellenführung (BFS, SBB, Mieterverband, Arbeitgeberverband, Raiffeisenbank). Methodische Schwäche: Die Wertfrage, was eine Gesellschaft an Bevölkerungswachstum wollen sollte, bleibt unter den Daten begraben. Die implizite Ablehnung der Initiative wird nicht als politische Position deklariert, sondern als logische Konsequenz der Datenlage präsentiert.
Die NZZ operiert mit einer dialogischen Grundannahme: Wahrheit entsteht durch Auseinandersetzung. Zwei gleich qualifizierte Ökonomen mit gegensätzlichen Positionen werden symmetrisch zu Wort gebracht. Die Redaktoren Matthias Benz und Thomas Fuster moderieren, ohne zu werten. Der Tenor: Es gibt zwei legitime Positionen, die Entscheidung ist eine Wertfrage. Methodische Stärke: Offenlegung der wirtschaftspolitischen Grundalternativen, Sichtbarmachung der Strukturfragen (Steuerungsmodelle, Luxemburgisierung, demografischer Übergang). Methodische Schwäche: Die Datenebene wird stellenweise gestreift, nicht durchdrungen; die Asymmetrie der Empirie (etwa bei den AHV-Daten) verschwindet hinter der Symmetrie der Positionen.
Wer beide Texte zusammenliest, erhält ein vollständigeres Bild als jeder Text einzeln. Die Republik liefert die Faktenbasis, das NZZ-Streitgespräch die Strukturdebatte. Die offiziellen Erläuterungen des Bundesrates liefern weder das eine noch das andere – sie liefern eine Empfehlung.
Genau hier liegt die mediale Pointe: Die Republik will überzeugen. Die NZZ will informieren. Der Bundesrat will empfehlen. Drei Texte, drei kommunikative Modi, eine Abstimmung. Die Stimmberechtigten haben am 14. Juni 2026 nicht eine Frage zu beantworten, sondern zwei: ob sie der datenbasierten Aufklärung, der dialogischen Wertfrage oder der staatlichen Empfehlung folgen wollen – und ob sie ihre Entscheidung dann jenseits all dieser Texte treffen.
Kernaussagen
- Beim Pro-Kopf-Wachstum seit 2002 (rund +24 Prozent) herrscht Konsens zwischen Republik, Binswanger, Brunetti und Bundesrat – die Zahl ist nicht umstritten, ihre Bewertung schon.
- Bei der AHV stützen die Republik-Daten (34:18-Beitragsratio) und die Bundesrats-Erläuterungen die Brunetti-Linie; Binswangers «Schneeballsystem»-These ist eine Zukunftsprognose, nicht eine Status-quo-Beschreibung.
- Bei Mieten, Bevölkerungsprognosen und Kriminalität liefert die Republik eine empirische Tiefe, die das NZZ-Streitgespräch nicht erreicht.
- Bei der Steuerungsdebatte (Punktesysteme, Luxemburgisierung) liefert das NZZ-Streitgespräch eine Strukturanalyse, die der Republik fehlt.
- Die Bundesrats-Erläuterungen folgen kommunikativ der Brunetti-Linie, ohne Binswangers Strukturkritik aufzunehmen oder die Republik-Befunde zu integrieren.
Kritische Fragen
Methodische Robustheit der Republik-Analyse: Die Datenreihe zu Angebotsmieten 2010 bis 2025 (+27 Prozent) wird als Indiz für Vermieterverhalten gelesen. Welche alternativen Erklärungen (Zinsumfeld, Regulierung, Bauauflagen) wurden geprüft, und sind die Daten kausalanalytisch geprüft oder bloss korrelativ präsentiert?
Symmetrie-Annahme des NZZ-Streitgesprächs: Das Format inszeniert Binswanger und Brunetti als gleichwertige Positionen. Spiegelt diese Inszenierung die akademische Verteilung der Positionen in der Schweizer Volkswirtschaftslehre – oder erzeugt sie eine künstliche Symmetrie, hinter der eine Mehrheitsmeinung verschwindet?
Interessenkonflikte der Hauptakteure: Brunetti war SECO-Direktor und ist Universitätsratspräsident – institutionelle Nähe zur exportorientierten Wirtschaft. Binswanger ist Vizepräsident des Vereins Faire Märkte Schweiz – publizistische Identität als Wachstumskritiker. Wie wirken diese Positionen auf die Argumentauswahl beider Ökonomen?
Kausalität bei Wohnungsnot und Verkehr: Lassen sich diese Phänomene empirisch eindeutig der Zuwanderung zurechnen, oder erklären Raumplanung, Bauvorschriften, Steuersystem und Wohlstandszuwachs den grösseren Anteil? Welche multivariate Analyse stützt welche Position?
Belastbarkeit der BFS-Szenarien: Der Bund nimmt an, die Zuwanderung sinke in zehn Jahren, weil europäische Länder im Wettbewerb um junge Arbeitskräfte aufholten. Wie robust ist diese Annahme gegenüber Klimamigration, geopolitischen Schocks oder einer Veränderung der EU-Wirtschaftslage?
Umsetzbarkeit der Initiative: Wenn SVP-Präsident Dettling Branchenausnahmen für Landwirtschaft und Tourismus zusichert, wie weit reicht das logisch? Welche Branchen würden bei konsequenter Umsetzung der 10-Millionen-Grenze Versorgungsprobleme bekommen, und wie viele Ausnahmen verträgt die Grundsatznorm, bevor sie inhaltsleer wird?
Kommunikative Verantwortung des Bundesrates: Die offiziellen Erläuterungen folgen einer Linie der wirtschaftsliberalen Empfehlung. Wäre eine offenere Darstellung der ökonomischen Debatte – inklusive Binswangers Strukturkritik – staatspolitisch angemessen, oder würde sie die Empfehlungsfunktion des roten Heftes untergraben?
Methodischer Wettbewerb der Medien: Erzielen datenbasierte Aufklärung (Republik) und dialogisches Streitgespräch (NZZ) unterschiedliche Wirkungen auf das Stimmverhalten? Existieren empirische Studien zur Wirkung beider Formate auf die Meinungsbildung vor Abstimmungen?
Dieser Beitrag basiert auf der clarus.news-Zusammenfassung «Binswanger gegen Brunetti» vom 16. Mai 2026, der clarus.news-Zusammenfassung «SVP-Initiative zur Bevölkerungsobergrenze» vom 18. Mai 2026, den Erläuterungen des Bundesrates zur Volksabstimmung vom 14. Juni 2026 (Redaktionsschluss 13. März 2026, korrigierte elektronische Fassung vom 8. Mai 2026) sowie den dort referenzierten Quellen aus Republik und NZZ.
Quellen
Primärquellen (Medien):
- Matthias Benz, Thomas Fuster, Annick Ramp (Bilder): «Es braucht die 10-Millionen-Grenze, damit die Politik etwas gegen die Zuwanderung unternimmt» – «Eine Begrenzung wäre extrem kostspielig». Streitgespräch zwischen Mathias Binswanger und Aymo Brunetti, Neue Zürcher Zeitung, 16.05.2026
- Philipp Albrecht, Dennis Bühler, Lukas Häuptli, Priscilla Imboden, Anna Traussnig, Pierluigi Macor (Bilder): «Eine Initiative will die Schweiz schützen – aber wovor eigentlich? Die Zuwanderung, was sie bringt und was sie nimmt, in 10 Grafiken», Republik, 18.05.2026
- Nathalie Christen: Interview mit Marcel Dettling, «Zuwanderung deckt den Fachkräftemangel nicht», SRF 10 vor 10, 24.03.2026
- Philipp Burkhardt: Samstagsrundschau «Warum sind mehr als 10 Millionen Menschen zu viel, Herr Dettling?», SRF, 18.04.2026
- watson-Redaktion: Streitgespräch SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer und SVP-Präsident Marcel Dettling, watson, Mai 2026
- SRF News: «Auf einen Blick: Initiative ‹Keine 10-Mio-Schweiz› in Kürze»
Behörden und offizielle Dokumente:
- Bundeskanzlei: Volksabstimmung 14. Juni 2026 – Erläuterungen des Bundesrates / Nachhaltigkeitsinitiative (Redaktionsschluss 13.03.2026, korrigierte elektronische Fassung 08.05.2026)
- Bundeskanzlei: Übersicht zur Volksabstimmung vom 14. Juni 2026
- EJPD: Medienmitteilung «Die Volksinitiative ‹Keine 10-Millionen-Schweiz!› gefährdet Wohlstand, Sicherheit und Stabilität», Bern, 16.03.2026
- Bundesamt für Statistik: Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2025–2055
- Bundesamt für Statistik: Schweiz-Szenarien (Detail)
- BFS-Medienmitteilung: Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2025–2055, 15.04.2025
- SECO: 21. Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz–EU, 01.07.2025
- SECO: Medienmitteilung «Arbeitsmarktnahe Zuwanderung bewährt sich», 01.07.2025
Initiativkomitee:
Verifizierungsstatus: ✓ 18.05.2026
Dieser Text wurde mit Unterstützung eines KI-Modells erstellt. Redaktionelle Verantwortung: clarus.news | Faktenprüfung: 18.05.2026
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